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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Denk ich an Deutschland ...
Eingestellt am 19. 02. 2006 10:18


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vicell
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Denk ich an Deutschland ...

so denk ich an Heine.

Was macht diesen ersten gro├čen j├╝dischen deutschen Dichter bis in die heutige Zeit so popul├Ąr?

Vielleicht ist es ja seine verspielte Wortgewandtheit, wo die Faszination und Anziehungskraft seiner feingeschliffenen Verse deutlich wird oder seine scharfz├╝ngige und anmutige Prosa, in der sich zynische Seitenhiebe und leidgetr├Ąnkte Liebesseufzer die Hand reichen?

Schnell erkennt und sch├Ątzt man bei Heine die m├╝helose Meisterhaftigkeit mit dem Umgang des geschriebenen Wortes.

Ob nun seine fr├╝he leidenschaftliche Liebeslyrik im "Buch der Lieder", der "Loreley" bishin zu seinem "Rabbi von Bacherach": in seinen Werken war der Bezug zur Realit├Ąt f├╝r ihn stets ein zentraler Aspekt gewesen und ist ein weiterer Beweis f├╝r das kunstvolle und ├Ąsthetische Sprachempfinden Heines, dass er sein historisches Wahrheitsempfinden in Bilder der Poesie und Metaphern verwandelte oder durch Ironie oder Satire verfremdete und somit seinen unabh├Ąngigen Standpunkt als Dichter beibehalten konnte.

Heine hinterlie├č seiner Nachwelt ein literarisches Gesamtwerk, dem wir bis heute ehrf├╝chtig und voller Bewunderung gegen├╝ber stehen.

Doch war er zu seiner Zeit in den deutschen Landen mehr verboten als erlaubt, was allerdings seiner Ber├╝hmtheit keinerlei Abbruch tat, ganz im Gegenteil: er wurde eifrig gelesen und viel zitiert, seine "Reisebilder", "Das Buch der Lieder", "Deutschland - ein Winterm├Ąrchen", "Romanzero", und "Die Stadt Lucca" u.v. mehr sind bis heute weltbekannt.

Denn Heine ber├╝hrt.

Ohne falsches Pathos, doch voller Leidenschaft und Hingabe und mit einer stilistischen Treffsicherheit, die bis heute ihresgleichen sucht, "entwirft" er quasi nebenbei den Reisefeuilleton und den ironischen Salonstil und macht ihn hoff├Ąhig.

Sein gesamtes Werk atmet einen Geist voller Rebellion und Ungest├╝mheit, l├Ąsst seinen ewigen Konflikt, den "Weltriss" erahnen, der mitten durch sein Herz lief, seine religi├Âse Skepsis und tragische Ironie, ein Hin und Hertaumeln im politischen Wirrwarr seiner Zeit.

Heine war ein lebenslanger Au├čenseiter,auf der Suche nach einer Welt, die ihm Heimat sein sollte.
Aber wo lag diese Heimat f├╝r einen Dichter wie ihn?
Im Deutschland zur Zeit der Restauration, wo das Christentum zur Waffe verkommt oder etwa in Frankreich, seinem gew├Ąhlten Exil, ├╝berschattet von der Willk├╝r des franz├Âsischen Justemilieus?

Er war ein Dichter, der sich 1825 zum protestantischen Glauben bekannte, weil er an die frz. Revolution und deren Ideale glaubte (und ihm als Jude jedes Staatsamt verschlossen blieb), dann jedoch erkennen musste, dass dieses Glaubensbekenntnis zum Scheitern verurteilt war.

Er war bei├čender Sp├Âtter und leidenschaftlicher Liebhaber - Heine durchlitt in seinem Leben so ziemlich alle Stadien des Verliebtseins - aber sein Witz und Geist behielten die Oberhand und selbst am Ende dichtete und schrieb er wie im Rausch, l├Ąngst nicht mehr an die Unverg├Ąnglichkeit der Liebe glaubend. (von der Loreley mal ganz abgesehen ...)

Am Ende seines Lebens nahm er Abschied von Hegels Fortschrittsgedanken der Aufkl├Ąrung, der mit Heines Sichtweise der politischen Realit├Ąt leider nur noch wenig zu tun hatte und kehrte zu den Urspr├╝ngen des Judentums zur├╝ck. Erschrocken und zutiefst verst├Ârt durch die politische Realit├Ąt fl├╝chtete er sich in seinen Galgenhumor und trieb sein Spiel mit den Worten bis zum bitteren Ende.

Zu dieser Zeit, als er k├Ârperlich stark beeintr├Ąchtigt, krank und verzweifelt durch seine zunehmende Bewegungsunf├Ąhigkeit in seinem Bett gefesselt lag (heute geht man in der Heine Forschung neben der Syphillis, an der er litt, auch von Multipler Sklerose aus) drang folgendes aus seiner "Matratzengruft":

"Es war im Mai 1848, an dem Tage, wo ich zum letzten Male ausging, als ich Abschied nahm von den holden Idolen, die ich angebetet in den Zeiten meines Gl├╝cks. Nur mit M├╝he schleppte ich mich bis zum Louvre, und ich brach fast zusammen, als ich in den erhabenen Saal trat, wo die hochgebenedeite G├Âttin der Sch├Ânheit, Unsere liebe Frau von Milo, auf ihrem Postament steht. Zu ihren F├╝├čen lag ich lange, und ich weinte so heftig, da├č sich dessen ein Stein erbarmen mu├čte. Auch schaute die G├Âttin mitleidig auf mich herab, doch zugleich so trostlos, als will sie sagen: siehst du denn nicht, da├č ich keine Arme habe und also nicht helfen kann?"

Heinrich Heine starb am 17. Februar 1856 im Alter von 59 Jahren in seinem Pariser Exil und ist auf dem Cimeti├Ęre de Montmartre begraben.

Ob Heine im Louvre nun wirklich schicksaltr├Ąchtig vor der Venus von Milos zusammenbrach, soll hier offen bleiben.

Aber verneigen wir uns vor einem gro├čen Geist und Romantiker und w├╝nschen ihm, dass er nun in engelsgleichen Armen ruht - und dort Ruhe und die reine Herzensliebe gefunden hat, deren Verlust er zeit seines Lebens so bitterlich beklagt hatte.




mehr empfehlenswerte Literatur zu Heine:

- Fritz J. Raddatz: "Taubenherz und Geierschnabel - Eine Biographie." (Weinheim 1997)

- Jakob Hessing: "Der Traum und der Tod. Heinrich Heines Poetik des Scheiterns" (Wallstein Verlag 2005)

- Horst Grobe: "Traum und Narr als zentrale Motive im Werk Heinrich Heines." (Dissertation Brockmeyer 1994)

- Jochanan Trilse-Finkelstein: "Gelebter Widerspruch. Heinrich Heine Biographie" (Berliner Aufbau-Verlag, 1997)

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HFleiss
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Denk ich an Deutschland

Nein, ein Au├čenseiter war Heine niemals. Ein Vorreiter war er, ein Tambour, einer, der den vertrieften deutschen Seelen viel zu weit voraus war, als dass sie ihn noch begreifen konnten. Und weil sie ihn nicht verstanden und besonders sein politisches Engagement nicht (der "wackere Deutsche" engagiert sich niemals aus hei├čem Herzen, h├Âchstens in regierungstreuen, deutsch-nationalen oder patriotischen Vereinen), zogen sie sich auf seine "unpolitischen" Lieder zur├╝ck, nahmen ihm aber, soviel ich wei├č, noch die geringste, die von dir so ger├╝hmte Satire verdammt ├╝bel. Und das ist so bis heute. Und deshalb h├Ątte ich von jemandem, der heute ├╝ber Heine schreibt, nicht nur ein bisschen mehr Sachkunde, sondern auch entschiedene Parteilichkeit erwartet und nicht dieses farblose Eiapopeia, in dem sich die deutsche Spie├čerseele auch heute noch mit Vorliebe herumw├Ąlzt. Nein, dieser Text ist nicht aus Heineschem Geist heraus geschrieben, er trommelt nicht, da ist kein Tambour weit und breit nicht, er trottelt vor sich hin. Er ist bestenfalls ein braver Schulaufsatz, in dem jedes Komma stimmen muss, in unserem Pisa-geplagten, kleinstaaterischen, so hei├č geliebten Vaterland.

Gru├č
Hanna

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