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Leselupe.de > Gereimtes
Denkmaul der Poesie
Eingestellt am 21. 05. 2005 11:54


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Rolf-Peter Wille
???
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Denkmaul der Poesie

(eine etwas seichte Moritat)

Rolf-Peter Wille


Es war ein J√ľngling, wie ihr seht,
    So klug, so voller Geist;
War sehr gebildet, sehr bereist,
Doch leider Gottes auch beredt -
    Nicht immer, aber meist.

Sein Mund stand unter Denkmaulschutz;
    Es sang wie ein Poet
Und sabberte von fr√ľh bis sp√§t
Nur lyrisch seichten Speichelschmutz -
    Doch stets mit Pi√ęt√§t.

War auch ein Mägdelein recht fein
    Und , ach, so wundersch√∂n.
Des J√ľnglings Mund blieb offen stehn
Und sabberte manch Liebelei’n -
    Da wollt das M√§gdlein gehn.

"Geh fort mit deinem Schmeichelputz!"
    So rief die falsche Dirn.
"Den Sabber zwäng mir nicht ins Hirn,
Den schmierig seichten Speichelschmutz -
    Ach, h√§ng dich auf am Zwirn!"

Da schrie sein Maul in wildem Trutz:
    "Die Lieb ist ein Geheul!"
Er suchte sich ein feines Knäuel
Und w√ľrgte seinen Speichelschmutz -
    O lyrisch feuchter Greuel.

Sein Grab steht unter Denkmaulschutz:
    "Hier ruhet ein Poet."
Am Steine klebt noch, wie ihr seht,
Manch blass verschmierter Speichelschmutz -
    Doch nicht mehr sehr beredt.




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San Martin
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Hallo,

Das Gedicht f√§ngt lustig an, die Form erinnert etwas an Brechts ... Gedicht √ľber die Entstehung von Laotses Buch - die letzte Zeile wirkt wie ein Nachtrag, der das Potential hat, ein absurdes Postscriptum an jede Strophe anzuh√§ngen. Doch sobald das Denkmaul ins Spiel kommt und der Leser nicht so recht wei√ü, ob es nur ein Maul ist oder ob daran noch ein Dichter h√§ngt, wird es zu obskur, um die Komik zu tragen. Zu freakig, um lustig sein zu k√∂nnen, finde ich. Bez√∂gest du dich auf bekanntere, vertrautere Bilder & Personen, k√∂nntest du komischer sein. Stilistisch allerdings kann man nichts bem√§ngeln - die Form ist makellos. Nur der Inhalt schw√§chelt ein wenig.

Gr√ľ√üe, Martin.
__________________
"I still can remember the way that you smiled on the fifth day of May in the drizzling rain."

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Rolf-Peter Wille
???
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Hallo San Martin,

kurioserweise war das Wort "Denkmaul" der Anstoss zu diesem Gedicht (durch meine Antwort auf ein sehr lustiges Zahnarzt Gedicht in einem anderen Forum; der Dentist erklaert dort seinem Patienten, dass die Ruinen in seinem Maul nicht unter Denkmalschutz stehen). Da ergibt sich die interessante Situation: Man hat einen Einfall, der zu einem Gedicht inspiriert. Nachdem das Gedicht fertig ist, passt der Einfall nicht mehr ganz und man zieht ihn wieder heraus (wie die Ruinen aus dem Maul). Aber mal sehen, wie es andere lesen.

Gruesse,
RP

PS: Es gaebe ev. die Moeglichkeit, den Inhalt klarer herauszubringen durch diese Veraenderungen in den ersten beiden Strophen:

Es war ein Juengling, wie ihr seht,
    So klug, so voller Geist;
War sehr gebildet, sehr bereist,
Besonders jedoch recht beredt -
    Nicht immer, aber meist.

Sein Mund stand unter Denkmaulschutz
    Sang auch wie ein Poet
Und sabberte von fr√ľh bis sp√§t
Nur lyrisch seichten Speichelschmutz -
    Doch stets mit Pi√ęt√§t.

(Vielleicht kann man so besser verstehen, dass dies der Mund eines Juenglings ist, und sich die Moritat aus der Liebe des poetisch sabbernden Juenglings zu einem schoenen, aber herzlosen Maedchen ergibt.)


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Rolf-Peter Wille
???
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PPS: Ich hab's nun - ungeduldig wie ich bin - doch bereits geaendert. Der Inhalt ist wohl zwar noch seicht (wie's bei Moritaten ja meist so ist), aber nun hoffentlich klarer.

Frage: faellt "leider Gottes" aus dem Stil?

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San Martin
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Finde ich sehr viel besser nun.

quote:
Ach, häng dich an den Zwirn

"Ach, häng dich auf am Zwirn" vielleicht?

"leider Gottes" f√§llt meiner Meinung nach nicht aus dem Stil. Es w√§re f√ľr mich ein Audruck des Bedauerns ohne jegliche Konnotation zum Religi√∂sen.
__________________
"I still can remember the way that you smiled on the fifth day of May in the drizzling rain."

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Rolf-Peter Wille
???
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quote:
Ach, häng dich auf am Zwirn

Ja stimmt. Ich hab mich schon auf-..., schon verbessert, meine ich. Dank und Gruss!

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