Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5551
Themen:   95215
Momentan online:
94 Gäste und 3 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der 15. Dezember
Eingestellt am 09. 12. 2013 12:55


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Maribu
???
Registriert: Jun 2012

Werke: 69
Kommentare: 219
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Maribu eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Der 15. Dezember

Seit einundvierzig Jahren, solange wie wir verheiratet sind, legt meine Frau mir am 15. Dezember Weihnachts- und Neujahrskarten sowie die von ihr gef├╝hrte Namens- und Adressenliste auf den Schreibtisch.
Jedes Jahr protestiere ich erneut, aber erfolglos.
Sie besorgt die Karten und h├Ąlt die Liste auf dem neuesten Stand und zu mir sagt sie: "Du hast nun mal diese sch├Âne, leserliche Handschrift!" - Was kann ich dagegen einwenden?
Mich st├Ârt ja auch weniger das Schreiben als der Zwang dazu, meist nach dem Motto: Schickst du uns eine Karte, bekommst du auch eine!
Den inneren Kreis, die nahen Verwandten, findet man nat├╝rlich nicht auf dieser Liste, weil wir ├╝ber Weihnachten zusammen sind oder zumindest miteinander telefonieren.
Dieses Jahr sind es zwanzig gut sortierte Karten. Vor drei├čig oder vierzig Jahren waren es bestimmt noch zehn oder f├╝nfzehn mehr. Die Abg├Ąnge auf dieser Liste waren gr├Â├čer als die Zug├Ąnge. Meine Frau streicht und erg├Ąnzt jedes Jahr, stellt sie aber nie neu zusammen. Es sind inzwischen f├╝nf linierte und geheftete Din A4-Seiten, von denen die ersten drei bereits zerfleddert sind. Viele Namen sind durchgestrichen, weil die Menschen unbekannt verzogen oder inzwischen verstorben sind, der Kontakt aus irgendwelchen Gr├╝nden abgebrochen wurde oder sie nie mit einer Antwortkarte reagiert haben.
Und jedes Jahr habe ich wieder die Qual der Wahl. Von der einfachsten Karte bis zur k├╝nstlerisch wertvollen zum Preis eines kleinen Weihnachtsgeschenks. Und dann die vielen Motive:
Weihnachtsm├Ąnner, geschm├╝ckte und gr├╝ne Tannenb├Ąume, mit Lichterketten dekorierte Fenster, strahlende Kinderaugen, Schneem├Ąnner, Engel oder Winterlandschaften. Die sind mir die liebsten. Bei 10 Grad plus und Nieselregen verschicke ich damit Tr├Ąume!
Schon beim Schreiben klingt mir Bing Crosbys 'White Christmas' in den Ohren. Unterschiedlich sind ja auch die eingedruckten Texte: 'Ein frohes Fest', 'Fr├Âhliche Weihnachten', 'Ein frohes Fest und ein gl├╝ckliches neues Jahr', 'Fr├Âhliche Weihnachten und einen guten Rutsch!'
Bei Leuten, die ich nicht so gerne mag, schreibe ich:
'Umseitiges w├╝nschen Rita und Manfred'. Oder ich fange mit einem Gedankenstrich an. Einige Karten haben keinen Text, die verwende ich dann f├╝r Menschen, denen ich mehr zu sagen habe. Da kann ich dann 'Fr├Âhliche Weihnachten', 'Ein gutes neues Jahr' oder vielleicht auch noch etwas anderes einsetzen, mit meiner sch├Ânen, leserlichen Handschrift, wie meine Frau jedes Jahr wieder sagt.
Karten, die einige Tage vor dem Fest bei uns eintreffen, vergleicht meine Frau sofort mit ihrer Liste. Steht ein Name noch nicht darauf, notiert sie ihn und ich muss sofort eine zus├Ątzliche Weihnachtskarte absenden. Eing├Ąnge vom 24. Dezember von Absendern, die von uns noch nicht bedacht wurden, ├╝bernimmt sie ebenfalls f├╝r das n├Ąchste Jahr. Die erhalten von mir eine vorgedruckte Neujahrskarte, auf der wir uns f├╝r ihre Weihnachtskarte bedanken.
Ich beginne immer hinten auf der Liste mit den einfachen Postkarten und schreibe mich nach vorne zu den langj├Ąhrig Bedachten, die die teueren Exemplare von mir erhalten.
Auf der ersten Seite, die an der linken oberen Ecke vom vielen Heften in all den Jahren zerl├Âchert ist, steht nur noch in der vorletzten Reihe eine g├╝ltige Position. Alle anderen Namen und Adressen sind von meiner Frau durchgestrichen worden und haben f├╝r mich als Kartenschreiber keine Bedeutung mehr. Trotzdem gehe ich sie Reihe f├╝r Reihe durch und frage mich nach den Gr├╝nden. Bei einigen sind sie mir klar, da befindet sich neben dem Namen ein Kreuz.
Tante Meta ist nachgeblieben. Als wir sie vor rund zwanzig Jahren in Stuttgart besuchten, wirkte sie auf mich schon wie eine alte Frau. Inzwischen muss sie weit ├╝ber neunzig sein.
Vor sieben oder acht Jahren haben ihre Kinder sie vor├╝bergehend - wie sie ihr und uns versicherten - , in einem Altenheim untergebracht, da sie nach einem Krankenhausaufenthalt noch nicht wieder in der Lage war, sich in ihrer Wohnung zu versorgen. Ihr Mann war im Zweiten Weltkrieg gefallen und sie hat f├╝r die beiden M├Ądchen allein sorgen m├╝ssen.
Obwohl es eine Dauerunterbringung war, habe ich immer geschrieben: 'Meta H├╝lsemann, z. Zt. Seniorenheim Bethesda...'
Ich suche die sch├Ânste Karte mit einer Winterlandschaft aus:
Schneebedeckte Berge hinter einem Wald mit bereiften ├ästen und Zweigen. Im Vordergrund ein Pferdegespann auf einem eingeschneiten Weg, der an einem Bach entlang geht, dessen R├Ąnder zugefroren sind. Im Hintergrund eine Holzbr├╝cke, die ├╝ber das Wasser zu einem Schloss mit einem golden leuchtenden Turm f├╝hrt.
Das einzige, das mich st├Ârt, ist das eingedruckte 'Fr├Âhliche Weihnachten'. Aber es verl├Ąuft in einer wei├čen Schrift ├╝ber den schneebedeckten Gipfeln, und ist selbst f├╝r mich nur schwach zu erkennen. Denn wie kann man ihr das w├╝nschen, wenn sie vielleicht schon im Rollstuhl sitzt?
Nach reiflichem ├ťberlegen schreibe ich die Adresse aber wie in den vergangenen Jahren. Es k├Ânnte jetzt mit dieser Karte eine andere Bedeutung bekommen. Vielleicht wird es die einzige sein, die sie bekommt. Sie w├╝rde sie sich dann l├Ąnger und genauer ansehen. Zuerst das Bild, dann meine Zeilen und schlie├člich w├╝rde ihr Blick auf die Anschrift ├╝bergehen, auf der ich 'zur Zeit' ausgeschrieben und zus├Ątzlich noch dick unterstrichen habe.
Ich kann mir vorstellen, dass sie das jetzt nicht mehr als Verbindung zu ihrer Wohnung verstehen wird, die von ihren Kindern l├Ąngst aufgel├Âst wurde. Ich hoffe, sie wird die Karte dann wieder umdrehen und gedanklich, Bing Crosbys weiche Stimme im Ohr, durch diese Winterlandschaft ├╝ber die Br├╝cke in das Schloss mit dem goldenen Turm wandern.
Dann h├Ątte ich nicht nur einen Traum verschickt, dann w├╝rden diese beiden Worte auch mehr Hoffnung bringen, als alle unsere guten W├╝nsche!







Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


1 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Werbung