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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 08. 11. 2001 20:20


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Elmar Feische
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Sep 2001

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Nicht in Ehren ergraut

Seit vielen Jahren beschĂ€ftigt mich die Äußerung eines, dann doch wohl nicht in „Ehren ergrauten“ Ă€lteren Mannes, die dieser nach einer Feier nach dem Genuß einiger Biere und SchnĂ€pse in eine Unterhaltung ĂŒber den Nationalsozialismus einwarf: „Ich habe heute immer noch Angst, daß sie mich holen.

Der einem angeborene oder anerzogene Takt, bzw. der Respekt vor Ă€lteren Leuten, oder auch einfach die Angst, den Ă€lteren Mann bloßzustellen, hat mich davon abgehalten, herauszufinden, wovor der Mann Angst hat. Es bleibt also nur, Spekulationen anzustellen. FĂŒhlt sich der Ă€ltere Mann schuldig, weil er damals nichts unternommen hat oder vielleicht nichts unternehmen konnte, aufgrund seiner Stellung und der damit verbundenen Möglichkeiten der Einflußnahme, oder gehört er zu den vielen, die heute noch gesucht werden, weil sie damals schwerwiegende Schuld auf sich geladen haben? Ist er vielleicht ein kleiner, verkleideter Dr. Mengele, von denen noch zu viele unter uns sind? Ich stelle mir seit einiger Zeit die folgende Geschichte vor:

Der „nicht in Ehren ergraute“ Ă€ltere Mann war Mitglied im Wachpersonal eines kleineren Konzentrationslagers, ĂŒber dessen Grausamkeiten bis heute noch kein Chronist berichtet und fĂŒr das noch kein Gericht ĂŒber Schuld und Unschuld entschieden hat.

Auf einem seiner WachgĂ€nge ist ihm und einem zweiten Wachmann abends ein kleines Kind ĂŒber den Weg gelaufen, das - Kinder sind eben so - der Mutter weggelaufen war, um eine verlorengegangene Murmel zu suchen, dem Untergang der Sonne zuzusehen, Blumen zu pflĂŒcken, um sie der Mutter zu schenken, oder vielleicht auch nur, um mit 2 netten WachmĂ€nnern ein GesprĂ€ch zu fĂŒhren.

Das GesprĂ€ch mag am Anfang ganz normal begonnen haben, dann hat jedoch der „nicht in Ehren ergraute“ Ă€ltere Mann - oder auch der zweite Wachmann - etwas von einer Wanze gesagt, die man beim Desinfizieren vergessen habe. Ein Wort hat das andere ergeben, man hat beschlossen, an diesem Abend mit der nicht wiedergefundenen Murmel, dem schönen Sonnenuntergang und den noch nicht gepflĂŒckten Blumen, eine private „Endlösung“ an diesem Kind zu praktizieren.

Vielleicht hat der zweite Wachmann oder „der nicht in Ehren ergraute“ Ă€ltere Mann den ersten Schlag gefĂŒhrt. Anfangs hat das Kind noch an ein Spiel geglaubt, hat die Murmel, den Sonnenuntergang und die Blumen vergessen und gedacht, jetzt etwas zu erleben, was es nachher voller Stolz der Mutter erzĂ€hlen konnte.

Doch nachdem die MÀnner das Spiel zu Ende gespielt hatten, gab es nichts mehr zu erzÀhlen. Es gab nur noch zerrissene Kinderkleidung, blutige Stiefel, blutige HÀnde, blutige Murmeln, blutige SonnenuntergÀnge und blutige Blumen - und es gab den kleinen Bruder des MÀdchens, der das Spiel der beiden MÀnner mit seiner Schwester mit angesehen hatte.

Erst hatte er eingreifen wollen, aber dann hatte er sich an viele andere, Ă€hnliche Spiele erinnert, die er im Lager gesehen hatte, und an die BrĂŒder, VĂ€ter, ;MĂŒtter, die versucht hatten, das Spiel zu unterbrechen und die dann selbst hatten mitspielen und mitsterben mĂŒssen.

So hatte er sich darauf konzentriert, sich die Gesichter der Spielkameraden seiner Schwester einzuprĂ€gen, im Besonderen das Gesicht des „nicht in Ehren ergrauten“ Ă€lteren Mannes, da dieser wĂ€hrend des Spiels die meiste Zeit in seiner Blickrichtung gestanden hatte. Die Linien dieses Gesichts hatten sich in sein GedĂ€chtnis eingegraben, wie die Inschrift in eine Marmorplatte. Er hatte in diesem Gesicht die Lust am Spielen, die Ekstase gegen Ende des Spiels und am Ende des Spiels auch so etwas wie Entsetzen gesehen - doch da lag seine Schwester bereits, des Spielens mĂŒde, zwischen blutigen Murmeln, blutigem Sonnenuntergang und blutigen Blumen - doch das alles konnte sie der Mutter nicht mehr schenken. Der Bruder aber bewahrte das Geschenk seiner Schwester ein Leben lang, immer auf der Suche nach dem „nicht in Ehren ergrauten“ Ă€lteren Mann, um ihm endlich das Geschenk seiner Schwester zurĂŒckzugeben.

Ich stelle mir weiter vor:

Der „nicht in Ehren ergraute“ Ă€ltere Mann hat inzwischen die ĂŒblichen Hoch’s und Tief’s erlebt, ist PensionĂ€r und genießt , was man gemeinhin den wohlverdienten Ruhestand nennt. Er hat einige Enkelkinder, die sich gern von ihm von frĂŒher erzĂ€hlen lassen. Alles erzĂ€hlt er ihnen, er breitet den Schatz seiner Erfahrungen aus, wie alte in Ehren ergraute MĂ€nner das tun, um ihren Kindern und Enkelkindern den Weg ins Leben zu ebnen. Von allem erzĂ€hlt er seinen Enkelkindern - nur nicht von Murmeln, SonnenuntergĂ€ngen und - Blumen pflĂŒckt er nicht mit ihnen, die sie ihrer Mutter schenken könnten.

Eines Abends geht dann er „nicht in Ehren ergraute“ Ă€ltere Mann mit seiner Enkeltochter spazieren und wird von einem fremden Mann zu einem Spiel zu Dritt aufgefordert. Der alte Mann kennt das Gesicht des fremden Mannes nicht, der jedoch hat das Gesicht des „nicht in Ehren ergrauten“ Ă€lteren Mannes viele Jahre lang, tief in sein GedĂ€chtnis eingegraben, mit sich herumgetragen.

Der alte Mann erkennt zwar dann das Spiel, das ihm vorgeschlagen wird, verbittet sich aber lautstark die, wie er sagt, BelĂ€stigung des fremden Mannes und lĂ€ĂŸt diesen einfach stehen. Seinem Enkelkind, das ihn nach dem Vorfall befragt, sagt er etwas von „ungebĂŒhrlichem Benehmen“ und „man könne nicht einfach wildfremde Leute ansprechen, um diese zu irgendwelchen Spielen zu ĂŒberreden“.

Als der „nicht in Ehren ergraute“ Ă€ltere Mann und sein Enkelkind im Licht eines wunderschönen Sonnenuntergangs von ihrem Spaziergang zurĂŒckkehren, sehen sie, daß die Tochter des alten Mannes und die Mutter des Enkelkindes in der Zwischenzeit Besuch gehabt hat. Dieser Besucher hat ihr endlich nach langen blumenlosen Jahren Blumen und auch Murmeln gebracht, mit denen sie nie spielen durfte.

Und nun liegt sie selbst, zerzaust und zerrissen, ermĂŒdet wie nach einem wilden Spiel, zwischen blutigen Murmeln und blutigen Blumen, im Licht eines blutroten Sonnenuntergangs - auf ihrem Gesicht ein mit VerstĂ€ndnis gemischtes Entsetzen, so als hĂ€tte ihr der Besucher am Ende des Spiels doch noch die Spielregeln erklĂ€rt, die er vor langen Jahren von dem „nicht in Ehren ergrauten“ Ă€lteren Mann kennengelernt und so lange in seinem GedĂ€chtnis bewahrt hatte.

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Charima
???
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Hallo, Elmar!

Mit Grauen und Entsetzen habe ich Deinen Text gelesen und gedacht: Ja, genau so ist es! Immer noch. Heute noch. Nicht nur mit TĂ€tern und Opfern der Nazizeit. Bloß: Wer ist wie in der Lage, den Wahnsinn zu beenden? Wann werden wir Menschen endlich aus der Geschichte lernen? >>> Ich verkneife mir hier an dieser Stelle nur schwer das Wort "MĂ€nner" statt Menschen, das ich eigentlich benutzen wĂŒrde, da Kriege bisher immer zum grĂ¶ĂŸten Teil von MĂ€nnern gefĂŒhrt worden sind und noch gefĂŒhrt werden. Aber ich will ja nicht verallgemeinern.

Allerdings habe ich auch gedacht, daß dieser Mann durch seine erste Bemerkung genausogut in die andere Rolle passen wĂŒrde. Daß er das Grauen am eigenen Leib erfahren hat und immer noch Angst davor empfindet, daß er "geholt" werden könnte. Sei es, daß er sich immer noch davor Ă€ngstigt, im Konzentrationslager zu landen, sei es, daß er die Formen natinalsozialistischer Gewalt in ihrer heutigen, neuen Form fĂŒrchtet.

Den Gruß der strahlenden Mittagssonne,

Charima



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flammarion
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kann

mich charima nur anschließen und noch hinzufĂŒgen, daß selbstjustiz keine lösung ist. ĂŒbrigens halte ich den krieg, den die usa gegenwĂ€rtig fĂŒhren, auch fĂŒr eine art selbstjustiz. habt ihr meine tĂŒrmchen weggehauen, hau ich euer land kaputt - dass ist doch kindisch! lg
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Old Icke

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