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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der 40. Tag vor Sophienlund
Eingestellt am 19. 11. 1999 00:00


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martin von arndt
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Registriert: Nov 2001

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Sophienlund

Martin von Arndt:
Der 40.Tag vor Sophienlund
"Kein Acker trÀgt Brot / Es dengelt der Tod / Die Sense von Radolfstede." (Landsknechtsweise)
WĂ€hrend der Belagerung von Sophienlund, wĂ€hrend der langen Zeit des Hungers und der NĂ€chte ohne Ende, Tage ohne Ziel, geschah es, daß unter Zustimmung des Rates am 40.Tage eine Gesandtschaft der Kurie Einzug halten durfte in den Mauern der Stadt, zu dem Ende, den Magistrat zu einer Lex deditionis zu veranlassen; einer Übergabe unverzĂŒglich sich willens zu erweisen unter dem Versprechen voller bischöflicher Sicherheiten.
Der Gesandten SiegelfĂŒhrer war ich.
Man beriet in die tiefen Abendstunden - ich empfahl mich. Ein Gesandter in Angelegenheiten des Kriegsrechts soll sein Unterkommen publice nehmen, also bezog ich Quartier in einem Gasthaus.
An der FlÀche des östlichen Himmels gewahre ich Funken schaler Röte. Ich wÀhne, es mögen die Heerfeuer sein, ich sehe den Mond, und auch er trÀgt Purpur. Blicke um mich.
---
Ich trete wieder in den Kreis der RĂ€te. UnwillkĂŒrlich. Meine RĂŒckkehr ist unbegrĂŒndbar, ich nehme teilnahmsvollen Einblick in die Kurialakten und nicke bedeutsam. Ich bitte ein andermal, mir Urlaub zu gewĂ€hren und ziehe mich unter lĂ€ĂŸlichem Stirnrunzeln der Alten zurĂŒck. Ein Bursche leuchtet mir.
Indem ich die Aussicht in die östlichen HöhenzĂŒge meide, schreite ich unter die Schwelle meiner Herberge. Der ahndungsreiche, der merkuriale Geist, der unterwegen mir rittlings aufgesessen, verlĂ€ĂŸt mich. Die TĂŒr wiegt sich in den Angeln, ein Erfassen des Mondes. Er ist rot.
Wohin soll ich mich wenden, wenn diese Nacht mich nicht flieht. Es gibt NĂ€chte, die enden dem, der ihnen geweiht ist, niemals. Unsere Zeit ist alt.
"Vergib mir, Herr, und laß auch mir zuteil werden meiner NĂ€chsten Vergebung."
"Amen."
Mein Hauch streift das Zeichen des Lamms, kupfern windet es sich wieder meiner Brust entgegen.
Ein letzter zögerlicher Blick -:
Rot.
Erloschen schmeckt die Luft im Hause. Es dunkelt still in Zeiten des Krieges, dies Schweigen ist die grĂ¶ĂŸte Macht. Wer mit uns ist in solcher Zeit, wer uns im Schweigen an die Seite tritt, dem wird unser Herz fĂŒr alle Zeit. Mag sein: auch mehr.
Der Bursche fĂŒhrt mich. Ich spreche Niederdeutsch, er dient mir wortlos. FĂŒnfzehn Stufen, dann fĂŒnfundzwanzig, ein schmaler Gang, ein Eckzimmer.
Der Bursche hilft mir beim Auskleiden, er wird entlassen, löscht das Licht, schließt die TĂŒre, ich sichere sie.
Blicke um mich. UnwillkĂŒrlich.
Ein westliches Fenster, tief - und schwarz. Ich bette mich.
Verliere mich. Und rasch.
---
Ein WĂŒrfel fĂ€llt. Ein WĂŒrfel.
Ein WĂŒrfel fĂ€llt.
Ein beinernes GerÀusch.
Ich lausche.
Ich höre:
das kurze, biderbe Zucken, ein glucksend halbbedecktes, tropfen-tönendes Zittern des zwiefach gerĂŒhrten ledernen Bechers; das Innehalten und - den Stoß.
Dann rote Stille. Wenn Landsknechte Augen zÀhlen.
Lange zĂ€hlen sie. Augenblicke. Das Schweigen stiert in meine Ohren. Ein WĂŒrfelspiel.
Ich gewahre das Fenster, das westliche Fenster. Und atme in mich. Kein Laut dringt zu mir, nicht einmal der Klang der nahen Kirchturmglocke. Ich bete in fremder Zunge. Ich schweige.
Da wieder das Zucken, das jĂ€he Mahlen, der klirrende Stoß. Fall. Ich kenne das Spiel, das Spiel aus dem Lager. Die Söldner pflegen seiner nĂ€chtelang. Sie aber spielen es voller Hast. Und nicht lautlos.
Ein WĂŒrfelspiel. Nicht mehr.
Keine Stimmen. Kein Wort aus dem Nebenzimmer, kein Fluch und kein Aber, kein Lachen, nicht HĂ€me, nicht Trotz.
Ich trete unter das Fenster, die WĂŒrfel fallen.
Es ist nur ein Spieler. In der Ruhe des nÀchtigen Glast: er spielt mit sich allein. In solcher Zeit.
Sie fallen.
Es ist nur ein Spieler. Und spielt er 40 Tage. Und spielt er ohne Unterlaß. 40 NĂ€chte. Ohne Ziel. Ohne Ende, dann hatte ich seiner nicht gedacht. WĂ€hrend sie fallen, suchen die HandflĂ€chen einander. Sie sollen sich nicht begegnen.
Die LĂ€den zu sprengen ... die TĂŒre zu sprengen ... es fĂ€llt. Arme reichen nach dem Fenster, Arme ringen mit der TĂŒr. Sie ringen mit der TĂŒr.
ZurĂŒck am Fenster. Horchen.
Unentrinnbar.
Erst poche ich, ich trete indes und kratze die Finger mir blutig dort am nackten Stein.
Keine Stimme. Es fÀllt.
Ich stĂŒtze mich beidarmig, fĂ€lle das Haupt an der Wand.
Ein Rot.
Es fÀllt.
Ich bin Gefangener eines beinernen Spiels.
Geweiht. Und auch gefangen. Ich sinke. Die Knie berĂŒhren sich. Verlieren sich.
Ich werde die Zahl der WĂŒrfel unterscheiden lernen, doch Jahre wird es mich gekostet haben. Ich erkenne den Rhythmus des Mahlens, ich spreche in ihn mein Gebet.
"Vergib mir, Herr, vergib.
Und laß auch mir zuteil werden meiner NĂ€chsten Vergebung."
Der Westen flackert leise im Fall:
"Amen." Und:
"Amen."
Den 6.Oktober 1582.

(Übernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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