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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Abschiedsbrief.
Eingestellt am 16. 12. 2003 10:59


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pleistoneun
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Registriert: Apr 2002

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Wenn man heute in Wien am Arge-Not-G├╝rtel westw├Ąrts unterwegs ist und dann bei Kilometer zwei nach links in die Schwere-Laster-Stra├če einbiegt, kann man im 3. Stock des gro├čen, dunklen Hauses ein weit aufgerissenes Fenster sehen. Es ist das Zimmer von Angela, die an diesem sp├Ąten Wintermorgen auf ein leeres Blatt Papier starrt, welches vor ihr auf dem Tisch liegt. Sie will sich in aller Form verabschieden aus diesem Leben - mit einem Brief. Aber da ihre Erfahrungen in Sachen "Abschiedsbriefe" gleich Null sind, birgt dieser formelle Akt des Lebewohlsagens in sich eine gr├Â├čere H├╝rde als zuerst angenommen. Kalte Windst├Â├če, die durch das offene Fenster dringen, lassen Angelas Brief am K├╝chentisch immer wieder verrutschen und rei├čen sie aus ihrem gedanklichen Schwermut und ihrer tiefen Konzentration ├╝ber die Wahl der letzten Worte in ihrem Leben. Ein neuerlicher Luftzug bl├Ąst das Blatt vom Tisch. Unf├Ąhig einzugreifen, beobachtet sie das Zubodengleiten des Blattes. "Beschweren m├╝sst ich es...", denkt sie, "...damit es nicht runterf├Ąllt, beschweren! Oder ist das ein Wind...├Ąh...Wink vom Schicksal, reinen Tisch zu machen?". Aber es ist das Wort "beschweren", welches in Angela den Drang nach einer aktiven Handlung ausl├Âst. Beschweren, nur bei wem und wor├╝ber? Die lebenslangen Frustrationen und Missvergn├╝glichkeiten ├╝ber ihr Dasein waren wie eine Schale aus Glas, unter der sie langsam zu ersticken droht. Heute macht sie ihre letzten Atemz├╝ge.

Angelas Blick liegt auf dem Wei├č des Blattes. Sie seufzt schwer und bemerkt, dass sie friert. Arme und Beine m├╝ssten sich kalt anf├╝hlen, h├Ątte sie dort Empfindungen und die Farbe der Fingerspitzen deutet auf Blutarmut hin. Angela l├Ąsst das aber kalt. Sie hat sich fest vorgestellt, hier und heute dem Ende ein Leben zu bereiten und nicht umgekehrt. Der lebenslangen Illusion hinterherzusehnen, ein Mal im Leben selbst eine eigene Handlung zu bestimmen, aus sich selbst heraus den Motor f├╝r eine willk├╝rliche Bewegung in Gang zu setzen und einem Wunder gleich nur einen einzigen Tag erleben zu d├╝rfen, an dem man sich mit eigener Kraft ├╝ber das sitzende Leben erhebt und daraus ein stehendes macht.

Angela starrt noch immer auf das Wei├č des Blattes und stellt sich dort ihren Text f├╝r ihren Abschied vor, ehe das Papier aber durch den Windsto├č einer sich ├Âffnenden T├╝re am Boden verrutscht und sich nun endg├╝ltig ihrem Blick entzieht. Der W├Ąrter l├Âst die Bremsen und bef├Ârdert Angela mit dem Rollstuhl in den Speisesaal, wo es heute wie gestern und dem Tag davor Zwieback mit Tee gibt. Angela, noch immer geblendet vom Wei├č des Blattes, dem kalten Wei├č der W├Ąnde, dem Wei├č der ├ärztem├Ąntel, dem ├Âden Wei├č der Welt, in der sie lebt, wird heute um 8:14 Uhr erstmals seit ihrem Unfall vor 4 Jahren ihren kleinen Finger wieder bewegen k├Ânnen. Sie wird ein St├╝ck totes Fleisch an ihrem K├Ârper in Leben verwandeln und es wie ein Wunder erleben. Wir werden nicht nachempfinden k├Ânnen, wie Angela dieses Erlebnis sp├╝rt und wie es sich anf├╝hlt, wenn die durch das Bewegen eines kleinen Fingers die Ketten der k├Ârperlichen Gefangenschaft aufgebrochen werden und sich eine m├Ąchtige Grenzenlosigkeit auf tut, die einem das Gef├╝hl gibt, von der ganzen Welt mit ihrer sch├Âpferischen Kraft umarmt zu werden. Angela wird diesen Abschiedsbrief aber trotzdem schreiben, schwungvoll, mit funktionierender Hand. Sie wird ihn zuhause schreiben, vielleicht im Stehen, angelehnt an eine warmgef├Ąrbte Wand. Er wird davon handeln, dass die physische Regungslosigkeit nicht das Ende des Lebens bedeutet. Und sie wird den Brief mit den Worten schlie├čen, dass die Beweglichkeit im Kopf das Neuerwachen des K├Ârpers verursacht. Sie schreibt diesen Brief stellvertretend f├╝r alle, die noch am Wiederbeleben ihres K├Ârpers arbeiten und sendet ihn an alle, die glauben, das Geschick und die Gewandtheit des K├Ârpers w├Ąre etwas Selbstverst├Ąndliches. Ist es nicht, es ist eines der vielen Wunder der Natur, die uns durchdringt und bei der wir uns noch nie daf├╝r bedankt haben.
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http://www.1yl.at/pleistoneun

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