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Leselupe.de > Kurzprosa
Der Amélie-Komplex
Eingestellt am 12. 02. 2017 09:07


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Oreste
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2015

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Sie war Blumenverkäuferin und besaß ihren eigenen kleinen Stand am Aufgang zum Bahnsteig 7. Mein Faible für Blumen war allenfalls partieller Natur, was sie intuitiv erfasst haben musste. Ich hatte ihren Stand fast passiert, als sie sich mit einem beherzten Schritt seitwärts vor mich stellte und also zum Stehenbleiben zwang. Sie streckte die Hand aus, darin lag eine Margerite. Sie meinte, der müsse ich jetzt einen hübschen Namen geben und jeden Tag ein Viertelstündchen mit ihr sprechen. Ich würde schon sehen, wie ich nach zwei Wochen begänne, aufzublühen. So von innen heraus. Stoisch sah ich sie an.

Sie heiße übrigens Hannah – wo sei sie nur mit ihren Gedanken! –, ihr richtiger Name aber sei Nadine, doch zu dem habe sie irgendwie nie die rechte spirituelle Verbindung herstellen können. Sie beobachte so gern sich unbeobachtet fühlende Menschen, und so ein Bahnhof sei dafür schließlich der ideale Ort. Mit meiner mutlosen Kleiderwahl und dem traurigen Antlitz sei ich ihr schon von Weitem aufgefallen. Sie schnibbele sich ja ihre eigenen Kleider zurecht – sie müsse die Seele, den individuellen Charakter jeder Naht auf ihrer Haut spüren können. Ich sah sie nun noch stoischer an.
Sie liege stundenlang – müsse ich wissen – auf Wiesen, laufe barfuß durch den Regen und spare, seit sie neun ist, auf eine Harfe hin. Sie habe eine Schwäche für improvisierte Romantik, Coelho und frisch aufgebrühten Ingwertee. In ihrer Freizeit besuche sie Abendkurse in Bildhauerei und sammle sehnsüchtig anmutende Sandkörner von allen Spielplätzen dieser Welt. Und natürlich photographiere sie. Sie photographiere. Und ich fragte mich, ob man ihren Photos wohl ansieht, dass sie – statt zu fotografieren – photographiere.
Sie gebe nicht viel auf moderne Technik. Wenn sie beispielsweise dichte, dann ausschließlich auf ihrer Schreibmaschine mit Namen Emily (auf der by the way das K fehle), die sie mal auf einem Trödelmarkt im Prenzlberg erstand. Sie nenne, was sie kreiere, auch nicht Gedichte, sondern Skizzen oder eben Sizzen. Eine Türklingel suche man vor ihrer Haustüre vergebens – sie liebe das Klopfgeräusch von Fingerknöcheln auf Zedernholz. Sie besäße auch Schwächen, gestand sie. So sei sie etwa ein wenig old fashioned (sic!) und so waaaaahnsinnig ungeduldig. Und neugierig sei sie. Einfach schlimm! Sie lächelte. Manchmal – vertraute sie mir nach kurzer Verschnaufpause an – glaube sie ehrlich, sie habe ein Herz aus flüssigem Gold, das sich in all die kleinen Dinge des Lebens ergieße ohne jemals zu versiegen.

Sie erzählte noch ein Weilchen von Herzmuscheln, Muschelherzen und Ewa, der kleinen Fee mit Wohnsitz in ihrem Briefkasten. Schließlich lächelte sie zum – ich habe mitgezählt – dreizehnten Mal ihr unverstohlen-verstohlenes Lächeln, bei dem sich ihr entzückendes Köpfchen mit den entzückenden Zöpfchen scheinbar ohne ihr Zutun ein klitzekleines Stück nach links neigte. Ihr kleinmädchenhafter Blick fiel hinab auf die altrosanen Ballerinas mit mintgrüner Schleife an ihren Füßen, um plötzlich und nicht länger als für den Bruchteil einer Sekunde wieder hinaufzuschnellen, gerade so, als wolle sie sich vergewissern, dass ich ihr Schauspiel auch konzentriert verfolge und ja die korrekten Rückschlüsse für den Grad meiner Verzückung ziehe.
Ich sah sie ein letztes Mal an. Am stoischsten. Dann schob ich ihr vorsichtig die Margerite zwischen die Lippen, griff nach ihrer Polaroid, tat drei Schritte zurück, betätigte den Auslöser, nahm das Photo, zerriss es in sechzehn etwa gleich große Schnipsel, blies ihr diese ins Gesicht, stieg in den soeben eingefahrenen Regio Richtung Potsdam, nahm Platz, Stift und Papier, und beschloss, Hannah-Nadine ein Denkmal zu setzen.
__________________
in ein Taxi steigen und gen Himmel zeigen

Version vom 12. 02. 2017 09:07
Version vom 13. 02. 2017 16:17
Version vom 13. 02. 2017 16:22

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