Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92257
Momentan online:
322 Gäste und 19 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
Der Anfang von ihrem ganz Persönlichem Ende
Eingestellt am 24. 04. 2005 11:03


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
alina s
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2005

Werke: 5
Kommentare: 4
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um alina s eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

1.1
Sie sah sich im Spiegel an.
Zu sehen war da zwar nicht viel, aber heute wollte sie sich ansehen.
Und das war eine Ausnahme. Normalerweise flüchtete sie immer vor Spiegeln. Vor kleinen Spiegel, vor großen aber auch vor allem anderen, was nur in irgendeiner Art und Weise reflektierte.
Sie mochte sich nicht angucken, denn das bedeutete immer Frustration.
Nur an manchen – sehr wenigen – Tagen, Stunden oder eher sogar Sekunden, war es ihr gegönnt in den Spiegel zu schauen und zu sich selber zu sagen – Ist ja gar nicht so schlimm, wie du dachtest.

Sie genoss es jedes Mal, und obwohl sie wusste, dass sie schon längst hätte rausgehen müssen, stand sie da und guckte sich an. Von jeder Seite, von jedem Winkel aus, bis sie dann doch etwas fand, was ihrem Verstand von Schönheit widersprach.
Aber diesmal stand sie ganz lange da, drehte und wendete sich und es gefiel ihr was sie sah.
Ihre Bahn war jetzt sowieso ohne sie gefahren, aber sollte sie doch. Sie erlebte grade einen faszinierenden Moment des Stolzes, des Glückes, der absoluten Unabhängigkeit von der Gesellschaft, die normalerweise ‚Schönheit’ festlegt.

Das musste ihr Deutschlehrer nun mal verstehen.
Sie war doch auch nur ein Mensch. Wie jeder andere auch. Sie brauchte solche Erfolge, um daran glauben zu können, dass es im Leben überhaupt welche gibt.

Es war schon 13 Minuten nach 7 und sie wusste, dass sie jetzt rausgehen musste um wenigstens noch die nächste Bahn zu bekommen, auch wenn sie sich im klaren darüber war, dass sie wahrscheinlich doch zu spät kommen würde, wenn sie nicht wie eine Verrückte liefe. Und das wollte sie nicht, nicht laufen, nicht schwitzen, sich keine Umstände machen.
Einfach alles ganz einfach machen. Ihr Lehrer musste das doch verstehen. Er sollte.
Aber er würde nicht, das wusste sie.
5 Minuten zu spät, würde er sagen.
Entschuldigung, würde sie sagen.
Setz dich hin, würde er sagen.
Und sie würde sich hinsetzten.
Wie eine Sklavin würde sie ihm gehorchen, sie könnte ihm nicht erklären, warum sie zu spät gekommen war. Es wäre ihr peinlich, und verstehen könnte er sie sowieso nicht.
Warum musste sie sich denn eigentlich vor ihm rechtfertigen?
Weil er ihr Lehrer war?
Weil er in dieser Stunde die Verantwortung für sie übernahm?
Weil es ihre Schuld war?
Wahrscheinlich.
Er war älter, weiser, erfahrener und ihr überlegener. Er wusste sicherlich, dass jeder mal zu spät kommt. Aber diese 5 Minuten würden zählen. Egal wie oder warum.

1.2
Der Weg zur Bahnstation war eigentlich kein sehr langer. Aber wenn man sich beeilen musste, und nur noch wenig zeit übrig blieb, kam er einem viel länger vor als er wirklich war.
Den ersten teil der Strecke ging sie noch, aber schon nach kurzer Zeit ertappte sie sich, wie sie ganz langsam ging, kaum ging, weil sie nachdachte.
Wenn sie nachdachte, dann merkte sie gar nichts mehr, und nach einem Blick auf ihre Uhr erschrak sie und fing an zu laufen.
Jetzt doch laufen, dachte sie.
Bin jetzt ja doch eine Sklavin, nur für ihn.
Aber am ende war es ja ihre Schuld, und es war ja auch nicht zu ihren Gunsten, wenn sie zu spät kam.
Aber sie ist schon so oft zu spät gekommen. Schlecht für sie, was konnte man da noch zu sagen?

Sie schwitzte jetzt doch und ihr immer schwerer werdender Ranzen drückte sie immer mehr nach hinten. Sie hasste es. Ihr Rücken tat ihr weh und sie konnte kaum laufen, weil der Ranzen immer mitsprang und eine große Belastung für sie darstellte.
Der Wind zerzauste ihre Haare, und ließ den warmen Schweiß auf ihrem Gesicht vereisen.
Sie hasste es. Sie hasste den Wind an sich. Sie mochte zwar ihn sich anzugucken, wenn ein Sturm unterwegs war, und die Bäume vor ihrem Fenster in alle Himmelsrichtungen schlagen ließ, als wolle er sie nur unterdrücken, sie mochte das jaulende Geräusch und sie mochte es im Wind zu stehen, wenn er ganz stark war, und sie mochte es sich von ihm überwältigen zu lassen und zu verstehen, dass wie Gott ihr das Leben gab, er mit irgendeinem Wind, unbedeutsamen Wind es auch nehmen konnte. An sich kein schöner Gedanke, aber ein durchaus faszinierender, und sie liebte alles, was sie faszinierte.

Aber dieser Wind war anders. Er war nicht stark und nicht mächtig, er konnte höchstens ein Blatt, welches sowieso schon reif war, hinfallen lassen, es vom Baum lösen, aber mehr, mehr konnte dieser Ansatz von einem Wind auch nicht bezwecken.
Und sie hasste es. Es war ein kalter und grausamer Wind. Und sie hasste das Gefühl, wenn ihr warmer Schweiss, der an ihrem Gesicht und an ihrem Rücken runterlief, plötzlich vereiste, und ihr ein hohles, kaltes und unangenehmes Gefühl bereitete.
Sie hielt sich schützend ihre Arme vor das Gesicht, aber so konnte sie nicht laufen, und schon wieder hatte sie gegen diesen blöden Wind verloren.

Bald war es vorbei, sie hatte die Station erreicht und lief nun die unzähligen Treppenstufen runter, sie musste sich beeilen, denn sie hatte den Zug schon anfahren hören.
Es kamen ihr einige Leute entgegnen, die aus dem Zug ausgestiegen waren. Manche guckten sie mitleidig an, was nicht zuletzt an ihrem Aussehen lag, welches der Wind und das Laufen doch noch zerstört hatten, manche schauten sie ausdruckslos an und schauten gleich wieder weg, aber die meisten, die meisten schauten sie gar nicht an.
Warum sich die Mühe machen?
Aber sie machte sich keine Gedanken darum, denn sie musste jetzt schnell nach unten rennen.
Der Zug würde bestimmt nicht auf sie warten, so wenig wir der letzte getan hat – gut der hätte ja auch 20 Minuten warten müssen.
Sie holperte die Treppen runter, immer bemüht keinen anzurempeln, was ihr doch schwer fiel.
Sie schaute mal nach unten, um zu sehen, ob der Zug noch die Türen aufhatte und mal auf die Treppen um sicher zu gehen, dass sie nicht stolpern und keinen verletzen würde.
Als sie die letzte Stufe erreicht hatte, und zum Gleis blickte, stand er Zug noch seelenruhig vor ihr, doch die Türen, die waren schon geschlossen.
Schnell rannte sie zur ersten Tür und drückte wie wild auf den Knopf, auf dem so erwartungsbringend stand: Öffnen.
Sie drückte, drückte und drückte bis ihr Finger nur noch etwas nach rechts geschleift wurde.
Der Zug war abgefahren, ganz langsam, und sie nahm ihren Finger von dem Knopf.
Der Fahrer hatte sie gesehen, sie hatte ihm durch den Außenspiegel in die Augen geschaut, und in völlig gleichgültige und etwas verschlafene, müde Augen gesehen, die sich nicht eine Spur dafür interessierten, dass sie zu spät kommen würde, und ins Klassenbuch eingetragen werden würde und, dass ihr sowieso schon schlechter Eindruck bei ihrem Deutschlehrer sich noch mehr in die Tiefen stürzen würde.

Er kannte sie nicht, sie kannte ihn nicht, und er interessierte sich nicht für sie und ihre Probleme.

Sie setzte sich auf die kalte Eisenbank, die ihrer Meinung nach sowieso nur dazu diente, um alle Leute am stehen zu halten.
Im Sommer war sie nämlich viel zu heiss, um sich auf sie zu setzten, wollte man nicht gerade seinen Po grillen. Im Winter war es viel zu kalt, genauso gut konnte man sich auch auf Eiswürfel setzten.

Ihr wurde gleich viel kälter und sie sprang auf, legte ihre Beine auf die Bank und setzte sich auf diese. So war es gerade noch zum aushalten, unbequem war es, ihre Füße waren schon eingeschlafen, aber dafür war ihr nicht ganz so kalt.

1.3
Als sie in der Bahn saß, und wieder mal ihre groben Umrisse in der Glasscheibe betrachtete, wurde ihr nur noch schlechter zumute.
Die vor einer stunde noch so gut sitzende Frisur, sah aus, als wäre sie durch 13 Sümpfe gezerrt und angezündet worden, das Gesicht war teils rot, teils bleich und die Wimperntusche war schon etwas verschmiert.
Sie dachte über den Fahrer nach, der ihr so herzlos die Tür vor der Nase geschlossen hatte und jedes Mal wenn ihr Blick die Glaßcheibe traf, schaute sie ganz schnell wieder weg und versuchte sich auf irgendetwas zu konzentrieren, was sie vergessen ließ, wie unfair doch die Verteilung der Gaben, oben am Himmel war.
Sie wusste, dass sie jetzt viel zu spät kommen würde, und suchte irgendeinen dem sie die Schuld geben konnte. Nicht nur weil sie zu spät kam, auch weil sie sich schlecht fühlte.

Sie dachte an den Fahrer, an den Wind, an Gott und an andere Sachen.
Aber sie wusste genau, dass sie es war, die ihr im Weg stand.
Sie musste sich ja unbedingt betrachten und aller Welt zeigen, dass sie nicht so schlecht war.
Hätte sie nicht einfach gehen können ohne sich selber etwas zu beweisen?
Aber sie wollte es unbedingt, und die Strafe kam jetzt.
Viel zu früh, dachte sie sich.
Hätte man mich doch wenigstens etwas länger genießen lassen, das ist nicht fair.
Aber sie schämte sich gleich dafür, was sie gesagt hatte, denn sie hatte erst neulich im Internet gelesen über die Welt, und wie es in ihr aussah.
Sie hatte essen, einen Schlafplatz, eine Ausbildung und konnte es sich erlauben Geld für etwas auszugeben, was sie gar nicht brauchte.
Trotzdem musste sie immer gegen ihren inneren Schweinehund ankämpfen, der ihr immer wieder sagte, wie arm und benachteiligt sie doch wäre.
Und allmählich glaubte sie das auch.
Die Mädchen in ihrer Klasse waren doch auch schöner, dünner, reicher und intelligenter als sie selbst. Was interessieren mich denn da Kinder aus Afrika.
Wenn sie in Afrika geboren wäre...
Wenn, wenn, wenn.
Immer dieses wenn.
Sie war es halt nicht, und wenn sie hier geboren war, dann musste sie doch auch in diese Gesellschaft passen.
Aber sie war sich sicher, dass sie es nicht tat.

Die Türen öffneten sich, und als sie sah, dass es ihre Station war, stand sie schnell auf und rannte aus dem Zug. In den nächsten...

2.1
Als sie erschöpft, etwas ängstlich und peinlich berührt vor der Klasse stand, waren schon 27 Minuten nach Anfang der Stunde vergangen.
Insgesamt dauerte sie 45 Minuten, also hatte sie einen großen teil schon verpasst.
Sie stand da, unentschlossen ob sie reingehen sollte oder nicht, sich im klaren darüber, dass sie damit nur noch mehr Zeit verschwendete.
Bei einem anderen Lehrer wäre es vielleicht kein Problem gewesen, aber bei ihm, da hatte sie regelrecht angst.
Sie hatte angst vor dem Blick, den er ihr zuwerfen würde, und sie hatte Angst vor der Bissigkeit, die in seiner Stimme liegen würde, wenn er sie mit funkelnden Augen durchbohrend anschauen würde und ihr das Gefühl gäbe, dass sie nichts ist und auch nie Etwas, geschweige denn Jemand sein wird. - Das alles verbargen für sie diese Sekunden, die sie vorne stehen würde, vor der ganzen Klasse, beschämt zu Boden schauend.
Manchmal lachte sie sich selber aus, und dachte sich wie paranoid sie doch war, aber sie dachte nie ohne Grund. Meistens jedenfalls nicht.
Sie entschloss sich – überwältigt von der grauenhaften Szene, die sich in ihrer Fantasie abgespielt hatte- den Rest der Stunde im Mädchenklo zu verbringen und etwas zu lesen, falls das schlechte Licht in den Kabinen, und der Gestank es zuließen.
Etwas dämlich kam sie sich schon vor, aber sie konnte nicht anders.
Eine Fehlstunde mehr. Was machte das jetzt schon, und auf den nicht besonders interessanten, wenn auch für sie wichtigen Unterricht hatte sie auch verzichten können.
Natürlich nur in diesem Fach, wäre es ihr Lieblingsfach gewesen, wäre sie aber auch sicherlich nicht zu spät gekommen.
Und wieder merkte sie, wie blöd sie doch war. Dass sie sich vor ihren Augen die eigene Zukunft verbaute, aus ihren Launen heraus. Aber es brachte nichts, sie war nun mal so wie sie war, und auch wenn sie jetzt mitten in der Pubertät steckte und sich alles an ihr veränderte, so waren einige Sachen und einige Charakteristische Merkmale von vornherein bestimmt und keinesfalls mehr beeinflussbar.
Das war stets ihre Rechtfertigung vor sich selbst.

2.2
Als sie in der 5- Minuten Pause nach der ersten Stunde, schnell aber auch nicht zu schnell zur Klasse ging, hatte sie ein ungutes Gefühl in der Magengegend.
Zwar hatte sie es geschafft, unbemerkt zur Mädchen – Toilette zu kommen, die immerhin 3 Etagen tiefer lag, und ihr Lehrer war auch schon gegangen, aber trotzdem plagte sie eine bestimmte Ungewissheit.
Vor ihrer Klasse blieb sie stehen, weil sie schon im Flur von ein paar Klassenkameradinnen angesprochen wurde, wo sie denn gewesen sei.
Beim Arzt, murmelte sie, wohl wissend, dass sie ihr nicht glauben würden.
Aha, war ihre Reaktion, verbunden mit einem Komischen Seitenblick, der sie wütend machte.
Sie hielt die Klappe und marschierte in die Klasse, wo schon wieder die nächste Gruppe auf sie zukam und wissen wollte, wo sie gewesen sei.
Auch sie bekamen die gleiche Antwort, und auch sie warfen ihr einen Blick zu, der dem von vor 2 Minuten verdächtig ähnlich sah.
Sie wollte keinen Streit und kein Gezicke, also sagte sie nichts mehr und ging zu ihrem Platz.
Sie knallte ihren Ranzen auf den Tisch und sah sich erleichtert um.
Das eigentlich sehr laute Geräusch, dass ihr Ranzen beim auf prall mit dem Hölzernen Tisch erzeugt hatte, war offensichtlich im Gerede der Klasse untergegangen, und sie schien für die anderen gar nicht da zu sein.
Sie war müde und erschöpft, obwohl der Schultag für sie gerade erst angefangen hatte, und sie mochte sich nicht konzentrieren, geschweige denn anstrengen.
Für sie war der Tag gelaufen, ohne dass er begonnen hatte, jetzt musste sie nur noch 6 Stunden lang da sitzen, und so tun, als ginge sie all das, was im Unterricht abging was an. Sie wusste, dass es das eigentlich auch tat, aber diesen Gedanken schob sie beiseite, als könne das etwas verändern.
Sie setzte sich auf den Stuhl, holte ihre Sachen raus (nur, damit es nicht zu auffällig war), und vergrub sich in den weiten Tiefen ihres Daseins.

Dass sie gerade über den Sinn des Lebens nachdachte, als ihr Lehrer sie ermahnte aufzupassen und sie schließlich wegen mangelnden Interesse oder Mangelnder Mitarbeit in sein Notenheft eintrug, interessierte keinen. Außer ihr. Wenn es sie überhaupt interessierte, und allmählich war sie sich noch nicht mal dessen wirklich sicher.

2.3
Als sie nach der Schule auf ihre Freundinnen wartete, war sie ganz in ihren Gedanken versunken.
Sie dachte an nichts und alles zu gleich, das führte dazu, dass sie am Ende wieder nicht wusste, über was sie da gerade eigentlich dachte. Aber was vernünftiges kam dann dabei sowieso nicht raus.
Sie hatte sich an den etwas kalten Stein, der vor dem Schultor stand, angelehnt und unterhielt sich lustlos mit ihrer Freundin. Der Strom von Schülern, die alle aus der Schule gingen hatte sich etwas gelegt und es kamen nur noch vereinzelt kleine fünfer, die Hofdienst gehabt hatten heraus.
Manchmal kamen auch Lehrer raus, verschwanden aber gleich in ihren Wagen. Sie fragte sich immer, warum einige Lehrer so alte Klapperkisten hatten, wo sie doch genug verdienten um sich wenigstens ein normales Auto zuzulegen.
Manche hatten ja auch ganz neue, moderne Autos, aber die meisten sahen aus, als würden sie die nächsten 10 Kilometer nicht mehr überleben. Vielleicht ist das nur ihr „Schulauto“. Mit dem fahren sie nur in die Schule, aber in ihrer Freizeit haben sie auch angemessene Autos.
Sie hat mal gehört, dass jemand das so macht. Aber warum? Hatten sie angst, dass die Schüler hier die Autos kaputt machen würden?
Sie war etwas gekränkt, vergaß diesen Gedanken aber schnell wieder.
Sollen sie doch, ihre Fortbewegungsart ist ja wohl nicht mein Problem...
Sie standen immer noch vor dem Schultor und sie hatte keine Lust mehr. Ihre Freundin wollte noch unbedingt auf ihre gemeinsame Freundin warten, aber sie hatte wirklich überhaupt keine Lust mehr.
Können wir nicht einfach gehen?
Ach komm, warten wir noch kurz, sie kommt gleich!
Sie wollte gerade zickig werden, ihr war danach zumute, als sie ihn plötzlich sah. Er war gerade am Schultor vorbeigelaufen und näherte sich ihr mit jeder Sekunde. Es war, als wäre er nur für sie gedacht. Als hätte Gott ihn nur für sie gemacht. Ihre Freundin, die Schule, die alten Autos, nichts von all dem existierte, in dem Augenblick, in dem sie ihn angucken konnte, war es als stände sie mitten im nichts, ohne nichts nur mit ihm. Aber er sah sie nicht, jedenfalls nicht so, wie sie es wollte.
Sie fand ihr Geglotze selber zu auffällig und, dass sie dabei noch halb lächelte - halb weinte machte das ganze auch nicht besser. So versuchte sie ihren Blick krampfhaft von ihm abzuwenden, was leider nicht klappte. Höchstens, wenn er sie ganz kurz ansah, in diesen Augenblicken schaute sie verlegen weg und fand sich selber kindisch. Aber sie war ja auch ein Kind, jedenfalls meistens. Vom Alter her sowieso, und das war es schließlich was zählte. Wenn man einen Menschen fragte, wie alt er sei, fragte man nach der Zeit, die derjenige auf der Welt ist. Nicht was er gelernt hat oder wie weit er entwickelt ist. Als würde man mit der Zeit viel mehr lernen. Sie war sich sicher, dass viele Menschen mit der Zeit gar nichts mehr lernten, vielleicht sogar vergaßen. Nichts war so antiproportional wie Erfahrung und Reife.
Aber in der Gesellschaft zählten nur diese Zahlen. Scheiß Zahlen. Wäre sie 40 Jahre früher geboren, würde sie mit anderen Zahlen antworten, würde man sie jetzt fragen.
Aber sie war nicht 40 Jahre früher geboren.
Leider, oder nicht leider. Egal.
Sie wollte ihre Zeit nicht mit solch sinnlosen Gedanken verschwenden. Diese Sekunden, in denen es ihr gegönnt war ihn zu sehen, musste sie voll auskosten.
Was starrst du den so an?
Toll, also war es doch so offensichtlich.
Ich starre ihn nicht an, ich denke nur nach.
Worüber?
Nur so.
Aha
Lass mich doch in ruhe! Das sagte sie aber nicht. Gedanken waren mehr wert, als diese Worte. Was sollte man mit Worten? Gedanken waren es, die zählten. Die Gedanken an ihn waren ihr so viel wert. Was hätte sie ohne sie getan? Sie würde ich nie haben können, aber die Gedanken, in denen sie so oft zusammen waren, die würde sie immer haben können, es waren ihre Gedanken, nur ihre, sie würde sie mit niemandem teilen, nicht mit ihrer Freundin und mit keinem anderen. Vielleicht irgendwann mit ihm. Aber erst, wenn sie älter wäre. Und damit meinte sie das Alter, das von der Gesellschaft gesehen wurde. Wenn sie als erwachsen gilte. Nicht jetzt, denn er war auch ein Teil der Gesellschaft und er würde es nicht verstehen.
Er war schon weg, als sie wieder ganz bei sich war. Sie hatte ihm noch tschüss sagen können. Was das für ein Gefühl war, als er sie mit seinen erfahrenen Augen anguckte und lächelnd antwortete. Sie wollte ihm folgen, immer bei ihm sein, aber sie musste ja unbedingt auf ihre Freundin warten. Sie wusste ja selber nicht, warum. Sie wollte es doch nicht.
Nur wegen diesen paar Metern, die die Haltestelle von der Schule trennten?
Die hätte sie auch alleine gehen können, das wäre doch nicht so schlimm gewesen, sie wusste eben selber nicht warum sie hier gegen willen auf ihre Freundin wartete. Es war jetzt sowieso zu spät um zu gehen, gleich müsste sie kommen, gleich. Da lohnte es sich ja auch nicht mehr zu gehen. Sie hatte ja noch ein bisschen zeit. Ein bisschen, heute hatte sie ein bisschen Zeit, morgen wäre sie vielleicht gegangen, das wusste sie ja jetzt noch nicht. Wenn es morgen gewesen wäre, wäre alles anders, oder nicht? Oder wäre morgen das gleiche passiert, vielleicht wäre es einfach nur ein anders Datum, der nächste Tag, und der nächste, und der nächste...
Als würden die Zahlen nichts bedeuten, taten sie das denn überhaupt? Vielleicht wären morgen die gleichen Umstände gewesen, wahrscheinlich, es war doch immer gleich, wäre morgen das gleiche passiert? Sie wusste es nicht, gab diesen Gedanken nicht – wie schon so oft – einfach auf, sondern versuchte weiter darüber nachzudenken.
Sie war sich darüber im klaren, dass sie es vielleicht gar nicht wissen konnte, dass es vielleicht gar keine Antwort auf diese Frage gab, aber vielleicht doch. Sie wusste sie nur nicht. Vielleicht war ja alles wissenschaftlich erkannt und bewiesen, bloß wusste sie das – wie vieles andere auch - nicht.
Aber es wäre doch ein Erfolg, wenn sie jetzt eine Antwort finden würde. Ohne Hilfe von anderen, ganz alleine, ohne Tipps. Vielleicht würde man ihr nicht glauben, dass es wirklich nur ihr Verdienst war, aber sie selber würde es wissen. Aber sie wusste, dass sie nie eine Antwort finden würde, sie dachte es. Aber irgendwie war es klar. Sie könnte schon irgendeine Antwort finden, aber keine die sie RICHTIG zufrieden stellen würde. Sie würde wissen, dass sie nicht recht hat, und irgendwann, wenn sie die richtige Antwort bekäme – falls es denn eine gab – würde sie sich selber Vorwürfe machen, und sich fragen, warum sie da denn nicht selber drauf gekommen ist.
Als sie klein war - kleiner als jetzt jedenfalls – so mit 7 hat sie sich auch gefragt, ob alles genauso passiert, wenn es später passiert. Ob alles ein Schicksal hat, ob alles vorbestimmt ist. Sie stellte sich vor, dass sie in ihrem Zimmer saß, sie wollte sich gerade einen Pferdeschwanz flechten. Plötzlich kam ein Anruf und sie sprach kurz und legte auf. Würde sie sich jetzt immer noch einen Pferdeschwanz machen? Oder nicht?
Immer hat sie sich gefragt, nicht nur das, auch anderes, aber sie bekam nie Antworten, und wenn doch, dann mochte sie diese nicht. Entweder, weil sie nicht zu ihren Überlegungen passten oder, weil sie viel zu einfach oder zu schwer waren. Sie hatte nie das Gefühl, eine richtige Antwort bekommen zu haben, immer nur Vermutungen, Vermutungen. Keiner hatte Antworten für sie. Sie hatte ihren Opa mal gefragt, ob er eine Antwort auf die Pferdeschwanz Frage hatte. Er meinte, es würde davon abhängen, was man ihr in diesem Telefonat gesagt hatte. Ob es wichtig war, oder nicht, ob es sie in irgendeiner Art beeinflusste. Damals fand sie diese Antwort nicht gut. Sie mochte sie nicht. Aber jetzt, wenn sie darüber nachdachte, kam es ihr ganz logisch vor, war es ja auch. Sie hatte plötzlich wieder ganz genau den Blick ihres Opas vor sich. Sie sah ihn ganz genau. Sie gingen am Park vorbei. Es war Samstag und ihr Opa hatte sie wie immer abgeholt, um mit ihr spazieren zu gehen. Plötzlich wurde sie traurig und merkte, wie sehr ihr diese Spaziergänge fehlten. Jedes mal hatte er ihr eine Tafel Schokolade mitgebracht und sie haben sie dann gegessen, während sie an den frostig kalten oder manchmal auch heißen Nachmittagen spazieren gingen. Sie vermisste es wirklich. Aber jetzt war das nicht mehr möglich. Nicht nur, weil er in einer andren Stadt, einem anderen Land, einem anderen Kontinent wohnte, nein auch sonst musste sie sich selber zugeben, dass sie heute wohl nicht einfach so jeden Samstag mit ihm spazieren gehen würde.
Sie fand es selber schade, aber sie war ja selber dran Schuld.
Bald, ganz bald werde ich wieder mit ihm spazieren gehen. Dachte sie.
In den Sommerferien würde sie zu ihm fliegen, für die ganzen Sommerferien.
Dann gehe ich wieder mit ihm spazieren, und stelle ihm wieder Fragen, und diesmal werde ich nicht so kritisch sein, werde über die Antworten nachdenken und vielleicht bekomme ich eine Antwort. Wenigstens auf eine meiner Fragen, ich habe doch so viele. Dachte sie.
Und wurde wieder traurig.
Ja bald sind Sommerferien, in einer Woche ist wieder ein Jahr vorbei und dann fängt das nächste an und am Anfang werde ich denken, wie lang das Schuljahr doch ist. Und wenn das nächste Jahr vorbei ist, werde ich denken, wie kurz es doch war. So ist es jedes Mal...
Aber das Ende dieses Jahres, war nicht sehr toll. Sie sehnte es überhaupt nicht herbei, es sollte nicht enden. Alles war gerade so gut. Es sollte so bleiben. Das schlimmste war eigentlich, dass sie IHN nicht mehr sehen würde. Er würde weggehen, aber das schlimme daran war, dass er nicht mehr zurückkommen würde. Irgendwann, ja irgendwann. Aber das war zu spät. Das war viel zu spät. Er musste bei ihr sein, immer, so oft wie möglich. Sie konnte allein den Gedanken, ihn nicht zu sehen nicht verkraften. Sie hasste den Gedanken.

Hey, du, schläfst du, oder was? Du wolltest doch gehen, jetzt können wir doch! Halloooooo?
Ja, gehen wir.
Sie war da, die Freundin war da. Irgendwie, war sie gar nicht mehr sauer und hatte auch kein Verlangen danach, zickig zu werden. Hätten sie nicht warten müssen, dann hätte sie nicht angefangen zu denken. Gedacht hätte sie schon, aber vielleicht nicht über das. Und sie war glücklich, dass sie hatte.
Lasst uns gehen. Gehen wir, sagte sie.
Du wiederholst dich.
Ich weiss.
Die beiden Mädchen neben ihr tauschten Blicke.
Gehen wir., wiederholte sie.
Gekichre.

__________________
I have been thinking that I would make a proposition to my Republican friends... that if they will stop telling lies about the Democrats, we will stop telling the truth about them.

Adlai E. Stevenson Jr. (1900-1965)

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zurück zu:  Kurzprosa Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!