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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Anrufer
Eingestellt am 17. 05. 2004 18:55


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jane-schubat
???
Registriert: Feb 2004

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Der Anrufer


Jess hatte mal wieder alles ihr ĂŒberlassen. Empört schniefte Lena durch die Nase.
„Quatsch Mama, mir ist das nicht peinlich, wenn die Leute die Unordnung in meinem Zimmer sehen.“ hatte Jess geflötet, bevor sie in die Schule abgerauscht war.
„Schließlich stecke ich mitten im Abitur.“
„Aber mir ist das peinlich.“ rief Lena ihrer Tochter entrĂŒstet nach. Doch dann mußte sie bereits ĂŒber sich selbst lachen. Sie stopfte die ĂŒberall herumliegenden KleidungsstĂŒcke ihrer Tochter ungeordnet in den Schrank, Strafe mußte sein. Und wĂ€hrend sie saugte und Staub wischte ĂŒberlegte sie, daß es Jess sehr wohl peinlich gewesen wĂ€re, hĂ€tte sie die Leute vom Emissionsschutz in ihr unaufgerĂ€umtes Zimmer lassen mĂŒssen. Nur war Jess unbekĂŒmmert genug, um anzunehmen, daß ihre Mutter entweder selbst aufrĂ€umen oder die Peinlichkeit des Augenblicks tapfer ertragen werde.
Der Bezirksschornsteinfeger, dem Lena eine halbe Stunde spĂ€ter die TĂŒr öffnete, war ein ruhiger und freundlicher Mann. Er vermochte sich beim besten Willen nicht gegen Lena durchzusetzen, die ihm verzweifelt den Zugang zum Schlafzimmer verwehrte. Denn daß er auch in das Schlafzimmer einen Blick hineinzuwerfen gedachte, weil dort der alte Ofen stand, damit hatte Lena nicht rechnen können. Die Jahre zuvor war es immer nur um die beiden Gasheizungen in ihrem und in Jess` Zimmer gegangen. Also hatte Lena an das Schlafzimmer ĂŒberhaupt nicht gedacht auf ihrer morgendlichen Putztour. Und selbst als der Bezirksschornsteinfeger gelassen abwinkte, er hĂ€tte schon manche Unordnung erlebt, war Lena nicht zu ĂŒberzeugen gewesen. In dieses Zuimmer könne er nicht, wehrte sie tapfer seine vorsichtigen VorstĂ¶ĂŸe ab, bis er resegnierend und mit einem LĂ€cheln die Schultern hob. Aber er sei noch nicht zusammengefallen, der Ofen, wollte er nur noch wissen. Nein, wirklich nicht, beteuerte Lena, zumal er von ihnen nicht benutzt werde, sagte sie, was der Wahrheit entsprach. Als der Mann gegangen war, sank sie auf ihren Sessel und atmete tief durch. Ihr wurde bewußt, wie lĂ€cherlich sie sich gemacht haben mußte und sie grĂŒbelte darĂŒber nach, weshalb sie stets die falschen Entscheidungen zu treffen schien. Als wĂ€re ein ungemachtes Bett und vielleicht etwas Staub auf den Regalen die Katastrophe ĂŒberhaupt. Lena war weder putzsĂŒchtig noch unfĂ€hig, den Haushalt auch mal schleifen zu lassen. Aber sie haßte es, wenn fremde Leute in ihre Wohnung eindrangen, in deren Köpfen vielleicht etwas andere Ordnungsvorstellungen herumspukten. Immer dann fĂŒhlte sie sich hilflos etwaiger Kritik ausgesetzt, der sie, da nie laut geaĂŒĂŸert, nichts entgegenzusetzen wußte.
Als das Telefon klingelte, schreckte Lena auf. Es war er. Seit er sich damals verwĂ€hlt hatte, rief er in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden immer mal wieder bei ihr an.

„Wollen wir vielleicht zusammen frĂŒhstĂŒcken?“ schlug er heute vor. Das ginge, meinte Lena. Sie hĂ€tte heute ihren freien Tag. Sie mĂŒsse ihn nur noch schnell auf das schnurlose Telefon ihrer Tochter umlegen. Und wĂ€hrend sie sich anschickte Kaffee zu kochen, hielt sie den Hörer etwas ungeschickt mit der linken Hand an ihr rechtes Ohr.
„Ich glaube, das letzte mal hatten sie davon gesprochen, daß sie ihr Studium abgebrochen hĂ€tten. Warum eigentlich?“
„Weil ich dumm war.“ schoß es sofort aus Lena heraus.„Ich war damals jung und dumm genug anzunehmen, daß man mit Konsequenz irgendwelche Zeichen setzen könne.“ erklĂ€rte sie.“Immerhin haben sie mich damals aus dem Staatsexamen herausgeholt, um diese Unterschrift von mir zu erpressen.“
„Und haben sie Zeichen gesetzt?“ wollte die Stimme am anderen Ende der Leitung wissen.
„Wenn sie meinen, daß das irgendetwas am Lauf der Dinge damals hat Ă€ndern können, leider nein. Vielleicht bin ich einfach nicht der Mensch, der irgendwelche Zeichen setzen kann. Sehen sie, meine Tochter glaubt auch, daß ich viel zu unbedeutend bin, um wirklich Einfluß nehmen zu können auf ihr Leben.“
„Und das verĂŒbeln sie ihrer Tochter?“
„Nein, selbstverstĂ€ndlich nicht wirklich.“ wehrte Lena ab.
„Wie geht es ihrer Frau?“ versuchte sie abzulenken.
„Na ja, ich bin zuversichtlich. Als ich sie das letzte mal besucht habe, hat sie das erste mal wieder geredet mit mir. Aber sie, wie geht es ihnen eigentlich?“
Lena fiel mal wieder auf, wie warm seine Stimme klang, so daß sie mit den TrĂ€nen kĂ€mpfen mußte, als sie antwortete, es ginge ihr wie immer erstaunlich gut. Er ist zu zaghaft, dachte sie bei sich. Lena, die gelernt hatte, sich im Leben durchzusetzen, war derart behutsamen AnnĂ€herungen nicht gewachsen. Sie mĂŒsse jetzt auflegen, sagte sie deshalb hastig. Ihr sei eingefallen, daß sie einen wichtigen Termin fast vergessen hĂ€tte.
„Das ist schade.“ zog sich seine Stimme diskret zurĂŒck.
In diesem Augenblick wußte Lena, daß sie das nĂ€chste mal heulen wĂŒrde, laut und hemmungslos. Vielleicht das erste mal seit ungeahnter Zeit. Er hatte gewonnen.



__________________
Ich lebe in höheren SphĂ€ren,weil ich mich vor dem Absturz fĂŒrchte.

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

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Liebe jane-schubat,

mir hat das Lesen Spaß gemacht, ein kleines Psychogramm der Mutter und Hausfrau, die den Schornsteinfeger nicht ins unordentliche Zimmer lĂ€sst.

Was hat der Schornsteinfeger nun mit dem Anrufer zu tun? Es sind zwei Episoden, die eigentlich nicht verwoben sind. Jede hat was fĂŒr sich, ganz gewiss. Der Text heißt „Der Anrufer“, doch zuerst lesen wir vom Bezirksschornsteinfeger und vom ZimmeraufrĂ€umen bei der Tochter.

Der Anrufer – das Hauptthema des Textes – erscheint erst im letzten Drittel. Es geht bei diesem Anruf um wichtige Fragen, die nur angerissen sind, und so ist es schwer fĂŒr den Leser, sich ein Bild vom Leben und von den Problemen dieser Frau anhand der Andeutungen zu machen. Es klingt jedenfalls sehr geheimnisvoll.

Ein Satz, den du etwas schöner gestalten könntest: „Es war er.“ Das klingt in dieser KĂŒrze und mit dieser Satzstellung abrupt. Du hast auch ein paar Buchstabendreher drin.

Die Szenen selbst – vor allem die Psychologie der Szenen –, das möchte ich betonen, sind dir meines Erachtens sehr geglĂŒckt. Vielleicht sollte man sich entscheiden, welche Geschichte man erzĂ€hlen will und diese dann ausgestalten.

Liebe GrĂŒĂŸe

Monfou

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jane-schubat
???
Registriert: Feb 2004

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Lieber Monfou

Lieber Monfou,

danke fĂŒr Deine EinwĂŒrfe, und Du hast Recht.
Ich fĂŒhle mich ertappt bei meinem mißglĂŒckten Versuch,
etwas Geschlossenes zu erstellen.
Vielleicht nehme ich wirklich noch einmal beide Teile fĂŒr sich
Und versuche sie etwas mehr auszufĂŒhren.

Liebe GrĂŒĂŸe Marianne

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