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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Der Anwalt
Eingestellt am 31. 05. 2003 20:11


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bookwriter
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: May 2003

Werke: 5
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Die Sonne stand noch knapp ĂŒber dem Horizont, als Bernhard Schlink durch MĂŒnchens Stadtpark schlenderte. Der Rechtsanwalt im mittleren Alter liebte die morgendliche Luft. Man sah es ihm nicht an, aber unter den ungepflegten, zer-zausten Augenbrauen lagen scharfe Augen, die, wenn es darauf ankam, die kleinste Ungereimtheit eines Falles aufdecken konnten. Doch seine besten Zeiten waren wahrscheinlich schon Jahre zurĂŒck. Sein ungepflegtes Aussehen schreckte viele Klienten ab; und mit der schwindenden Anzahl der Kunden, verringerten sich ebenso seine Ersparnisse. Er begann schließlich mit dem Trinken und sein Äußeres wurde von Mal zu Mal schĂ€biger. Er hatte auch jetzt eine Flasche seines Trostspenders dabei; und nahm immer mal einen Schluck.
Wenn man ihn so ansah, hĂ€tte man ihn nicht gerade fĂŒr einen (ehemals) angese-hen Mann gehalten: Er trug einen alten, grauen Trenchcoat, darunter Sachen, die er schon so lange trug, dass man deren Farbe nicht mehr erkennen konnte und lief mit einen leicht gebĂŒckten Gang durch die so malerischen, von Laub-bĂ€umen ĂŒberkronten Wege. Ein unpassendes Bild!
Schlink setzte sich nach einiger Zeit auf eine Bank; und dachte ĂŒber Dinge ohne Belang. Er erinnerte sich ĂŒber einige seiner FĂ€lle, doch hatte er keine Lust an einem Gedanken hĂ€ngen zu bleiben und wechselte einfach sein gedankliches Thema, wenn es ihm langweilig wurde.
„Ich wusste, dass ich dich hier treffe!“, sagte eine Stimme hinter ihm. Er drehte sich um und erblickte Kommissar Josinger, den Chef des Mord- und EntfĂŒhrung-dezernats in dieser Stadt.
„Franz!“, begrĂŒĂŸte Schlink ihn. Beide hatten ungefĂ€hr das gleiche Alter, mit dem Unterschied, dass Josinger fĂŒnf Jahre jĂŒnger als Schlink wirkte. Er setzte sich zu ihm und fragte:
„Schön nicht?“
Beide wussten nicht so recht, was Josinger so schön fand.
„Weißt du Bernhard, ich will nicht lang drum herum reden. Wir brauchen dich! Ein Kerl hat den achtjĂ€hrigen Sohn einer Familie entfĂŒhrt. Wir tappen vollkom-men im Dunkeln.“
Schlink schaute seinen Sitznachbarn unglÀubig an.
„Ihr? Mich? Hast du nicht schon genug unfĂ€hige MĂ€nner in deiner Mannschaft?“
Schlink war der Einzige, der das witzig fand.
\"Ich will dir eine Chance geben. Ich hab gehört, dass du ein paar Probleme mit deinem Vermieter hast. FĂŒhr mich zu diesem Kerl und die Leute werden endlich wieder Vertrauen in dich haben.“
Das GesprĂ€ch ging noch lange, aber Josinger konnte ihn letzten endlich ĂŒberre-den, nachdem er den Namen der Familie nannte: Giebald.
Sie kannten sich schon einige Jahre. Schlink hatte manchmal auf den kleinen Peter aufgepasst; und nun wurde er entfĂŒhrt.
Schlink versprach so schnell wie möglich zu kommen, er wollte sich jedoch zuerst ein wenig herrichten. Seit langem wieder mal.


Nachdem er den Wagen geparkt hatte und auf einem Weg durch den wunder-schönen Garten ging, musterte er sorgfÀltig die Pflanzen.
Entlang der Mauer, die das gesamte GrundstĂŒck umzĂ€unte, wuchsen einige BĂŒ-sche. Das GebĂ€ude stand in der Mitte des GelĂ€ndes und ringsherum standen strahlenförmig angeordnet BĂ€ume. Alles war trotzdem irgendwie unĂŒbersicht-lich. Überall standen zwischendrin BĂŒsche, die keinen freien Blick gestatteten. Er wollte durch die EingangstĂŒr treten, doch sie verweigerte ihm den Eingang. Ach ja, die TĂŒr ist doch immer abgesperrt, dachte er. Indem Moment hörte er ein knackendes GerĂ€usch links von ihm. Er drehte seinen Kopf in die Richtung, aus der es zu kommen schien. War da jemand? Ein Schatten huschte hinter den BĂŒ-schen entlang, geduckt. Schlink sprintete hinterher, aber der Schatten war weg. Von den BĂŒschen versteckt konnte er flĂŒchten. Mist!, dachte er. Oder hatte er es gerufen? Er wusste es nicht mehr; in seinem Kopf schwirrten auf einmal so viele Gedanken herum.
Die EingangstĂŒr wurde geöffnet. „Guten Tag! Was wĂŒnschen Sie?“, fragte die HaushĂ€lterin, die gerade aufgeschlossen hatte. Sie stand im TĂŒrrahmen und stĂŒtzte sich etwas mit der linken Hand an diesen. Ihr Unterschenkel hatte einen Gips. Die Ă€ltere Frau, die wahrscheinlich aus Jugoslawien stammte, sprach ein sehr gebrochenes Deutsch. Sie sah eigentlich wie die klassische HaushĂ€lterin aus den amerikanischen Filmen aus: Sie stammte nicht aus diesem Land, aber das wichtigste Merkmal war wohl, dass sie mehr breit als hoch war. Irgendetwas ge-fiel Schlink nicht an ihr. Er wusste nicht genau was, aber etwas hatte die Frau zu verbergen.
„Mein Name ist Schlink, ich bin ein Freund der Familie.“
Sie nickte bloß, wĂ€hrend sie ihn mit misstrauischen Augen musterte und zurĂŒck ins Haus ging. Er folgte ihr, schloss die TĂŒr und sagte sich: „Schönes GebĂ€ude, war lange nicht mehr hier.“
„Reden Sie nicht soviel, ich hab noch einiges zu erledigen!“
Hatte er laut gesprochen? Er hatte es nicht registriert. Er musste sich zusam-menreißen, wenn er das hier erfolgreich lösen wollte.
Die Frau kugelte nach oben; und, so musste er feststellen, mit einem recht hohen Tempo, wenn man an ihr Alter, das Gipsbein und das Gewicht an ihren HĂŒften dachte.
In diesem GebÀude lebten drei Familien: die Giebalds, die Reinhauser und die Rolands. Und dann noch ein Student namens Ewaldt.
Im zweiten Stock angekommen, öffnete sie eine WohnungstĂŒr und deutete ihm einzutreten. Er trat in einen weiten Flur, von dem viele TĂŒren abzweigten. Das zeigte, wie groß das GebĂ€ude war, obwohl man das von Außen nicht unbedingt sah.
Er konnte sich noch wage an die Anordnung der Zimmer erinnern, es waren schließlich schon Jahre vergangen, seit seinem letztem Besuch, aber er wusste noch ganz genau, wo Wohnzimmer zu finden war, indem er auch die Familie er-wartete. Er hatte Recht. In dem großem, recht ĂŒppig eingerichteten Raum, waren die Eltern des Kindes aber nicht allein: Vier uniformierte Polizisten und zwei in Zivil standen im Zimmer verstreut. Den Einen in Zivil erkannte er sofort. Es war Josinger, der Kommissar.
„Da sind Sie ja!“, begrĂŒĂŸte dieser ihn.
Die Eltern schauten auf. Sie saßen vorher auf dem Sofa und beobachteten kon-zentriert ihren Teppich. ‘Was muss wohl in einer solchen Lage den armen Leuten alles durch den Kopf schwirren?’, dachte der Anwalt, als er sie erblickte.
Nach dem obligatorischen HĂ€ndeschĂŒtteln erzĂ€hlte der Kommissar als erstes das, was sie bisher wussten:
„Also, heute Morgen bekam die Familie einen Anruf. Der Mann am anderen En-de lockte die beiden unter einem Vorwand ans andere Ende der Stadt. In der Zwischenzeit muss er wohl die Wohnung betreten und das Kind irgendwie aus dem Haus gelockt haben.“
Nach kurzem Verdauen der Informationen wollte Schlink wissen, ob jemand aus de Nachbarschaft etwas gemerkt hÀtte. Der Kommissar war es lieber, dass die Personen lieber selbst antworten konnten. Er gab einen Befehl an einen Unifor-mierten; und nach kurzem Warten war das Zimmer voll von Personen.
„Fangen wir an: Hat irgendjemand heute Vormittag etwas beobachtet oder etwas gehört?“
Keiner antwortete, aber alle schĂŒttelten mit dem Kopf.
‘Hm, das war ja wohl nicht hilfreich!’, dachte Schlink.
„Dann was anderes: Wo waren Sie zur Tatzeit?“
„Sie wollen wohl doch nicht behaupten, dass einer von uns der TĂ€ter ist?“, fragte Herr Reinhauser empört. Er wirkte sehr aggressiv auf den Anwalt, aber dieser ĂŒberging einfach jene Überreaktion.
„Herr Reinhauser, dies ist nur eine rein formelle Frage, die ich stellen muss. Das werden Sie doch verstehen? Sie wollen doch helfen - oder haben Sie kein Interes-se, dass der Kleine wieder kommt?“
Er wollte darauf etwas erwidern, er verkniff es sich aber.
„Nun gib es schon zu, du bist doch direkt mit dem Jungen verfeindet!“, wandte Frau Roland ein.
Herr Reinhauser schaute sie mit zusammengekniffenen Augen an und wÀre auf sie losgegangen, wenn nicht diese gewisse PolizeiprÀsenz da gewesen wÀre.
Schlink hakte nach:
„Sie hassen den Kleinen? Wie darf ich das verstehen?“
Frau Roland antwortete, bevor Herr Reinhauser es konnte:
„Peter ist ein DraufgĂ€nger. Er macht allen möglichen Mist, verzeihen Sie mir diese Wortwahl. Und so passierte es, dass er beim Spielen auf eine viel befahrene Straße lief und beinahe von einem LKW ĂŒberrollt worden wĂ€re, wenn nicht Herr Reinhausers Schwester ihn auf den FußgĂ€ngerweg stieß. Bedauerlicher Weise starb sie bei dieser Heldentat.“
Alle schwiegen. Obwohl es die ganze Zeit schon sehr ruhig war, konnte man jetzt den LÀrm der Stadt aus scheinbar weiter Ferne hören.

* * *

Er saß auf der gegenĂŒberliegenden Straße und beobachtete mit einem Fernglas, was auf der anderen Seite in der riesigen Villa geschah. Er erkannte durch die großen Fenster einige Polizisten und noch mal so viele andere Leute. Außerdem einen Fremden, der in der Mitte des Zimmers stand und anscheinend der Chef der ganzen Aktion war.
Er nahm sein Handy und wÀhlte Schlinks Nummer.

* * *

Es klingelte, der Anwalt registrierte am Anfang gar nicht, dass es sein Handy war. Er meldete sich. Eine fremde wahrscheinlich verstellte Stimme sagte:
„Hallo Bernie! Ich freue mich, dass du deinen Arsch auch wieder bewegst.“ Schlink sah förmlich das hĂ€mische Grinsen auf den Lippen des Anrufers.
„Ich hab etwas fĂŒr dich! Schau dich mal um! -Klick“ Er hatte aufgelegt.
Die Anwesenden, die das GesprĂ€ch nicht mitverfolgen konnten, beobachteten nur erstaunt, wie Schlinks GesichtszĂŒge in das Angeekelte ging. Er hasste solche Leute: Arrogante Menschen, die sich fĂŒr wichtig genug hielten, um ein Kind zu entfĂŒhren und dann die Polizei an der Nase herumzufĂŒhren. ‘Der will mich doch verarschen!’, dachte er.
„Wer?“, fragte der Kommissar.
Hatte er schon wieder seine Gedanken ausgesprochen?
Das konnte so nicht weitergehen, er musste sich zusammenreißen.
„Der EntfĂŒhrer?“, fragte er weiter.
Schlink nickte
Die Blicke richteten sich auf den Anwalt. Ewaldt, der eben auf der Toilette war und sich nun ĂŒber die Gesichter der Leute wunderte, fragte:
„Was ist denn hier los? Ist was passiert?“
Und nach kurzem Zögern:
„Ist dem Jungen etwas passiert?“
Er schien sichtlich beunruhigt.
„Wir wissen zwar nichts NĂ€heres, aber es scheint, dass es ihm noch gut geht.“, antwortete Schlink.
Ewalds GesichtszĂŒge lockerten sich, anscheinend stand er dem Jungen sehr na-he.
„Jedoch hat sich gerade der EntfĂŒhrer gemeldet. Er sagte ‘Ich hab etwas fĂŒr Sie!’, aber keinen weiteren Hinweis. Wir mĂŒssen wohl suchen.“
Er steckte sein Handy in eine Hosentasche und ging mit schnellen Schritten auf die WohnungstĂŒr zu. Die anderen Personen hörten nur noch den Knall der zuge-worfenen TĂŒr.
Er trat aus der HaustĂŒr und ĂŒberblickte als erstes den Garten. Er konnte keine Person außer dem GĂ€rtner ausmachen. Doch, da! Jemand machte sich an Schlinks Wagen zu schaffen. Mit einem Weltmeistertitel verdĂ€chtigen Start sprintete er den leichten Abhang herunter, er brauchte jedoch eine Weile bis er das große GelĂ€nde durchquerte. Er ĂŒbersah eine Wurzel, die vor seinen FĂŒĂŸen aus dem Boden ragte und musste schmerzvoll erfahren, wie hart der Boden war. Er richtete sich, die ZĂ€hne zusammenbeißend, auf, jedoch hatte er fĂŒr einen klei-nen Moment sein Auto aus den Augen verloren und stellte nun fest, dass der Mann nicht mehr da war.
Auch auf der Straße konnte er ihn nicht wieder finden. Er begutachtete alles, fand aber nur einen Zettel, der unter einem Scheibenwischer klemmte. Er faltete ihn auseinander und las:
„Ich beobachte Sie! Wenn Sie das wollen, wonach Sie suchen, dann seinen Sie in 20 Minuten vor der großen Baustelle im Norden der Stadt. Ein Hinweis noch: Was dort entsteht ist der wohl wichtigste Bestandteil der Industrialisierung.
Ach ĂŒbrigens, gegen die Polizei hab ich nichts. Sie wird sowieso nicht helfen kön-nen.“
Klar, er meinte die Chemiefabrik, die dort gebaut wurde.
Die Polizisten waren schnell informiert. Zwei Beamten blieben bei der Familie und den Nachbarn, der Rest sprintete in den Flur und nach draußen.
„Hoffentlich geht es ihm gut“, meinte Ewaldt bestĂŒrzt.
Frau Roland, die bisher noch nichts gesagt hatte, trat nun an den Studenten heran und legte ihre Hand tröstend auf dessen Schulter.
„Wir wissen, wie sehr du ihn magst, aber mach dir keine Sorgen. Dieser Herr wird schon wissen, was zu tun ist.“
Er nickte zurĂŒckhaltend.
Herr Reinhauser, dem das Ganze einfach nicht gefiel, sagte:
„Ach, hört doch auf. Mir jedenfalls wĂŒrde es nicht stören, wenn der Junge nicht zurĂŒckkommen wĂŒrde.“
Frau Giebald stieß einen markerschĂŒtternden Jauchzer aus und begann zu wei-nen. Ihr Ehemann erhob sich von seinem Sitzplatz, auf dem er leise verharrte, und erklĂ€rte lautstark, dass Reinhauser sofort die Wohnung zu verlassen hatte. Beide wechselten ein paar wĂŒtende Blicke, Reinhauser verschwand und ließ die TĂŒr knallend zufallen.

Schlink saß auf dem Beifahrersitz und starrte hypnotisiert auf die Straße, durch die sie mit Blaulicht und Martinshorn rasten. In zwanzig Minuten zur anderen HĂ€lfte MĂŒnchens, dies war im Moment der Rush Hour so gut wie unmöglich. Sie bogen mit kreischenden Reifen in die Schloss-Straße ein, vor ihnen war eine An-sammlung von Autos. Hier war kein Durchkommen. Kaum dass sie hinter dem Stau hielten, waren Sie auch schon von anderen Wagen hinter ihnen eingekeilt. Zu dieser Zeit konnten selbst die nettesten Leute zur Bestie werden, wenn es darum ging durch die Stadt zu kommen.
„Lassen Sie mich ans Steuer!“, rief Schlink zum Fahrer.
Der Beamte schaute verdutzt drein, und saß, bevor er etwas erwidern konnte, auf Schlinks Platz.
„Alle Mann festhalten!“, rief der Anwalt. Es ging jedoch im Aufheulen des Motors unter.
Die Sirene heulte krĂ€ftig mit und schon spaltete er die Flut von Autos, wie einst Mose das Meer. Er machte eine Wende und trat auf das Gaspedal, als wollte er es in den Boden rammen. Ohne RĂŒcksicht auf Verluste raste der Wagen durch die Menge.
„Sind Sie von allen guten Geistern verlassen? Sie werden uns noch umbringen!“, rief ein Beamter vom RĂŒcksitz. Der Kommissar, der neben dem saß, schloss bloß die Augen und betete zu Gott.
Gleich als das Auto das Meer von Wagen verlies, riss der Anwalt das Steuer nach links; und nach einigen Nebenstraßen sah man schließlich den Wagen auf die Parkallee fahren.
„Was willst du hier?“, rief der Kommissar nach vorne, „Du willst doch wohl jetzt nicht in den Park?“
Schlink grinste und antwortete:
„Und ob...“
Im fĂŒnften Gang preschte der Streifenwagen auf das ParkgelĂ€nde zu.
„Das ist nicht dein Ernst!“, schrie Josinger.
Es war sein voller Ernst.
Ein harter Schlag traf das Chassis, als das Auto ĂŒber die Bordsteinkante auf den FußgĂ€ngerweg sprang. Passanten und Fahrradfahrer, zwei Skateborder und eine Frau mit einem Kinderwagen hasteten panisch zur Seite.
Die Streife schoss eine Böschung hinauf und durch ein paar BĂŒsche, in denen einige Penner erschrocken in alle Himmelsrichtungen flitzten, aber dennoch ge-nug geistesgegenwĂ€rtig waren Pfanddosen hinter dem Wagen herzuwerfen. Spa-ziergĂ€nger flohen kreischend, wĂ€hrend der Wagen einen Papierkorb streifte, aus dem Blechteile und MĂŒll in die Luft geschleudert wurden. Schlink schreckte ein PĂ€rchen von einer Parkbank; und stellte fest, dass er noch vor einigen Stunden auf dieser Bank saß. Er hĂ€tte nie gedacht, dass er hier mit 80 Stundenkilometer durchpreschen wĂŒrde.
„Haben Sie es auf die Leute abgesehen?“, fragte Josinger verzweifelt.
„Nein!“, antwortete Schlink. Er blickte in den RĂŒckspiegel. „Na ja, vielleicht das Liebespaar.“
Der asiatische Polizist auf dem Beifahrersitz verdrehte die Augen und meinte: „Wie machen das die Katholiken?“
Schlink grinste und erklÀrte:
„Nord - SĂŒd - West - Ost!“
Er raste einen HĂŒgel herunter; und direkt in einen Graben herein. Die zerdellte Stoßstange prallte gegen einen Reifen, wurde aber sofort wieder von dem nĂ€chs-ten Schlagloch in die Höhe gerissen.
Der Beamte bekreuzigte sich.
Der Wagen mĂ€hte noch einige BĂŒsche nieder bis sie schließlich wieder auf einer Straße waren.
„Wie viel Zeit?“, fragte Schlink.
Der Kommissar schaute auf seine Uhr und musste feststellen, dass es sie gar nicht dabei hatte. Der Streifenbeamte neben ihm sagte:
„Noch 10 Minuten!“
Der Anwalt nickte, legte den nÀchsten Gang ein und gab Gas.

Der Wagen hielt neben einem Bulldozer, der in der Mittagshitze ein willkomme-ner Schattenspender fĂŒr ein paar Bauarbeiter war. Das Martinshorn war schon lange nicht mehr intakt, aber ein paar Funken, aus den kaputten Leitungen am Dach, sprĂŒhten auf die MĂ€nner nieder; und ließen sie aus ihren TrĂ€umen auf-schrecken. Diese wussten nicht so recht, was sie von dem zerdellten Vehikel, das nur noch entfernt an eine Streife erinnerte, halten sollten. Sie schauten sich ein-ander verwundert an, zuckten mit den Schultern und kehrten wieder in ihre Traumwelt zurĂŒck.
Die Beamten, angefĂŒhrt von Schlink und Josinger, schritten durch das Labyrinth von Baumaterial und -gerĂ€ten.
Der Asiat schaute sich um, wurde sich aber dann klar, dass er gar nicht wusste, nach was er eigentlich suchen sollte. Er erkundigte sich.
„Keine Ahnung! Suchen Sie einfach“, antwortete Josinger, und wurde sich dabei klar, dass es sinnlos war auf diesem riesigen GelĂ€nde nach irgendeinen Hinweis zu suchen.
Ein GerÀusch riss sie aus den Gedanken. Ein Mobiltelefon klingelte rechts von ihnen. Der Besitzer ging nicht heran; es klingelte weiter.
Josinger sprintete in die Richtung, aus der es anscheinend herkam, und war auch sofort wieder da, mit dem Apparat in der Hand.
Alle wussten, das musste der EntfĂŒhrer sein.
„Also gut!“, meinte er und nahm ab.
„Ich hĂ€tte nicht gedacht, dass sie es schaffen. Sie haben meinen Respekt.“ Josin-ger schaltete auf die eingebaute Freisprechfunktion. Alle hörten gespannte mit.
„Reden Sie nicht lange! Was wollen Sie?“, wollte Schlink wissen.
Der Mann am anderen Ende lachte kurz. Der Anwalt konnte diesen Kerl vor sich sehen, mit diesem hÀmischen Grinsen auf den Lippen. Galle stieg in ihm hoch.
„Nicht so schnell! Alles der Reihe nach. Ich lege sehr viel Wert auf eine gepflegte Unterhaltung unter MĂ€nnern.“
„Wir aber nicht!“, unterbrach ihn der Kommissar.
„Lassen Sie mich ausreden!“, schrie der Andere. „Niemand unterbricht mich, ist das klar.“
Auf die Frage, wie er heiße, antwortete er:
„Hm, ich bin die Person, die Sie am meisten hassen, die Sie am stĂ€rksten verach-ten. Die Person, der Sie am liebsten in den Hintern treten wĂŒrden, Jener Mensch, vor dem Sie den wenigsten Respekt haben werden. -Aber, ich der Mann, der Sie in der Hand hat. Sie können mich jedoch einfach mit dem Namen Simon anreden.“
Stille auf beiden Seiten, doch Simon meldete sich wieder zu Wort:
„Sie wollen etwas von mir? Ich auch, und zwar folgendes: Sie fahren jetzt in ih-rem schönen Auto wieder zurĂŒck in die Stadt. Sie kennen doch sicher das neue Kaufhaus in der Innenstadt. Dort werden wir uns wieder sprechen. An der Tele-fonzelle. Und ich hab mir fĂŒr sie eine Überraschung ausgedacht, sie werden se-hen.“ -Klick!
‘Oh, wie ich dieses GerĂ€usch hasse!’, dachte der Anwalt.

Der mittlerweile stark mitgenommene Streifenwagen hielt mit kreischenden Rei-fen auf der Straße. Die stĂ€ndigen HupgerĂ€usche als sie durch die Stadt presch-ten, wurden jetzt immer lauter. Es dröhnte in Schlinks Ohren.
Die MĂ€nner hasteten auf den Platz, der von hunderten von Menschen ĂŒberflutet war. Josinger erblickte als erstes das kleine gelbe HĂ€uschen. Er gab den Anderen ein Zeichen und bewegte sich zur Platzmitte, wo die Zelle stand, gefolgt von Schlink und den Beamten. Sie standen nur wenige Augenblicke schnaufend da, als es klingelte. Der Anwalt schaute in die Runde und bemerkte, dass seine Kol-legen noch nicht genĂŒgend Luft bekamen, um mit Simon zu sprechen. Er trat hinein und hielt den Hörer an sein Ohr.
Am anderen Ende klatschte jemand.
„Schön, schön. Wie ich hören kann, sind Sie nicht nur ein guter Fahrer, sondern auch ein recht schneller LĂ€ufer. Es freut mich, dass sie so engagiert an die Sache heran gehen.“
„Sie sagte, Sie hĂ€tten eine Überraschung?“
„Genau. Sie wird eine einschlagende Wirkung haben.“
Der Anwalt ahnte etwas schreckliches, tat aber unwissend:
„Was meinen Sie?“
„Sie sehen sicherlich diesen Papierkorb links neben Ihnen. Ich hab da die Über-raschung: 3 Kilogramm C4. Die Bombe hat einen Zeitmechanismus. In etwa 30 Sekunden wird der Platz wie leergefegt sein. Sobald Sie den Papierkorb berĂŒhren löse ich allerdings den FernzĂŒnder aus. Viel VergnĂŒgen!“ -Klick!
Er hatte gar keine Zeit mehr ĂŒber das GerĂ€usch nachzudenken, dass er so verab-scheute. Er informierte hastig die Anderen. Und schrie dann in die Menschen-masse:
„Eine Bombe! Achtung eine Bombe!“
Die herumstehenden Menschen wunderten sich zunĂ€chst ĂŒber den Herrn, der da so rumschrie, verstanden aber schnell, worum es hier ging; und rannten krei-schend in alle Himmelsrichtungen oder warfen sich auf den Boden. Die MĂ€nner taten das Gleiche. Nichts geschah. Auch nach einer Minute war nichts gesche-hen. Die Leute blickten Schlink, Josinger und die Beamten verachtend an und gingen wieder ihren TĂ€tigkeiten nach.
Es klingelte.
Diesmal aber nicht in der Telefonzelle, sondern in der Hosentasche vom Kommis-sar. Der griff hinein und holte sein Handy heraus. Die Nachricht, die er bekam, war schrecklich.
„Der Junge wurde gefunden. -Tot!“, erklĂ€rte er mit bedrĂŒckter Stimme den Ande-ren.
Ihre Blicke wanderten verwundert zu der Telefonzelle, die nun auch klingelte.
Nachdem Schlink abgenommen hatte, sagte Simon:
„Überraschung! Es gibt gar keine Bombe.“
„Hören Sie. Ich weiß nicht, was das ganze soll, aber sie kriegen eine Menge Är-ger!“, unterbrach Schlink ihn.
Er ließ den Hörer hĂ€ngen, verließ das HĂ€uschen und folgte Josinger, der schon zum Wagen unterwegs war.
„Ich bin ungern der Überbringer von schlechten Nachrichten,“ erklĂ€rte Josinger den Eltern des Opfers, die bisher noch nichts von dem UnglĂŒck wussten, „aber ich muss Ihnen leider sagen, dass ihr Sohn tot ist.“
Frau Giebald brach auf der Stelle zusammen und musste von einem Beamten betreut werden. Dem Vater rannen TrÀnen aus den Augen.
„Welches Monster hat meinen Jungen getötet?“ Seine Stimme ĂŒberschlug sich.
„Wir wissen es nicht.“
Schlink, dessen Ohren mindestens so gut wie seine Augen waren, hörte vor der WohnungstĂŒr ein GerĂ€usch; und - wer weiß wieso - ging er in den Flur und öffne-te die TĂŒr. Er sah Ewaldt in gebĂŒckte Haltung, mit einem Brief in der Hand. Ewaldt richtete sich auf, als er Schlink bemerkte.
„Das hab ich hier gefunden“, erklĂ€rte er und gab Schlink den Umschlag.
Der öffnete ihn behutsam. Er las:
„Sehr geehrte Familie Giebald,

ich möchte mich fĂŒr alles entschuldigen, was ich Ihnen angetan hab. Ich wollte Ihren Sohn gar nicht töten, es geschah aus Notwehr, als er versuchte zu fliehen. Ich möchte Sie nicht bitten, mir zu verzeihen, da ich mir selbst nicht verzeihen kann.
Wenn Sie diese Zeilen lesen werde ich lÀngst auf der Flucht sein.

Der EntfĂŒhrer“

Der Anwalt ging zurĂŒck in das Wohnzimmer. Ewaldt folgte ihm. Als dieser die bestĂŒrzten Leute sah, sagte er mit zitternder Stimme:
„Sagen Sie, dass das nicht war ist.“
Schlink beobachtete den erschĂŒtterten Mann.
„Doch, Peter ist tot.“
„Nein!“, schrie Ewaldt.
Er rannte weinend aus der Wohnung. Da begriff Schlink.
„Schnell! Holen Sie den Mann zurĂŒck. Lassen Sie ihn nicht entkommen“, rief er zu einem Streifenpolizisten, der sofort die Verfolgung aufnahm und schon nach kurzer Zeit mit Ewaldt zurĂŒck war.
„Dies ist der Mörder von Ihrem Sohn!“, erklĂ€rte der Anwalt. Und noch bevor der Kommissar irgendwelche EinwĂ€nde aufbringen konnte, fuhr er weiter:
„Er entfĂŒhrte den Jungen, um an Geld zu kommen.“
„Wieso er?“, fragte der Kommissar.
Schlink war ein wenig sauer, dass er eine Pause gemacht hatte, lang genug, dass Josinger zu Wort kam.
„Nun, auf ihn fallen alle Indizien. Das wichtigste, das ich von vornherein ĂŒber-sah, war, dass der EntfĂŒhrer nur aus diesem Haus sein konnte, da die Eingangs-tĂŒr immer abgeschlossen war. Und niemand von außen hinein konnte. Das nĂ€chste Indiz: Als ich ihn sah beugte er sich ĂŒber diesen Erpresserbrief. Er sagte zwar, dass er ihn gefunden hĂ€tte, aber in Wirklichkeit wollte er ihn gerade dort hinlegen. Das Dritte: Er baute eine sehr freundschaftliche Beziehung zu dem Jungen auf. So geling es ihm auch den Jungen aus dem Haus zu locken. Das Vierte: Er rief von der Toilette mein Handy an. Er hatte auch eines. Er sagte mir, dass ich mich umschauern sollte, was ich auch tat und schließlich einen Zettel an meinem Auto fand. Das war jedoch nicht beabsichtigt, denn diese Nachricht und die anderen Anrufe stammten von einem der BankrĂ€uber, die vor ein paar Wo-chen die Citibank um zwei Millionen erleichterten. Er meinte mit dem, was ich suche die Informationen, wer es war und wo wahrscheinlich die Beute sein könn-te. Ich erkannte seine Stimme leider zu spĂ€t.
Aber um auf Ewaldt zurĂŒck zu kommen: Er wollte eigentlich, dass wir einen an-deren Erpresserbrief finden. Das gelang aber nicht.“
Schlink gab einem Beamten ein Zeichen, der anscheinend verstand und das Haus verlies. Kurze Zeit spĂ€ter kam er schließlich zurĂŒck und prĂ€sentierte einen wei-teren Umschlag, indem von einem Lösegeld in Höhe von eine Millionen Mark die Rede war. Schlink fuhr fort:
„Er hatte erfahren, dass man den Jungen gefunden hatte und so musste er sei-nen Plan Ă€ndern. Er schrieb den Abschiedsbrief, in der Hoffnung wir wĂŒrden die-sen finden und eine Fahndung einleiten. Er allerdings wĂ€re einfach geblieben und wir hĂ€tten in die falsche Richtung ermittelt. Die genaueren UmstĂ€nde von Peters Tod werden auch in dem Schreiben erzĂ€hlt. Ich denke, dass dies richtig sein wird.“

Der Student Klaus Ewaldt wurde daraufhin, wegen dringendem Mordverdacht, verhaftet. Vor Gericht verurteilte man ihn wegen EntfĂŒhrung und grausamen Mord zu einer lebenslangen Haft ohne die Möglichkeit einer Begnadigung.
Schlink Ànderte nach diesem Vorfall sein Leben und hörte auf mit dem Trinken.
Die Familie Giebald verlies kurze Zeit nach der Verurteilung Deutschland und zogen nach Amerika, um dort ein neues Leben anzufangen.

ENDE




Anhang


Diese Geschichte basiert auf einer wahren Tat, die sich in den sechziger Jahren in einer Stadt im Westen Deutschland zugetragen hat. Um das Opfer und deren Angehörigen nicht zu verletzen wurden Namen, Orte und Begebenheiten verÀn-dert.
Bis heute ist die IdentitĂ€t des TĂ€ters unbekannt, da der Jenige rechtzeitig ins Ausland flĂŒchten konnte und dort seine Spuren verwischten.
Falls ein Interesse an den nÀheren UmstÀnden bestehen sollte, so kann die Per-son sich an mich wenden.

25.04.2003 Jonny KrĂŒger

__________________
"Der ist kein Schriftsteller, der den Blick des Menschen nicht ein wenig klarer gemacht hat!" (Paustowskij, russ. Schriftsteller)

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Marcus Richter
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Hallo, Herr KrĂŒger.
Erstmal willkommen in der LL.
Kurz und knapp: dein Text beinhaltet noch jede Menge RS-Fehler. Du solltest einen Text wenigstens einmal grĂŒndlich ĂŒberarbeiten, bevor du ihn hier veröffentlichst.
Die Bindstriche, die sich noch an verschiedenen Stellen deines Textes befinden, kannst du herausnehmen(durchlaufender Text).(mit der edit/delete-funktion unter dem Text kannst du ihn verÀndern)

Zum Inhalt: der Anfang kommt mir irgendwie ein wenig mau rĂŒber - der Anwalt der trinkt, der schĂ€big und heruntergekommen aussieht, das ist purer Amerikanofilm, oder? Auch mittendrin, die Verfolgungsjagd - wer kann sich, mitten in der Innenstadt, in einem Stau, da einfach so rauskĂ€mpfen? WĂŒrdest du die auffahrenden Fahrzeuge weglassen, könnte ich mir ja noch vorstellen, daß er zurĂŒcksetzt und dann ĂŒber den BĂŒrgersteig weiterfĂ€hrt.
Am Schluss wird es dann ziemlich unĂŒbersichtlich. Woher kommen aufeinmal die BankrĂ€uber? Wer ist derjenige, den Schlink so verabscheut. Da hĂ€ttest du eine VoraberklĂ€rung geben mĂŒssen - es wirkt konstruiert.
Es könnte recht interessant werden, wenn man eine Parrallelhandlung aufbauen wĂŒrde, mit BankĂŒberfall und EntfĂŒhrung und einem Ermittler, der sich taumelnd, wie im Strudel beider Ereignisse befindet.
Dazu mĂŒĂŸte der Text aber lĂ€nger sein, oder gestraffter. Die BankrĂ€uber dĂŒrfen nicht so unvermittelt hinzutreten.

Im ganzen hat dein Text auch noch viele Holpersteine in der Sprache. Am besten ist es immer, einen Text laut vorzulesen. So kannst du diese Stellen am besten und schnellsten herausfinden.

Gruss, Marcus
__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs GrĂŒnbein

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