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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Apotheker
Eingestellt am 06. 06. 2001 19:40


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
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Der Apotheker

Z├Âgernd folgte Wawa ihrer Urgro├čmutter in die Apotheke.
Sie blieb im Schatten der schwarz gekleideten alten Dame, die mit der angespannten Ruhe einer Generalin, die feindliches Gebiet betritt, in das Gesch├Ąft schritt.
Sie blieb so lange in der Mitte des Raumes stehen, bis die Apothekerin eine Kundin fertig bedient hatte und diese mit einem leisen Abschiedsklingeln aus der T├╝r getreten war. Dann trat Wawas Urgro├čmutter entschlossen an die Theke. Die Frau des Apothekers eilte geflissentlich zu ihr, wurde aber mit einer Handbewegung entlassen. Wawa versuchte hinter einem St├Ąnder mit Fu├čpflegeprodukten unsichtbar zu werden, als sie ihre Urgro├čmutter sagen h├Ârte,
ÔÇ×Ich habe mit ihrem Mann zu sprechenÔÇť
Der Apotheker z├Ąhlte murmelnd Tropfen, die er von einer kleinen Flasche in ein braunes Glas f├╝llte. Wawa beobachtet seinen Gesichtsausdruck. Er hatte schon l├Ąngst gemerkt, welches Unheil sich zusammenbraute, versuchte aber den Eindruck zu machen, in seine Arbeit vertief zu sein. Einen Augenblick versuchte er noch weiterzuz├Ąhlen, dann hob er den Blick mit einer Mischung aus falscher Freundlichkeit und ehrlicher Abwehr. Wawa genoss sein offensichtliches Unbehagen, bestimmt hat er jetzt feuchte H├Ąnde, dachte sie h├Âhnisch. Er stellte die Flaschen langsam ab, Wawa grinste, als sie h├Ârte, wie hart das Glas trotzdem auf die Arbeitsfl├Ąche schlug. Er wischte seine H├Ąnde an einem alten K├╝chenhandtuch ab, w├Ąhrend er zur Urgro├čmutter trat. Der Apotheker blieb leicht gebeugt einen Schritt vor der Theke stehen. Er sah aus, als h├Ątte er eine Gesichtsl├Ąhmung, nur die Lippen bewegten sich, als er fragte,
ÔÇ×Was kann ich f├╝r sie tun, Exzellenz?ÔÇť
Alle sprachen Wawas Urgro├čmutter so an, das war normal. Was nicht normal war und Wawa Angst machte, war sein Blick. Er sah w├Ąhrend er sprach so hasserf├╝llt aus dem Fenster, dass Wawa sich unwillk├╝rlich umdrehte. Dort war nichts Ungew├Âhnliches zu sehen, eine Stra├čenbahn bog mit metallischem Kreischen in die absch├╝ssige Strasse, eine junge Frau rannte vorbei und zerrte einen kleinen Jungen hinter sich her. Sie versuchten wohl, es noch rechtzeitig zur Haltestelle zu schaffen.
Wawa sah wieder zum Apotheker. Ihre Urgro├čmutter sprach mit tiefer, doch schneidender Stimme Worte, die Wawa nicht h├Âren wollte. Weil sowieso keiner auf sie achtete, steckte sie schnell die Finger in die Ohren und begann zu summen. Ihr fiel grade kein anderes Lied ein als ÔÇ×Vom Himmel hoch, da komm ich her..ÔÇť, aber das war v├Âllig egal; Hauptsache die Ruhe eines Liedes.
Wawa wusste, was jetzt gesprochen wurde, sie wollte vorher schon nicht mit in die Apotheke gehen, aber ihre Urgro├čmutter meinte, sie m├╝sse mitkommen, damit sie lerne, keine Angst zu haben. Also stand sie hier mit versiegelten Ohren und beobachtete den schmalen, aber stolzen R├╝cken der Urgro├čmutter, der unbeugsam der K├Ârpermasse des Apothekers trotzte. Er war ein gro├čer Mann, mit lockigem schwarzem Haar, das wie ein Adventskranz um seine gl├Ąnzende Mitteglatze sa├č. W├Ąhrend er immer wieder den Kopf sch├╝ttelte, faltete und entfaltete er das Handtuch, das er noch immer in den H├Ąnden hielt. Vor diesen H├Ąnden hatte Wawa sich immer geekelt. Sie waren nicht nur auf den Handr├╝cken dicht behaart, selbst jeder Finger trug zwei schwarze Haarb├╝schel. Wawa dachte immer, er s├Ąhe aus wie ein Affe, der sich als Apotheker verkleidet hatte. Sie mochte ihn nicht. Dabei war er immer sehr freundlich zu ihr, strich ihr mit den widerlichen H├Ąnden ├╝ber die Wange und gab ihr Pfefferminzbonbons, w├Ąhrend er mitleidig mit dem Kopf wackelte und ÔÇ×ts,ts,ts,ÔÇŽÔÇť machte.
Jetzt war die Urgro├čmutter hergekommen, um ihn zur Rede zu stellen.

Heute, am fr├╝hen Morgen hatte Wawas Mutter sie und die Urgro├čmutter lautstark geweckt. Betrunken, mit aufgequollenem, blau geschlagenem Gesicht hatte sie sich auf das Bett der Urgro├čmutter gesetzt und unter w├╝tendem Schluchzen eine wirre Geschichte erz├Ąhlt. Dabei hielt sie immer wieder ein Taschentuch vor ihren Mund, um dann die Blutflecke darauf der erschreckten Urgro├čmutter dicht vor das Gesicht zu halten. Im morgendlichen D├Ąmmerlicht sah Wawa, dass ein Auge ihrer Mutter ganz zugeschwollen war. Ihre H├Ąnde waren schmutzig, unter den zerrissenen Str├╝mpfen sah sie die wundgesch├╝rften Knie. Wawa versuchte das Kauderwelsch aus Deutsch und Russisch zu verstehen. Ihre Mutter hatte wohl wieder mal den Apotheker in der Nacht herauszuklingeln, um Schlaftabletten zu bekommen. Was dann passierte, war leicht zu begreifen. Erst hatte der Apotheker strikt abgelehnt, ihr noch Tabletten zu geben. Als sie sich nicht abweisen lie├č, streckte er statt der Tabletten die geballte Faust durch die Nachtklappe. Weil das noch nicht reichte, die Mutter ruhig zu stellen, ├Âffnete er schlie├člich die T├╝r und verpr├╝gelte sie. Wawas Mutter wiederholte fassungslos immer wieder den Satz,
ÔÇ×Er hat es gewagt, mich zu schlagenÔÇŽ, zu schlagen, als w├Ąre ich eine NutteÔÇť
Das Wort Nutte kannte Wawa zwar, wusste aber nicht genau, was es hie├č. Das einzige, was sie wusste, war, f├╝r eine Nutte gehalten zu werden, war entsetzlich. Manchmal wurden solchen Frauen die Haare abrasiert, fr├╝her wurden sie sogar auch auf Scheiterhaufen verbrannt. Als Wawa ihre Urgro├čmutter einmal danach fragte, meinte sie nur,
ÔÇ×Das sind Frauen die man kaufen kann. Manche tun es aus Geldgier, manche aus Not - aber es ist immer widerlich.ÔÇť
Wawa fragte nicht weiter, obwohl sie nicht verstehen konnte, warum es widerlich war, etwas zu kaufen oder zu verkaufen. Nur wenn man etwas nicht bezahlte, war man ein Dieb, das wusste sie schon lange. Aber dass Kaufen auch schlecht sein konnte, war ihr neu.
Jetzt kauerte Wawas Mutter wie ein verletztes Tier auf der Bettkante und erz├Ąhlte, wie der Apotheker sie trotz ihrer Hilferufe auf der n├Ąchtlichen Strasse verpr├╝gelt hatte. Dann verschwand er wieder in seinem Gesch├Ąft, schloss die T├╝r und lie├č sie einfach dort liegen. Auf allen Vieren ist sie erst ein St├╝ck gekrochen, bis sie wieder die Kraft hatte, sich aufzurichten und Nachhause zu wanken.
Wawa standen die Tr├Ąnen in den Augen, nicht aus Mitgef├╝hl, sondern weil der Wall der Unantastbarkeit den ihre Urgro├čmutter immer um sie alle aufbaut hatte, zertr├╝mmert war. Die Vornehmheit der alten Exzellenz war f├╝r Wawa immer ein unbezwingbarer Schutz vor allen denkbaren Angriffen gewesen. Jetzt sa├č ihre Mutter hier, blutig, schmutzig und gedem├╝tigt. Wawas Wut richtete sich gegen ihre Mutter, ihr Hass gegen den Apotheker. W├╝tend war sie, weil sie genau sp├╝rte, dass die Mutter den sorgsam gehegten Damm mutwillig ├╝berbeansprucht hatte. Den Apotheker h├Ątte Wawa ohne zu z├Âgern sofort get├Âtet, einmal damit niemand etwas von ihrer pl├Âtzlichen Schutzlosigkeit erfuhr, zum anderen, weil niemand es wagen durfte, ihre Mutter zu schlagen.
Sp├Ąter, nachdem die Urgro├čmutter sich erst aufgeregt, dann gefr├╝hst├╝ckt und sich mit viel schwarzem Tee in die richtige Stimmung versetzt hatte, war sie schlie├člich mit Wawa an der Hand zur Apotheke aufgebrochen.
Jetzt stand die alte Dame furchtlos dem Mann gegen├╝ber, der das h├╝bsche Antlitz von Wawas Mutter zu etwas Rotblaugrauem verwandelt hatte, etwas das Wawa an einen Kopf aus Plastilin erinnerte, nachdem sie einen Finger hineingedr├╝ckt hatte.
Wawa Finger steckten fest in den Ohren, sie wollte auch nicht mehr zusehen, wie das Gesicht des Apothekers langsam zornesrot wurde. Inzwischen faltete er das Handtuch nicht mehr, sondern wischte damit heftig die Glasplatte der Theke ab. Er sprach aber offenbar trotz seiner Wut mit leiser Stimme, Wawa konnte nur ein Murmeln vernehmen, als sie sich abwandte und zum Fenster ging, um hinauszusehen. Jetzt, am Vormittag, belebte sich die Strasse, Frauen mit Einkaufstaschen oder Kinderwagen waren jetzt eilig unterwegs und versuchten ungeduldig, die m├╝├čigen Rentner auf dem schmalen B├╝rgersteig zu ├╝berholen.
Wawa beobachtete eine elegante alte Dame in einem hellgrauen Schneiderkost├╝m mit passendem Sommerhut, sie blieb vor der Apotheke stehen, um die Strasse zu ├╝berqueren. Sie betrat die Fahrbahn vorsichtig, sie ging sehr langsam und st├╝tzte sich schwer auf eine Kr├╝cke. Als die alte Frau sich den Stra├čenbahnschienen n├Ąherte, ert├Ânte ein gellendes Gebimmel, was nicht mehr aufh├Âren wollte. Wawa sah die Stra├čenbahn kommen, der Fahrer schien sein Tempo nicht zu verlangsamen, sondern nur zu klingeln, damit die Frau stehen blieb. Die alte Dame sah kurz zur Bahn hin, setzte aber ihren Weg unbeirrt fort. Jetzt kam zu dem Gebimmel das Kreischen der Bremsen hinzu. Wawa sah atemlos wie die Stra├čenbahn mit Funken spr├╝henden R├Ądern immer n├Ąher kam. Als wolle sie den Bahnfahrer provozieren, blieb die Frau mitten auf den Gleisen stehen. Die Bahn kam kaum einen Meter vor ihr zum Stillstand. W├Ąhrend der Fahrer sich aus dem Fenster beugte und mit drohend geballter Faust zu ihr hinab schrie, ging sie ohne ihn zu beachten auf die andere Stra├čenseite. Wawa war so aufgeregt, dass sie sogar die Finger aus den Ohren genommen hatte, ohne es zu merken. Als sie sich aufgeregt umdrehte, um alles ihrer Urgro├čmutter zu erz├Ąhlen, sah sie erstaunt, wie diese vom Apotheker und seiner Frau h├Âflich begleitet auf die T├╝r zusteuerte. Wawa sah an ihrem Gesicht, dass sie gewonnen hatte. Gl├╝cklich lief sie zu ihr, dr├Ąngte den Apotheker beiseite und zog sie aus der T├╝r, um ihr alles zu berichten. Als sie das Gesch├Ąft verlie├čen, machte der Apotheker eine tiefe Verbeugung.

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Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 17
Kommentare: 1142
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Hallo Kyra,

ich lese es heute Abend noch ...

Wawa und der Hund, fand ich nicht so schlimm ... normale Entwicklung eines Kindes, oder?! Wollt ich nur noch schnell gesagt haben.

liebe Gr├╝├če
Rene├Ę

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