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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Augenblick
Eingestellt am 18. 05. 2010 22:33


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drama
Autorenanw├Ąrter
Registriert: May 2010

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Zwei Elemente. Beide zum Leben ben├Âtigt. Luft und Wasser. Nur verschiedene Stoffzusammensetzungen. Lebenswichtig.
Ich atmete tief durch die Nase ein und durch den Mund aus. Es bildeten sich Luftblasen im Wasser, die rasch an die Oberfl├Ąche traten.
Hatte ich das gerade zum letzten mal in meinem Leben getan? Ich wiederholte es gleich noch einmal.
Meine Lilli hatte es oft gemacht und sich dabei fast verschluckt - meine kleine, s├╝├če Lilli.
Tropf, tropf, tropf, tropf.
Ich beobachtete gedankenverloren, wie sich das fl├╝ssige Element wieder und wieder zu einem Tropfen formte und sich vom Wasserhahn l├Âste. Das grellwei├če Licht fiel auf meine Haut und lies sie noch fahler erscheinen, als sie schon war. Eine der R├Âhren flackerte und gab regelm├Ą├čig ein Knacken von sich.
Knack, knack, knack, knack.
Doch ich h├Ârte haupts├Ąchlich meinen eigenen schweren Atem unter Wasser. Wasser.
Die letzten Atemz├╝ge.

Es war ein Sonntagnachmittag gewesen. Ich hatte mit Lilli einen ausgedehnten Spaziergang durch die Felder in der N├Ąhe unseres Hauses gemacht. Es war ein sch├Âner Tag, f├╝r April recht warm und die Sonne brach immer wieder durch die Wolken. Lilli spielte ein St├╝ck weiter im hohen Gras, w├Ąhrend ich las. Sie sang - leise und hoch. Ich schloss kurz die Augen und lauschte ihrer Melodie.
Ein st├Ârender Ton erklang - mein Handy. Entnervt ging ich ran. Workaholic.
\"Ja, Sean Anderson am Apparat.\"
Kurze Stille, erf├╝llt mit dem Lied der Kleinen.
\"Mr. Anderson?! Hier Penelope. Vor Haust├╝r steht zwei Polizeim├Ąnner und wollen sie sehen. Sie kommen?\"
Ich stockte.
\"Ja, sicher, ich komme. Bis gleich.\"
Die Gedanken kreisten auf dem Weg zum Haus unaufh├Ârlich. Das letzte mal, dass ich mit der Polizei auf diese Weise in Kontakt getreten war, war bei dem Tod meiner Frau Stella gewesen, oder vielmehr bei ihrem Verschwinden vor drei Jahren. Da war Lilli vier gewesen. Wir schafften den R├╝ckweg in der H├Ąlfte der Zeit. Das war ein Fehler gewesen, den ich sp├Ąter sehr, sehr bereut hatte.
Es ging furchtbar schnell und Lillis Tr├Ąnen kamen in der folgenden Nacht noch in meinen Tr├Ąumen vor. Sie nahmen mich mit, verh├Ârten mich scheinbar stunden-, tage-, wochenlang, sperrten mich ein. Nichts davon machte mir zu schaffen. Nur was sie mir mitteilten rotierte, zischte und schrie Tag und Nacht in meinem Kopf - ein Gef├╝hl, wie tausend Glassplitter darin. Stella, gesch├Ąndet und tot in einem nahe gelegenen Waldst├╝ck. Gebrochene Knochen, W├╝rgespuren, 36 Messerstiche. Es klang fast nach einem Klischee. Was hat sie nur durchmachen m├╝ssen - drei Jahre lang? Ich h├Ątte sie retten m├╝ssen.
Sie hatten mich beschuldigt. Mein Alibi war miserabel gewesen und es hatte falsche Zeugenaussagen gegeben. Anf├Ąnglich hatte mich das alles gar nicht interessiert, bis ich merkte, dass sich die Augen der Polizisten mit immer mehr Abscheu f├╝llten und meine Hoffnung nach Hause zu Lilli zu kommen, rapide schwand. Ich stand pl├Âtzlich vor einem Berg, ohne jegliche M├Âglichkeit ihn zu besteigen.
Die Tage in der Zelle, sowie die Prozesse kamen und gingen. Ich zerfiel langsam. Ein Gro├čteil von mir war bei Lilli, ein anderer Teil bei meiner verstorbenen Frau und der kl├Ągliche Rest kauerte zwischen den nasskalten Steinen der Gef├Ąngniszelle. Ich war ein Wrack. Das Wrack verlor die Prozesse und wurde zur Todesstrafe verurteilt. Elektrischer Stuhl. Nicht gerade un├╝blich f├╝r Nebraska.

Das Wasser war fast kalt, aber das st├Ârte mich nicht. Wahrscheinlich dauerte es kaum mehr eine Stunde bis zu meiner Hinrichtung.
Sicher, ich hatte Angst. Ich geh├Ârte leider nicht zu den Menschen, die den Tod als Teil des Lebens ansahen. Doch ich hatte auch Angst gehabt, als ich als kleines Kind verloren gegangen war. Ich hatte Angst gehabt, als ich unerlaubt einen Horrorfilm gesehen und an eine Alieninvasion geglaubt hatte. Ich hatte mit siebzehn Angst gehabt, als mein Vater an Darmkrebs gestorben war. Ich hatte schmerzhafte Angst gehabt, als Stellas Blutungen bei der Geburt unserer Tochter zu stark wurden. Und ich hatte Angst gehabt, als ich Lillis tr├Ąnen├╝berstr├Âmtes Gesicht zum letzten mal gek├╝sst hatte, bevor ich aufs Revier gefahren war. Angst ich ein Teil des Lebens, soviel begriff ich wenigstens.
Es ist wahr, dachte ich. Es ist wirklich wahr, dass man in einem solchen Moment, kurz bevor man von der Klippe springt, ob man geschubst wird oder nicht, sein restliches Leben anders wahr nimmt. Ich wusste, ich hatte viele Fehler in meinem Leben gemacht. Einer der gr├Â├čten war wahrscheinlich Stella nicht gefunden zu haben. Nur muss man diese wohl als Teil seiner selbst akzeptieren. H├Ątte ich damals nicht den Fehler gemacht und den Bus verpasst, w├Ąre ich Stella wohlm├Âglich nie ├╝ber den Weg gelaufen. Ihr L├Ącheln hatte mir jedes mal den Atem geraubt.
Ein W├Ąrter schlug drei mal kr├Ąftig gegen die Eisent├╝r - unn├Âtig kr├Ąftig. Der Klang hallte nach - in all meinen Gliedma├čen. Die Erinnerung an die Zeit schmerzte physisch.
\"Ich komme sofort.\"
Die Angst lie├č mein Herz wild pochen und sobald meine Ohren wieder unter Wasser waren, konnte ich dieses Lebenszeichen Schlag f├╝r Schlag verfolgen.
Poch, poch, poch, poch.
Tropf, tropf, tropf, tropf.
Knack, knack, knack, knack.
Ich stieg langsam aus der Wanne - wie in Trance. Ich zog meinen Anzug an. Festlich. Ich hatte nicht den Mut einen Blick in den Spiegel zu werfen, obwohl ich doch unschuldig war. W├Ąre ich gl├Ąubig gewesen, h├Ątte ich jetzt gedacht: \" Gott will es so.\" W├╝rde ein Gott es so wollen?
Ich schlug drei mal mindestens so kr├Ąftig gegen die T├╝r. Warum? Vielleicht, um mich selbst noch einmal zu sp├╝ren. Ich wusste es nicht.
Die T├╝r wurde ge├Âffnet, Handschellen wurden mir angelegt und ich wurde den Flur hinunter gef├╝hrt.
Jeder hallende Schritt nahm eine Sekunde in Anspruch und mit jeder Sekunde, kam mir die n├Ąchste noch langsamer vor. Im gleichen Takt fiel die Angst von mir ab, sowie das Leben aus mir wich. Es ist nicht nur das Physische, der K├Ârper, der das Leben darstellt. Ich starbt bereits auf den letzten drei├čig Metern zu Exekution.
Links und rechts flankierten meinen Weg die anderen Insassen„ in Andacht still schweigend an den Gitterst├Ąben.
Dort gab es Calvin, ein knallharter Farbiger aus dem Ghetto, der jemanden, bei dem Versuch seinen besten Freund zu retten, erschossen hatte. Seine dunklen Augen sahen mich so tiefgr├╝ndig an, wie noch nie jemand.
Da war auch Ramon, ein ├Ąlterer Herr - liebensw├╝rdig, zuvorkommend, zur├╝ckhaltend. Vergewaltiger und M├Ârder. Er schien in Trauer kaum merklich den Kopf zu sch├╝tteln.
Ein St├╝ck weiter stand Lucy, eine zierliche Rothaarige, die eine Bank ├╝berfallen und bei der Flucht einen Polizisten erschossen hatte. Ich vernahm, dass sie beim atmen zitterte.
Ein guter Gespr├Ąchspartner war mir bei der Haft David gewesen - ein Mann aus meiner Schicht, meines Alters, meines Intellekts. David war ein Kindersch├Ąnder. Er sah mich nur starr und mit glasigen Augen an.
Alles Paradebeispiele, alles Klischees, genau, wie ich. Wir sind alle nur ein Teil eines Kollektivs, reduziert auf die Straftat.
Die Luft in der K├Ąlte des grauen Geb├Ąudes wurde von einer W├Ąrme des Mitgef├╝hls erf├╝llt. Luft.
Mir fiel in diesem bedeutsamen Moment ein Zitat von John Steinbeck ein:
\'Mir scheint, dass wir bei Entscheidungen an unser Sterben denken sollten und versuchen so zu leben, dass unser Tod der Welt kein Vergn├╝gen macht.\'
Ich wusste nicht, ob ich letztendlich f├╝r die Welt einen Verlust bedeutete. Ich wusste, dass die Welt einen Verlust f├╝r mich darstellte. Doch nicht die meine, sondern die kleine Welt einer viel bedeutsameren Person als ich. Ich betete voller ├ťberzeugung daf├╝r, dass Lillis zerbrechliches Herz, ihre Welt, durch den Tod von Mutter und Vater nicht zu Zerbrechen, zu Einsturz, gebracht wurde.
Mir war pl├Âtzlich, als w├╝rde mich ihr leiser Gesang, wie aus weiter Ferne, begleiten. Ihre s├╝├če Stimme f├╝hrte mich auch die letzten Meter zum elektrischen Stuhl.
Ein solcher wurde 1889 erstmals in den USA an einem Menschen zum Einsatz gebracht, erfunden f├╝r eine \"menschliche und bequeme\" Art der Hinrichtung. Es flossen hierbei zweimalig zweitausend Volt durch den K├Ârper und dieser erhitzte sich auf ├╝ber neunundf├╝nfzig Grad Celsius. Der Tod trat durch eine Depolarisation wichtiger Muskeln, wie Herz und Zwerchfell, sowie das Stocken von Eiwei├čen, ein, w├Ąhrend der Verurteile unkontrolliert krampft. Theoretisch, denn es gab Zahlreiche Berichte dar├╝ber, dass der K├Ârper der Verurteilten zu brennen begann oder Transformatoren ├╝berhitzten, sodass die Exekution unterbrochen werden musste.
Ich betrat den Raum. Ich wurde auf den Stuhl gesetzt und mir wurden die Fesseln angelegt. Gegen├╝ber, hinter einer Glasscheibe von dem Tod abgetrennt, sa├čen die \"Zuschauer\". Ich sah sie nicht an. Da h├Ątte ich auch in mein eigenes Spiegelbild blicken k├Ânnen. Der Mensch war schlecht. Ich w├╝rde nun von diesem ├ťbel befreit werden.
Ein W├Ąrter trat vor mich. Er besa├č sch├╝tteres graues Haar, eine rundliche Statur und braun gr├╝ne Augen, die mit aller Kraft versuchten kalt und distanziert zu wirken.
Hatte er Kinder? Eine Familie? War das seine erste Exekution? Oder seine zehnte?
\"Stufe eins.\"
Die Ger├Ąte wurden angeschaltet und begannen leise zu summen.
Was Lilli wohl gerade machte? Ich war mir sicher, sie sang - f├╝r mich.
Mir wurde eine Elektrode am Kopf und am nackten Bein befestigt. Meine Augen wurden verbunden, allerdings nicht, wie oft behauptet, um das Austreten der Aug├Ąpfel aus den Augenh├Âhlen zu verhindern, sondern eher um den Zeugen den Anblick der von Schmerzen aufgerissenen Augen zu ersparen. Schwarz.
\"Sean Anderson, sie wurden von einem geschworenen Gericht f├╝r schuldig befunden und von einem Richter dieses Staates zum Tod durch den elektrischen Stuhl verurteilt. Haben sie vor der Urteilsvollstreckung noch etwas zu sagen?\"
Ich hatte viel zu sagen, so viel, so viel. Meine Stimme erhob sich von ganz allein und kam mir fremd vor, als w├╝rde sie nicht zu mir geh├Âren.
Ich sprach in die Dunkelheit: \"Manchmal geschieht es, dass sich ein Augenblick nieder l├Ąsst, und schwebt und bleibt, f├╝r l├Ąnger, als einen Augenblick. Und der Schall h├Ąlt inne, f├╝r sehr viel l├Ąnger, als einen Augenblick. Und dann ist der Augenblick vorbei.\"
Stille.
Die Sekunden rasten. Ich konnte sie h├Âren.
\"Sean Anderson, es wird nun durch ihren K├Ârper so lange Strom flie├čen, bis sie tot sind. So will es das Gesetz. M├Âge Gott ihrer Seele gn├Ądig sein.\"
Es war wieder ein wundersch├Âner Sonntagnachmittag, die Sonne schien, Lilli sang und ich hatte mein Handy zu Hause vergessen - einen Fehler begangen.
Was w├Ąre dann passiert?
Poch, poch, poch, poch.
\"Stufe zwei.\"

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