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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Ausländer
Eingestellt am 22. 05. 2015 20:52


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Ji Rina
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Das Dorf lag tief im Süden Spaniens, eingebettet zwischen Hügeln und dem Meer. Eine Kirche und vierzig, fünfzig Häuser, umgeben von gelbbraunen Feldern. Eine einsame Landstraße, auf der nur selten ein Auto fuhr. Hin und wieder ein Bauer bei der Arbeit auf dem Feld oder eine schwarz gekleidete Frau, die trotz der glühenden Hitze ein Kopftuch trug.
Die Sonne stand hoch am Himmel, als eine Gestalt um drei Uhr nachmittags den einsamen Dorfplatz überquerte. Sie bog in eine Gasse und verschwand in dem einzigen Geschäft.
Als die Inhaberin des Ladens den Fremden hereinkommen sah, blickte sie neugierig hoch. Ausländer gab es hier selten. Er grüßte, hob dabei kurz die Hand, und blieb neben einem der hinteren Regale stehen.
Als er kurz darauf zu ihr kam, um zu bezahlen, fixierte sie ihn mit ihrem Blick. Sie nahm den Geldschein entgegen und öffnete die Kasse. In diesem Moment erkannte sie ihn. Ein zweiter Blick in seine Augen ließ sie kurz zusammenzucken und erschaudern. Er grüßte sie noch einmal, murmelte ein paar Worte, die sie nicht verstand, drehte sich dabei um und verließ den Laden. Als sie kurz darauf zur Tür hastete, um zu sehen, in welche Richtung er gegangen war, hatte er das Ende der Straße bereits erreicht. Sie sah ihn noch am Brunnen vor der Kirche vorbeigehen, sah noch seinen Rucksack, den er lässig über der Schulter trug, bis er hinter der Kirche verschwand. Hastig verschloss sie die Tür mit dem Schlüssel und rannte nach hinten zu ihrem Baby. Das Baby schlief ruhig atmend in seinem Bettchen.

Er muss es sein, dachte sie. Er muss es sein.

Nie hatte sie sein Bild vergessen können. Diese braunen Augen, diese schmalen, zu einer geraden Linie gezogenen Lippen. Nie diesen Blick … diesen seltsam leeren Blick.

Er war es. Jetzt war sie sich sicher.

Zitternd drückte sie das Baby an ihre Brust und spürte ihren eigenen Herzschlag. Sie überlegte, was zu tun sei, und wickelte das Baby in ein Deckchen. Dann lief sie hinaus auf die Straße, huschte durch die Gassen, am Rathaus vorbei, bis zur Dorfpolizei.

Als sie vor dem Comandante saß, versuchte sie, sich zu beruhigen, und nahm ihren ganzen Mut zusammen. Sie hielt das Baby, wippte es sanft auf ihrem Schoß.
»Können Sie sich noch daran erinnern?«
»Natürlich erinnere ich mich. So etwas vergisst man nicht«, sagte der Comandante ernst und wunderte sich über diesen Besuch.
»Er war in meinem Laden«, sagte sie mit einer Stimme, die ihr so fremd vorkam, als ob es nicht ihre wäre.
Der Comandante blickte hoch und sah sie scharf an. Hundert Gedanken schossen durch seinen Kopf, aber er sah sie nur scharf an.
»Er hat ein paar Sachen gekauft …«, sagte sie, fast im Flüsterton, »das Übliche, was man so kauft … Brot und Schinken, ein Stück Käse … Eine Flasche Bier.«
»Wann war das?«, wollte er wissen.
»Gerade eben. Vor einer halben Stunde.«
»Und Sie sind sicher, dass er es ist?«
»Er war es«, sagte sie entschlossen. »Der Ausländer auf dem Bild in der Zeitung.«
Der Comandante sah sie prüfend an.
»War er zu Fuß?«
»Ja. Er war zu Fuß.«

Mehr brauchte der Comandante nicht. Plötzlich hatte er es eilig. Er stand von seinem Stuhl auf und riet ihr, nach Hause zu gehen. Er sagte, sie solle sich ganz ruhig verhalten und mit niemandem darüber sprechen.
»Ich werde Ihnen morgen oder übermorgen einen Besuch abstatten«, sagte er. »Gehen Sie jetzt und tun Sie so, als seien Sie nie hier gewesen.« Dann rief er den Sargento und begleitete sie bis an die Tür.
Als sie ihr Haus betrat, war Manuel, ihr Schwager, schon von der Arbeit zurück.
»Manuel!«, rief sie, noch während sie zur Tür hereinkam.
»Erinnerst du dich noch – vor drei Jahren? Da hatte ein Fremder einen achtjährigen Jungen in den Hügeln von Santa Piedra missbraucht und getötet. Erinnerst du dich?«
»Natürlich erinnere ich mich. Es stand in der Zeitung. Es war ein Ausländer, der auf einem der Hügel in einem Zelt lebte, und der Junge ging immer zu ihm rauf, um dort zu spielen. Einige Bauern hatten sie sogar ein paar Mal zusammen gesehen.«
»Ja«, sagte sie. »Und als man den Jungen tot auffand, da war der Fremde plötzlich weg. Verschwunden. Nirgends mehr auffindbar. Weißt du das noch?«

Der Comandante und fünf seiner Männer trafen in drei Polizeiautos auf dem Campingplatz ein. Die Sonne war jetzt eine rote Kugel, dicht über dem Horizont. Auf dem Campingplatz standen nur zwei Wohnwagen. Zwei Kinder spielten mit Eimern und Schaufeln im Sand. Als die Polizeiautos an ihnen vorbeifuhren, hoben sie die Köpfe und verfolgten sie mit ausdruckslosem Blick. Sonst war niemand zu sehen.
Der Mann, den sie suchten, stand gerade vor seinem Zelt. Er hatte schon zu Abend gegessen und wollte sich gerade auf seine Hängematte legen. Als er die drei Wagen der Guardia civil auf sich zukommen sah, blieb er regungslos stehen. Er bewegte sich auch nicht, als sie zu sechst ausstiegen.
Der Comandante fragte ihn nach seinem Namen, fragte ihn, woher er käme, und verlangte nach seinem Pass, während die anderen Polizisten sein Zelt durchsuchten.
Dann legten sie ihm die Handschellen an.
Mit leerem Blick, ließ er sich vorwärts und in einen der Polizeiwagen drängen. Seine paar Habseligkeiten, der Rucksack, die Hängematte und das Zelt, blieben zurück. Die Kinder hatten aufgehört zu spielen. Sie standen jetzt am Rande des Weges und blickten dem Mann in die Augen, der hinten zwischen zwei Polizisten in dem vorbeifahrenden Auto saß. Noch eine Stunde zuvor hatten sie mit ihm gesprochen. Hatten sich von ihm die Muscheln zeigen lassen, die er vom Strand mitgebracht hatte.

Während der Fahrt sagte er nichts. Er blickte seitlich zum Meer, wo die Sonne jetzt langsam untertauchte. Ein weiterer Tag seines bedeutungslosen Lebens ging zu Ende. Es gab nur eins, das ihn wirklich wunderte: Man hatte ihn viel zu schnell gefunden. Viel zu schnell geholt. Das Bild hatte sich plötzlich gewendet. Jetzt hatten sie ihn. Er, das Monster, der Abschaum der Menschheit. Das war, was er dachte. Aber dass es so schnell geschehen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Er wollte noch einmal auf den Hügel, er wollte noch einmal dorthin, an diese Stelle, an der er damals einen Teil seiner Selbst verloren hatte. Er wollte noch einmal in diese Gegend, um das Geschehene zu verstehen. Aber dazu war jetzt keine Zeit mehr. Das Schicksal hatte ihm einen Streich gespielt.

Im Gefängnis von Santa Lucia steckte man ihn in einen Kerker. Ein feuchtes, kühles Loch, drei Meter unterhalb der Erde. Man befahl ihm, über eine kleine Leiter hinabzusteigen und verriegelte von oben die Gittertür. Kein Stuhl, kein Tisch, kein Bett. Das Einzige, was er dort unten sah, war eine an der Decke hängende Glühbirne.

Drei Tage lang hockte er dort auf den feuchten Steinen, abwartend und den Blick starr auf die Leiter gerichtet. Es gab nicht viel, worüber er nachdachte. Man hatte ihm noch nichts gesagt, noch keine Anklage erhoben. Als Erstes müsste man ihm wohl einen Rechtsanwalt bringen. Es müsste jemand sein, der seine Sprache sprach. Früher oder später würde wohl ein Prozess stattfinden. Man könnte ihn auch ausweisen und der Polizei seines Landes übergeben. Eines war er sich sicher: Er würde den Rest seines Lebens in einem Gefängnis verbringen. Das war alles, was er dachte.

In der dritten Nacht marschierten fünf Polizisten der Guardia civil den dunklen Gang entlang. Sie entsicherten die Gittertür und befahlen ihm hochzusteigen. Er erklomm die ersten Stufen, hielt kurz inne und blickte verunsichert um sich. Als er schon fast oben war, erreichte ihn der erste Schlag im Nacken. Zwei Paar Hände zogen ihn hinauf, als ihn ein zweiter Schlag mitten ins Gesicht traf. Er schrie nicht auf, fiel nur auf die Knie und tat nichts, um sich zu wehren. Es folgte ein Schlag nach dem anderen, mal mit einer Faust, mal mit einem Gegenstand. Und als er keuchend zusammensackte, spuckte er Blut und Zähne aus. Er merkte kaum noch den Unterschied zwischen dem Stiefeltritt gegen seine Schläfe und dem Schlag der Eisenstange auf seinem Kopf. Als er endgültig zusammenbrach, spritzte ihm Blut aus Mund, Ohren und Nase.

Sieben Minuten später war er tot.

Man begrub ihn dreihundert Kilometer weiter südlich auf dem Friedhof eines winzig kleinen Dorfes.
Sein Grab blieb namenlos.




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Ciconia
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Hallo Ji Rina,

diese Geschichte lässt mich ziemlich ratlos zurück, und auch ein zweites Lesen hat mich nicht weitergebracht.

quote:
Nie hatte sie sein Bild vergessen können. Diese braunen Augen, diese schmalen, zu einer geraden Linie gezogenen Lippen. Nie diesen Blick … diesen seltsam leeren Blick.
Die Frau erkennt einen Mann wieder, sie erkennt sogar seinen Rucksack – woher kennt sie ihn? Nur aus einem Zeitungsbericht?

Der beschriebene Landstrich ist offensichtlich ein rechtsfreier Raum: Man sperrt einen Verdächtigen drei Tage lang in ein menschenunwürdiges Kerkerloch, man verhört ihn nicht, denn er spricht gar nicht ihre Sprache, und irgendwann prügelt man ihn zu Tode und verscharrt ihn ganz einfach. In welchem Jahrhundert siedelst Du denn diese Geschichte an? Zu Zeiten der Diktatur? Dann solltest Du einen Hinweis darauf geben. Allerdings sprechen der Campingplatz und die Wohnwagen eher für moderne Zeiten.

Vieles in dieser Geschichte erscheint mir zu vage und unklar, z. B. hier
quote:
Als die Frau den Fremden hereinkommen sah
Das klingt nach einer bestimmten Frau, bisher war von ihr aber noch nicht die Rede.

Einige kleine Verbesserungsvorschläge:
quote:
Eine vereinsamte Landstraße
Eine Landstraße kann einsam sein, aber nicht vereinsamt, denn dieses Adjektiv kann man nur bei Personen verwenden.
quote:
Hin und wieder ein Bauer bei der Arbeit auf dem Land
Hier würde ich „auf dem Land“ entweder ganz weglassen oder durch „auf dem Feld“ ersetzen.
quote:
Hundert Gedanken schossen blitzschnell durch seinen Kopf
"Blitzschnell“ ist neben "schossen" entbehrlich.

Gruß Ciconia



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Ji Rina
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Hallo Ciconia!
Erstmal ein grosses Dankeschön fürs Lesen und das Du Dir die Zeit genommen hast!
Zu Deinen Anmerkungen:
Ja, die Frau erkennt den Mann vom Bild in der Zeitung wieder (Sie erkennt seine Augen, seinen Blick, seinen schmalen Mund) das Bild hat sie sich jahrelang eingeprägt, weil in dieser Gegend, Morde, gar Kindermorde noch nie vorgekommen sind. Ich denke, dass so etwas schonmal vorgekommen ist, dass man aufgrund eines Fotos in einer Zeitung, oder einer Aufnahme im Fernsehen, jemanden erkennt.
Den Rucksack “erkennt” sie nicht, sondern sieht ihn noch auf der Schulter des Mannes, während er hinter der Kirche verschwindet (Ich hab es verbessert, leider ist meine Muttersprache nicht Deutsch, sondern Spanisch. Höre Deutsch leider nur im TV.) .

Dies ist eine völlig reale Geschichte aus dem Jahre 1983. Franco war schon viele Jahre tot. Also keine Diktatur. Wohnwagen und Campingplätze gab es in Spanien bereits in den fünfzigern, zu Dikaturzeiten. Cuba und China haben auch Campings und Wohnwagen.

“Als die Frau den Fremden hereinkommen sah”
Eigentlich versteht sich aus der nächsten Zeile, dass die Ladensfrau gemeint ist, aber ich habs deutlicher gemacht.

“vereinsamte Landstrasse”, habe ich in “einsame Landstrasse” umgeändert. Diesen Unterschied kannte ich nicht.
“Arbeit auf dem Land”, hab ich Deiner Anemrkung nach in “Arbeit auf dem Feld” umgeschrieben.
Blitzschnell: Ist überflüssig. Da hast Du recht. Habs gestrichen. Mehr als Hunderte von Euro in deutsche Lektorinnen auszugeben, kann ich auch nicht (grinserle).

Man hätte diese Geschichte sicherlich auch anders schreiben können. Aber ich mache gerne Experimente mit dem “Minimum”.

Nochmal ganz herzlichen Dank für Deine Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge! Vielleicht ist es jetzt verständlicher.
Mit Gruss,
Ji

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DocSchneider
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Hallo Ji Rina,

ein paar Anmerkungen in blau zu Deinem Text:



1983 Warum die Jahresangabe?
Das Dorf lag tief im Süden Spaniens, eingebettet zwischen Hügeln und dem Meer. Eine Kirche und vierzig, fünfzig Häuser, umgeben von gelbbraunen Feldern. Eine einsame Landstraße, auf der nur selten ein Auto fuhr. Hin und wieder ein Bauer bei der Arbeit auf dem Feld oder eine schwarz gekleidete Frau, die trotz der glühenden Hitze ihr Gesicht bis auf die Augen mit einem Kopftuch verdeckte. Was meinst Du hier? Die Frau zog das Kopftuch bis über die Augen, um sich vor der Sonne zu schützen? Im Moment hört es sich missverständlich an, so als zöge sie das Kopftuch über das ganze Gesicht und spart nur die Augen aus. Ist eher eine Burka. ;-)
Die Sonne stand hoch am Himmel, als eine Gestalt um drei Uhr nachmittags den einsamen Dorfplatz überquerte. Sie bog in eine Gasse und verschwand in dem einzigen Geschäft.
Als die Inhaberin des Geschäfts den Fremden hereinkommen sah, blickte sie neugierig hoch. Ausländer Fremd ist nicht gleich Ausländer! gab es hier selten. Er grüßte, hob dabei kurz die Hand, und blieb neben einem der hinteren Regale stehen.
Als er kurz darauf zu ihr kam, um zu bezahlen, fixierte sie ihn mit ihrem Blick. Sie nahm den Geldschein entgegen und öffnete die Kasse. Und in dem Moment muss es gewesen sein: Sie hatte ihn erkannt. Besser: In diesem Moment erkannte sie ihn. Ein zweiter Blick in seine Augen ließ sie kurz zusammenzucken und erschaudern. Er grüßte sie noch einmal, murmelte ein paar Worte, die sie nicht verstand, drehte sich dabei um und verließ den Laden. Als sie kurz darauf zur Tür hastete, um zu sehen, in welche Richtung er gegangen war, hatte er das Ende der Straße bereits erreicht. Sie sah ihn noch am Brunnen vor der Kirche vorbeigehen, sah noch seinen Rucksack, den er lässig über der Schulter trug, bis er hinter der Kirche verschwand. Hastig verschloss sie die Tür mit dem Schlüssel und rannte nach hinten zu ihrem Baby. Das Baby schlief ruhig atmend in seinem Bettchen.

Er muss es sein, dachte sie. Er muss es sein.

Nie hatte sie sein Bild vergessen können. Diese braunen Augen, diese schmalen, zu einer geraden Linie gezogenen Lippen. Nie diesen Blick … diesen seltsam leeren Blick.

Er war es. Jetzt war sie sich sicher.

Zitternd drückte sie das Baby an ihre Brust und spürte ihren eigenen Herzschlag. Sie überlegte, was zu tun sei, und wickelte das Baby in ein Deckchen. Dann lief sie hinaus auf die Straße, huschte durch die Gassen, noch am Rathaus vorbei, bis zur Dorfpolizei.

Als sie vor dem Comandante saß, versuchte sie, sich zu beruhigen, und nahm ihren ganzen Mut zusammen. Sie hielt das Baby, wippte es sanft auf ihrem Schoß.
»Können Sie sich noch daran erinnern?«
»Natürlich erinnere ich mich. So etwas vergisst man nicht«, sagte der Comandante ernst und wunderte sich über diesen Besuch.
»Er war in meinem Laden«, sagte sie mit einer Stimme, die ihr so fremd vorkam, als ob es nicht ihre wäre.
Der Comandante blickte hoch und sah sie scharf an. Hundert Gedanken schossen durch seinen Kopf, aber er sah sie nur scharf an.
»Er hat ein paar Sachen gekauft …«, sagte sie, fast im Flüsterton, »das Übliche, was man so kauft … Brot und Schinken, ein Stück Käse … Eine Flasche Bier.«
»Wann war das?«, wollte er wissen.
»Gerade eben. Vor einer halben Stunde.«
»Und Sie sind sicher, dass er es ist?«
»Er war es«, sagte sie entschlossen. »Der Ausländer auf dem Bild in der Zeitung.«
Der Comandante sah sie prüfend an.
»War er zu Fuß?«
»Ja. Er war zu Fuß.«

Mehr brauchte der Comandante nicht. Plötzlich hatte er es eilig. Er stand von seinem Stuhl auf und riet ihr, nach Hause zu gehen. Er sagte, sie solle sich ganz ruhig verhalten und mit niemandem darüber sprechen.
»Ich werde Ihnen morgen oder übermorgen einen Besuch abstatten«, sagte er. »Gehen Sie jetzt und tun Sie so, als seien Sie nie hier gewesen.« Dann rief er den Sargento und begleitete sie bis an die Tür.
Als sie ihr Haus betrat, war Manuel, ihr Schwager, schon von der Arbeit zurück.
»Manuel!«, rief sie, noch während sie zur Tür hereinkam.
»Erinnerst du dich noch – vor drei Jahren? Da hatte ein Fremder einen achtjährigen Jungen in den Hügeln von Santa Piedra missbraucht und getötet. Erinnerst du dich?«
»Natürlich erinnere ich mich. Es stand in der Zeitung. Es war ein Ausländer, der auf einem der Hügel in einem Zelt lebte, und der Junge ging immer zu ihm rauf, um dort zu spielen. Einige Bauern hatten sie sogar ein paar Mal zusammen gesehen.«
»Ja«, sagte sie. »Und als man den Jungen tot auffand, da war der Fremde plötzlich weg. Verschwunden. Nirgends mehr auffindbar. Weißt du das noch?«

Der Comandante und fünf seiner Männer trafen in drei Polizeiautos auf dem Campingplatz ein. Die Sonne war jetzt eine rote Kugel, dicht über dem Horizont. Auf dem Campingplatz standen nur zwei Wohnwagen. Zwei Kinder spielten mit Eimern und Schaufeln im Sand. Als die Polizeiautos an ihnen vorbeifuhren, hoben sie die Köpfe und verfolgten sie mit ausdruckslosem wieso? Kinder reagieren eigentlich anders auf Polizeiautos Blick. Sonst war niemand zu sehen.
Der Mann, den sie suchten, stand gerade vor seinem Zelt. Er hatte schon zu Abend gegessen und wollte sich gerade auf seine Hängematte legen. Als er die drei Wagen der Guardia civil auf sich zukommen sah, blieb er regungslos stehen. Er bewegte sich auch nicht, als sie zu sechst ausstiegen.
Der Comandante fragte ihn nach seinem Namen, fragte ihn, woher er käme, und verlangte nach seinem Pass, während die anderen Polizisten sein Zelt durchsuchten.
Dann legten sie ihm die Handschellen um.
Mit leerem, ausdruckslosem Blick, ließ er sich vorwärts und in einen der Polizeiwagen drängen. Seine paar Habseligkeiten, der Rucksack, die Hängematte und das Zelt, blieben zurück. Die Kinder hatten aufgehört zu spielen. Sie standen jetzt am Rande des Weges und blickten dem Mann in die Augen, der hinten zwischen zwei Polizisten in dem vorbeifahrenden Auto saß. Noch eine Stunde zuvor hatten sie mit ihm gesprochen. Hatten sich von ihm die Muscheln zeigen lassen, die er vom Strand mitgebracht hatte.

Während der Fahrt sagte er nichts. Er blickte seitlich zum Meer, wo die Sonne jetzt langsam untertauchte. Ein weiterer Tag seines bedeutungslosen Lebens ging zu Ende. Es gab nur eins, das ihn wirklich wunderte: Man hatte ihn viel zu schnell gefunden. Viel zu schnell geholt. Das Bild hatte sich plötzlich gewendet. Jetzt hatten sie ihn. Er, das Monster, der Abschaum der Menschheit. Das war, was er dachte. Aber dass es so schnell geschehen würde, damit hatte er nicht gerechnet. Er wollte noch einmal auf den Hügel, er wollte noch einmal dorthin, an diese Stelle, an der er damals einen Teil seiner Selbst verloren hatte. Er wollte noch einmal in diese Gegend, um das Geschehene zu verstehen. Aber dazu war jetzt keine Zeit mehr. Das Schicksal hatte ihm einen Streich gespielt.

Im Gefängnis von Santa Lucia steckte man ihn in einen Kerker. Ein feuchtes, kühles Loch, drei Meter unterhalb der Erde. Man befahl ihm, über eine kleine Leiter hinabzusteigen und verriegelte von oben die Gittertür. Kein Stuhl, kein Tisch, kein Bett. Das Einzige, was er dort unten sah, war eine an der Decke hängende Glühbirne.

Drei Tage lang hockte er dort auf den feuchten Steinen, abwartend und den Blick starr auf die Leiter gerichtet. Es gab nicht viel, worüber er nachdachte. Man hatte ihm noch nichts gesagt, noch keine Anklage erhoben. Als Erstes müsste man ihm wohl einen Rechtsanwalt bringen. Es müsste jemand sein, der seine Sprache sprach. Früher oder später würde wohl ein Prozess stattfinden. Man könnte ihn auch ausweisen und der Polizei seines Landes übergeben. Eines war er sich sicher: Er würde den Rest seines Lebens in einem Gefängnis verbringen. Das war alles, was er dachte.

In der dritten Nacht marschierten fünf Polizisten der Guardia civil den dunklen Gang entlang. Sie entsicherten die Gittertür und befahlen ihm hochzusteigen. Er erklomm die ersten Stufen, hielt kurz inne und blickte verunsichert um sich. Als er schon fast oben war, erreichte ihn der erste Schlag im Nacken. Wieso im Nacken? Dann muss jemand hinter ihm gewesen sein! Zwei paar Paar Hände zogen ihn hinauf, als ihn ein zweiter Schlag mitten ins Gesicht traf. Er schrie nicht auf, fiel nur auf die Knie und tat nichts, um sich zu wehren. Es folgte ein Schlag nach dem anderen, mal mit einer Faust, mal mit einem Gegenstand. Und als er keuchend zusammensackte, spuckte er Blut und Zähne aus. Er merkte kaum noch den Unterschied zwischen dem Stiefeltritt gegen seine Schläfe und dem Schlag der Eisenstange auf seinem Kopf. Als er endgültig zusammenbrach, spritzte ihm Blut aus Mund, Ohren und Nase.

Sieben Minuten später war er tot.

Man begrub ihn dreihundert Kilometer weiter südlich auf dem Friedhof eines winzig kleinen Dorfes.
Auf seinem Grab gab es kein Namenschild. Besser: Sein Grab blieb namenlos.




Deine Geschichte ist so trostlos wie die einsame Landschaft, in der sie spielt. Das kommt gut rüber. Es ging Dir um Lynchjustiz, sogar von der Polizei unterstützt, weil Kindermörder auf der untersten Stufe der Hierachie stehen. Wenn ich das richtig interpretiere.

Dass das Ganze einer realen Geschichte nachempfunden - nicht nacherzählt, nehme ich an - ist, solltest Du besser für Dich behalten. Schweige über Deine Quellen. Sonst verliert der Text.

LG DS



__________________
Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermüdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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Ji Rina
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Hallo Doc Schneider,

Also ich hab mich so gefreut! Vielen Dank, für die Korrektur der ganzen Geschichte!

Hab fast alles übernommen und zwei Sachen gelassen:
Die Kinder sind keine spanischen Kinder, haben keine Ahnung wer/was die Guardia civil ist - und schauen einfach ausdruckslos hoch.

Der Mann wird auf den Nacken geschlagen, weil er aus einem Loch in der Erde emporsteigt, wo 5 Männer stehen. Und einer hat eine Stange in der Hand.

Fremd ist nicht gleich Ausländer. Hier wusste die Frau, dass der Mann kein Spanier war, weil er wie ein Ausländer aussah (blonde Haare, helle Auegn, etc)

Sein Grab blieb namenlos: Sehr schön!

Ganz ganz lieben Dank!
Ji

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ThomasQu
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Hallo Ji,

deine Geschichte interessiert mich auch.

Jeder Täter, so heißt es, kommt noch einmal an den Ort seines Verbrechens zurück. Aber, ob das immer stimmt?
Es ist schon sehr ungewiss, ob der Mann im Zelt damals wirklich der Täter war, und dieses Bild in der Zeitung, war das ein Foto, oder eine Phantomzeichnung? Wenn es ein Foto war, woher hatte das der Redakteur? Wenn es aber eine Phantomzeichnung gewesen ist, halte ich es für ausgeschlossen, dass man einen so vage beschriebenen Menschen nach vielen Jahren wiedererkennen will.
Somit ist es für mich mehr als fraglich, ob der Mann auf dem Campingplatz der gesuchte Kindermörder ist. Er wurde ja scheinbar nicht einmal richtig verhört.
Die Wahrheit wird wohl nie mehr herauskommen, trotzdem lässt du ihn in Gedanken ein umfassendes Geständnis ablegen.
Das ist meines Erachtens DER Schwachpunkt in deiner Geschichte.
Vielleicht wäre die noch reizvoller, wenn du die Empörung und den Frust eines unschuldigen, harmlosen Urlaubers beschreiben würdest, während der Festnahme und in der Haft im Kellerloch.

Der Jahreszahl 1983 macht für mich schon Sinn, ist sogar wichtig. Man weiß dann, dass sich das Geschehen gerade nicht mehr in der Franco Diktatur abspielte, umso ungeheuerlicher ist die von dir beschriebene Lynchjustiz.

Ansonsten fand ich deine Geschichte ziemlich spannend.

Viele Grüße

Thomas

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