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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Aussteiger
Eingestellt am 08. 07. 2015 22:32


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klein lottchen
???
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ÔÇ×Na und?ÔÇť Petra verzog sp├Âttisch das Gesicht, ÔÇ×Was bist du f├╝r ein Trottel, dass du das jetzt erst gemerkt hast.ÔÇť Ohne ein weiteres Wort schnappte sie sich ihre Sporttasche und lie├č die Haust├╝r mit einem ohrenbet├Ąubendem Scheppern ins Schloss fallen, als sie das Haus verlie├č.
Eine Zeit lang sa├č ich wie versteinert da, unf├Ąhig mich zu bewegen. Mit dieser Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Trottel hatte sie mich genannt und wahrscheinlich war ich das auch.
Petra und ich feierten ein Jahr zuvor silberne Hochzeit. 25 Jahre verheiratet! Ich konnte es kaum fassen, dass es wirklich schon 25 Jahre waren. Wo war ich gewesen? Die Zeit war wie im Flug vergangen. Es dr├Ąngte sich mir die Frage auf, ob wir uns jemals wirklich geliebt haben. Ehrlich gesagt, war ich mir nicht sicher. Anf├Ąngliche Verliebtheit ja, aber das warÔÇÖs dann auch schon.
Nach einiger Zeit ging mein Blick zur Uhr. Gleich w├╝rden die Acht-Uhr-Nachrichten beginnen, die ich in den letzten 20 Jahren so gut wie keinen Abend verpasst hatte.
Das war das erste, was ich ├Ąndern w├╝rde, ging es mir durch den Kopf. Kein Sklave der Zeit mehr sein, die das ganze Leben bestimmt und so ganz schleichend die Kontrolle ├╝ber den Alltag ├╝bernimmt. Tag f├╝r Tag der gleiche Trott. So vergehen die Jahre und ehe man es merkt ist man 51!
Immer noch fast wie in Trance sah ich mich um: Alles hier war so, wie sie es wollte. In diesem Moment wurde mir bewusst, was ich vermutlich die ganze Zeit bereits wusste, n├Ąmlich die Tatsache, dass ich hier nie ernsthaft etwas zu sagen gehabt hatte.
In einem Automatismus, wie ich es seit Jahren tat, bevor ich das Haus verlie├č, nahm ich Handy, Brieftasche und Schl├╝ssel und steckte alles in meine Jackentasche. Ich ging, ohne mich noch einmal umzusehen.
Ahnungslos, wo ich ├╝berhaupt hinwollte, stieg ich in meinen Wagen. Das Ziel spielte in diesem Moment keine Rolle, ich brauchte einfach Luft und Abstand. Einfach nur fahren, dann wird sich zeigen, wo man ankommt und ich dachte an die Erz├Ąhlungen ├╝ber M├Ąnner, die abends das Haus verlassen, um nur mal eben schnell Zigaretten zu holen und dann auf Nimmerwiedersehen verschwanden.
ÔÇ×Wenn nicht jetzt, wann dann.ÔÇť sagte ich zu mir selber und es war mehr eine Feststellung, als eine Frage und so fuhr ich einige Zeit sp├Ąter auf der Autobahn in Richtung Westen. Ich hatte schlie├člich keine Zeit mehr zu verschenken, mit Anfang 50!
Nach einer Weile fing es an zu regnen und die Scheibenwischer meines Audis hatten M├╝he, dagegen anzuk├Ąmpfen. Obwohl die Autobahn recht leer war, fuhr ich mit gem├Ąchlichen 100 kmh auf der rechten Spur. In meinem Kopf war ein einziges Durcheinander und ich hatte M├╝he, mich auf die Stra├če zu konzentrieren.
Die Jahre zogen vor meinem geistigen Auge vorbei, mein Leben, ein Meer aus Langeweile und L├╝gen. Ich habe schon lange den Verdacht gehabt, dass Petra mich betrog und nun wusste ich es. Nachdem ich einen Privatdetektiv beauftragt hatte, bekam ich die Gewissheit. Und wie die Situation vorhin zeigte, gab sich Petra nicht einmal die M├╝he, es abzustreiten, als ich sie damit konfrontierte. Stattdessen hat sie mich verh├Âhnt, wie all die Jahre vorher schon. Ich war wirklich ein Trottel, dass ich nichts gemerkt habe.
Ich schaltete das Radio ein und trommelte mit den Fingern im Rhythmus der Musik auf das Lenkrad.
Ich wollte immer Kinder haben, aber es sollte einfach nicht sein. Anfangs hatte es sich einfach nicht ergeben und bei Petra war der Kinderwunsch nicht so ausgepr├Ągt wie bei anderen Frauen, die ich kannte. In diesem Moment war es vermutlich auch besser so, das machte die Sache weniger kompliziert.
Vielleicht war es ja f├╝r mich noch nicht zu sp├Ąt f├╝r eigene Kinder, schoss es mir durch den Kopf und im Geiste sah mich schon mit meinem Nachk├Âmmlingen all die Dinge tun, die ich selber in den letzten Jahren vernachl├Ąssigt hatte. Im Sommer zum Baden an den See fahren, Radtouren durch den nahe liegenden Teutoburger Wald unternehmen und im Winter die Carrera-Bahn aufbauen. Eines stand fest, das alles w├╝rde niemals mit Petra passieren.
Auch Petra hatte in ihrer Firma Karriere gemacht und leitete heute eine Bank. F├╝r mich war es okay wie es war. Finanziell ging es uns gut, wir besa├čen ein wundersch├Ânes Haus und zus├Ątzlich konnte ich einiges an Ersparnissen zur Seite legen. Es gab nie wirklich Gr├╝nde mich zu beklagen. Beruflich war ich erfolgreich und privat lebte ich ein ruhiges Leben, ohne gro├čartige Aufs und Abs. Alles pl├Ątscherte so dahin und die Zeit verging. Die Sicherheit, die mir mein enges Leben bot, war mir wichtiger als alles andere.
Nachdem ich schon gut eine Stunde unterwegs war, wurde es Zeit eine kurze Pause einzulegen und so fuhr ich bei der n├Ąchsten Gelegenheit an eine Tankstelle.
Ich tankte an einer der Zapfs├Ąulen und ging in den Shop um zu zahlen. Als ich an der Kasse meine Brieftasche aufschlug um meine EC-Karte heraus zu holen, lachte mich pl├Âtzlich das Foto von Petra an, das in einem der Sichtfenster steckte.
Den Bruchteil einer Sekunde war ich perplex. Was machte ich hier eigentlich? War sie allein Grund genug, alles einfach hinter sich zu lassen?
Schnell zahlte ich und verlie├č den Laden. So unauff├Ąllig wie ich kam, so verschwand ich auch wieder. Ein Typ, der Durchschnitt ist, ein Typ den man schnell wieder vergisst. Eben ein Typ wie ich.
Ich setzte mich wieder in meinen Wagen, lehnte mich zur├╝ck und atmete erst mal tief durch. Mein ganzes Leben lang war ich immer in geordneten Bahnen unterwegs gewesen und nun stand ich hier an einer Tankstelle, rund 100 Kilometer weg von zu Hause. Noch dazu zu einer Uhrzeit, zu der ich mich normalerweise vor dem Fernseher l├╝mmelte.
Ich nahm wieder meine Brieftasche zur Hand und als ich sie aufschlug blickte mir wieder Petra entgegen.
Ich zog das Foto aus der H├╝lle und betrachtete es. Es war eines dieser Automatenpassfotos und es zeigte eine 20 Jahre j├╝ngere Version der Frau, vor der ich gerade die Flucht ergriff.
ÔÇ×Ade.ÔÇť Ohne zu z├Âgern zerriss ich es, kurbelte die Scheibe herunter und lie├č die Fetzen vom Wind davontragen.
In diesem Moment f├╝hlte mich gut. Seit Jahren f├╝hlte ich mich wieder richtig gut.
Innerlich befreit startete ich den Motor und setzte meine Fahrt fort.
Im Radio verk├╝ndete der Moderator gerade den Beginn der 22:00 Uhr Nachrichten. Um diese Zeit waren nur noch wenige Autos unterwegs und pl├Âtzlich f├╝hlte ich mich einsam und ein Gef├╝hl von Heimweh ├╝berkam mich. Ganz hinterr├╝cks schlich es sich in meinen Kopf und hinterlie├č ein Gef├╝hl von Sehnsucht nach meinem warmen Bett und dem kuscheligen Pyjama, den mir meine Angestellten im Jahr zuvor zu meinem 50. Geburtstag geschenkt hatten.
Wenn ich jetzt umkehren w├╝rde, dann konnte ich gegen 0:00 Uhr wieder zu Hause sein. Zur├╝ck in den K├Ąfig meines Lebens, in dem ich mich immer sicher gef├╝hlt hatte. Ich dachte wieder an Petra und verzog mein Gesicht. Es gab keine Chance mehr f├╝r Petra und mich. Die Aff├Ąre, die sie hatte, war keine einfache Aff├Ąre. Die Sache ging bereits seit 25 Jahren und mein Gegenspieler war eine Frau, Petras angebliche beste Freundin. Wie sollte ich dagegen anstinken und wollte ich das ├╝berhaupt?
Ich hatte von Anfang an nur Alibifunktion f├╝r sie. Heute mag die Gesellschaft toleranter sein gleichgeschlechtlichen Beziehungen gegen├╝ber, doch vor 25 Jahren sah das noch ganz anders aus. Petra hatte sich in den Kopf gesetzt, Karriere zu machen und daf├╝r war ihr jedes Mittel recht. Selbst eine Art ÔÇ×ScheineheÔÇť ist sie daf├╝r eingegangen. Ihre heimliche Liebe zu einer Frau war vermutlich auch der Grund daf├╝r, dass sie mich m├Âglichst immer auf Abstand gehalten hat. Bereits kurz nach unserer Hochzeit bestand sie auf getrennte Schlafzimmer, angeblich meines Schnarchens wegen. Gemeinsame Aktivit├Ąten wurden immer rarer und den Urlaub verbrachte sie mit ihrer Busenfreundin Anja. Mit der Zeit hatte ich mich daran gew├Âhnt, war ich doch viel zu besch├Ąftigt damit, meine Praxis aufzubauen.
Pl├Âtzlich f├╝hlte ich mich ausgenutzt. Sie hatte mich benutzt und mich so meiner besten Jahre beraubt. Wut kochte in mir hoch.
Warum mit einer Scheidung noch mehr kostbare Zeit vertun und die einzigen, die sich daran gesund sto├čen w├╝rden die Anw├Ąlte sein.
Nein, ich wollte nicht umdrehen und so fuhr ich weiter auf der Autobahn in westlicher Richtung.
Ich versuchte mir Petras Reaktion vorzustellen, wenn sie nach Hause kam und feststellte, dass ich nicht da war. Ob sie sich Sorgen machen w├╝rde? Schlie├člich war ich noch nie einfach weg geblieben, ohne sie vorher dar├╝ber zu informieren. Anders herum war das freilich nicht immer der Fall. Petra kam oft sp├Ąt heim, sie verbrachte schon immer viel Zeit mit ihrer angeblich nur besten Freundin Anja. Nichts ungew├Âhnliches, wie ich damals immer fand.
Nach einigen weiteren Kilometern legte ich auf einem kleinen Rastplatz nochmal eine Pause ein. Es gab dort weder eine Tankstelle noch einen Imbiss, lediglich ein Toilettenh├Ąuschen, sowie einige Tische und B├Ąnke.
Ich parkte den Wagen, stieg aus, ging einige Schritte und setzte mich dann auf eine der B├Ąnke. Der Rastplatz lag vollkommen im Dunkeln und nur die Lichter der vorbeifahrenden Autos warfen in unregelm├Ą├čigen Abst├Ąnden gespenstige Schatten.
Immer noch unschl├╝ssig nahm ich mein Handy aus der Tasche und sah auf das Display. Nichts. Wenn sie bereits bemerkt hatte, dass ich nicht zu Hause war, dann interessierte sie sich offenbar nicht daf├╝r.
Vermutlich w├╝rde ich ihr sogar einen Gefallen damit tun, wenn ich einfach verschwand. Aber hatte ich tats├Ąchlich den Mumm dazu? In meinem Kopf h├Ârte ich sie bereits mit ver├Ąchtlicher Stimme sagen: ÔÇ×Na da hat er es sich ja mal wieder sch├Ân einfach gemacht, so mir nix, dir nix zu verschwinden.ÔÇť Dabei war es f├╝r mich alles andere als einfach. Ich machte mir die Entscheidung ziemlich schwer, ich war nie ein risikofreudiger Typ. Wollte ich mich wirklich auf dieses Abenteuer einlassen? Hatte ich den Mumm dazu und vor allem konnte ich es schaffen?
Ich f├╝hlte mich zerrissen zwischen dem Wunsch nach Freiheit und der Routine, meines Lebens, die gleichzeitig auch Geborgenheit bedeutete.
Wieder ├╝berkam mich eine ungeheure Wut. Vor allem Wut auf Petra, aber auch Wut auf mich.
Verdammt, ich hatte das Gef├╝hl, dass ich mindestens die H├Ąlfte meines Lebens einfach verpasst hatte. Dass das Gleiche mit dem letzten Drittel passieren w├╝rde, musste ich auf jeden Fall verhindern.
Unwillk├╝rlich musste ich wieder an den ÔÇťIch-geh-mal-eben-noch-Zigaretten-holen-TypenÔÇť denken und ich fragte mich, ob es das wirklich gab? So langsam ordnete die frische Luft das Chaos in meinem Kopf und jetzt hatte ich einen Plan.

Als ich wieder in meinem Wagen sa├č, schaltete ich die Dauerbeleuchtung an und kramte das Unfallset aus dem Handschuhfach. Dann nahm ich ein Blatt Papier und den Bleistift und begann, einige Nummern aus meinem Handy zu notieren. Ich w├╝rde noch einiges zu regeln haben. Ich steckte den Zettel in meine Brieftasche und verstaute den Rest sorgsam wieder im Handschuhfach.
Dann nahm ich meinen Schl├╝sselbund zur Hand. An dem Ring hingen vier Schl├╝ssel, einer f├╝r die Haust├╝r der auch die Gartenpforte und die Garage ├Âffnen konnte, der Briefkastenschl├╝ssel, mein Praxisschl├╝ssel und der meines Audis. Mein hei├čgeliebtes Auto und so ziemlich das Einzige, was ich mir ganz allein nach meinem Geschmack ausgesucht habe. Petra war von je her ein Mercedesfan und wenn es nach ihr gegangen w├Ąre... aber da habe ich mich durchgesetzt.
Entschlossen warf ich Handy und Schl├╝ssel achtlos auf den Beifahrersitz,
├Âffnete die T├╝r und stieg aus.
Schnellen Schrittes eilte ich den Weg hinauf in Richtung Fahrbahn, schlie├člich hatte ich keine Zeit zu verlieren.
Es war fast ein Gef├╝hl, als w├Ąre ich wieder ein Teenie, wie ich dort an der Stra├če stand und meinen Daumen raushielt, in der Hoffnung, es w├╝rde jemand anhalten und mich mitnehmen. Mein neues Leben hatte begonnen und ein L├Ącheln breitete sich auf meinem Gesicht aus.
Heute kann ich gar nicht mehr sagen, wie lange ich dort stand, doch irgendwann hielt ein Brummifahrer an: ÔÇ×Hallo, mein Freund.ÔÇť ich hatte noch gar nicht erfassen k├Ânnen, wo der Laster herkam, bemerkte aber sofort den starken Akzent. Mein Herz machte einen H├╝pfer, sollte ich tats├Ąchlich soviel Gl├╝ck haben? ÔÇ×Wo willst du denn hin, vielleicht kann ich dich ein St├╝ck mitnehmen?ÔÇť rief er freundlich zu mir herunter. Das konnte kein Zufall sein, ein Wink des Schicksals, der meinem Plan sehr entgegen kam.
ÔÇ×Das w├Ąre super. Mein Ziel ist Den Haag.ÔÇť ÔÇ×Du hast Gl├╝ck, ich fahr zwar nur bis Rotterdam, aber von da aus ist es nicht mehr weit. Ein gutes St├╝ck kann ich dich also mitnehmen.ÔÇť Ich kletterte zu ihm ins F├╝hrerhaus und hielt ihm die Hand hin. ÔÇ×Torsten.ÔÇť stellte ich mich vor, ÔÇ×Claus.ÔÇť antwortete er mit einem Grinsen und erg├Ąnzte: ÔÇ×Claus van Deik.ÔÇť
Er musste ungef├Ąhr mein Alter haben. Ein stolzer Bauch w├Âlbte sich ├╝ber seinen Hosenrand und unter seinem Baseballcap lugten einige braune Str├Ąhnen hervor, in denen das Grau bereits seinen Anspruch angemeldet hatte.
Claus entpuppte sich als wahrer Alleinunterhalter. Er stellte keine Fragen und erz├Ąhlte stattdessen ohne Unterlass. Mir sollte es recht sein, um so weniger ich von mir preisgeben musste, um so besser. W├Ąhrend ich erfuhr, dass er zwei Kinder, eine Frau und einen Hund zu Hause hatte, hing ich meinen eigenen Gedanken nach. Von Rotterdam aus w├╝rde ich mit dem Zug nach Den Haag fahren und mir dort ein Zimmer nehmen. Danach wollte ich Bj├Ârn aufsuchen, einen alten Bekannten. Wir hatten uns vor Jahren auf einem ├ärztekongress kennen gelernt und waren seitdem immer wieder mal in wieder in Kontakt. Er w├╝rde mir sicher helfen.
Claus plauderte immer noch und war in der Zwischenzeit bei seinem Job angekommen. Er fuhr f├╝r eine Spedition Blumen und war manchmal tagelang weg von zu Hause.ÔÇť Wollen wir noch mal anhalten und einen Kaffee trinken?ÔÇť Er stie├č mich leicht in die Seite und riss mich aus meinen Gedanken. ÔÇ×Also meinetwegen nicht.ÔÇť antwortete ich. Ich war immer noch so aufgeputscht und versp├╝rte nicht den Hauch von M├╝digkeit. Lieber wollte ich so schnell wie m├Âglich nach Den Haag.
ÔÇ×Wie weit ist es denn noch?ÔÇť fragte ich also stattdessen. ÔÇ×Na so gut 80 Kilometer.ÔÇť ÔÇ×Na die schaffen wir doch in einem Rutsch. Um so eher bist du wieder bei deiner Familie.ÔÇť Er nickte zustimmend und grinste breit: ÔÇ×Ja, Recht hast du. Kaffee kann ich auch mit Martha daheim trinken. Mit frischen Br├Âtchen und K├Ąse.ÔÇť Lachend fuhr er sich mit seiner riesig wirkenden Hand ├╝ber den noch gr├Â├čer wirkenden Bauch.

Alles verlief nach Plan und bereits am n├Ąchsten Morgen kam ich mit dem Zug in Den Haag an. Mein Gl├╝ck hielt an und ich fand in der N├Ąhe ein Zimmer in einem kleinen Hotel. Die Dame an der Rezeption fragte mich nach meinem Gep├Ąck, doch ich konnte ihr glaubhaft versichern, dass es bei der Bahnfahrt nach Den Haag gestohlen wurde. Ich hatte ohnehin nicht vor, l├Ąnger als n├Âtig dort zu bleiben. Meine ganze Hoffnung ruhte auf meinem Freund Dr. Bj├Ârn van Lieken.
Nach einem ├╝ppigen Fr├╝hst├╝ck und einigen Stunden Schlaf, suchte ich ihn dann in seiner Praxis auf.
Von da an nahmen die Dinge ihren Lauf. Er regelte einiges f├╝r mich, ohne dass ich in Erscheinung treten musste. Offiziell galt ich in Deutschland als vermisst. Ob die Suche irgendwann eingestellt wurde, oder wie die Sache weiter verlief, habe ich nie erfahren. Ich machte mir auch keine Sorgen, entdeckt zu werden.
Durch Bj├Ârns Kontakte bekam ich eine Stelle in einem spanischen ├ärztehaus auf Ibiza. Damals waren deutsche ├ärzte dort aufgrund der immer weiter wachsenden Tourismusbranche sehr gefragt. Da ich auch sehr gut Englisch sprach, konnte ich mich als Arzt schon nach k├╝rzester Zeit etablieren und so baute ich mir eine neue Existenz auf. Dort, wo andere Urlaub machten. In diesem Paradies lernte ich Maria kennen. Sie war eine Einheimische und arbeitete in dem selben ├ärztehaus.
Wir hatten viele gemeinsame Interessen und aus der anf├Ąnglichen Freundschaft wurde im Lauf der Zeit echte Liebe. Auch wenn wir keine Kinder mehr bekamen, waren wir sehr gl├╝cklich. Endlich zeigte sich mir das Leben von seiner Sonnenseite und ich fand, ich hatte es wirklich verdient. Es gab niemals Gr├╝nde, meine damalige Entscheidung in Frage zu stellen. Nat├╝rlich dachte ich oft an meine Angestellten und an meine Patienten. Rechtfertigte mein Egoismus es, die Menschen, die mir vertraut haben, die sich auf mich verlassen haben, einfach im Stich zu lassen?
Gestern sa├č ich mit Maria in unserem Lieblingscaf├ę in der Stadt und wie immer beobachteten wir am├╝siert das bunte Treiben in den Stra├čen.
Ein Reisebus hielt gerade auf dem gro├čen Platz vor dem Caf├ę und eine Gruppe Touristen stieg aus. Auch nach 20 Jahren, die es nun schon her war, erkannte ich sie sofort und mein Herz setzte f├╝r einen Moment aus.
Immer noch der selbe Gang, die selbe Haltung, den Kopf hocherhoben. Sie hatte ein paar Pfunde zugelegt und die Zeit hatte zweifellos auch ├Ąu├čerliche Spuren hinterlassen. Im Schlepptau hatte sie ihre Freundin Anja. Auch sie erkannte ich sofort wieder. Wie man unschwer beobachten konnte, hatte Petra noch immer die Hosen an. Einen Moment ├╝berkam mich mit Schrecken der Gedanke entdeckt zu werden. Doch Petra schwenkte mit der Handtasche in Richtung einer der Gassen, die von uns aus gesehen links abgingen. Schnurstracks lief sie darauf zu, ohne auch nur einmal in unsere Richtung zu schauen. Anja hatte M├╝he, ihr zu folgen und einige Sekunden sp├Ąter waren sie im Get├╝mmel verschwunden.
In diesem Moment war ich mir sicher, dass ich alles richtig gemacht hatte.
L├Ąchelnd sah ich zu Maria hin├╝ber: ÔÇ×Ich liebe Dich. Lass uns nach Hause gehen.ÔÇť Dann legte ich den Arm um ihre Schultern und k├╝sste sie.
Ich bin der ÔÇťIch-geh-mal-eben-noch-Zigaretten-holen-TypÔÇť.


Version vom 08. 07. 2015 22:32
Version vom 09. 07. 2015 15:31
Version vom 11. 07. 2015 15:52

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herziblatti
???
Registriert: Jan 2007

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Hallo klein lottchen, gern gelesen, Deine Erz├Ąhlung (Kurzgeschichte ist es keine); ruhiger Textfluss, auch die Spannung stimmt. Ein Vorbehalt gegen├╝ber dem Plot: wieso keine offizielle Trennung, sondern ein geheimnisvolles Verschwinden?
Ein paar Zeitfehler sind drin, Beispiel

quote:
Zum ersten Mal wurde mir wirklich bewusst, dass ich hier nie ernsthaft etwas zu sagen gehabt hatte. Vermutlich hatte ich es die ganzen Jahre gewusst wusste ich es die ganzen Jahre,
die Zeitfehler verwirren beim Lesen, das solltest Du genauer arbeiten, w├╝rde das Lesevergn├╝gen steigern LG - herziblatti
__________________
Warten, was der Fluss so bringt - Fritz Popp

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klein lottchen
???
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Hallo Herziblatti,
vielen Dank f├╝r deine Hinweise. Hab den Text noch mal ├╝berarbeitet.
Heute st├╝rmische Gr├╝├če aus dem Elm

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rothsten
???
Registriert: Jan 2015

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Hallo klein lottchen,

auch von mir ein paar Anmerkugen:

quote:
Ich war ein angesehener Arzt und wir hatten ein gutes Auskommen mit dem Einkommen.

Auskommen/Einkommen, das klingt nicht gut und meint ├Ąhnliches. Schreib nur eines von beidem, das reicht.

quote:
Ich sah mich noch einmal um. Alles war hier so, wie sie es wollte. Zum ersten Mal wurde mir wirklich bewusst, dass ich hier nie ernsthaft etwas zu sagen gehabt hatte. Vermutlich habe ich es die ganzen Jahre gewusst, doch erst jetzt drang dieses Wissen auch tats├Ąchlich in mein Bewusstsein.
Entschlossen nahm ich Handy und Brieftasche und lie├č beides in meine Jackentasche gleiten.

Dein Schreibstil ist (f├╝r meinen Geschmack) etwas lahm. Das liegt vor allem daran, dass Du oft nicht Deinen Prot handeln l├Ąsst. Er wird gehandelt; soll hei├čen, Du schreibst im Passiv. Ich habe Dir die W├Ârter blau markiert.

Schreibs doch mal so, als dass er selbst handelt. Nimm hierzu aktive Verben, zB statt "lie├č gleiten" besser "steckte ein".

Der Leser wirds Dir danken, denn passiv = reine Beobachtung, aktiv l├Ąsst ihn mitf├╝hlen.


quote:
Einfach nur fahren, dann wird sich zeigen, wo man ankommt und ich dachte an die Erz├Ąhlungen ├╝ber M├Ąnner, die abends das Haus verlassen, um nur mal eben schnell Zigaretten zu holen und dann auf Nimmerwiedersehen verschwanden.

Die Stelle finde ich sehr interessant, denn nur zu oft wird die klassische "ich hol mal Zigaretten"-Nummer aus der Sicht der Verlassenen geschildert. Hier liegt brauchbarer Erz├Ąhl-Stoff!

quote:
Aber was genau war dann unser Problem?

quote:
Nachdem ich einen Privatdetektiv beauftragt hatte, bekam ich die Gewissheit. Petra gab sich nicht mal die M├╝he irgendetwas abzustreiten, als ich sie damit konfrontierte.


Er f├Ąhrt weg, und wei├č nicht so recht, was mit ihm los ist. Sp├Ąter dann verr├Ątst Du uns, dass er l├Ąngst wei├č, dass er betrogen wurde. Das macht diese anf├Ąngliche Verwirrtheit aber unplausibel.

Das solltest Du umdichten.

quote:
Als ich an der Kasse meine Brieftasche aufschlug um meine EC-Karte heraus zu holen, lachte mich pl├Âtzlich das Foto von Petra an, das in einem der Sichtfenster steckte.
Den Bruchteil einer Sekunde war ich ziemlich perplex. Was machte ich hier eigentlich? Mein ganzes Leben lang war ich immer in geordneten Bahnen unterwegs gewesen und nun stand ich hier an einer Tankstelle, rund 100 Kilometer von zu Hause weg.

Er rennt davon, weil er betrogen wurde und sein Leben in einer Sackgasse w├Ąhnt. Das hast Du doch alles dargelegt, warum l├Ąsst Du ihn hier immernoch zweifeln?

... ich breche hier mal ab.

Fazit:

Du hast ein Blick f├╝r interessante Geschichten. Wenn Du sie erz├Ąhlen willst, versuche vor allem,

- die Sprache lebendig zu halten (aktive Verben)
- keine Handlungswidersrp├╝che zu produzieren
- bereits Erz├Ąhltes nicht noch und n├Âcher breit zu treten.

Bleib dran!

Lieben Gru├č,
rothsten


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klein lottchen
???
Registriert: Jun 2015

Werke: 6
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Vielen Dank rothsten f├╝r deine Hilfe.
Ich hab einige Passagen noch mal ├╝berarbeitet.

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Hyazinthe
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2015

Werke: 39
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Hallo klein-lottchen!

Leider hat mich deine Geschichte nicht ├╝berzeugt.
Ein Ehemann, der in 25 Jahren nicht merkt, dass er mit einer lesbischen Frau verheiratet ist, die ihn noch dazu die ganze Zeit mit der angeblichen nur-Freundin betr├╝gt?
Der sich anschlie├čend spontan entschlie├čt, Beruf, Haus, Freunde und Bekannte sowie die Heimat an den Nagel zu h├Ąngen und ein neues Gl├╝ck in der Ferne zu suchen?
Das er dann auch sofort und ohne gro├če Hindernisse ├╝berwinden zu m├╝ssen im sonnigen S├╝den (Ibiza!) findet?
Gekr├Ânt mit einer wunderbaren neuen Liebe?

Nein, das ist mir alles zu unrealistisch und glatt. Sorry!

Gru├č, Hyazinthe
__________________
Immer neugierig bleiben

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