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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Ausstieg
Eingestellt am 09. 09. 2011 01:39


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schreibhexe
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2009

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Sieben junge MĂ€nner, alle unter zwanzig, grölten durch die Straßen: „Ihr seid so scheiße! Wir sind die GrĂ¶ĂŸten“, und rempelten die Leute an. Es war ein heißer Sommertag, die Passanten ließen sich im Menschenstrom des Einkaufszentrums treiben. Zwei aus der Gruppe betraten einen Supermarkt. Sie waren stiernackig, glattgesichtig und hatten Übergewicht. Die Muskelshirts ließen dicht tĂ€towierte Arme sehen von den HandrĂŒcken bis hinauf zu den Schultern, weiterlaufend unter den SĂ€umen der Shirts ĂŒber die Nacken bis zu den kahl rasierten Hinterköpfen. Die Burschen traten hart auf in ihren schweren Stiefeln, versorgten sich mit je zwei BierkĂ€sten, schrieen durch den Laden: „Ihr seid so scheiße!“ und erschreckten VerkĂ€ufer und Kunden. Vor einer Ă€lteren Frau baute sich einer auf und knallte ihr ein: „Buh!“ ins Gesicht, dass sie zu Tode erschrocken erstarrt stehen blieb. Niemand rĂŒhrte sich. Die VerkĂ€uferinnen taten so, als hörten sie nichts und kassierten weiter, ganz auf Deeskalation getrimmt. Die Kunden schwiegen, bemĂŒht, sich nicht provozieren zu lassen. Der Filialleiter rief in seinem BĂŒro vorsorglich die Polizei. Überraschender Weise zahlten die MĂ€nner brav ihre Bierkisten und verschwanden zu den Kumpanen. Ein hörbares Aufatmen ging durch den Laden.
Draußen zogen die beiden grinsend je eine Flasche Wodka aus ihren Taschen. Die hatten sie mitgehen lassen. Dann beschloss die Bande, zur alten BrĂŒcke zu gehen. Die ĂŒberspannte ein Tal und fĂŒhrte eine Nebenstraße ĂŒber den noch jungen Fluss. Zwei schwere Pfeiler standen im Wasser und wurden von Strudeln und Wirbeln umspĂŒlt.
„Kommt, wir springen!“ schrie der AnfĂŒhrer, Oskar mit Namen, und zog sich Stiefel und lange Hose aus. „Bist du verrĂŒckt, das ist viel zu gefĂ€hrlich!“ warnte einer, ein anderer: „Das Wasser ist nicht tief genug!“
Oskar schrie: „Seid ihr Feiglinge?“ kletterte auf die BrĂŒstung und stĂŒrzte sich mit einer Arschbombe ins Wasser. Es spritzte gewaltig, sogar bis zu ihnen hinauf. Unten tauchte Oskar auf, lachte und schrie: „Das ist geil! Los, wer traut sich?“ Keiner kam so recht aus der Deckung. Sie drucksten alle herum. „Hey, ihr SchlappschwĂ€nze! Ihr habt's doch gesehen! Ist völlig ungefĂ€hrlich. Der erste, der sich traut, darf meine Braut bumsen!“ Der JĂŒngste kicherte. Er war ein magerer Junge mit Sommersprossen. Der neben ihm haute ihm auf die Schulter. „Na Kleiner, wĂ€r’ das nichts fĂŒr dich?“ „Das ist nichts fĂŒr Babys. Der muss erst noch ein bisschen wachsen!“ sagte sein Nachbar. Die anderen lachten und sahen einander an. „Zieh mal deine Hose runter und zeig, was du hast!“ rief ein Langer und griff nach den Boxershorts des Kleinen. Dem wurde mulmig. Oskar schrie wieder von unten hoch: „Was ist denn da oben? Kommt ihr jetzt?“
Da fiel’s ihnen wieder ein. Mit der Braut des AnfĂŒhrers bumsen? Hey, warum nicht? Der Preis lohnte sich. Die Mutigsten schwangen sich schon ĂŒber die BrĂŒstung, standen auf einem schmalen Sims, hielten sich rĂŒckwĂ€rts fest und sahen in die Tiefe. Ein vorbeifahrender Autofahrer hielt bei der Gruppe an. „Was macht ihr denn da? Seid ihr lebensmĂŒde?“ „Ach, halt's Maul! Hau ab!“ beschieden sie ihm grob. KopfschĂŒttelnd trat der Fahrer aufs Gas und verschwand. Es war, als hĂ€tte es nur dieser Warnung bedurft, um den Damm der Ängstlichkeit zu durchbrechen. Keiner wollte dem anderen nachstehen, keiner wie ein Feigling aussehen. Sie waren harte MĂ€nner, das war gewiss, furchtlos und risikobereit. Einer von etwas vierschrötiger Gestalt, schon jenseits der BrĂŒstung, ließ los und stieß sich ab. Im Sprung ging er in die Hocke, juchzte laut und landete mit einer gewaltigen FontĂ€ne in der weiß aufspritzenden Gischt. „Hey, Alter“, schrie er Oskar entgegen „Ich krieg deine Braut!“ und lachend begannen sie, sich gegenseitig unter Wasser zu drĂŒcken.
Nun wollte sich keiner mehr eine BlĂ¶ĂŸe geben und nacheinander sprangen sie. Es begann ihnen Spaß zu machen. Sie sprangen in die Strudel, schwammen ans Ufer, kletterten durch niederes Buschwerk zurĂŒck auf die BrĂŒcke, strafften sich und sprangen wieder. Dazwischen floss das mitgebrachte Bier und alle grölten: „Wir sind die GrĂ¶ĂŸten, wir sind die GrĂ¶ĂŸten!“ und "Deutschland den Deutschen!"
Wieder war die Reihe an Oskar. Er balancierte auf der BrĂŒstung, schwankte ein wenig, lachte darĂŒber, stellte sich in Positur und sprang. Aber diesmal hatte er die Entfernung zum BrĂŒckenpfeiler falsch abgeschĂ€tzt. Das Bier und der Wodka mochten ihre Wirkung getan haben, die Körperbeherrschung sank, das Reaktionsvermögen auch. Er taumelte, stĂŒrzte, stieß im Fallen mit dem Kopf an den Pfeiler, das Wasser ĂŒberschwemmte ihn, er kam nicht mehr hoch, benommen wirbelte er mit dem Strudel abwĂ€rts, wurde wieder ausgespuckt und trieb leblos in der Strömung. Panisch schrieen die Jungen auf. „Scheiße, scheiße, scheiße! Der ersĂ€uft! Was machen wir jetzt?“ Einer, der bereits die BrĂŒstung ĂŒberklettert hatte, kletterte zurĂŒck und rief: „Weg hier, schnell! Ich hab noch BewĂ€hrung!“ und dann liefen sie auf und davon.

Ein junger Radfahrer auf dem Uferweg hatte den Unfall beobachtet. Er sprang ab, warf sein Rad ins Gras und ohne zu zögern stĂŒrzte er sich in den Fluss. Als guter Schwimmer erreichte er, die Strömung kreuzend, den Ertrinkenden flussabwĂ€rts, packte ihn an den Haaren, die fĂ€rbten seine Hand rot, hievte ihn so weit aus dem Wasser, dass der Kopf sichtbar wurde, packte ihn unter den Achseln und brachte ihn mit krĂ€ftigen BeinstĂ¶ĂŸen ans Ufer. Er schleppte ihn ins Gras und verschmierte sich mit dessen Blut, das aus einer Platzwunde am Kopf rann. Dann erinnerte er sich seines Erste-Hilfe-Kurses und begann mit Wiederbelebungsversuchen. Er presste rhythmisch den Brustkorb des VerunglĂŒckten und blies ihm abwechselnd seinen Atem in die Nase, bis der sich bewegte und begann, das ganze geschluckte Wasser zu erbrechen. Da fiel dem Retter sein Handy ein; er lief flussaufwĂ€rts zum Fahrrad, holte es aus der Jackentasche, rief Feuerwehr und Polizei, wusch sich im Fluss und fuhr davon. – Er hatte die TĂ€towierungen am Körper des VerunglĂŒckten gesehen und machte sich so seine Gedanken. In diese Sache wollte er nicht hineingezogen werden. Er war Moslem, in Deutschland aufgewachsen, hier zur Schule gegangen und hatte eine Lehrstelle als Bauzeichner bei einem tĂŒrkischen Architekten gefunden. Seine Lebensrettungsaktion fand er nicht der Rede wert. Jeder hĂ€tte so gehandelt wie er.
Jetzt war er auf dem Weg zur Familie seiner Freundin, mit der er verlobt war. Heute war Samstag, er war zum Essen eingeladen und spĂ€ter wollten sie zum Stadion, ein Fußballspiel besuchen. Seine Freundin wĂŒrde sich wundern, wo er so lange blieb und warum seine Kleider nass waren.

Oskar wurde im Notarztwagen versorgt und sofort ins nĂ€chste Unfallkrankenhaus gebracht. Eine Blutuntersuchung brachte einen Alkoholspiegel von zwei Promille zu Tage. Der Patient wurde geröntgt, seine Kopfwunde verbunden. Er hatte noch einmal GlĂŒck gehabt. Der SchĂ€del und andere Knochen waren heil geblieben. SpĂ€ter wurden die Personalien aufgenommen und ĂŒberprĂŒft; dabei kam heraus, dass er schon mehrfach wegen Gewalttaten und PrĂŒgeleien aufgefallen war. Die Polizei befragte ihn nach dem Unfallhergang, er erzĂ€hlte eine herzzerreißende Geschichte, die ihm niemand glaubte, nach der er in tiefstem Liebeskummer in selbstmörderischer Absicht sich von der BrĂŒcke gestĂŒrzt hatte, weil seine Braut mit einem anderen durchgebrannt sei. Heimlich lachte er sich ins FĂ€ustchen.
Am nĂ€chsten Tag erschien die Geschichte in der Lokalzeitung. Man fahndete nach seinem Retter. Doch niemand hatte anscheinend den Vorfall beobachtet. Lediglich der Autofahrer, der die Gruppe auf der BrĂŒcke angesprochen hatte, meldete sich und erzĂ€hlte den wahren Hergang. So wurde die ganze Sache publik. Die Polizei erstattete Anzeige gegen die Kumpanen des VerunglĂŒckten wegen unterlassener Hilfeleistung und veranlasste, dass die BrĂŒstung der BrĂŒcke mit einem mannshohen Drahtgitter gesichert wurde.

Oskar hatte seine GehirnerschĂŒtterung in der Klinik auskuriert, nun traf man sich wieder. Es gab da einen speziellen Club, da kamen nur sie und andere Gleichgesinnte hinein. Man kannte sich untereinander und es wurde sehr lustig. Die meisten hatten ihre Braut dabei, die Musik, Bassgedröhn mit hetzerischen Texten, zerhĂ€mmerte ihnen das Hirn. Sie grölten in stampfenden Rhythmen mit und Bier und Schnaps flossen in Strömen. Oskars Freundin fand die Idee geil, als Preis fĂŒr den mutigsten Springer ausgerufen worden zu sein. Der war auch da, forderte seinen Preis, schob seine Hand unter ihren Lederrock und presste sie an sich. Sie kĂŒsste ihn aufreizend langsam mit ihrer Zunge, die sich sichtbar schlangengleich bewegte, denn ihre geöffneten Lippen berĂŒhrten die seinen nicht, nestelte am GĂŒrtel seiner sich ausbeulenden Hose und beobachtete aus dem Augenwinkel Oskar, wie der den beiden interessiert zusah. Schließlich verdrĂŒckten sie sich in einen der hinteren RĂ€ume auf ein Monstrum von Couch. Oskar war scharf geworden, mitgegangen und wollte auch; sie schickten ihn aber rĂŒde weg. „Verschwinde! Das war nicht Teil der Abmachung.“
Es juckte ihn, mit Gewalt dazwischen zu gehen, doch knurrend verzog er sich und stĂŒrzte sich in die Party. Vorne, auf einem Podest des rauchgeschwĂ€ngerten Saals, stand Einer und erzĂ€hlte was von TĂŒrken und Negern, die die arische Rasse versauten und den Deutschen die Arbeit wegnĂ€hmen. Vor Eifersucht wild stĂ€nkerte Oskar herum, suchte Streit und fand ein paar Kumpane, mit denen zusammen er die nĂ€chtliche Stadt aufmischen wollte. Sie beschlossen rauszugehen ‚AuslĂ€nder jagen’. Das wĂŒrde Spaß machen. AusgerĂŒstet mit ein paar Baseball-SchlĂ€gern, SprĂŒhflaschen mit schwarzer Farbe und Bierflaschen zogen sie in die City. Auf ihrem Weg hoben sie ihre Arme zum Hitlergruß und schrieen wie gewohnt ihr eintöniges: „Deutschland den Deutschen!“, bedrĂ€ngten Frauen und MĂ€dchen, die noch unterwegs waren, hebelten Gulydeckel aus, sprĂŒhten Hakenkreuze an WĂ€nde, zerkratzten AutotĂŒren, schlugen mit ihren FĂ€usten gegen Schaufensterscheiben, dass sie vibrierten.
Eine Gruppe junger TĂŒrken kreuzte ihren Weg. Sie kamen gut gelaunt aus dem Kino, hörten tĂŒrkische Musik aus ihren Handys und wollten nach Haus. Einer rief erschrocken: „Hey, passt auf! Da sind Skins! Die haben Baseball-SchlĂ€ger!“ Das war das Startsignal. Mit Geheul stĂŒrzte sich die Gruppe Skins auf sie. Panisch stoben die jungen TĂŒrken auseinander. Einige verdrĂŒckten sich in eine Toreinfahrt und riefen bebend per Handy Freunde und Verwandte zu Hilfe. Die kamen schnell und brachten ihre Klappmesser mit. Plötzlich waren an die zwanzig Leute da. Es entwickelte sich ein erbitterter Kampf mit blutenden Verletzten auf beiden Seiten. Oskar packte einen der TĂŒrken am Kragen, der war unbewaffnet, drehte sich zu seinem Angreifer um – und starrte entsetzt in zwei mordlustige Augen. Die kannte er. Er starrte - und starrte -. Der Sekundenbruchteil des Erkennens dehnte sich zu einer Ewigkeit. Es war der verunglĂŒckte Springer, den er aus dem Fluss gezogen hatte, der durch seine Hand nicht gestorben war.
Oskar schwang den SchlĂ€ger fĂŒr einen mĂ€chtigen Hieb und – hielt mitten im Schlag inne. Dieses Gesicht – er kannte es, wusste nicht woher. Aus dem Nebel der Wut stieg Erinnerung auf. Undeutlich. Er war von der BrĂŒcke gesprungen - war mit dem Kopf an Beton geknallt und ohnmĂ€chtig geworden, fĂŒhlte sich undeutlich gepackt, ins Gras geschleift. Jemand drĂŒckte immerzu auf seinen Brustkorb. Es tat weh, er wollte das nicht. Dieses Gesicht – es legte sich immer wieder auf sein Gesicht und hauchte ihm seinen Atem in die Nase, bis er Rotz und Wasser spie. Er hatte den Atem eines TĂŒrken in den Lungen gehabt und der hatte ihm das Leben gerettet.
Oskar hielt inne, konnte den Schlag nicht weiterfĂŒhren. Öffnete den Griff seiner Faust. Augenblicklich floh sein Lebensretter.
„Was ist los? Hast du ein Gespenst gesehen?“, fragte einer aus seiner Bande. Oskar wusste nicht, wie er antworten sollte, knurrte nur: „Mir ist schlecht.“ Blitzartig war ihm klar geworden: Wenn der TĂŒrke nicht gewesen wĂ€re, wĂ€re er irgendwann als Wasserleiche ans Ufer geschwemmt worden. Er rief laut: „Scheiße!“, warf den KnĂŒppel weg und ging.

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