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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Der Autist
Eingestellt am 19. 06. 2015 00:40


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CPMan
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Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nÀhme mich einer plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stÀrkeren Dasein.

Rainer Maria Rilke




Es ist nicht hell, es ist nicht dunkel. Es ist weder tiefe Nacht, noch blĂŒhender Tag. Es ist ein Dazwischensein. Und dieser Zustand des Dazwischenseins ĂŒbertrĂ€gt sich auf das GemĂŒt. Als beneble ein grauer Dunst die Wahrnehmung, als drĂ€ngen Laute nur gedĂ€mpft ans Ohr, Bilder nur verschwommen ans Auge, BerĂŒhrungen nur wie durch Watte an die Haut.
Tastend erhebt sich Hagen Thien aus der Schlafposition. Er strampelt die Decke von sich, setzt sich aufrecht auf das Sofa, stĂŒtzt den Kopf in den HĂ€nden ab. Aus einem Schlummer erwacht der junge Lehrer, die WachtrĂ€ume kleben wie unsichtbar noch in der Luft, beschweren die so oft gerĂŒhmte Leichtigkeit seines Wesens. Ein Potpourri aus Menschen, Begebenheiten, GerĂŒchen und GefĂŒhlen jagt ihm noch nach. Er muss jetzt zu sich kommen, sonst verfĂ€lschen die Empfindungen die nackte KĂŒhle der RealitĂ€t. Klar denken, sagt er zu sich selbst, erst leise, dann laut. Klar denken.

Doch an diesem kalten Wintermorgen hilft, wie so oft, die Dichte des Tagesplans, um sich nicht zu lange mit Gedanken der TrĂŒbseligkeit zu befassen. Bald klingeln die Schulglocken, bald herrscht geschĂ€ftiges Treiben auf den jetzt noch leeren Fluren, bald beseelen Pythagoras, Einstein, Shakespeare und Nietzsche die ach so kahlen und schmucklosen RĂ€ume des Gymnasiums. Bald wird Hagen Thien das Lehrerzimmer aufsuchen, sein Material fĂŒr den Tag ĂŒberfliegen, Kopien machen, Folien ausdrucken, Notizen lesen, SchĂŒlernoten eintragen, Paraphen setzen.

*

„Herr Thien, kann ich Sie kurz sprechen?“
Frau Ladert, eine alte Schrapnell. MilitÀrisch ihr Drill bei den Kindern. Deutsch und Mathe.
„SelbstverstĂ€ndlich, Frau Ladert. Worum geht es?“
„Ich möchte Ihnen kurz etwas vorlesen: Da ist eine Frau L., die ist nicht besonders schnell, sie ist auch nicht gescheit, die SchĂŒler, die sind’s leid, sie kaufen Dynamit, und eh man sich versieht, wirft ein junger Spund das dolle D. ins Rund, da macht es dann schnell wumm, und die Frau L. guckt ganz dumm, und ĂŒberall ist’s rot, rot, rot, und Blut und Blut und Blut und Tod, Tod, Tod!“
Herr Thien schaut konsterniert.
„Ich verstehe nicht recht!“
„Das stand auf einem Zettel, den ich heute dem Sextaner Julius Schleicher genommen habe, weil er unerlaubterweise unter dem Tisch diese Pamphlete gegen mich verfasste! Dieser Junge ist gestört, wenn Sie mich fragen. Es muss etwas unternommen werden, und zwar bald!“
Herr Thien ist sich nun ĂŒber den Kontext des GesprĂ€chs im Klaren. Julius Schleicher, verhaltensauffĂ€lliger SchĂŒler, mögliche bis wahrscheinliche Diagnose: Autismus. Die Eltern fĂŒrchten, er könne auf einer Spezialschule zugrunde gehen, verwelken, eingehen wie eine schöne Orchidee in einem Feld aus Kraut und RĂŒben. Und so haben sie ihn dann aufs Gymnasium geschmuggelt, ein scharfes Messer, das man nicht in den Griff bekommt, weil es keinen hat.
„Ich verstehe ihre Aufregung, Frau Ladert. Wir haben schon eine Konferenz bezĂŒglich dieses SchĂŒlers abgehalten. Doch momentan ist da nichts zu machen. Der Schulleiter hĂ€lt seine schĂŒtzende Hand ĂŒber Julius und glaubt an seine Sozialisierung. Wir mĂŒssen wohl oder ĂŒbel warten, bis er sich so sehr daneben benimmt, dass selbst der Schulleiter nicht anders kann, als ihn zu entsorgen. Bis dahin, fĂŒrchte ich, mĂŒssen wir uns in Geduld ĂŒben.“
„Das ist nicht annehmbar. Ich werde die anderen Fachlehrer ĂŒberreden, eine von mir verfasste Protestnote zu unterschreiben und an den Schulleiter weiterzuleiten. Wir sind nicht ausgebildet fĂŒr solches SchĂŒlermaterial!“
Hagen Thien ĂŒberlegt kurz.
„Sie haben Recht, Frau Ladert. Verfassen Sie den Brief, ich werde ihn unterzeichnen!“.
Sie hat Erfahrung, denkt Thien. Sie ist unmodern hart zu den SchĂŒlern, aber sie hat einen scharfen Blick fĂŒr ProblemschĂŒler.

Weiter geht’s. Zwischen TĂŒr und Angel vergeht die meiste Zeit. Denn da stehen sie: Die Lehrer, die einen dringend sprechen mĂŒssen, die SchĂŒler, die ihre Hausaufgaben vergessen haben, die Primaner, die um Noten feilschen wollen, die Eleven, die AnwĂ€lte in eigener Sache sind. Die Hauptaufgabe eines Lehrers besteht darin, den Raum zwischen TĂŒr und Angel nicht zum Daueraufenthaltsort werden zu lassen. Noch schafft Thien es, sich in die KlassenrĂ€ume, vor das Pult zu kĂ€mpfen und fĂŒr eine Unterrichtsstunde SchĂŒler zu inspirieren.
„Good morning, my students!“
„Good morning, Mister Thien!“

*

In der großen Pause sitzt Hagen Thien am großen Tisch. Er unterhĂ€lt sich meist mit der Fachkollegin KĂŒrten, Englisch und PĂ€dagogik. Doch heute ist sie abwesend, Klassenausflug mit der 6D.
Und so schweift der Blick scheinbar ziellos durch den Raum, rĂŒber zum angrenzenden ‚Katzentisch‘, so genannt weil den Referendaren und Referendarinnen vorbehalten. Der Tisch und die an ihm stattfindenden GesprĂ€che wecken meist unangenehme Erinnerungen an die eigene Ausbildungsphase, als man sich von meist schwachsinnigen Menschen, die dem Lehrerjob entflohen, um Fachleiter zu werden, erklĂ€ren lassen musste, wie guter Unterricht ablĂ€uft. Noch immer erinnerte sich Hagen Thien an dieses didaktische Korsett, in das man ihn damals zu zwĂ€ngen versuchte. Seine Überzeugung, dass Unterrichtsstunden kreativ und auf jede erdenkliche Weise genutzt werden können, dass die ihm zur VerfĂŒgung stehenden fĂŒnfundvierzig Minuten nicht immer nach dem Muster Einstieg, Erarbeitung, Transfer und Ergebnissicherung abzulaufen hatten, behielt er damals fĂŒr sich. Heute sang er Lieder mit den Kindern, malte Bilder, schrieb Kurzgeschichten oder Comics und nahm Radiosendungen auf.
Am Katzentisch, inmitten einer KrÀhenschar aus gackernden Germanistinnen, aalglatten Anglisten, hölzernen Heimatkundlern und tratschenden Theologen, hatte sich ein goldener, blondgelockter Engel verirrt. Auch wenn das Lehrerzimmer nicht gerade vom Licht durchflutet wurde, schien es Hagen Thien jedesmal, wenn er sie erblickte, als ob ein durch dunkle Wolken stechender Lichtstrahl auf sie herabfiel, und ihr den Charakter des Irdischen streitig machte.
Sie war Galloromanistin, hieß DaniĂšle Fortin, und wirkte still, zurĂŒckhaltend und sinnlich. Ihre feine, aber nicht betuliche Art, ihr zarter, aber nicht zerbrechlicher Körperbau ließen auf einen weltabgewandten, in sich gekehrten, stark abstrahierenden Charakter schließen. Zumindest vermutete Hagen Thien dies, wissen konnte er es nicht, denn er hatte noch so gut wie nie mit ihr gesprochen.
Er sah zu ihr hinĂŒber, studierte unbewusst genau, aber bewusst heimlich ihr Gesicht und ihre feinen HĂ€nde. Das blonde Haar und die feine, wenn auch leicht blasse Haut verstĂ€rkten den Eindruck des Engelhaften.
Hagen Thien hatte gute Augen. Er erkannte auf die Entfernung von zwei, drei Metern einen Pigmentflecken auf ihrem rechten HandrĂŒcken.
Und eh Hagen Thien sich versah, verlor er sich in einem Strudel aus phantastischen Gedanken. Er malte sich aus, wie es wĂ€re, mit DaniĂšle Fortin liiert zu sein, eine Familie mit aufgeweckten, bildschönen Kindern zu haben. Und er stellte sich vor, wie seine geliebte DaniĂšle eines Tages, in TrĂ€nen aufgelöst, vom Hautarzt kĂ€me, um ihm die schreckliche Diagnose mitzuteilen: Hautkrebs. Hagen Thien sah alles vor sich: Die Kinder am rustikalen Holztisch, die kleine Tochter noch mit dem SchlabberlĂ€tzchen auf dem Hochsitz, der quengelnde, blondgelockte Bub den Mund voll Spaghetti, die aufwĂ€ndig eingerichtete KĂŒche, die großen Fenster mit den weißen Gardinen. Er sah DaniĂšle, seine Frau, in ihrem weißen Trenchcoat, der hellgrauen Anzughose und dem wollenen Pullover. Er sah ihre blonden Locken, ihren verschmierten Lidschatten, die von heißen TrĂ€nen glĂŒhenden Wangen, den ihn anflehenden Blick, sie aufzufangen. Er sah sich selbst, wie er vom Stuhl stĂŒrzte, und seinen Engel mit den gebrochenen FlĂŒgeln in die Arme nahm, stĂŒtzte, aufmunterte, und er hörte, wie er immer wieder sagte: Mein Engel, ich bin bei dir, mein Engel, ich bin bei dir.

Dann, plötzlich, ein Klingeln. Die Pausenglöcke ertönte und Hagen kehrte zurĂŒck. FĂŒr einen kurzen Moment trafen sich Hagens und DaniĂšles Blick. Sie lĂ€chelte ihm zu, Hagen lĂ€chelte zurĂŒck. Wenn ich schrie, so fragte er sich, wĂŒrdest du mich hören?

*

In seinem Deutsch LK legte Hagen Thien die Folie mit dem ersten Satz aus Rilkes Elegie auf den Projektor. Er gab den SchĂŒlern einen Moment, um den an die Wand projizierten Satz zu lesen: Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nĂ€hme mich einer plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stĂ€rkeren Dasein.
Dann fragte er, in einen sehr stillen Raum hinein: „Nun, was denkt ihr?“
Sarah antwortete als Erste.
„Es handelt sich um einen Konditionalsatz, oder nicht?“
Hagen Thien nickte zufrieden.
„Ganz recht, ein Konditionalsatz der besonderen Art! Warum?“
Jetzt schaltete sich Thorsten ein.
„Na, es kommt keine Form von wĂŒrde darin vor! Also muss es literarisch sein, nicht alltagssprachlich!“
Auch Gero fĂŒhlt sich berufen, zu kommentieren. Damit waren Hagen Thiens Meinung nach die klĂŒgsten Köpfe bereits am UnterrichtsgesprĂ€ch beteiligt.
„Und es ist als Frage formuliert. Wer wĂŒrde mich wahrnehmen, wenn ich schrie.“
„Und was könnt ihr schon ĂŒber die Person, die hören soll, sagen?“
„Na, dass es ein Engel sein muss. Aus der Engel Ordnungen, das klingt fĂŒr mich wie aus der Gruppe von Engeln.“
„Aha, und wer ist das Ich in diesem Satz?“
„Ein normaler Mensch. Ein Mensch, der am Ende ist. Er schreit, weil er verzweifelt ist, weil er kaputt ist, am Ende. Und er hofft auf göttliche Hilfe, auf Erlösung von einer ĂŒberirdischen Gestalt, einem Engel eben!“
„Sehr gut! Und weiter?!“
„Hmm. Also ein Mensch schreit um Hilfe, und er fragt sich, wer von den Engeln ihn hören wĂŒrde, wenn er um Hilfe schrie. Und dann sagt er, dass selbst wenn ihn einer hört, also einer von den Engeln, dann vergeht er von dessen stĂ€rkerem Dasein. Keine Ahnung, was das bedeuten soll!“
„Vielleicht meint er, dass die Engel so toll sind, dass er sich noch erbĂ€rmlicher vorkommt, wenn er an sich und sein elendiges Leben denkt. Die Engel strahlen, und sind wunderschön, und er ist ein ganz gewöhnlicher Mann mit Alltagsorgen und Eheproblemen und..“
„Erektionsproblemen!“
GelÀchter in der Jungenecke. Jochen, denkt Hagen, wer sonst?
„Also, was ist die Quintessenz dieses Textes?“
„Dass die Engel uns nicht helfen können?“
„Warum nicht?“
„Weil sie zu schön und zu rein sind. Sie können unsere Probleme nicht verstehen, sie sind im Himmel und wir auf Erden oder, krass interpretiert, in der Hölle. Und Menschen mĂŒssen unter sich bleiben, und Engel unter Engeln.“
„Es gibt also keine Rettung?“
„Naja, vielleicht doch, nur muss der Mensch sich selbst aus dem Dreck befreien, er darf sich nicht auf die Engel verlassen!“
„Gut, beenden wir das hier. Ich habe den ersten Teil der ersten Elegie kopiert, verteilt bitte das Blatt!“
„Herr Thien?“
„Ja?“
„Hatten wir Recht?“
„Womit?“
„Na, mit unserer Interpretation?“
„Ich habe euch schon mal gesagt: Es gibt keine richtige Interpretation. Literatur gibt euch das, was ihr euch daraus nehmt.“

*

Zwei Beschwerden an einem Tag. Das ist ein Novum, auch fĂŒr einen so außergewöhnlichen SchĂŒler wie Julius Schleicher.
Hagen Thien ist gerade auf dem Weg zur 10d, seiner etwas leistungsschwachen Deutschklasse, als Herr JĂŒrgens ihn, zwischen TĂŒr und Angel, beinahe am Arm festhĂ€lt, um ihm seine Sorgen aufzuzwingen.
„Hör mal, Hagen“, sagt er in dem ihm eigenen jovialen Ton, „der Julius Schleicher ist doch nicht ganz dicht, oder?“
„Was hat er jetzt wieder gemacht“, fragt Thien resigniert.
„Er hat die Lisa beschuldigt, ihm die zehn Euro fĂŒr den Ausflug nĂ€chste Woche gestohlen zu haben. Dann ist er in meiner Stunde wie wild zwischen seinem Platz und ihrem hin und her gelaufen und hat an ihrer Jacke gezerrt und an ihrem Pullover. Gottseidank hat die Lisa relativ ruhig reagiert, aber der Julius war nicht mehr ruhig zu stellen. Ich hab ihn dann rausgeschickt, frische Luft schnappen, aber ich weiß nicht, was der jetzt in der Stunde macht.“
„Danke, Konrad!“, sagt Hagen, weil ihm fĂŒr den Moment nichts Besseres einfĂ€llt. FĂŒr einen Moment ĂŒberlegt er, die Stunde in der 10d sausen zu lassen und den Julius direkt zur Rede zu stellen, dann aber siegt das VerantwortungsgefĂŒhl seiner 10d gegenĂŒber. Schließlich kriegen diese heute eine Deutscharbeit ĂŒber eine Kurzgeschichte von Kafka zurĂŒck.
„Ich kĂŒmmer mich drum“, sagt Hagen dem Kollegen noch.
Dieser nickt.
„Ich wollte dir nur Bescheid geben“.
Man sieht ihm an, dass er diese Geschichte gerne loswerden, mit jemandem teilen wollte, um sich selbst zu beruhigen, um die Verantwortung abzugeben, um Reaktionen hervorzurufen und zu analysieren. Denn bei jedem Vergehen eines SchĂŒlers fragt jeder Lehrer sich selbst: Wie reagiere ich angemessen? Ist das Verhalten dieses SchĂŒlers noch normal oder schon anormal? Soll ich wĂŒtend werden und ihn schimpfen oder zur Seite ziehen und das GesprĂ€ch suchen? Ist der SchĂŒler offen oder verschlossen?
Schon ist der Kollege JĂŒrgens verschwunden, mit der Gewissheit, rechtzeitig Alarm geschlagen zu haben. Hagen Thien hört schon wie er sagen wird: „Ich habe dem Kollegen Thien sofort Meldung gemacht!“. Und Hagen Thien sieht achtzig Lehrerköpfe, die auf ihn schwenken, und schweigend, mit Blicken fragen: Und wieso haben Sie nicht reagiert?

Hagen Thien besitzt die FÀhigkeit, Gedanken vorerst ausschalten zu können. Er tritt vor seine 10d, holte den Packen Klassenarbeiten aus der Schultasche, knallt diesen effekt- und gerÀuschvoll auf den Tisch, positioniert sich mittig vor das Pult und lÀsst geduldig das GeschwÀtz der Klasse ersterben, um nach Eintreten der Stille zu einer freien Rede anzusetzen.

„Wie analysiere ich einen Text? Wie finde ich heraus, was die Quintessenz eines Textes ist? Die erste Frage, die ihr euch immer stellen mĂŒsst, ist diese: Was ist der Text in sich selbst? Was ist sein Kontext? Was ist die Kernaussage und wie kann ich diese in einem Satz zusammenfassen? Seht ihr, ich habe mir jetzt in zwei qualvollen Wochen eure Textanalysen durchgelesen und ich denke, dass Hauptproblem ist folgendes: Ihr lest zu wenig! Schlimmer noch, ihr könnt gar nicht richtig lesen. Ihr lest einen Text, Wort fĂŒr Wort, und jedes einzelne Wort versteht ihr, aber mehr nicht. Der Zusammenhang, der Bezug geht euch verloren, weil ihr keinen Bezug habt zu Texten, die die Welt erklĂ€ren. Lasst es mich mit einer Metapher erklĂ€ren. Stellt Euch vor, ihr seid ArchĂ€ologen. Ein Text ist wie ein Feld, das Geschichte atmet. Ihr seht ein Feld und ihr wisst, es befinden sich dort SchĂ€tze des Altertums. Von oben betrachtet, seht ihr nur ein gewöhnliches Feld mit Erde. Ihr mĂŒsst graben, um zu erkennen, was sich unter diesem Feld verbirgt. Die meisten von euch graben nicht. Sie schauen auf das Feld und sagen: Ja, da sind ein paar Blumen, da ist ein bisschen Unkraut, ich kann alles erkennen, ich sehe, es ist ein Feld. Dann gibt es ein paar, die wissen schon, dass sie graben mĂŒssen. Aber sie benutzen das falsche Werkzeug. Einer geht mit dem Spaten ran, pflĂŒgt das ganze Feld um, trampelt auf den zersplitterten SchĂ€deln herum und haut alles kurz und klein. Am Ende bleibt nur ein Scherbenhaufen, kein Gesamtbild. Der andere wiederum ist ĂŒbervorsichtig, er wedelt mit einem kleinen Pinsel wie ein Wahnsinniger auf dem Feld herum. Hier und da legt er mal den Ansatz einer Reliquie frei, aber zu einer umfassenden Erkenntnis gelangt auch er nicht. Er fischt im TrĂŒben. Ihr mĂŒsst im Laufe eures Lebens das Lesen erlernen. Ihr mĂŒsst erkennen, dass jeder fĂŒr alles, was er sagt, schreibt oder tut, ein Motiv hat. Und wie Kriminologen mĂŒsst ihr diesem Motiv auf die Schliche kommen. Das, meine lieben SchĂŒler, ist Textanalyse, das, meine lieben SchĂŒler, ist Geisteswissenschaft!“

*

Einige RĂ€ume weiter sitzt Julius unruhig auf seinem Stuhl. ZĂ€he, dunkle FlĂŒssigkeit durchströmt seine Blutbahnen. Schwarzgallig, denkt Julius, ich bin schwarzgallig. Er hat dieses Wort bereits vernommen, seine Bedeutung noch nicht vollstĂ€ndig durchdrungen, aber der Klang des Wortes gefĂ€llt ihm im Moment. Er fĂŒhlt sich umgeben von Bestien, Bestien mit schmalen, funkelnden Schlitzen statt Augen. Er sieht verzerrte Grimassen, fletschende ZĂ€hne mit Elfenbeinspitzen. Das Holz unter seinem Stuhl ist heiß, er verbrennt vor Wut. Dumpf und undeutlich dringen die donnernd dröhnenden Laute des Lehrers an sein Ohr. Er fĂŒhlt etwas in sich aufsteigen. Es ist Wut. UnbĂ€ndige Wut. Plötzlich richten sich alle Blicke auf ihn. Er schaut in die Richtung des Rudelkönigs, der leiernde Lehrer hat nun seinen Blick auf ihn geheftet und scheint kommunizieren zu wollen. Was geschieht, was wird gesagt? Dieser Nebel, dieser Nebel, die AtmosphĂ€re zieht sich zu, alles verschwimmt, alles wird zu einem Potpourri aus Menschen, Begebenheiten, GerĂŒchen und GefĂŒhlen. Julius vermag nicht mehr klar zu denken. Ein Virus hat seinen Organismus befallen, wie Öl oder Pech liegt es auf seinen Synapsen. Keine Luft, keine Luft. Julius ahnt, was mit ihm geschieht, aber er kann es nicht ausdrĂŒcken. Er kann sich nicht verstĂ€ndlich machen. Er versucht zu sprechen, aber es gelingt nur ein Grunzen. Ich bin das Tier, ich bin die Bestie, nicht die anderen. Was tun sie? Sie lachen. Ein sehr synchrones Lachen. Julius verliert sich. Er merkt es.

Und das macht ihn rasend.

„Julius, wiederhole, was ich gerade gesagt habe!“
Herr Nöthges wird ungeduldig.
„Julius!?“
Die andern SchĂŒler schauen.

Julius sitzt in einem fahrenden Klassenzimmer. Sie fahren an RĂ€umen vorbei, an Lehrern, an Unterrichtsthemen. Das Klassenzimmer nimmt Fahrt auf, wird schneller. Mir ist schwindlig, denkt Julius.

„Julius, ich rede mit dir!“
Die SchĂŒler schauen. Sie sind ruhig, gespannt. Der Schulalltag ist durchbrochen. Eine Situation ist entstanden. Was wird passieren? Wie wird der Lehrer reagieren? Wie wird Julius reagieren? Eine Seifenoper, mitten im Unterricht.

Herr Nöthges entscheidet sich fĂŒr Ignoranz. Es bleiben nur fĂŒnf Minuten bis zum Ertönen der erlösenden Pausenglocke. Soll sich ein anderer um dieses Geschöpf kĂŒmmern.

„Patrick, liest du bitte den letzten Abschnitt!“

Die Spannung entweicht. Die FĂŒchse kehren in ihren Bau zurĂŒck. Die Blicke wenden sich ab. Julius ist wieder allein in seiner Welt. Niemand versucht, zu ihm durchzudringen. Julius beruhigt sich. Eine schĂŒtzende, unsichtbare HĂŒlle umschließt Julius Körper. Er ist wieder allein inmitten seiner MitschĂŒler.

*

Zweite große Pause. Ein langer Tag, denkt Thien. Noch eine Stunde, dann Mittagessen, dann Nachmittagsunterricht. Die SchĂŒler und auch die Lehrer verlieren an Energie, doch keine der beiden Parteien mag es der anderen eingestehen. Lehrer versuchen aus PflichtgefĂŒhl den Schein der Motivation zu wahren, SchĂŒler aus Angst um die Noten. Und so tun alle, als ginge es ihnen noch um die Schule, als glaubten sie alle an die Institution. Sie gehorchen ihr, innerlich verfluchen sie sie.
Oft hat Thien davon getrĂ€umt, eine neue Art der Schule zu erfinden. Ein System ohne Zwang, in dem SchĂŒler im Monatsrhythmus Workshops angeboten bekommen. Praktisch orientierter Unterricht: Das Verfassen von BĂŒchern in Englisch, die Herausgabe einer Zeitung in Deutsch, die Kooperation von Kunst und Französisch, um eine bande dĂ©ssinĂ©e herzustellen. Die mathematische Ausmessung eines Hauses oder die Neuinterpretation eines Popschlagers mithilfe des Schulorchesters.
Seifenblasen, dachte Hagen Thien. Ich bin verloren im Klein-Klein eines bĂŒrokratisch ausgelegten Schulsystems. Wir Deutschen können nicht anders. Wir verwalten lieber, als dass wir neu denken.

DaniÚle Fortin kommt zum Ende der Pause ins Lehrerzimmer. Selbst in ihrer Hektik bewahrt sie sich ihre Eleganz. Grazil und behende bewegt sie ihre jungen Knochen. Thien kann den Blick nicht lösen.

Ein GefĂŒhl unbĂ€ndigen Verlangens steigt in ihm auf. Wie eine reißende Flut durchströmt es seinen Körper und bricht sich in Wellen an der Unterhaut. Ein Impuls durchzuckt den jungen Lehrer wie ein Blitz. Der Impuls gebietet ihm aufzustehen, sofort, hinzugehen, sofort, anzufassen, sofort, sofort. Und doch unterbindet Hagen Thien diesen Impuls mit aller Gewalt, bleibt sitzen und schaut verstohlen zu ihr hin. Sie ist ein Geschöpf des Himmels, denkt er, sie anzufassen kĂ€me ihrer Ermordung gleich. Sie ist erschaffen fĂŒr die Kontemplation, die Menschheit darf sich an ihrem Anblick weiden, an ihrer Schönheit, aber sie darf sie nicht besitzen wollen.

*

Als Hagen Thien wieder in den Unterricht will, sieht er plötzlich den SchĂŒler Julius Schleicher am Ende des Ganges, nahe dem Treppenhaus. Mit beiden HĂ€nden hĂ€lt er die junge Lisa fest und schĂŒttelt sie. Jungen und MĂ€dchen laufen an ihnen vorbei und tun so, als ob nichts wĂ€re.
Hagen Thien beschleunigt seinen Gang. Er bahnt sich einen Weg an SchĂŒlern vorbei, das Ziel fest im Blick. Schneller, schneller, denkt er, dann ist er da.
„Julius, was machst du?“, ruft er entgeistert in das Gesicht des Jungen, als er ihn zu packen bekommt und zu sich wendet. Das MĂ€dchen Lisa nutzt den Moment und reißt sich von Julius los, verschwindet in den verwinkelten GĂ€ngen des Gymnasiums und wird von der Menge der auseinanderstobenden Eleven in eins der Klassenzimmer gespĂŒlt.
Es macht Klack, und alle TĂŒren sind verschlossen, die Flure leer, Hagen Thien steht alleine mit Julius Schleicher am oberen Treppenabsatz des ersten Stocks.
„Was ist los mit dir? Was ist bloß los mit dir?“, gerĂ€t Thien außer sich.

Julius registriert eine BerĂŒhrung. Jemand hat ihn angefasst. Jemand hĂ€lt ihn fest. Er ist gefangen. Ein Mann steht vor ihm, mit rotem Kopf und spuckt ihm vor Speichel triefende Worte ins Gesicht. Er ist in Gefahr, er muss sich wehren, man will ihm ans Leder. Einem Tier gleich versucht Julius sich an einer Angriffshaltung. Er stellt sein rechtes Bein nach vorne, das linke benutzt er als Plattform. In einer raschen Bewegung schleudert er die ganze Kraft seines Körpers in den Rotkopfmann hinein. Stirb, du Ungeheuer, stirb. Das Ungeheuer weicht zurĂŒck und fĂ€llt.

Hagen Thien verliert das Gleichgewicht. Er steht auf einem Bein, das andere fĂ€llt zurĂŒck, doch wo ein Boden sein soll, fĂ€ngt die Treppe an und noch bevor der junge Lehrer sich wundern kann, warum er ins Nichts fĂ€llt, prallt sein Kopf schon auf die marmorne Kante einer Treppenstufe. Er fĂ€llt und fĂ€llt und fĂ€llt in einen steinernen Himmel. Er verliert das Bewusstsein, entschwindet ins Jenseits und lĂ€sst geschehen. Komm, sĂŒĂŸer Tod, ich bin bereit.

Als er aufwacht, sieht er sich selbst auf dem Boden des Erdgeschosses. Erst weiß er nicht, wie ihm geschieht, dann erinnert er sich: Julius, der Junge, Lisa, das MĂ€dchen, die Treppe, die Schmerzen. Alles kommt ihm vor wie ein Traum. Er ist in der Hölle, die sich RealitĂ€t nennt. Die Schmerzen. Sein brechendes Auge schlĂ€gt nach oben. Die Schmerzen. Da sieht er sie. Die Schmerzen. DaniĂšle Fortin. Sie steht oben auf der Treppe und schaut zu ihm hinunter. Mild. SanftmĂŒtig. Mitleidig. Geschockt. Die Schmerzen. Die Schmerzen.

Hagen Thien fasst sich an den Kopf. Das verschwommene Bild der engelsgleichen DaniÚle Fortin ist das Letzte, was er sieht, bevor er erneut das Bewusstsein verliert. Ein Bild, eng verbunden mit diesem einen Gedanken: Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?







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rothsten
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Huhu CPMan,

ich seziere:

quote:
Wer, wenn ich schrie, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? Und gesetzt selbst, es nÀhme mich einer plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stÀrkeren Dasein.

Rainer Maria Rilke



Es ist nicht hell, es ist nicht dunkel. Es ist weder tiefe Nacht, noch blĂŒhender Tag. Es ist ein Dazwischensein.

Das ist ein grandioser Anfang. Ambivalenz als Stilmittel: Engel/Licht/ans Herz nehmen ... Schreie/Vergehen/dunkel

Am besten finde ich aber die Grauzone. Bei Rilke:"plötzlich ans Herz -vergehen"; bei Dir: "Es ist ein Dazwischensein".

HĂ€tte ich noch nichts von Dir gelesen, ich wĂŒsste spĂ€testens jetzt, dass hier ein wahrer Schreiber am Werk ist. In Deinem Anfang steckt das, was den selbsternannten Könnern nach 35 Semestern Studium der Literaturwissenschaften/Germanistik fehlt: Ein GefĂŒhl fĂŒr den Augenblick, fĂŒr die Scharniere unserer Sprache, die Kippgrenze zum Beliebigen.

Meinen Hut hast Du schon. Ich werfe meinen Skalp, freiwillig. Hau!

quote:
Als beneble ein grauer Dunst die Wahrnehmung, als drĂ€ngen Laute nur gedĂ€mpft ans Ohr, Bilder nur verschwommen ans Auge, BerĂŒhrungen nur wie durch Watte an die Haut.

Redundant und wohl auch im Konjunktiv verhaspelt.

quote:
Aus einem Schlummer erwacht der junge Lehrer, die WachtrĂ€ume kleben wie unsichtbar noch in der Luft, beschweren die so oft gerĂŒhmte Leichtigkeit seines Wesens.

Solche SĂ€tze kann man nicht lernen, die sind einfach da oder eben nicht. Ich beneide Dich darum ...

quote:
Ein Potpourri aus Menschen, Begebenheiten, GerĂŒchen und GefĂŒhlen jagt ihm noch nach

... und darum wieder nicht. Das ist too much.

Wenn ich mich nicht sehr tÀusche, bist Du entweder Halb-Profi oder noch sehr jung. Das Einzige, was Du noch lernen musst, ist die richtige Gewichtung dieser "Aha-SÀtze". Es ist alles da, aber alles hÀlt niemand aus.

Bringe etwas mehr Balance zwischen die beliebigen SÀtze und die Perlen. Keiner hÀlt dieses Daurfeuerwerk aus - nichtmal Rilke

usw, ich breche die Textarbeit hier mal ab. Es ist eh alles gesagt. Du verstehst, denke ich.

lg

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