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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Bahnschläfer
Eingestellt am 04. 03. 2012 20:20


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HajoBe
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Registriert: Feb 2012

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Er sitzt mir im Zugabteil schräg gegenüber in seinem abgewetzten grauen Mantel. Ein Knopf fehlt. Ein zweiter baumelt an dünnem Faden. In der rechten Hand eine zusammengerollte Zeitung. Neben ihm eine halbgefüllte schmutzige Plastiktüte. Nichts an ihm ist geeignet besondere Aufmerksamkeit zu erregen. Schätze ihn auf etwa 60 Jahre. Sein unrasiertes wettergegerbtes Gesicht lässt mich sein Alter nur vermuten. Braun gefärbte Fingerkuppen ungepflegter Hände deuten auf den Raucher.
Ich schaue aus dem Fenster. Landschaft fliegt vorüber. Einschläferndes Rädergeratter. Langeweile beschleicht mich.

Mein Gegenüber atmet regelmäßig. Geräuschvoll. Gelegentlich etwas schnappend. Alles deutet darauf, dass er zu schlafen scheint. Ein "Sitzschläfer" - denke ich bei mir - und ertappe mich wie ich ihn neugierig abschätzend betrachte. Er ist ein wenig in sich zusammengesunken. Sein Mantel liegt dadurch in mehr Falten. Er wirkt körperlich völlig entspannt. Aus seiner linken Manteltasche schiebt sich langsam eine zerknüllte Zigarettenschachtel. Die Zeitung entgleitet seinem Griff, der sich lockert. Droht zu Boden zu fallen. Da schließt er - er hat es bemerkt - ruckartig seine Hand. Hält sie fest. Atmet einmal tief durch. Es klingt wie ein Seufzen. Süßlicher Alkoholgeruch weht mir entgegen. Er rückt sich zurecht, scheint wieder wach. Kann meinen Blick von ihm lassen. Passiert nichts weiter.
Doch meine Gedanken haften an ihm. Hat er ein Ziel? Oder sucht er nur die Wärme des Eisenbahnabteils? Oder anderer Menschen?

Schaue wieder in die Landschaft. Doch dann wie zwanghaft nach ihm. Sein Oberkörper hat sich leicht zur Seite geneigt. Mein Interesse ist geweckt. Beobachte ihn jetzt aufmerksamer. Geht eigentlich nichts Bemerkenswertes von ihm aus. Er schläft lediglich. In sich ruhend wirkt er unscheinbar - schlafgeschrumpft. Ob er träumt, dass man ihn vergessen hat?
Der Knopf an dünnem Faden schwingt im Rhythmus seines Atems.
Millimeterweise kippt sein Körper offensichtlich unkontrolliert in kleinen Stakkatobewegungen seitwärts - das Kinn auf der Brust. Kann sein vermutlich entspanntes Gesicht unter der Hutkrempe nicht sehen. Sein zahnlückenhafter Mund ist halb geöffnet.
Noch ein winziges Stück, dann müsste er zur Seite sinken an der Rückenlehne entlang gleitend.
Doch kurz bevor - ruckartig - richtet er sich auf in die Senkrechte, der Oberkörper gestrafft, der Kopf erhoben, die Augen geöffnet lächelt er mich Verständnis heischend an als wollte er sich entschuldigen. Jetzt wach und aufrecht sitzend faltet er die Hände im Schoß über der Zeitung.....
Die Augenlider werden sichtlich schwerer. Langsam kaskadenartig in einer stotternden Abwärtsbewegung beginnt der Kopf erneut auf die Brust zu sinken. Sein Körper verliert an Haltung, verfällt förmlich abermals in den Sitzschlaf.
Nach welcher Seite wird er sich neigen? Er atmet ruhig. Seine Hände zucken zuweilen fast unmerklich. Die Zeitung gleitet zu Boden. Ich hebe sie auf. Lege sie zur Seite. Lesen? Nein! Dieser Mann ist Unterhaltung genug.
Gleich muss er die Position erreicht haben, in der die Schwerkraft ihn im Schlaf überlistet, überwältigt, sozusagen zu Fall bringt. Rein zufällig. Doch er hält sich unverändert seitlich geneigt gleichgewichtig in Bewegungslosigkeit verharrend.
Es passiert nichts mehr. Kann dennoch meine Blicke nicht von ihm lassen. Irgendwann muss er umkippen, so entspannt instabil und tief schlafend wie er mir gegenübersitzt. Er fiel in den Schlaf. Und nun im Schlaf?

Der Zug verlangsamt die Fahrt. Vorüber gleitende Schilder verkünden den nahenden Bahnhof. Der Mann schläft tief. Die Sitzposition gleichbleibend schräg zur Seite hin.
Schritttempo. Einfahren in die Station. Bremsen kreischen.

Unvermittelt richtet sich mein Gegenüber sprunghaft auf, schiebt den Schlapphut nackenwärts, lächelt ein wenig verlegen, wischt mit der Hand über sein Gesicht, gähnt und greift nach der hinter ihm liegenden Bierflasche, die ich bisher nicht bemerkt hatte.
Steht ein wenig unsicher auf den Beinen. Mir fällt das leichte Zittern seiner Hände auf als er die Flasche in die Tüte zu stecken versucht.
"Ich muss geschlafen haben. Muss hier aussteigen".
Es klingt fast wie ein erklärendes Geständnis. Ich reiche ihm die Zeitung. Er nickt nur.
Dieser Mensch muss einen inneren Wecker in sich tragen, der ihm im Schlaf die Ankunft am Ziel zeitgenau signalisiert. Hat nicht jeder. Wir ticken alle verschieden. Und ein Ziel? Haben wir auch nicht alle.

Habe mit ihm kein Wort gewechselt. Schaue ihm nach. Sein flatternder Mantel ist viel zu groß. Leicht schwankenden Ganges die Plastiktüte unter dem Arm verliert sich seine Gestalt unter die Menschen.....als einer von uns allen.

Version vom 04. 03. 2012 20:20
Version vom 10. 03. 2012 22:07
Version vom 07. 04. 2012 11:59
Version vom 29. 04. 2012 10:40

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USch
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo HaJoBe,
die Geschichte ist nach Überarbeitung und Straffung noch besser geworden.

Ein paar kleine Vorschläge:
Ein \"Sitzschläfer\" - denke...Was sollen die Schrägstriche?

Jetzt wach und aufrecht sitzend faltet er ...

umkippen, so entspannt instabil

Die Sitzposition gleichbleibend schräg nach seitlich zur Seite hin.

\" Ich muss geschlafen haben. Muss hier aussteigen\".

Sein flatternder Mantel ist viel zu groß. Leicht schwankenden Ganges, die Plastiktüte unter dem Arm, verliert sich seine Gestalt unter die Menschen.....als einer von uns allen.

LG USch


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