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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Banktermin
Eingestellt am 17. 07. 2014 19:53


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Languedoc
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Der Banktermin


Ich saß im schicken Büro meiner Bankberaterin, die mit geübtem Mausgeklicke Informationen über mein Bankkonto auf den PC-Monitor holte und über die Performanz meines Wertpapierdepots referierte. Plötzlich sagte sie, gemäß Systemanforderungen sei es notwendig, sofort alle Belege beginnend mit dem Jahr 2005, also seit der Kontoeröffnung, auszudrucken und von mir unterzeichnen zu lassen. Dasselbe müsse auch für Herrn Knapps Konto gemacht werden, das die Bank seit 1999 führt, und da Herr Knapp persönlich abwesend sei, müsse ich heute nicht nur meine, sondern auch seine Belege unterschreiben. Immerhin verfügte ich über dessen Konten als Generalbevollmächtigte.

Ich wehrte höflich ab, ein Ausdrucken dieser Schriftstücke sei nicht erforderlich, weil ich seit jeher nach jedem Monatsultimo alle aktuell angefallenen Belege bei mir daheim am Computer über den Online-Banking-Server ausgedruckt hätte, um meine Buchhaltung gemäß den Grundsätzen ordnungsmäßiger Buchführung, kurz GoB, zeitnah und vollständig zu erledigen. Diese Vorgehensweise gehöre bekannterweise zum Handwerk der gewissenhaften Buchhalterin.

Das sei unerheblich, entgegnete Frau Brauer und betonte, das System verlange meine Unterschrift, und zwar jetzt vor ihren Augen hier im Büro. Sie drückte die ENTER-Befehlstaste. Unverzüglich startete der Drucker auf dem Beistelltisch sein monotones Gesurre und spuckte in äußerster Normenkonformität ein bedrucktes Blatt Papier nach dem anderen aus einem millimeterschmalen Schlitz: Kontoauszüge, Kreditkartenabrechnungen, Zinsberechnungen für die Festgeldanlagen, Kauf- und Verkaufsbestätigungen für Aktien, Dividendengutschriften, Währungswechsel, Tod und Teufel – ich erinnerte mich an jeden einzelnen Beleg, schließlich hatte ich sie alle, Monat für Monat, Jahr um Jahr, auf formale und inhaltliche Richtigkeit hin kontrolliert, sodann für die Eingabe in mein Buchhaltungsprogramm kontiert und in den mit Codes versehenen, einheitlich moosgrün gedeckelten Archivordnern abgeheftet, die in langen Regalreihen in einem staubtrockenen Kellerabteil ihre letzte Ruhestätte hatten.

Ich sah den kalkweißen Papierstapel im Druckerfach in Windeseile wachsen und höher werden und fragte höflich, ob nicht meine Paraphe genüge, so gehe es rascher mit dem Abzeichnen der vielen Zettel.

„Nein“, beschied Frau Brauer, und ihre Augenlider flatterten, „die rechtsgültige Unterschrift bitte sehr, hier auf den Dokumenten rechts unten im Eck.“ Ergeben fing ich an, meinen Namen zu schreiben.

Frau Brauer blickte sogleich prüfend auf mein Werk und runzelte die Stirn. „Das stimmt ganz und gar nicht“, rügte sie. „Sehen Sie,“ – und sie drehte den Monitor frontal zu meinem Gesicht – „Ihr Autogramm hat exakt auszusehen wie auf diesem Unterschriftenprobeblatt hier. Sie müssen die Buchstaben sauber malen und vor allem haben Sie Ihren zweiten Vornamen auszuschreiben. Verstehen Sie? Ihr zweites M gehört ausgeschrieben! Keine Abkürzungen, wenn ich bitten darf.“

Am Monitor las ich das eingescannte Faksimile: Maria Magdalena Werdig. Mir sagte der Name nichts. Ich las Buchstabe um Buchstabe. Mir sagten die Worte immer noch nichts. Wer zum Teufel war Maria Magdalena Werdig?

Sollte das ich sein?

Ich hob die Brauen und schüttelte den Kopf. Die Augenlider meiner Bankberaterin flatterten mich bedrohlich an. Sie schob mir den nächsten Kontoauszug zu. Ich beugte mich darüber und krakelte mit schweißnassen Fingern: Maria Magdalena Werdig. Das letzte g, schön geschlungen, war kaum auf dem Papier, als mir Frau Brauer das Blatt unterm Filzstift fortriss und das nächste unterschob. „Bitte“, sagte sie genervt, „wir wollen doch um siebzehn Uhr fertig sein. Es sind noch viertausend dreihundert und achtundvierzig Dokumente.“

Ich seufzte ein stilles Ach, aber dann nahm ich die Sache entschlossen in Angriff und schrieb zügig und präzise: Maria Magdalena Werdig; zwei Mal, zehn Mal, hundert Male Maria Magdalena Werdig; der Stift flitzte dahin, die Hand sauste von links nach rechts, wieder und wieder, sie schrieb und schrieb, die Buchstaben flirrten, die Wörter flogen, schreiben, schreiben, schreiben und entsetzlich tut es weh, es …

Da wache ich auf. Wo bin ich?
Ich liege bäuchlings in meinem Bett und keuche fremde Töne. Das rechte Handgelenk schmerzt. Es steckt verdreht eingeklemmt unter meinem Hüftknochen. Vorsichtig ziehe ich meinen Arm unter dem Bauch hervor, schüttle die Gelenke und massiere die kribbelnden Finger, bis die Durchblutung halbwegs normal im Gange ist.

Ich höre das vertraute Glockengeläute der nahen Kirche. Es ist Sonntag. Ich sollte eine Runde schlafen, bevor ich mich jenen Unterlagen widme, die für das morgige Stand-up-Meeting mit Herrn Knapp um acht Uhr zur Verfügung stehen müssen. Er schätzt eine gute Vorbereitung.


Version vom 17. 07. 2014 19:53
Version vom 21. 07. 2014 10:41

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