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Leselupe.de > Horror und Psycho
Der Bauch des Wolfes
Eingestellt am 05. 10. 2011 18:09


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Bernd
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Der Bauch des Wolfes
Der Wolf war in den Brunnen gefallen und die Wackersteine zogen ihn tiefer und tiefer. Oben sangen Rotkäppchen und der Jäger und die Großmutter – alle, alle, – der Wolf ist tot, der Wolf ist tot ...        
    Krampfhaft zappelte der Wolf mit den Beinen, aber das Wunder blieb aus. Er hatte die Großmutter zu retten versucht in seinem großen warmen Bauch und Rotkäppchen auch, aber der Jäger hatte ihn zerschnitten, den Bauch aufgeschlitzt, den Wunderbauch, und Steine hineingelegt, während der Wolf noch schlief. So war der Versuch misslungen, Wasser zu trinken, und der Wolf war in den Brunnen gestürzt, den großen tiefen Brunnen. Nun schwanden ihm die Sinne.
    Als der Wolf erwachte, lag er auf einer großen blühenden Wiese und in den vielen Bäumen zwitscherten Vögel, langsam richtete sich der Wolf auf und die Steine klapperten in seinem Bauch, schlugen aufeinander, donnerten dumpf. Mühsam richtete der Wolf sich auf und trottete vorwärts, ohne sich zu wundern, das Wundern hatte er sich abgewöhnt. Wieder hatte er eine Grenze überwunden, wieder war er in seinem Leben eine Stufe weitergelangt, doch er war traurig, und er lief und lief.
    Mit dem Kopf stieß er gegen einen Baum. Und fiel um, Sterne kreisten vor seinen Augen. „Rüttle mich und schüttle mich“, rief der Baum. „Wir sind schon alle, alle reif", riefen die restlichen Äpfel, die noch an den Zweigen hingen, und es wurde dunkel.
    Durstig und hungrig erwachte der Wolf am nächsten Tag, er hatte geträumt, geträumt von auserlesenen Speisen, von seinen Abenteuern und vom Märchenland, aus dem er kam, in dem er sich wohlfühlte.
    „Rüttle mich und schüttle mich“, rief der Baum, der Wolf versuchte es erneut, ohne eigentlich zu wissen, warum. Endlich war der letzte der Äpfel heruntergefallen und dankbar sprach der Baum: „Du hast mir geholfen, so will auch ich dir helfen. So esse drei der Äpfel, sie werden deine Leiden lindern und deinen Hunger stillen, sammle dann die restlichen Äpfel auf und lege sie in die Kiepe dort auf dem Tisch aus Zedernholz.“
    Der Wolf wollte keine Äpfel, aber Hunger und Durst nagten an seinem Magen; und die Naht am Bauch schmerzte, so aß er die Äpfel — und sein Befinden besserte sich.
    Er sammelte die restlichen Äpfel, legte sie in die Kiepe und lief weiter; leise klapperten die Steine in seinem Bauch.
    „Weh, diese Wackersteine“, seufzte der Wolf.
    „Wie bin ich hereingefallen“, sprach er und zwang seine Beine zu laufen, immer geradeaus, weiter und weiter, aber groß war die Wiese, sehr groß, sie schien kein Ende zu nehmen, es wurde Mittag, und die Sonne glühte am Himmel. Da spürte der Wolf den Duft von frischer Hasenpizza und das Wasser lief ihm im Munde zusammen, und er lief weiter, missachtete die sich in seinem Bauch wieder verstärkenden Schmerzen ebenso, wie die wundersamen Blumen auf der Wiese.
... Und stieß schmerzhaft gegen einen Backofen mit seiner Stirn, denn er hatte diesen übersehen; Blut tropfte langsam aus der Wunde. „Hol uns heraus“, riefen die Brote im Backofen, „sonst verbrennen wir!“
    Und der Wolf fühlte sich selbst fast verbrannt in der Mittagshitze und von der Glut des Backofens. Aber er hatte ein gutes Herz, und so nahm er die Brote heraus mit dem Brotschieber, den er neben dem Ofen fand, und legte sie auf den Wagen neben dem Backofen. Vor Erschöpfung und Hitze wurde dem Wolf schwarz vor den Augen — am liebsten hätte er sich im Gras niedergelegt, um zu schlafen. „Hol uns heraus, sonst verbrennen wir“, riefen die Brote, und der Wolf nahm seine Kräfte zusammen und holte die restlichen Brote aus dem Ofen. „Hab Dank für deine Hilfe, so will ich dich belohnen“, sprach der Ofen. „Nimm den Schieber und hole aus dem oberen Fach die Pizza, sie wird deinen Hunger stillen.“
    Dankbar holte der Wolf die Pizza aus dem Ofen und fraß sie auf, er wunderte sich etwas, hatte er doch vorher das Fach nicht gesehen.
    Er fühlte sich gestärkt und lief weiter.
    Auf der Wiese sprangen die Grashüpfer zur Seite und die Schmetterlinge flogen davon, als der Wolf sich näherte.
    Gegen Abend gelangte der Wolf an das Haus von Frau Holle, es kam ihm bekannt vor — und doch wusste er, hier war er vorher noch nie.
    Frau Holle blickte aus dem Fenster und sah den Wolf, als er sich näherte.
    „Guten Tag!“ rief der Wolf.
    „Guten Tag!“ antwortete Frau Holle.
„Ich habe solchen Hunger und Durst, auch schmerzt mein Bauch“, stöhnte der Wolf.

„Du wirst mich auffressen, wenn ich die Tür öffne“, sagte Frau Holle und nahm das Kissen, das sie gerade schütteln wollte, vom Fenster.
    „Nein, wirklich nicht!“ versicherte der Wolf. „Oh, bitte, hilf mir.“
    „Gut, ich werde die Tür öffnen und dich hereinlassen“, sagte Frau Holle, und sie tat es alsbald.
    Sie gab ihm Speise und Trank, dann führte sie ihn ins Gästezimmer und er legte sich ins Bett und ruhte aus.
    Am nächsten Tage fühlte der Wolf sich immer noch matt, aber er wollte nicht liegenbleiben, sondern er wollte Frau Holle helfen, als Dank, dass sie ihn nicht fortgejagt hatte; und er wunderte sich über diese Regung seines Herzens. Also fegte er die Stube, schüttelte die Betten aus und machte die Betten so ordentlich, wie er es nur vermochte. Und sehnsuchtsvoll wartete er auf Frau Holle.
    Frau Holle aber war in die Stadt gefahren und hatte Sachen gekauft, auch war sie ins Krankenhaus gelaufen und hatte versucht, einen Arzt zu finden, der den Wolf behandeln würde, aber alle hatten Angst vor dem Wolf und weigerten sich. Schließlich hatte sich die Geschichte vom Rotkäppchen bereits herumgesprochen. — Frau Holle versuchte es bei vielen Ärzten, aber alle wiesen sie ab. Endlich kam sie zu Doktor Allwissend und der hatte gute Beziehungen zum Gevatter Tod und fürchtete den Wolf nicht.
    Doch war es in der Zwischenzeit spät geworden und Frau Holle musste in einer Herberge übernachten, denn in dieser Nacht konnte sie nicht mehr nach Hause gelangen.
    Draußen war es kalt, der Mond schimmerte durch die Wolken und es schneite leicht. Und in der Ferne hörte man das traurige Lied des Wolfes, er stand am Fenster und schüttelte Betten aus, betrachtete den Mond und heulte und heulte. Der Himmel auf der Erde bewölkte sich stärker, der Mond wurde verdeckt, Schneesturm peitschte durch das Land, der Wolf heulte lauter vor Schmerz und Traurigkeit und die Menschen schlossen fest ihre Häuser und heizten kräftig die Stuben.
    Am nächsten Morgen holten die Kinder ihre Schneeschuhe und Schlitten heraus und freuten sich über den vielen Schnee und über die weißklitzernden Eisblumen an den Fenstern.
Frau Holle aber fuhr gemeinsam mit Doktor Allwissend in dessen Schlitten nach Hause.
    Die beiden fanden den Wolf schlafend und schnarchend in seinem Bett. Vorsichtig weckte ihn Frau Holle und Doktor Allwissend untersuchte den Wolf.
    „Ich muss operieren“, sagte der Doktor. „Aber ich habe keine passenden Instrumente hier. Wir werden uns behelfen müssen.“
    Er ließ sich eine Schere bringen und Nadel und Faden.
Schließlich banden Frau Holle und Doktor Allwissend den Wolf mit starken Seilen ans Bett, damit er während der Operation nicht vor Schmerzen seine Helfer zerreißen würde.
Vorsichtig schnitt Doktor Allwissend dem Wolf den Bauch nochmals auf, und sie holten die Steine heraus, worauf der Doktor dem Wolf den Bauch wieder zunähte.
    Durch die lange Lagerung im geheimnisvoll magischen Bauch des Wolfes hatten die Steine ihre Struktur geändert und waren nun Zaubersteine geworden, sieben an der Zahl, unter ihnen auch der Große Zauberstein.

    Der Große Zauberstein

    Der Zauberstein, der Große,
    er ist so schwarz und schwer,
    er bleibt in keiner Pose,
    er wandert stets umher.

    Auf seinem Weg begleiten
    ein Hammer und ein Schwein
    seit allen alten Zeiten
    den Großen Zauberstein.

    Der Zauberstein, der Große,
    ist schwerer als das Licht,
    erblickst du ihn im Moose,
    so nimm ihn lieber nicht.

Jeder der Zaubersteine wechselte seine Farben, und sie leuchteten in sieben Farben bei Nacht. Nur der Große Zauberstein aber leuchtete Schwarz, er zog alles Licht in sich hinein.
    Einstweilen lagen die Steine unbeachtet neben dem Operationstisch.
    Der Wolf fühlte seinen Bauch nunmehr leer und hatte Hunger. Sein Hunger war groß, und ihm schien, er wäre aus einem langen seltsamen Traum erwacht. Erstaunt sah er sich um und erblickte Doktor Allwissend und Frau Holle, die vor seinem Bett standen. Erstaunt sah er das Bett und erstaunt fühlte er die Fesseln, mit denen er gebunden war und die Schmerzen am Bauch. Er suchte seine Erinnerung und wollte losbrüllen, aber er ächzte nur. Und Frau Holle befeuchtete mit einem Schwamm seine Lippen und wischte ihm den Schweiß von der Stirn.
    Doktor Allwissend erklärte ihm, er würde nun sieben Wochen schlafen, danach wäre er wieder gesund. Frau Holle reichte ihm die Medizin und einen Becher mit klarem Quellwasser und der Wolf schlief ein.
    Als der Wolf wieder erwachte, war alles ganz anders, als er erhofft hatte. Seine Gastrolle bei Frau Holle schien beendet zu sein, und er war erwacht in einer Hundehütte und trug eine Kette um den Hals. Vor ihm lag duftend ein Knochen, hungrig wollte er sich auf diesen stürzen, aber er besann sich schließlich eines anderen, scharrte ein Loch und grub diesen ein. Laut bellte und kläffte er, bis seine Stimme versagte. Er bellte und bellte, aber niemand schien es zur Kenntnis zu nehmen. So erschien ihm alles ein Traum und er war Hund. Die nächste Schale der Zeit hatte sich gelöst. So erschien ihm alles ein Traum und er bellte und heulte und fraß hungrig den Knochen, den er wieder ausgescharrt hatte, und er hörte, wie sich aus der Ferne Schritte näherten. Er hockte nun in seiner Hundehütte oder er lief heraus und zog an der Kette, aber niemand näherte sich. Er hörte die Schritte und bellte und bellte. Er wusste nicht, was er war, und wo er war, und er zog an der Kette und diese wurde länger und länger, beliebig lang — die Hundehütte war in weiter Ferne. ,Wundere dich nicht', sprach der Wolf zu sich, und am Himmel zogen Wolken auf. Die Hitze ließ nach.
Wieder hörte der Wolf, Hund geworden, Schritte und bellte, aber er sah nichts und roch nichts. Wieder lief er, die Kette gab es her, und die Hundehütte lag in weiter Ferne. Aber der Hunger trieb ihn am Abend zurück, er fraß den Knochen und legte sich nieder und begann zu heulen. Regen und Sturm peitschten nunmehr über das Land, und er hörte die Schritte — hörte die Schritte, die näherkamen und sich entfernten — hörte sie und bellte und bellte, heulte, dachte angestrengt nach über seine Situation und blickte zu den Sternen, denn nach dem Sturm war der Himmel außergewöhnlich klar. Der Wolf betrachtete die Hundehütte, sie war ein Palast, ein wirklicher Palast. Sobald er in den Palast hineintrat, hineinschritt, fand er den Knochen und betrachtete ihn von allen Seiten.
    ,Wo bin ich', überlegte der Wolf, als er den Knochen zerbrach.
    ,Wo bin ich? War ich nicht gerade noch bei Frau Holle? Oder bei Rotkäppchen? Oder ...'
    ,Warum bin ich hier, ich fresse und fresse und werde nicht satt. Ich heule und belle und kläffe und bleibe unzufrieden.'
    ,Einsam bin ich hier und leide — ich hänge an der Kette und kann ja nicht fort — kann nicht fort? — ich hänge an der Kette und bleibe da hängen und kann nicht fort — ich habe Hunger und fresse den Knochen, aber er sättigt mich nicht — ich habe Durst und trinke die Stunden — ich sehe den Palast, die Hundehütte, und kann nicht fort.'
    ,Hilft mir denn keiner...' brüllt der Wolf und reißt an der Kette und schlägt auf die Hundehütte, den Palast; der zerbricht. In der Ferne hört er Schritte. ,Hier ist das Labyrinth. Ich bin Minotaurus Wer mich findet, ist ein Knochen. Wer hierher kommt, ist ein Knochen. Ich fresse ihn oder scharre ihn ein.'
    Nein, so geht das nicht, der Wolf, Hund geworden, bricht verzweifelt immer neue Knochen entzwei. Der Hund, Wächter geworden, heult verzweifelt und laut. Allein in der Hütte zählt er die Nägel in den Brettern und die Pflastersteine auf dem Boden. Verzweifelt heult er und brüllt und ruft in die Umgebung und zieht an der Kette, der sprechenden, geschmeidigen, funkelnden Kette an seinem Hals.

Wer hat ihn hierher gebracht? Wozu ist er hier? Als Wächter? Als Wolf in einem fernen Tierpark? Als Märchenfigur, die sich allmählich verwandelt zu Stein?
    Der Wolf denkt und denkt und nagt am Knochen, will fort, aber die Kette ist fest. Der Wolf sucht den Ausweg und läuft wiederum geradeaus. Und er läuft Stunden um Stunden und er läuft Tag um Tag und er läuft Woche um Woche und in der Ferne sieht er endlich etwas, das sich unterscheidet von der endlosen Einöde um die Hundehütte. Hoffnungsvoll und dürr geworden nähert er sich — es ist die Hundehütte, der Palast.     Am Knochen nagend bricht er zusammen.
    Der Wolf erwacht in einem geräumigen Zimmer. Vor ihm liegt Zeit und hinter ihm liegt Zeit und in der Mitte des Zimmers, des weißen Zimmers, steht ein Tisch. Der Tisch ist gedeckt, aber der Wolf hat keinen Hunger, ist satt. Die Gardinen verbergen das Fenster und die Tür ist fast unsichtbar in der Wand. Auf den Vorhängen fliegen gemalte Vögel. Auf den Vorhängen zwitschern gemalte Vögel. Über die Wände kriecht eine Riesenschlange.
    Nun sitzt der Wolf hinter dem Schreibtisch und trinkt ein Glas Limonade und schreibt. Über sich und über andere und über das Versagen und über das Vergessen. Er denkt nicht lange bei dieser Arbeit, die Gedanken fließen dahin, kommen aus seinem Inneren und verschwinden in der Schreibmaschine.
    Die Gedanken fließen dahin, oft gedachte, oder nie gedachte, verdrängte oder verzögerte Gedanken aus der Zeit vor der Verwandlung der Zeit im Märchenland, der Zeit als er noch Wolf war und die Großmutter verschluckte und Rotkäppchen, und das musste so sein, so stand es geschrieben. Aber nun saß er da, war Stellvertreter, und überdachte die Papiere auf seinem Schreibtisch. Und er zog in Gedanken Linien auf dem Papier, und das waren Menschen, und er schickte sie in die Nacht. Und er bedachte nachdenklich das Wesen des Erkundens, und die Linien drangen vorwärts in das andere Land, das unbekannte, und verschmolzen in ihm und mit ihm. Das schwache Licht der Lampe riss an seinen Gedanken und er erinnerte sich an seine Kindheit und schrieb und schrieb.
Er sitzt in der vorderen Schleife der unruhigen Zeit, denkt fieberhaft nach. Er schickt die Linien ins andere Land und sie umfangen wiederum ihn. Und spinnen ihn ein und verwandeln den Sessel in einen Kokon und der Wein im Glas auf dem Schreibtisch trocknet, die Blumen in den Vasen trocknen und werden Staub. Der Telefonanrufbeantworter surrt und aus dem Inneren dringen Stimmen. Ich verstehe sie nicht, sie verwandeln mich zu einem fiependen Rauschen. Nach Jahren, die Scheiben in den Fenstern sind zerbrochen, entsteht aus dem Kokon etwas Neues, Steinkopf Wolfsherz. Dieser ungewöhnliche Typ, diese Zwischengeburt aus Mensch, Wolf und Drachen, reckt sich und brüllt vor unerträglichem Schmerz — vor unerträglichem Zorn über sein Dasein, er breitet seien Flügel aus und fliegt weit, weit über die Ländergrenzen hinweg, dabei lässt er breite schwarze Streifen der Verwüstung hinter sich, verwunschen, verzaubert, beinahe unsichtbar auf den Radarschirmen der Luftüberwachung. „Ich nicht“, ruft er — „ich nicht!“

Gorian, der Held, taucht auf in dieser Geschichte, er trägt eine Rüstung aus Drachenleder, der Fingernagel eines Drachens ist sein Schwert, eingearbeitet ist das Symbol von Tod und Leben. Alle Grenzen überschreitet Gorian, fast erstickt er von den schwarzen Ausdünstungen der Drachenwüste
    In seinem Gepäck trägt er den Zukunftsstein und die Tarnkappe, er trägt Allerleitropfen in einer Phiole und Griesgramwurz von den seltenen Bergen. Aber er trägt auch den Kummer über Elli, seine Braut, die verwandelt wurde zu Stein.     In dieser Zeit wurde sein Drachenschwert trüb.
Gorian folgt den schwarzen Spuren und büßt seine Schuhe ein und endlich seine Füße und seine Beine, seinen Körper in der Drachenwüste, alles, er ist nur noch ein Wunsch, und trotzdem verfolgt er den Wolf, Steinkopf Drachenblut Wolfsherz.
    Endlich, er ist nur noch ein Wunsch, kann er ihn finden.
Und er fragt. „Warum?“
    „Ich nicht“, hört er, immer wieder: „Ich nicht!“
    Verzweifelt, leise, heulend, gedankenreich.
    Immer wieder: „Ich nicht!“
    Was hätte ihn hindern können, den Wolf zu verschlingen, zu zerstäuben, ihn aus den Gedanken zu entfernen? „Ich nicht!“ hört er, verzweifelt und laut.
    Schwarze Tränen fließen in schwarzen Bächen, Milch tropft aus den Zweigen und aus den Blüten der Bäume tropft als Nektar Teer.
    „Ich nicht!“ ruft der Wolf, „Ich nicht!“
    Die Dächer zerfallen unter der Wucht der Worte. „Ich nicht!“
    Ist da noch Rettung?
    Gorian, der Wunsch, sucht einen Lichtstrahl zwischen den Bäumen oder wenigstens einen Schimmer über den Wolken.
Wunsch geworden, Wunschdenken geworden, Wunschdenker geworden, ist er schneller als Licht, schneller als ein Gedanke.
    Aber ein Irrtum hindert ihn, alles abzuschütteln, der Irrtum gibt ihm die Gewissheit, dass diese Geschichte immer so weitergeht, und er wünscht einen Zoo, einen Tierpark für die Sekunden, die ihn ängstlich machen und unglücklich und gleichgültig. Er wünscht ein Bett für die wiedergefundene Zeit und pflückt Blumen für Großmutter. Er läuft in den Wald und endlich findet er das Haus und die Großmutter und Rotkäppchen und den Jäger und den Wolf und das Buch über das alles — zäh fließt die Handlung über die sich verdichtende Zeit, zäh fließen die Gedanken beim Blick über das Papier. Gorian findet den Lichtstrahl im gelben Nebel. Gorian schmilzt von der Wärme und tropft, ein schwaches Ende für einen Helden.
    Und er trifft den Wolf, den der Rotkäppchen gefressen hat, und der frisst Rotkäppchen immer wieder in der zeitlupenartigen Realität des verstümmelten Märchenwaldes. Und auch Gorian versagt und wird zu Stein, einem kleinen wertvollen Stein in Form einer Haselnuss
    Und dann hockt der Wolf hinter Gittern und erwartet sein Futter. Er betrachtet die Menschen hinter den Gittern, die Menschen im Tierpark.
    „Möchtest du nicht hereinkommen?“ fragt er mich.
Ich schweige und betrachte sein Fell. An meinem Ohr hängt Gorian, der Stein.
    „Ich komme nicht zu dir“ sage ich. „Ich habe keine Zeit.“
    „Du wirst Zeit haben“, sagt der Wolf die Zukunft voraus. „Komm herein, dann fresse ich dich, du wirst Wolf, ein neues Gefühl für dich, eine Entdeckung. Entscheide ...“
    „Ich kenne dieses Gefühl. Ich rannte und rannte und der Hunger riss mir die Därme aus dem Leib.“
    „Der Hunger der Wölfe ist groß und die Rudel werden selten, und wir sind Jäger und Gejagte und warten seit Jahren auf den Schneesturm. Und das Wild ist ungenießbar im Wald. Ich griff ein Reh und hörte es ticken.“
    „Komm doch herein, werde Wolf ...“, lockt der Wolf. aber diese Verwandlung fasziniert mich nicht, und ich bleibe draußen und nehme den Beutel mit Flinte und Schere und Wackersteinen, den Beutel, der für Besucher bereitsteht, und die Zeit beginnt zu leuchten.
    Gorian zuckt an meinem Ohr.
    „Gorian, Gorian, auch du konntest den Wolf nicht besiegen, und jetzt ist er hier.“
    „Ich besiegte ihn nicht und bin unbesiegt und hänge an deinem Ohr.“
    Und so suchten wir den Wolf weiterhin in den Städten.
    Die Stadt ist auferstanden und zerfällt. Ans Kreuz genagelt hängt eine Statue, die ich nicht kenne.
Ans Kreuz genagelt hängt eine Statue — ich. Der Wolf läuft durch die Stadt, ruft nach mir.
    Ich steige in die Straßenbahn Linie 13 und bezahle mit Papier und meinem Leben. Der Wolf fährt vorbei und findet mich nicht, er liebt mich, er sucht mich, er will mich, seit jener Zeit im Zoo. Ich habe das Glück und sitze eingemauert im Haus auf der Böhmischen Straße und dauere an. Ich trinke das Wasser von den Wänden und zehre von den duftenden Pilzen.     Die Kunst ist frei.
    Der Wolf, hungrig, – ich –, tritt ein und verschlingt mich, vollkommen, vollständig. Ich warte auf den Jäger und lausche einstweilen dem Herzschlag des Wolfes. Hier also ist Rotkäppchen gewesen, hier war die Großmutter, hier waren wohl auch die Geißlein, sechs an der Zahl, hier waren die Wackersteine. Der Bauch des Wolfes ist geräumig.
    „Ich will dich“, spricht der Wolf.
    Ich schwitze im Bauch des Wolfes und das Hemd unter den Achseln wird feucht. Ich fühle mich unwohl, denn ich kann mich nicht waschen. Durst quält mich. Ich höre das Herz des Wolfes, meines Wirtes, schlagen, das Herz meines Opfers, mich. Ich höre das rhythmische Pulsen des Herzens des Wolfes, die Magenwand nähert sich, löst mich auf.
    Irgendwas ist schrecklich falsch an diesem Bauch. Sitze ich vielleicht auf einer Bank im Park und träume das alles?     Bin ich am Steuerpult einer Rakete? Kamikadseflieger? Zielgenau treffe ich den Wolf und reiße ihm erneut den Bauch auf, diesmal von innen, schließe ihn den Bauch vorsichtig wieder, dem letzten seiner Art.
    Aber nein, das war nur ein Traum, ich habe geträumt im warmen Inneren des Wolfes. Ich brenne Graffitti in seinen Magen. Ich brenne Graffitti und warte und schwebe und heule und springe von dem steinernen Bett und werfe meinen schweren Körper gegen die Gitter und wundere mich über die neuen Fähigkeiten, wenn auch nicht allzusehr. Ich werfe meinen schweren Körper gegen die Gitter und heule gegen den Mond, schwer fällt mein Fell auf die Erde, es löst sich in Fetzen von mir.
    Der Wolf entgleitet meinen Gedanken, er ist nicht böse, er beißt nicht, er nimmt meine Gestalt an und fühlt sich als Schauspieler in dieser Welt. Hätte ich keine Sorgen oder andere Sorgen, so würde ich nachdenken über mein zerfallendes Fell, über die Metamorphose, über die Illusion meiner Unschuld.
    ... Ich brenne ihm Graffitti in die Haut des Magens, bin er und schreie auf vor Schmerz. Ich trinke Wasser, saufe Wasser, mehr, mehr — es stillt nicht den unlöschbaren Durst.
Draußen wartet der Jäger, er hat noch eine Rolle in diesem Spiel, er will herein. Er ruft nach der Großmutter und sie antwortet nicht in meinem Bauch, und er ruft nach Rotkäppchen, und Rotkäppchen antwortet nicht. Ich stehe am Rand der Szene und der Regisseur ruft etwas, ich verstehe ihn nicht, der Film ist gerissen. Der Regisseur ist nun der einzige Mensch in der Nähe, Kameramann und Beleuchter sitzen in meinem Bauch, ich verlange den Eintritt zurück und schweige dann.

__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

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Marcus Richter
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Registriert: Jan 2003

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Hallo Bernd, deine Geschichte ist zwar weder Horror noch Psycho(frag mich wirklich, was das eigentlich heißt), aber ich muß sagen, ich bin amüsiert. Ich würde es eine Kollage nennen, die mit Figuren aus der Phantastik spielt. Schade, dass dabei die Anleihen aus dem Horrorgenre so knapp ausfallen, sonst würd ich hier vermutlich unter die Decke gehen. Will heißen, der Text hat mir ausgezeichnet gefallen, auch wenn ich irgendwann rein mechanisch gelesen habe. Aber ich habe selten erlebt, dass das so reibungslos funktioniert. Es verbleibt natürlich die Ahnung eines Inhalts und eines Darunterverborgenseins, möglicherweise auch einer "Geschichte", aber diese wäre ja selbst nur Kollage.
Ich würde das Ganze ein authentisches, zeitgenössisches Sprachspiel nennen, aber da käm ich mir selbst blöd vor. Ein Text, der dazu verleitet über Individualität, Mythenbildung, Leser-Autor-Literaturbeziehungen und anderes zu diskutieren.
Man sagt manchmal auch Kunst dazu.
Kurz - kein Horror aber ganz großes Kino!

Der Leser dankt,
Marcus
__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs Grünbein

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