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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Baum
Eingestellt am 24. 03. 2004 17:59


Autor
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Wlodzimierz
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2004

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Es war finster und warm als ich zum Leben erweckt wurde. Es war angenehm, fast gem√ľtlich unter der Oberfl√§che und ich hatte nicht viel Zeit um an das Tageslicht zu erlangen. Ich konnte nicht l√§nger unter der Erde warten, es war zu gef√§hrlich, eigentlich lebensbedrohlich. Als ich letztendlich die Oberfl√§che durchbrach und meine Umgebung sah, war ich gl√ľcklich und der Sinne beraubt. Mein Leben hat hier seinen Anfang und wird hier sein Ende finden. Das Terrain war flach und √ľbers√§ht mit kr√§ftigen B√§umen, die 30 Meter in die H√∂he schossen und so dicht waren, dass nicht einmal eine Schlange sich durch den Wald wagte. Diese majest√§tischen Riesen standen da wie angegossen und es gab keine Kraft auf der Erde, die diese bewegen konnte. Das war ein Anblick, der mich zum Wachen motiviert hat. Auch ich wollte eines Tages genauso gro√ü und majest√§tisch sein wie meine Artgenossen, die diesen Wald bildeten.
Ich streckte meinen Kopf durch die Erde und suchte einen soliden festen Grund unter meinen F√ľssen. Die Erde war zumindest im oberen Bereich sandig, daher war es nicht schwer, die Wurzeln zu schlagen. Wichtig ist die Wasserversorgung, das wusste ich. Ich muss ausreichend Wasser zum Wachstum haben. Und ich sp√ľrte, dass mein Lebensraum ganz ausgezeichnet war. Nicht weit von mir entfernt h√∂rte ich einen Fluss der vorbei rauschte. Auch die Erde war feucht, feucht genug um hier gut zu leben. Das Wasser war sehr kalt und klar, war voll von Mineralien und hatte einen erfrischenden Geschmack. Ich war dankbar dem Wind, der mich hier hergebracht und mein Leben in dieser Gegend bestimmt hat.
Es war mir klar geworden, dass ich nicht wei√ü, wie ich aussehen werde. Meine Eltern waren mir unbekannt und von welchem Baum ich abstamme, konnte ich auch nicht sagen. Ich wusste es einfach nicht. In meiner N√§he, zirka zwanzig Zentimeter von mir entfernt sah ich zwei andere B√§ume, die genauso wie ich die Erde durchbrachen und sich zur Sonne aufgerichtet haben. Die anderen sind mir unsympathisch geworden, als sie versuchten mir den Boden unter meinen F√ľssen zu entziehen und mir die Sonnenstrahlen abzudecken. Das ist sp√§ter passiert, aber jetzt am Anfang, wo wir alle so klein waren, dass wir gerade die Erde durchbohrt haben, war die Welt in Ordnung. Ich badete in den Sonnenstrahlen, trank aus dem herrlichen Waldbach und wuchs. An einem Tag im Sommer als die Sonne gerade aufging, lernte ich kennen was Angst bedeutet. An diesem Tag ist eine Gruppe von Unwesen aus dem Nebel vor uns aufgetaucht. Vorsicht, das sind die Rehe, hat der Wald gesprochen. Diese gro√üen Unwesen zogen einen der zwei anderen B√§ume aus der Erde und verschlangen ihn mit ihren gro√üen M√§ulern. Es gab kein Entkommen, ich konnte nur stehen und hoffen, dass ich unentdeckt bleibe. Die Gefahr dauerte nur einige Minuten, aber sie war mein erstes Ereignis, wo ich Angst hatte und wo ich merkte, wie br√ľchig das Leben ist. Im Winter, als ich so klein war, konnte ich unter dem Schnee bleiben, es war im Vergleich zu der K√§lte drau√üen angenehm, ich f√ľhlte mich gesch√ľtzt. An diesen Moment, diese Geborgenheit erinnere ich mich sehr gern.
Jetzt nach 600 Jahren ist alles anders geworden. Der Wald existiert nicht mehr, meine Familie wurde ausgerottet. Jeder einzelne wurde von seinen eigenen Wurzeln getrennt, die Arme wurden genauso abgetrennt und die nackten St√§mme wurden mit stinkenden K√§fern auf R√§dern abgeholt und sind verschwunden. Die Wurzeln wurden ausgerissen, brutal mit aller Gewalt auf Biegen und Brechen. Ein tiefes Loch wurde gegraben und meine Wurzel dabei besch√§digt. Heute steht an der Stelle des Waldes eine Betonschachtel, die die Freiheit meiner Wurzeln geraubt hat und Parkgarage genannt wird. Der Waldbach stinkt zum Himmel und f√ľhrt ein Wasser von dem mir √úbel wird. Die Sonne ist nur an den Tagen zu sehen an denen kr√§ftiger Wind aus dem Westen weht. Der Regen ist sauer geworden und wenn es regnet, werden meine Bl√§tter verbrannt.
Was ist inzwischen passiert frage ich mich, wie ist es dazu gekommen? Ich kenne die Antwort, ich wei√ü was passiert ist aber ich wei√ü nicht warum. Inzwischen haben bestimmte Spezies, Menschen nennen sie sich, die Erde als privates Eigentum entdeckt. Als ich noch jung war, wohnte diese Spezies in Gruppen und in Einklang mit der Natur. Sie lebten und starben unter meinen Bl√§ttern, sie waren f√ľrsorglich zu den Kindern und gut zu den Frauen. Ich mochte sie. Sie vermehrten sich und neue Generationen gr√ľndeten neue Wohnpl√§tze. Eines Tages sind sie in meiner N√§he aufgetaucht und haben sich in der N√§he niedergelassen. Dieser Platz, wo sie mehrere H√ľtten aufgestellt hatten, nannten sie Wien. Sie gaben meinem Fluss den Namen Donau. Eines Tages erkl√§rte einer von ihnen, dass alles ihm geh√∂rt und wenn ein anderer Mensch einen Platz zum Leben braucht, kann er diesen von ihm kaufen. Von wem der Erste gekauft hat, habe ich nicht herausgefunden. Dann kamen die Kriege. Diese Spezies hat sich gegenseitig umgebracht. Einmal wurde sogar ein Junge auf meinem Arm aufgeh√§ngt. Ich habe ihn sterben gesehen und sp√ľrte seinen letzten Atem. Nach den Kriegen kamen andere Spezies, die erkl√§rten, dass alles jetzt Ihnen geh√∂rt und nicht den anderen und dann kamen wieder die Kriege. Sie haben so viel Energie und Zeit geopfert, damit sie Ger√§te erfinden, die noch mehr eigene Spezies t√∂ten als die vorherigen Ger√§te. Ich erinnere mich an den Metallvogel, den sie erfunden haben, damit sie die Bomben hinunter werfen k√∂nnen. Sie haben Fabriken gebaut und die Luft verschmutzt. Sie merken nicht einmal, dass sie die Luft verschmutzen, die sie selber atmeten. Sie haben meinen Fluss mit Chemikalien und Abf√§llen unbrauchbar gemacht, ich kann von ihm nicht trinken ohne zu erbrechen. Ich habe das nie verstanden, warum sie die Welt zerst√∂ren, in der sie selber leben. Mein Leben geht zu Ende. In meinen Erinnerungen wird mich menschliche Zerst√∂rung weiterverfolgen und qu√§len. Oft denke ich an meine Kindheit und meinen Kollegen, der von Rehen gefressen wurde. Und manchmal w√ľnsche ich mir, an seiner Stelle mit wundersch√∂nen Erinnerungen damals gestorben zu sein und nicht mit der mir inzwischen fremd gewordenen Welt zu leben.

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Kasoma
Guest
Registriert: Not Yet

Lieber Wlodzimierz,

welch schwieriger Name...trotzdem: Hallo in der LL, ich w√ľnsche Dir hier sehr viel Spa√ü...
zu Deiner Geschichte m√∂chte ich sagen: Ich habe sie gern gelesen, habe mich wunderbar in einen Baum (!?) einf√ľhlen k√∂nnen und Anfang, Mitte und Ende sind stimmig. Du hast einen Lebenskreislauf beinahe bis zum Ende beschrieben, soweit finde ich alles gut. Aber sprachlich gibt es noch einiges zu tun, teilweise strapazierst Du gleiche Formulierungen und man k√∂nnte es manchmal eleganter formulieren, verstehst Du, wie ich es meine?
Aber das ist nichts, was Du nicht hinbekommen könntest, denke ich!
Liebe Gr√ľ√üe und viel Erfolg weiterhin w√ľnscht Dir Kasoma

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Monfou Nouveau
???
Registriert: Aug 2003

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Hallo Wlodzimierz,

sehr konsequent durchgehalten die Perspektive. Die Zerst√∂rung der Erde durch den Menschen aus Sicht eines Baums. Ein wenig sentimental ist es schon, wenn man einem Baum menschliche Vernunft (denn du gibst ihm ja deine Gedanken) und Stimme gibt. Gut, sagen wir, dein Text basiert auf dem Thema der Legende, der Tier- (und Pflanzen-)Legenden, in denen man auch menschliche Gedanken auf die Natur √ľbertr√§gt. Man denke an ‚ÄěFarm der Tiere‚Äú von Orwell. Es gibt auch ein sch√∂nes Kinderbuch, das hei√üt der ‚ÄěTraumzauberbaum‚Äú. Auch der kann sprechen. Es gibt da also eine gewisse Tradition. Insofern ein interessanter Versuch. Dass es Wien und die Donau ist, ist zwar einerseits verbl√ľffend konkret, andererseits fragt man sich, warum es nicht M√ľnchen und die Isar oder London und die Themse oder Paris und die Seine sein k√∂nnte. Gibt es etwas spezifisch Wienerisches? Oder ist der Name austauschbar?

Bitte, ein Herzanliegen, setze doch die fehlenden Kommas, Nebensätze werden mit Kommas abgetrennt.

Ansonsten, prima Idee, gut durchgef√ľhrt, ein wenig sentimental, hier und da k√∂nnte man sich noch etwas mehr sprachliches Raffinement w√ľnschen, finde ich. (Da treffen sich offenbar Kasomas und meine Eindr√ľcke.)

Beste Gr√ľ√üe
Monfou, der auch auf diesem von Menschen verw√ľsteten Planeten lebt.

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
Kommentare: 791
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hallo wlodzimierz,

auch mir bleibt nichts weiter √ľbrig, als mich meinen vorkommentatoren anzuschlie√üen.
ich weiß, dass du nun nicht noch jemanden brauchst der deinen text kritisiert, aber ich wollte meine bewertung nicht unkommentiert stehen lassen.
was mich am meisten stört, ist der ständige wechsel zwischen naivität und "supervision" deines "prot". ich sehe ihn sich nicht freuen oder leiden, ich bekomme alles erklärt.
ein beispiel vom anfang:

quote:
Ich konnte nicht länger unter der Erde warten, es war zu gefährlich, eigentlich lebensbedrohlich.

warum gefährlich, gar lebensbedrohlich?
ich w√ľrde gern etwas lesen vom angriff der humins√§uren auf den samenmantel, von der schwindenden kraft kurz vorm durchbrechen der kruste, von den schmerzen, wenn z.b. ein k√§fer ein wurzelchen anknabbert usw.
deiner phantasie sind bei diesem thema doch keine grenzen gesetzt, wenig phantastisch dagegen erscheint mir diese von aussen kommende erklärung: es wurde mir zu gefährlich da unten...

den titel w√ľrde ich √§ndern, er verr√§t schon zuviel.

ich hoffe ich habe dir vermitteln können woran dein text meines erachtens nach "krankt".
gleichzeitig hoffe ich aber auch, dass die kritiken die dein text bekommen hat dich dazu befl√ľgeln werden ihn zu verbessern, dich nochmals mit den thema zu befassen und dann frischen mutes den stift wieder zur hand zu nehmen und uns eine neue, bessere version zu pr√§sentieren .

vg
rainer

__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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Wlodzimierz
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2004

Werke: 1
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Hallo Leute,

danke f√ľr eure Hinweise. Ich hoffe, dass diese kleine Geschichte euch gefallen hat. Nachdem Deutsch nicht meine Muttersprache ist, ist mir nicht leicht meine Stimmung und Emotionen korrekt auszudr√ľcken. Diese Geschichte war f√ľr einen Wettbewerb geplant, sie sollte nicht l√§nger als 1.000 W√∂rter sein. Sie ist tats√§chlich 1.000 W√∂rter lang geworden. Ich musste die Tiefe opfern, insbesondere das Ende ist sehr flach geschrieben.

Abgesehen von Kleinigkeiten vor 20 Jahren ist das meine Welt-Premiere.


@Kosma, @Monfou Nouveau, @Reiner
Was f√ľr eine Aufgabe meine Schw√§chen in St√§rken verwandeln. Da habe ich noch einiges zu tun. Ich freue mich um so mehr, wenn ich die Stimmung und Emotionen euch vermitteln konnte.
@Monfu: Du hast Recht Wien und Donau sind erschreckend konkret und austauschbar. Eigentlich sollten sie nicht identifizierbar bleiben. @Reiner: Um mich an 1.000 W√∂rter Grenze zu halten musste ich auf einiges verzichten. Danke f√ľr deine Anmerkungen, gute Ideen.

Danke f√ľr Motivation.

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