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Leselupe.de > Kurzprosa
Der Baum
Eingestellt am 20. 01. 2010 12:41


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Epiklord
Festzeitungsschreiber
Registriert: May 2009

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Im Herbst haben sie gedroht, ihn entfernen zu lassen, wie einen l√§stigen Pickel - dabei hatten sie sich in der Hitze des Sommers noch an ihm gelabt, hatten ihn einst sogar vor dem Nachbarshund gesch√ľtzt. Jetzt im Winter ist es wieder ruhig um ihn geworden, man schenkt ihm kaum noch Beachtung.

Ich bin bereit, f√ľr ihn zu k√§mpfen. Nicht zuletzt, weil er mir nach einer durchzechten Nacht, wenn vielleicht nicht gerade das Leben, so aber doch meine Nase gerettet hat, auf die ich sicher gefallen w√§re, h√§tte er mich nicht gest√ľtzt, als ich torkelnd und stolpernd im Fallen mich an ihn geklammert habe. Ja, ich mag den Hainbuchenbaum in unserem Garten.

Einen Inbegriff f√ľr St√§rke und Standverm√∂gen stellt er allerdings nicht dar. H√§tte er gekonnt, w√§re er mir wahrscheinlich ausgewichen, als ich im Sausebraus meinen Achtzig-Kilo-K√∂rper an ihn heften wollte. Er ist mehr ein Baum wie ein Mann als ein Mann wie ein Baum. Sein Stamm erinnert an das Vorderbein eines halbw√ľchsigen Elefanten, die Rindenoberfl√§che f√ľhlt sich auch ein wenig an wie eine Elefantenhaut und ist auch von schmutzig-graugr√ľnlicher Farbe.

Eine Krone mit gleichdicken, f√§cherartig gespreizten √Ąsten schie√üt wie ein riesiger Strauch aus dem Stamm empor. Das ganze Baumskelett des Winters gleicht einem umgedrehten Buschbesen. Sieht man das Gebilde aber genauer an, erkennt man, dass seine Kontur genau der eines einzelnen Blattes vom Baum entspricht und von selten gleichm√§√üiger Symmetrie ist.

Jetzt l√§sst sich kaum erahnen, welche Unmenge von Bl√§ttern die vollbuschige Krone im Sommer beherbergt. Erst im Herbst wird es jeden Mieter zum Leidwesen klar, wenn der Wind die gigantische Anzahl von Bl√§ttern in den Laubengang vor die Wohnungst√ľren treibt.

Aber was regten sich die Leute blo√ü so auf? Alle anderen gleichaltrigen Solit√§re aus der Umgebung sind viel stattlicher, aber die stehen eben nicht in unserem Garten. Mancher Hausbewohner bereut denn auch die Hilfsaktion vor einigen Jahren, mit der man der Buche das Leben gerettet hat. Man hat sie umz√§unt, weil der blasenschwache Rauhaardackel vom Nachbargrundst√ľck unser B√§umchen derma√üen begossen hatte, dass es schlie√ülich seine Bl√§tter geworfen hat wie ein angeschlagener Boxer das Handtuch.

Doch wenn man ihm im Herbst mit der Motors√§ge droht - abs√§gen w√ľrde ihn sowieso keiner. Wer regte sich nicht schon mal in √§hnlicher Weise √ľber seinen Ehepartner auf, ohne ihn/sie jemals umzubringen? Der Baum ist schon gut so wie er ist. Er l√§sst im Sommer noch genug Platz f√ľr Sonne und spendet auch denen k√ľhlen Schatten, die schimpfen, dass er kein Licht in ihre Fenster l√§sst.

Mein Onkel hat als erfolgreicher Laubenpieper nat√ľrlich eine Erkl√§rung f√ľr den minderen Wuchs unserer Hainbuche. Warum waren alle anderen gleichen Alters gr√∂√üer - warum wohl waren seine Kohlrabi und Salatk√∂pfe so gro√ü? Ganz einfach, weil er sie freundlicher als wir unsere Buche behandelte, ja zu ihnen z√§rtlich sprach. Nur so f√ľhlten sich die Pflanzen wohl und gediehen pr√§chtig.

Vergeblich suchte ich bei unserem Baum nach so etwas wie Ohren, womit er ein liebevolles, Wachstum f√∂rderndes Geschw√§tz vernehmen k√∂nnte. Doch mein Onkel meint, die Seele braucht keine Ohren. ‚ÄěWelche Seele‚Äú, fragte ich. Er antwortete: ‚ÄěWenn sich hundert Meter von mir entfernt ein Fleischerladen befindet, den ich nicht sehe und rieche, bedeutet das nicht, dass es da auch keinen gibt.‚Äú Ich solle in dem Fall meinen Hund fragen, der bestimmt einem Medium gleich anderer Meinung sei.

Will man meinem Onkel Glauben schenken, und w√§ren die Mieter unseres Hauses das Gegenteil der b√∂sen Raben gegen√ľber dem Baum gewesen, die sie nun einmal sind, h√§tte der es uns gedankt, indem er die Ma√üe eines Mammutbaumes angenommen h√§tte, der uns den Himmel verdunkelt und uns im Herbst mit Laub erstickt. Und dann h√§tte man ihn garantiert zu Kleinholz verarbeitet. So sollen die Mieter ruhig weiterschimpfen, wenn ihnen wohl dabei ist.

*

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