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Leselupe.de > Kurzprosa
Der Baum oder Traum?
Eingestellt am 14. 05. 2002 13:58


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Frieda
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2002

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Der Baum oder Traum?

Es war ein sch├Âner, klarer Wintertag, als ich wie ├╝blich in der Mittagspause im Park spazierenging. Die Sonne schient von einem strahlend blauen Himmel, als wollte sie der Welt beweisen, da├č sie auch im Winter etwas zu bieten h├Ątte. Und gegen die frostigen Temparaturen sch├╝tzte mich mein dicker Mantel. Was also machte mich so unzufrieden, so ruhelos? Ich sp├╝rte ein st├Ąndiges Rumoren und Vibrieren in der Luft. Oder kam es gar nicht von au├čerhalb? Mir war etwas unheimlich zumute, die Grenzen zwischen innen und au├čen, zwischen mir und der Umwelt schienen auf seltsame Weise zu verschwimmen. Was war passiert? Wie soll ich das Gef├╝hl beschreiben, das mich damals vollkommen ├╝berschwemmte? Es war so etwas wie Sehnsucht, Erwartung, Ungeduld, aber es schwangen auch Stillstand und Resignation mit, s├╝├č und bitter zugleich, wunderbar und furchterregend.

So ging ich ganz in Gedanken versunken, ohne auf den Weg zu achten, und pl├Âtzlich knallte mir - PLUMS! - irgendetwas direkt vor die F├╝├če. Himmel, war ich erschrocken! Ich sah mich um, kein Mensch in der N├Ąhe. Nichts regte sich, trotzdem hatte ich das Gef├╝hl, jemand wartete gespannt darauf, da├č ich endlich etwas unternahm. Ein l├Ąngliches, braunes Ding, etwas k├╝rzer als meine Hand, lag vor mir auf der Erde. Neugierig hob ich es auf, es war eine Samenschote, keine Ahnung, von welcher Pflanze. In meiner N├Ąhe stand ein gro├čer Baum, der allerdings v├Âllig kahl war. Wenn die Schote von ihm stammte, mu├čte sie die einzige gewesen sein, aber wo war sie sonst hergekommen? Nachdenklich betrachtete ich den Baum. Was? Hatte er mir gerade zugezwinkert? Quatsch, B├Ąume zwinkern nicht, bist wohl ├╝berarbeitet! Und doch hatte ich es deutlich gesehen. Hach, in Botanik war ich noch nie eine gro├če Leuchte, jetzt h├Ątte ich zu gern gewu├čt, was f├╝r ein Baum das war, und wie seine Fr├╝chte aussahen. Sch├Ân, ich w├╝rde die Schote mitnehmen und sie meinen Kollegen zeigen, einer w├╝rde es schon wissen.

Wenigstens hatte mich dieses Erlebnis aus meinen tr├╝ben Gedanken aufgeschreckt. Doch als ich meinen Spaziergang fortsetzte, sp├╝rte ich ein Pochen und Sto├čen in der Hand, die die Samenschote hielt. Es f├╝hlte sich an, als wollten die Samen gewaltsam ausbrechen, und gleich hier in meiner Hand anfangen zu keimen. Oh, nein, nicht schon wieder, jetzt bin ich wohl bald ein Fall f├╝r die Klappsm├╝hle. Hastig ├Âffnete ich meine Hand, aber die Schote lag still und unver├Ąndert darin. "Nun, wenn ihr Samen rauswollt, da kann ich euch wohl helfen", dachte ich. Sieben dunkelbraune, etwas plattgedr├╝ckte K├╝gelchen kullerten mir entgegen und sahen aus, als k├Ânnten sie kein W├Ąsserchen tr├╝ben. Kaum hatte ich aber die Hand geschlossen und meinen Weg fortgesetzt, da fing das Gezappel schon wieder an. Einbildung? Ich habe es doch deutlich gesp├╝rt! Bin ich denn jetzt wirklich bekloppt? Nein, ich mu├čte zur├╝ck zu dem Baum, sollte der sich um seinen Nachwuchs k├╝mmern.

Der Baum erwartete mich schon. Was sollte das denn nun wieder? Woher konnte der wissen, da├č ich kommen w├╝rde? Oh nee, hoffentlich wache ich bald auf aus diesem Traum! Irgendetwas lie├č mich auf den Baum zugehen. Ich stellte mich ganz nahe an seinen Stamm und legte meine Hand auf die borkige Rinde, w├Ąhrend die andere die Samen hielt. Pl├Âtzlich wu├čte ich, da├č ich nicht tr├Ąumte. Durch meine Hand hindurch, durch meinen ganzen K├Ârper hindurch f├╝hlte ich die gewaltige Kraft, die in dem Baum schlief. Auch in den Samen, so klein sie noch waren, ruhte dieselbe Kraft, auch sie w├╝rden einmal zu einem riesigen Baum heranwachsen, auch er war einmal ein winziger Samen gewesen. Ich sp├╝rte, wie meine F├╝├če in den Boden einzusinken begannen. Zuerst zaghaft, doch dann immer dr├Ąngender und ungest├╝mer wanden sich meine Wurzeln zwischen den dicken Wurzeln des Baumes hindurch tief in das sch├╝tzende Erdreich. Die gewaltige Kraft der Erde erf├╝llte mich ganz. Mein gerader, elastischer Stamm reckte sich stolz in die H├Âhe, meine schlanken, noch kahlen ├äste streckten sich der fahlen Wintersonne entgegen. Ich h├Ątte nicht ├╝bel Lust gehabt, alle meine noch kaum angedeuteten Knospen auf einmal aufbrechen zu lassen.

"Warte noch", sagte der Baum. "Es ist Winter, die Zeit der Ruhe, die Zeit des Sammelns. Wachstum und Leben sind die eine Seite. Doch auch Tod und Verg├Ąnglichkeit sind notwendig. Wie soll denn Neues entstehen, wenn das alte nicht Platz macht und liebevoll den Boden bereitet? Du bist an einem Punkt angekommen, wo es Zeit ist, innezuhalten. Sieh hier meine Samen. Sie tragen schon alles in sich, um ein erf├╝lltes Leben zu f├╝hren, aber die Zeit ist noch nicht reif, sie warten auf den Fr├╝hling"
F├╝r einen Augenblick gab es keine Fragen mehr, f├╝r einen Augenblick f├╝hlte ich mich eins mit allem,was mich umgab. Ich wu├čte alles und ich war alles und ich war nichts, unm├Âglich, das mit Menschenworten auszudr├╝cken. Ich hatte dem Sch├Âpfer ├╝ber die Schulter geschaut.

Ob der Baum damals wirklich mit mir gesprochen hat? Es zieht mich immer mal wieder zu ihm hin. Aber er hat jetzt keine Botschaft mehr f├╝r mich, er benimmt sich keinesfalls mehr ungew├Âhnlich, eben wie ein Baum.

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