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Leselupe.de > Kurzprosa
Der Beginn meiner Buchhalterkarriere
Eingestellt am 23. 11. 2008 23:28


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sohalt
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Die ausschlaggebende Erkenntnis befiel mich etwa im Alter von sechs Jahren, nach der RĂĽckkehr von einem Waldspaziergang.
Es ist durchaus merkwürdig, dass so ein wichtiger innerer Prozess bei mir durch ein Naturerlebnis ausgelöst wurde, denn mein Verhältnis zur Natur ist an sich nicht sehr innig. Ich schiebe das auf die Bücher: als ich erst einmal lesen konnte, war ich verloren für die Welt der Outdoor-Aktivitäten. Da ich nun aber eine hoffnungslosere Romantikerin bin (in Hinblick auf eigentlich fast alles, die Liebe ausgenommen), hege ich – natürlich – schon auch gewisse Sehnsucht nach der Natur, oder besser: nach dem romantischen Naturerlebnis.

Dort, wo ich herkomme, gibt es die Natur hauptsächlich in zwei Varianten: als Wald und als Felder. Mich zieht es immer eher zu den Feldern in meinen Spaziergängen. Ich bilde mir gerne ein, das läge weniger daran, dass es von unserem Haus aus zu den Feldern bergab geht und zum Wald bergauf und ich saufaul bin – Du wirst noch einmal einen Schritt zu viel machen, sagt meine Mutter – sondern eher an dem Gefühl von Weite, das sich nun einmal bei mir in den Feldern eher einstellt als im Wald. Ich mag es, wenn der Blick nur durch den Horizont beschränkt wird. So sehr ich also Weite schätze, gerade auch die Beschränkung durch den Horizont ist wichtig. Im Wald nämlich sperren die Stämme den Blick ein oder schlimmer: lenken ihn nach oben und nichts fängt ihn dann noch ein. Die Felder hingegen versprechen Linderung gegen jegliche Anwandlung von Beklemmung, ohne einen gleich ins Grenzenlose zu stürzen. Und wenn meine Seele ihre Flügel ausspannt und über alle Lande fliegt, als flöge sie nachhaus, dann fliegt sie immer über Felder.

Abgesehen davon ist mir unser Wald auch ein bisschen zu sehr Naherholungsgebiet. Jogger, Mountain-Biker, Nordic-Walkerinnen – alle bevorzugen sie den Wald. Die Felder sind ja Nutzfläche und lassen sich auf den ersten Blick für das romantische Naturerlebnis viel weniger gut einspannen, so erkläre ich es mir. Die Felder sind Nutzfläche, vielleicht gefällt mir auch gerade das? Der wahre Romantiker liebt natürlich die wilde, schauer-gebietende Natur. Unser Wald ist allerdings sehr domestiziert, es gibt einen Waldlehrpfad und gleich mehrere Kinderspielplätze und Rastbänke und Aussichtspunkte und so weiter. (Ich schaffe es trotzdem, mich dort zu verirren). Für sportliche Betätigung eignet sich der Wald sehr gut.

Unser Wald ist sehr domestiziert und ich schaffe es trotzdem, mich dort zu verirren. Unser Wald ist so domestiziert, aber es gibt Stellen, freizeittechnisch weniger erschlossene Stellen, an denen man seltener Nordic-Walker trifft, sondern eher Forstarbeiter oder vielleicht versprengte Spaziergängerinnen, die sich ein bisschen verlaufen haben, und diese Stellen, die durchweht eine Ahnung davon, was ein Wald einmal war, was ein Wald nämlich sein kann: Ein Ort, an dem man sich verirrt. Dort ist der Wald immer noch lieblich, dunkel und tief. (But I have promises to keep and miles to go before I sleep; also geht man einfach auf demselben Weg zurück, bis man sich wieder auskennt). Für einen kurzen Moment hat der Wald dort plötzlich wieder diese Anmutung von Undurchdringlichkeit. Und alles was es dazu braucht, um selbst so einen niedlichen, kleinen Naherholungs-Wald in unseren restlos zivilisierten Zeiten und Breiten noch einmal in aller romantischer Wildheit und Schauerlichkeit zu erleben, ist bloß ein etwas unterentwickelter Orientierungssinn und das beharrliche Ignorieren der an sich recht lückenlosen Beschilderung. Oder aber, natürlich: den weitäugigen Blick eines Kindes.

Denn mit sechs hatte ich mich natürlich nicht im Wald verirrt, da war ich ja dort nicht allein unterwegs, sondern mit Onkel, Tante, Cousinen und Hund. Aber ich hätte mich jederzeit verirren können, das ist das Entscheidende. Es gehört ja nicht viel dazu, aus den Augen verloren zu werden, man muss nur etwas vorauslaufen mit dem Hund, oder zurückbleiben, weil man zum Beispiel eine interessante Wurzel entdeckt hat oder eine seltsame Spur in der noch regennassen Erde. Das ist die leichteste Übung für ein Kind. Ach, und das wusste ich ganz sicher auch mit sechs, und vielleicht ist es mir auch zwei- dreimal fast passiert bei diesem Waldspaziergang. Und dann hörte ich wohl mit Erleichterung das Gelächter meiner Cousinen das Gesträuch durchdringen, oder sah sie auf mich warten an der nächsten Biegung und das Herz, das vorher etwas schneller geschlagen hat , findet seinen gewohnten Rhythmus wieder, hat seine angenehme Abwechslung gehabt. Denn so lange das Licht durch das Blattwerk bricht, so lange das Gelächter meiner Cousinen das Gesträuch durchdringt, was soll da geschehen? Und wird das Licht schwächer und das Gelächter leiser, weil es spät ist und wir müde sind, dann gehen wir heim, es gibt Kakao und ich darf noch ein wenig mit meinen Cousinen spielen, bevor mich meine Eltern abholen.

Gibt es etwas Seligeres, als heimzukommen ins Helle und Warme nach so einem Ausflug in die Wildnis? Denn ein wenig unheimlich ist es doch, im Wald. Für ein Kind ist der Wald schließlich immer alles, was er je war; das macht der kindliche Hang zur Synchronität. Lange ist es noch nicht her, da bin ich in Ehrfurcht versunken, als meine Mutter mir erzählte, sie sei damals bei ihrem Urlaub in Rom die ganze Zeit über zu Fuß unterwegs gewesen, denn für mich war Rom immer noch das Weltreich aus den Asterix- und Obelix-Geschichten. Natürlich war mir da schon aufgefallen, dass die Menschen nicht mehr in Toga und Tunika herumliefen, aber das alte Rom mit seinen Toga-und-Tunika-gewandeten Bewohnern existierte für mich immer noch, nur eben an einem anderen Ort. Erstaunlicher als den Romurlaub meiner Mutter fand ich nur noch die Reise meiner Tante nach Paris, das ich damals wegen der Namensähnlichkeit mit dem Paradies verwechselte. Ich dachte also, meine Tante hätte mal eben bei Adam und Eva vorbeigeschaut und war entsprechend beeindruckt. Es gab keine anderen Epochen und keine anderen Realitätsebenen, es gab nur andere Orte. Und man konnte sie alle erreichen, wenn man sich nur auf den Weg machte. An einem solchen anderen Ort waren wir eben gewesen. Genauso wie das alte Rom für mich noch existierte, existiere auch der alte Wald noch für mich, der dunkel und tief war und ein gutes Versteck für alles, was sich verbergen musste: Feen und Faune, Hexen, Zwerge, böse Wölfe und in Bären verzauberte Prinzen.
Unser Wald war vielleicht ein Teil dieser alten Welt; dieses Gefühl hatte mich beim Spaziergang heimtückisch beschlichen, in der relativen Stille meines pochenden Herzens, bevor ich die Cousinen lachen hörte. Ein anderer Ort, ein alter Ort; so unheimlich alt durch all die Geschichten, die mir darüber erzählt worden sind: dort in dem Steinbruch, da hat dein Vater als junger Bursch eine versteinerte Muschel gefunden, hier war einmal ein Meer, musst du wissen; und hier ist der Limes durchgegangen, den haben die Römer gebaut und hier stand früher die Burg (ich war so enttäuscht, ich hatte zumindest eine Ruine erwartet, aber man sah nur mehr die Erdaufschüttung für den Burgwall) – all die Geschichten, die plötzlich ein Fenster aufmachen in die Tiefe der Zeit. Ganz fremd ist das und schauerlich schön. Aber gut ist es schon, wenn es dann wieder heimwärts geht. Wenn das Licht schwächer wird und der Wald tiefer und fremder, dann wächst die Sehnsucht nach dem Haus, nach dem Vertrauten.

Und dann sind wir zurück, daheim bei meinen Cousinen und das Vertraute wartet dort nicht. Oh, alles ist da, wo es immer war (nur das Licht ist ein bisschen anders), und wir machen es so wie immer, wir trinken Kakao und nachher gehen wir zum Spielen hinauf in den oberen Stock. Meine Cousinen leben auf einen Bauernhof, da gibt es viel Platz zum Spielen. Doch die Vertrautheit stellt sich nicht ein. Wir haben das Dunkle und Tiefe, das Alte und Fremde aus dem Wald mitgebracht. Es sitzt in den Knochen wie die Kälte nach einem langen Nachmittag im Schnee. Und zum ersten Mal fällt mir auf, dass auch der Hof ein alter Ort ist, so anders als unser nettes, kleines, frisch gebautes Reihenhäuschen. Es gibt mehr Platz, aber auch mehr schwach ausgeleuchtete Winkel und Schatten. Und wie anders ist der Hof jetzt am Abend als am Nachmittag! Etwas hat ihn in unserer Abwesenheit verwandelt und ich vermute böses Spiel.

Schließlich, was ist mit diesem Blitzen in den Augen meiner Cousine? Das Dunkle und Tiefe des Waldes blitzt aus ihren Augen, sie hat das Fremde und Unheimliche mitgebracht. Ich bin allein mit meinen Cousinen und ich fühle mich plötzlich in großer Gefahr. Wer sind meine Cousinen? Was, wenn ich ihnen nicht trauen kann? Ich denke an den Moment, in dem ich die beiden aus den Augen verloren hatte, ich allein auf der Lichtung, meine Cousinen irgendwo im Dickicht. Und ich höre wieder ihr Gelächter, aber diesmal klingt es überhaupt nicht beruhigend für mich. Spöttisch und neckisch klingt es, gar nicht nach meinen Cousinen. Was ist passiert dort im Dickicht? Alles ist vorstellbar. Ein dunkler Verdacht bemächtigt sich meiner: vielleicht sind auch meine Cousinen verwandelt, wer weiß wem sie im Dickicht begegnet sind. Vielleicht hat sie jemand verhext. Oder: es sind gar nicht meine Cousinen, meine wahren Cousinen sind niemals aus dem Wald zurückgekehrt und das hier sind nur Doppelgänger, Spukgestalten, Wesen des Waldes, die in böser Absicht ihren Platz eingenommen haben, um nun auch mich zu verhexen. Ich warte nur noch, dass sie ihr wahres Gesicht zeigen. Kein wohliger Schauer, erdrückende Angst ist es, die mich jetzt ergreift. Nichts ist, wie es scheint, niemandem kann ich trauen, alles kann sich jederzeit verwandeln und der Boden unter meinen Füßen gibt nach. Am liebsten würde ich davonlaufen.



Aber das mache ich natürlich nicht. Ich bin ja ein vernünftiges Mädchen, auch mit sechs Jahren schon und ich weiß, es ist alles gar nicht wahr. Nicht meine Cousinen waren es - ich habe das Dunkle und Tiefe mitgebracht, in meinem überreizten Hirn, und ich schüttle es ab, mit einer unwilligen Kopfbewegung und schimpfe mich selbst. Das geht ja nicht an, dass du dich plötzlich vor deinen Cousinen fürchtest, deinen besten Freundinnen, was soll denn das? Wo kommst du denn da hin? Und ich bin so froh, dass ich ein vernünftiges Mädchen bin und mir wird klar, dass es gar nichts bringt, zu empfänglich zu sein für die Veränderung des Lichts und am allerwenigsten bringt es, sich zu viel vorstellen zu können. Und ich beschließe, von nun an ein noch viel vernünftigeres Mädchen zu sein, denn ich will mich nie wieder vor meinen Freundinnen fürchten.

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.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de différence entre les hommes. (Pascal)

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