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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Der Beobachter
Eingestellt am 26. 08. 2015 15:15


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Hyazinthe
One-Hit-Wonder-Autor
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Der Beobachter

Saskia Feldmann starrte auf die Fotos in ihrer Hand. „Hallo, Marcel! Saskia hier. Sag mal, warst du das?“
Kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung.
„Saskia! Wie schön, mal wieder von dir zu hören! Wie geht's dir?“
„Hast du die Fotos geschickt? Das soll wohl ein blöder Scherz sein, was?“
„Moment mal! Ich weiß gar nicht, wovon du redest. Was ist denn los?“
„Du weißt also von nichts? Wirklich nicht?“
„Also, glaub mir, ich habe keine Ahnung! Willst du mir nicht endlich erklären, worum es geht?“
Saskia ließ sich auf ihr Sofa fallen und breitete die Fotos, die sie immer noch in der Hand hielt, vor sich auf dem Couchtisch aus, während sie mit der Schulter das Telefon ans Ohr presste.
„Also hör zu. Als ich heute Nachmittag den Briefkasten öffnete, fand ich einen Umschlag mit Fotos. Lauter Fotos mit mir darauf. Jemand hat mich tagelang verfolgt und fotografiert. Bei jeder Gelegenheit: im Auto, vor der Kanzlei, im Supermarkt, auf meiner Terrasse. Überall!“
Sie hörte, wie Marcel tief Luft holte.
„Das ist ja ein Ding. War denn ein Brief dabei?“
„Nein, nichts. Kein Zettel, kein Brief. Nichts. Nur die Fotos.“
„Ich war das jedenfalls nicht! Überhaupt: Ich bin hier in Hamburg und du dort in dem kleinen Kaff. Glaub mir, ich habe wirklich was Besseres zu tun, als hinter dir herzulaufen und Fotos zu machen. Außerdem habe ich gewisse Fotos von dir, auf denen du wenig bis gar nichts anhast.“ Saskia konnte sein anzügliches Grinsen geradezu durchs Telefon sehen. „Die möchte ich gerne behalten. sozusagen als Erinnerung an schöne Zeiten.“
„Bitte, Marcel, sei doch mal ernst. Ich finde es wirklich komisch, dass jemand heimlich Fotos von mir macht und sie mir dann per Post zuschickt. Was kann das zu bedeuten haben? Ist das nicht schon Stalking?“
„Ach was, so ernst würde ich das nicht nehmen. Vielleicht hast du einen heimlichen Verehrer, der sich nicht traut, dich anzusprechen.“
„Habe ich auch schon gedacht. Also soll ich mir keine Sorgen machen?“
„Ich denke nicht. Wird schon nichts Schlimmes sein. Verrückte gibt es überall.“
„Okay, Marcel. Mach's gut.“ Saskia legte auf.
'Wie dem auch sei', dachte sie. 'Jetzt werde ich erst einmal eine Runde joggen, das beruhigt und lenkt ab.' Schade, dass Thorstern Küppers nicht mehr mit ihr zusammen lief. Sie hatte er geliebt, seinem durchtrainierten, verschwitzten Körper beim Laufen zuzusehen und später, nach dem Duschen, seine muskelbepackte Schönheit im Bett zu genießen. Leider hatte er diese braungebrannte Blondine kennengelernt und ihr, Saskia, kurzerhand den Laufpass gegeben. Na gut, musste sie eben allein ihre Runde drehen. Vielleicht wurde sie dabei das mulmige Gefühl wegen der Fotos los.

Saskia stellte ihren Mini auf dem Stellplatz vor dem Reihenhaus ab, nahm ihre Aktentasche und stieg aus. Prüfend warf sie einen Blick zum Himmel. Wenn das Wetter sich hielt, sollte sie wieder einmal eine Runde joggen gehen. Ein bisschen Bewegung würde ihr nach dem langen Tag in der Kanzlei gut tun. Und ihrer Figur auch. Das Stück Himbeertorte, das Jan Berger ihr nach seinem Klientenbesuch heute Nachmittag vom Bäcker mitgebracht hatte, war zwar lieb gemeint gewesen, hatte aber mindestens dreihundert Kalorien gehabt.
Außerdem stand ihr ein langer Abend mit Aktenarbeit bevor. Dr. Meyer, ihr Chef, hatte ihr einen langweiligen und zeitraubenden Fall von Betrugsrecherche aufgehalst, für den sie Präzedenzfälle eruieren und auswerten sollte. Als Neuling in der Kanzlei blieben solche Aufgaben natürlich immer an ihr hängen. Hinzpeter, der Juniorpartner, hatte sich gedrückt: Er habe mit seinem aktuellen Scheidungsfall genug zu tun. Typisch.
„Guten Abend, Frau Feldmann!“
Herr Sonntag, ihr Nachbar zur Linken, war gerade aus seiner HaustĂĽr getreten und hatte MĂĽhe, seinen ungeduldig an der Leine zerrenden Dackel festzuhalten.
„Guten Abend, Herr Sonntag! Wie geht es Ihnen?“ Sie mochte den alten Herrn. Er war immer gut gelaunt, obwohl er es nicht leicht hatte. Seine Frau hatte Krebs, und er pflegte sie seit Jahren.
„Gut, danke. Waldmann muss mal wieder raus. Er ist schon ganz zappelig, der kleine Schlingel.“ Er nahm den widerstrebenden Dackel auf den Arm und kam näher. Saskia lächelte ihn an.
„Wie geht es Ihrer Frau, Herr Sonntag? Hat sie die letzte Chemotherapie einigermaßen gut überstanden?“
„Ach, eigentlich nicht so gut. Sie wissen ja, wie das ist. Man hat sie noch im Krankenhaus behalten, wegen der Bestrahlung.“
„Ach, das tut mir Leid. Richten Sie ihr bitte meine Grüße aus und sagen Sie ihr, dass ich ihr gute Besserung wünsche.“
Saskia öffnete ihren Briefkasten. Sie wollte sich nicht auf eine längere Unterhaltung einlassen; aus Erfahrung wusste sie, dass Herr Sonntag ihr sonst alle Einzelheiten der Krankheit seiner Frau erzählen würde, und darauf hatte sie im Moment keine Lust.
„Schönen Abend noch, Herr Sonntag“, sagte sie, nahm ihre Post und ging ins Haus.
Der dicke Umschlag ohne Absender fiel ihr sofort ins Auge. Ihr Mund wurde plötzlich ganz trocken. Ihr Herz klopfte heftig. 'Ach was!, sprach sie sich selber Mut zu, 'was soll schon sein?' Sie gab sich einen Ruck und riss den Umschlag auf. Wieder Fotos! Eine ganze Menge. Sie ging zum Wohnzimmertisch und breitete die Bilder aus. Diesmal war nicht sie selbst das Motiv auf den Fotos, sondern ihre Wohnung! Das Bücheregal im Wohnzimmer. Die Sofaecke mit dem Ikea-Kissen. Der gerahmte Druck mit dem Porträt von Picassos kleinem Sohn Paul, der Blumenständer mit der blühenden Clivia. Dann Fotos aus ihrem Bad. Das Innere des Schränkchens mit ihren Tampons und Binden. Das Handtuchregal. Ihre Schminkutensilien. Ihr Schlafzimmer. Das nachlässig gemachte Bett. Der Agatha Christie - Krimi, den sie gerade las. Die geöffnete Kommodenschublade mit ihren BHs und Höschen. Alles hatte der Perverse fotografiert! Mit weichen Knien ließ Saskia sich auf das Sofa fallen. Das hier war kein Scherz mehr! Ihre Privatsphäre war aufs Gemeinste verletzt worden. Sie fühlte sich geradezu körperlich angegriffen. Jemand war während ihrer Abwesenheit in ihre Wohnung eingedrungen, hatte überall herumgeschnüffelt und alles fotografiert. Hatte ihre persönlichen Dinge berührt! Was machte dieser Typ jetzt mit den Fotos? Zu welchem ekelhaften Zweck benutzte er sie? Und warum schickte er ihr die Abzüge?
Mit zitternden Fingern wählte Saskia den Notruf der Polizei.

„Diese hier sind vor zwei Wochen gekommen.“ Saskia hielt dem Beamten die Fotos hin. „Ich habe mir nicht viel dabei gedacht. Sie sind ja auch ganz harmlos. Vielleicht ein schüchterner Verehrer, habe ich vermutet.“
Polizeiobermeister Klaus Seidel schüttelte missbilligend den Kopf. „Sie hätten natürlich sofort die Polizei davon in Kenntnis setzen müssen. Immerhin wurden Sie verfolgt. Und irgendeinen Zweck verfolgt der Täter mit diesen Fotografien, das ist sicher.“ Seidel steckte die Fotos ein.Sie sollten näher untersucht werden.
„Haben sie schon überprüft, ob in Ihrer Wohnung etwas fehlt? Oder beschädigt worden ist?“
„Nein, das ist ja auch so merkwürdig. Es fehlt nichts, es ist auch nichts durchwühlt oder irgendwie verändert worden. Der Verrückte hat nur alles fotografiert.“
„Meine Leute haben keine Einbruchsspuren gefunden, weder an den Türen noch an den Fenstern, Frau Feldmann. Wer außer Ihnen hat einen Schlüssel zu dieser Wohnung?“
„Niemand. Nur ich. Die Ersatzschlüssel liegen im Flur in der Schublade.“
„Könnten Sie sie bitte holen? Wir werden überprüfen, ob Nachschlüssel davon gemacht wurden.“ Eilig stand Saskia auf und kam wenige Augenblicke später mit den Schlüsseln zurück. „Was werden Sie denn jetzt unternehmen, Herr Polizeiobermeister?“
„Nun, wir werden alle relevanten Personen aus Ihrem näheren Umfeld befragen und überprüfen. Dazu müssen Sie uns bitte eine entsprechende Liste anfertigen. Familie, Freunde, Kollegen, Bekannte, Nachbarn. Vor allem auch Ex-Freunde. Auch wenn Sie meinen, die würden so etwas niemals tun. Man erlebt häufig Überraschungen in solchen Fällen.“
„Ja, okay. Ich schreibe Ihnen die Namen auf. Aber was ist, wenn es ein völlig Fremder ist? Den ich gar nicht kenne?“
„Wir werden die einschlägig Vorbestraften natürlich überprüfen. Stalker, Spanner und so weiter.“ Er erhob sich.
„Lassen Sie uns die Liste bitte möglichst schnell per e-Mail zukommen, Frau Feldmann. Und rufen Sie noch heute einen Schlosser, der die Schlösser austauscht. Damit Sie sich wieder sicher fühlen können.“

Saskia versuchte sich zu konzentrieren. Also: Die Liste. Ob Marcel doch dahintersteckte? Eigentlich unwahrscheinlich. Er hatte die Trennung von ihr ganz locker weggesteckt. Außerdem lag das Ganze schon mehr als ein halbes Jahr zurück. Sie hatten beide keine Zukunft mehr für ihre Beziehung gesehen, nachdem sie, Saskia, sich entschlossen hatte, die Stelle als Rechtsanwältin in der Kanzlei Meyer, Berger & Hinzpeter hier in der Kleinstadt anzunehmen. Marcel war nun mal ein Großstadtmensch. Als Jurist hatte er in Hamburg ungleich bessere Karrierechancen als hier in der Provinz. Und überhaupt: Ihre Beziehung war an einem toten Punkt angelangt, so dass eine Trennung am besten für beide gewesen war, oder?
Ihre Familie schied aus. Ihre Eltern lebten in Hamburg und genossen ihr Rentnerleben, ihre einzige Schwester war in München verheiratet und hatte mit ihren zwei kleinen Söhnen und ihrem Lehrerjob mehr als genug um die Ohren.
Konnte es in ihrem Bekanntenkreis wirklich jemand geben, der sie auf diese abgefahrene Art beobachtete und belästigte? Am besten, sie ging sie alle systematisch durch. Da war ihr Chef, Dr. Jürgen Meyer. Ende fünfzig, stets tadellos gekleidet, gute Manieren, Typ Gentleman. Er hatte vor Kurzem seinen dreißigsten Hochzeitstag gefeiert. Seine drei Kinder waren erwachsen und studierten oder arbeiteten auswärts. Unvorstellbar, dass Dr. Meyer in ihr Haus eindrang und ihre Wäsche fotografierte!
Von Oliver Hinzpeter, Juniorpartner und Single, mit seinem angeberischen Porsche und den dauernd wechselnden Freundinnen konnte sie sich ein merkwĂĽrdiges Verhalten schon eher vorstellen. Aber nein, Hinzpeter hatte so viel mit der Pflege seines Playboy-Images zu tun, dass er sicher keine Zeit hatte fĂĽr solch aufwendige Stalking-Aktionen.
Und Jan? Jan Berger kam eventuell in Frage. Sie war einmal mit ihm ausgegangen, aber es hatte nicht gefunkt zwischen ihnen. Jedenfalls von ihrer Seite aus nicht. Sollte er sich etwa mehr Hoffnungen gemacht haben? Immerhin war er auffallend freundlich zu ihr, brachte ihr öfter mal eine Kleinigkeit mit ins Büro, ein Stück Kuchen oder etwas Süßes... Aber nein, er war einfach zu nett für solch abgefahrene Gemeinheiten.
Und sonst? Seit sie mit Marcel Schluss gemacht hatte, war sie nur mit zwei Männern zusammen gewesen. Thorsten Küppers hatte sie beim Joggen kennengelernt. Er war Sportlehrer und bemerkenswert durchtrainiert. Allerdings hatte er keinen Zweifel daran gelassen, dass sie nur ein One-night-stand für ihn gewesen war. Außerdem war er erst siebenundzwanzig, also viel zu jung für sie.
Und dann war da noch Max. Maximilian Stärk. Informatiker. Saskia hatte ihn in der Disco kennengelernt, wo er auf nette, altmodische Art mit ihr geflirtet hatte. Zweimal war sie mit ihm ausgegangen, zum Essen und ins Kino, bevor sie mit ihm geschlafen hatte. Er war nett. Ein richtiger Nerd zwar, mit seiner Brille, dem Bart und den albernen Pullovern, aber richtig nett. Und klug. Liebenswürdig. Und originell. Konnte Max der kranke Fotograf sein? Möglich wäre es schon. Sie kannte ihn ja erst seit ein paar Wochen. 'Bitte nicht', dachte sie, 'lass es bitte nicht Max sein! Jetzt, wo ich drauf und dran bin, mich in ihn zu verlieben!'
Saskia wandte sich wieder ihrer Liste zu. Da gab es noch ihre Nachbarn. Links der nette Herr Sonntag, der mit der Pflege seiner kranken Frau alle Hände voll zu tun hatte, und rechts die junge Familie Brenner mit ihrem Baby. Den Mann hatte sie kaum ein oder zweimal gesehen. Sie glaubte nicht, dass er jemals richtig Notiz von ihr genommen hatte. Nur mit seiner Frau wechselte sie hin und wieder ein paar Worte.
Trotzdem setzte sie den Namen auf die Liste. Unwahrscheinlich, ja geradezu unmöglich, dass einer der Männer, die sie aufgeschrieben hatte, als Täter in Frage kam. Es konnte wirklich nur jemand sein, den sie gar nicht kannte. Vielleicht würde die Polizei ja in ihrer Kartei fündig. Es blieb ihr wohl nichts anderes übrig als abzuwarten.
Jedenfalls würde sie viel ruhiger schlafen, wenn der Schlosser wegen der neuen Schlösser dagewesen war. Zusätzlich würde sie die Türen durch massive Metallriegel sichern lassen. Für alle Fälle.

Der Inhalt der dritten Briefes war ein ausgewachsener Schock für Saskia. Die Fotos, offenbar durch eine Nachtsichtkamera mit Restlichtverstärker aufgenommen, zeigten in dem unheimlich wirkenden grünlichen Licht sie selbst, tief schlafend in ihrem Bett! Von verschiedenen Seiten! Und wieder jedes Zimmer ihrer Wohnung. Das wenige Licht, das von der Straßenlaterne vor ihrem Haus durch die Vorhänge drang, die Digitalanzeigen der Elektrogeräte, eventuell das Licht einer winzigen Taschenlampe hatte anscheinend ausgereicht, um deutliche Bilder von ihrer Wohnung im Dunkeln zu machen. Der Stalker war offenbar mit seiner Kamera nachts durch alle Zimmer geschlichen und hatte in aller Ruhe gefilmt oder fotografiert. Sogar sie selbst, im Bett, ohne dass sie etwas gemerkt hatte. Es lief Saskia eiskalt den Rücken herunter. Es war geradezu gespenstisch! Und es machte ihr eine Heidenangst.

„Wie ist das nur möglich“, fragte sie Polizeiobermeister Seidel, der ihre neuerliche Anzeige aufnahm. „Das kann doch gar nicht sein! Alle Schlösser sind vollkommen intakt. Wie ist der Täter nur hier hereingekommen?“ Verzweifelt fuhr Saskia sich durch ihre Haare. Der Beamte wiegte ratlos den Kopf. „Es sieht tatsächlich so aus, als käme der Fotograf Ihnen Schritt für Schritt näher. Und nicht nur das. Aus irgendeinem Grund will er, dass Sie das wissen. Er kündigt sich sozusagen an. Es nimmt wirklich bedrohliche Ausmaße an. Sie sollten Polizeischutz beantragen, Frau Feldmann. Wer weiß, was er als Nächstes vorhat.“
Nervös hockte Saskia auf dem Rand des Sofas und rang die Hände. „Haben denn Ihre Nachforschungen nichts ergeben? Über die Männer in meinem Umfeld?“
„Wir haben alle genauestens überprüft. Keiner von Ihnen bietet auch nur den kleinsten Verdachtsmoment. Wir haben nichts in der Hand. Die Fotos sind digital auf einem normalen Laserdrucker gedruckt worden. Unmöglich herauszufinden, von wem. Und die Fingerabdrücke, die wir in Ihrer Wohnung sichergestellt haben, sind eindeutig Ihnen oder einem Ihrer Besucher, die sie uns genannt haben, zuzuordnen. Der Stalker hat offensichtlich Handschuhe getragen.“
Saskia sprang auf. „Ich bleibe keine Minute länger in dieser Wohnung. Ich bin hier nicht sicher. Auch wenn Sie Tag und Nacht einen Polizeibeamten vor meine Tür stellen und noch mehr Schlösser anbringen: Ich bin hier nicht sicher.“
Der Beamte stand ebenfalls auf. „Vielleicht haben Sie Recht, Frau Feldmann. Es ist jedenfalls ein wirkliches Rätsel, wie der Täter in das Haus hinein und wieder hinaus gelangen konnte, ohne auch nur eine Tür oder ein Fenster zu beschädigen. Geradezu unglaublich! Als sei er durch die Wand gegangen.“
„Ich werde jetzt sofort ein paar Sachen packen und ziehe vorerst in eine Pension. Und dann suche ich mir so schnell es geht eine neue Wohnung. Möglichst am anderen Ende der Stadt. Wo mich der Verrückte hoffentlich nicht findet.“ Seidel ging zur Tür. „Wir werden natürlich weiterhin alles tun, um den Mann zu finden. Vielleicht finden unsere Experten ja einen Hinweis auf den Besitzer dieser Nachtsichtkamera.“
„Ja, schon gut, Herr Seidel. Ich gebe Ihnen Bescheid, sobald ich eine Bleibe gefunden habe. Danke.“
„Auf Wiedersehen, Frau Feldmann. Und viel Glück“.

„Komm, setz dich, Julia.“ Karl-Heinz Sonntag wies auf den Küchenstuhl. „Ich habe gerade Kaffee aufgesetzt. Möchtest du eine Tasse mittrinken? Ein Rest von dem Streuselkuchen ist auch noch da. Du weißt ja, Mutter isst ihn so gerne.“
„Danke, Papa. Ja, Kaffee und Kuchen kommen mir gerade recht.“ Julia Sonntag zog ihre Uniformjacke aus, während sie versuchte, nicht über den Dackel zu stolpern, der schwanzwedelnd um ihre Füße sprang. „Wie geht es Mutter heute?“
„Ganz gut. So langsam bekommt sie wieder Appetit. Vielleicht hat die Therapie ja diesmal besser angeschlagen. Obwohl mir Dr. Wendland nicht viel Hoffnung gemacht hat.“ Er lächelte seine Tochter an. „Jedenfalls wirst du ja bald in der Nähe sein. Wenn es mit der Betreuung schwieriger wird.“
Eine kleine Pause entstand. Julia Sonntag trank einen Schluck Kaffee. “Ich komme gerade vom Makler. Es ist vertraglich alles in Ordnung. Die Wohnung wird zum nächsten Ersten frei. Dann kann ich einziehen.“
Ihr Vater seufzte. „Die arme Saskia Feldmann. Fast hätte sie mir Leid getan in ihrer Panik. Aber sie wird bestimmt schnell woanders etwas Ähnliches finden.“
„Ja, sicher. Jedenfalls hat unser Plan perfekt funktioniert. Die Idee mit den aufeinander folgenden Fotos war einfach genial, Papa!“
„Ja, aber auch ein bisschen gemein. Aber wie sonst hätten wir sie dazu bringen können, auszuziehen? Wenn du erst nebenan wohnst, werde ich ruhiger schlafen können, mein Kind. Und Mutter auch. Wenn es schlimmer wird, kann ich sie nicht mehr alleine pflegen. Dann brauche ich deine Hilfe.“
„Nur gut, dass ich mich hierher versetzen lassen konnte. Bei der Polizei sind die Planstellen dünn gesät.“ Ein Lächeln flog über das Gesicht der jungen Frau. „Und an eine so gute Nachtsichtkamera wäre ich ohne meinen Kollegen von der Kripo auch nicht gekommen.“
Karl-Heinz Sonntag legte einen Schlüssel auf den Tisch. „Den brauchen wir ja jetzt nicht mehr. Seit die Feldmann die neuen Schlösser hat einbauen lassen, ist er sowieso zu nichts mehr nütze. Aber gut, dass ihre Vorgängerin, die alte Frau Sandmann, ihn mir damals überlassen hat, damit ich ihre Blumen gießen konnte.“
Julia kaute nachdenklich an ihrem Streuselkuchen. „Interessant eigentlich, wie so etwas funktioniert. Nur weil wir ihr die Nachtaufnahmen geschickt haben, nachdem sie die Schlösser ausgewechselt hatte, hat sie angenommen, sie seien auch danach entstanden. Dabei habe ich sie fast zum gleichen Zeitpunkt wie die anderen Fotos gemacht. Und nicht erst, nachdem sie die Wohnung zu einer regelrechten Festung ausgebaut hatte.“ Julia schüttelte den Kopf. „Kein Wunder, dass sie zuletzt an Geister geglaubt hat, die Arme.“



__________________
Immer neugierig bleiben

Version vom 26. 08. 2015 15:15
Version vom 28. 08. 2015 18:05

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jon
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Die Struktur stimmt nicht. Nein, keine Angst, nicht die ganze Struktur, sondern nur ein Element: Das mit der vorweggenommenen Info.

Nach "Als der zweite Brief eintraf, hatte Saskia die seltsamen Fotos schon fast vergessen." nimmst du etwas vorweg, was du danach erst ganz, ganz langsam herleitest – nämlich, dass ein Brief kam, sie ihn aus dem Kasten nimmt, reinschaut und merkt, dass es "so einer" ist.

Was formal aussieht wie ein zweiter Satz dieser Art, ist in Wirklichkeit ein anderer: Das “Der Inhalt der dritten Briefes war ein ausgewachsener Schock für Saskia." ist keine vorweggenommen Info, von der aus du zurückspringst, sondern es ist quasi die Zusammenfassung von Ereignissen (Es kam noch einer, sie nahm ihn aus dem Kasten, öffnete ihn, war geschockt) und du erzählst nun, was danach kommt.

Hörst du mit der Info im Hinterkopf beim Lesen den Unterschied? Das ein springt ganz fürchterlich, das andere fließt schön. Tipp: Ich würde den störenden Satz (2. Brief) einfach weglassen - ihre Lockerheit wird im Gespräch deutlich.


Anderes:

Die Passage, wo sie die Verdächtigen durchgeht, habe ich nur rasch überflogen - da ich (fast) keinem der Typen vorher begegnet bin, konnte ich damit nicht viel anfangen. Ich hatte noch gedacht, dass ich deshalb hinterher vielleicht eine Lücke in der Lösungskette (oder beim Besuch der Lösung) haben würde, aber das stimmte nicht. Um so mehr empfinde ich das jetzt also zu detailiert und "leer". Es wäre wohl sinnvoller, den Verdacht auf Marcel zu verstärken - einen fiesen Grundzug hat er am Anfang ja schon bekommen. Auch sein schnelles "vergiss es!" macht ihn verdächtig.

An der Stelle, wo es kam, fargte ich mich: Was meint Saskia mit "Du bist doch auch Jurist."? Wer noch? Oder ist er das im Nebenjob? Und ob so oder so: WofĂĽr ist das wichtig?
Irgendwann kam die Antwort (auĂźer auf "WofĂĽr ist das wichtig?") und eine neue Frage: Wenn sie eigentlich auch Bescheid weiĂź, wieso fragt sie ihn dann? Und warum nimmt sie es anfangs so wenig ernst?

Selbst wenn sie nicht von berufswegen weiß, wie heikel sowas ist: Wieso "vergisst" sie so sowas Beängstigendes, wenn auch nur fast? Ich würde das verstehen, wenn einige Monate oder sogar etwas in Jahresfrist vergangen wäre …

__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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pierremontagnard
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Der Beobachter

Hola Hyazinthe

Heute habe ich wieder einmal fünf schon länger eingestellte Geschichten gelesen und bin dabei auch bei Deinem "Der Beobachter" gelandet.

Sehr gute Geschichte. Spannend. Beim Titel assoziierte meine Vorstellung, dass es sich möglicherweise um einen Polizeibeamten handelt, der einen Verdächtigen beschattet, oder einen Jäger, der auf dem hohen Horst im Walde auf einen herannahenden Hirsch wartet, oder schlussendlich vielleicht einen Soldaten, der mit dem Feldstecher den Waldrand nach dem Auftauchen des möglichen Feindes absucht.

Deine Geschichte belehrte mich dann, dass ich damit falsch lag. Ich fragte mich dann zum Schluss, ob Du vielleicht schon beim Titel etwas mehr Spannung erzeugen könntest, indem Du ihn abänderst auf "Unter Beobachtung", da Du ja das Dilemma der Beobachteten beschreibst, während der Beobachter nicht wirklich beobachtet, sondern eine beschlossene Idee in die Tat umsetzt. Nicht wahr?

Anyhow, Dein "Krimi" ist gut und hat mir sehr gefallen.

LG pierremontagnard
__________________
Pierre Montagnard
en vino veritas!

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