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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Besuch
Eingestellt am 28. 04. 2014 20:45


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MarkoMarko
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Apr 2014

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Der Besuch


"Mein Gott!", Colonel James Henry seufzte schwer, als er alleine auf der Bettkante seines Ehebetts sa├č. Das karg eingerichtete Zimmer war d├╝ster, nur ein schwacher Lichtstrahl drang von au├čen hinein. Er f├╝hlte sich von allen verlassen. Wie konnte es so weit kommen? Warum hatte er das nicht vorausgesehen? James stellte sich viele Fragen, doch schien keine davon beantworten zu k├Ânnen.
"Ich war ├╝ber zwei Jahre in Afghanistan, aber das ist etwas, womit ich nicht umgehen kann..." dachte er und seufzte wieder. Fernab alle externen Einfl├╝sse lebte er ein ruhiges, bescheidenes Leben. Doch vor einigen Tagen kam die Nachricht. Der Besuch stand bevor. Von einem Moment auf den anderen kann sich dein Leben dramatisch ├Ąndern, auf den Kopf gestellt werden. Er schauderte bei dem Gedanken an das Bevorstehende und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche, die in letzter Zeit sein st├Ąndiger Begleiter wurde. Das war das Einzige, was ihm ├╝brig blieb, er h├Ątte sonst nicht weitermachen k├Ânnen. Ein ├╝berw├Ąltigendes Gef├╝hl der Schw├Ąche und Hilflosigkeit ├╝berkam ihn. Er, der vor wenigen Jahren 130 M├Ąnnern Befehle erteilte und sie besch├╝tzte ÔÇô sie trauten ihm ihre Leben an.

Langsam stand er auf und schaute sich im Spiegel an. Ein widerlicher Anblick! Er stand in Unterhose da, nur das gestreifte Hemd angezogen. Seine Beine sahen d├╝rr aus, ein Preis seines langweiligen Familienlebens. Wie gerne er sich an die Zeit seiner Ausbildung zur├╝ckerinnerte, wo er jung, kr├Ąftig und voller Tatendrang war, wo sie jeden Tag um 0400 morgens aufstanden und mit Kraft├╝bungen anfingen. Er hatte es gerne gemacht. Es war die beste Zeit seines Lebens. Eine Zeit, wo ihm die Frauen auf der Stra├če nachschauten. Er konnte damals alle haben ÔÇô und er hatte sie alle. Mit einem Grinsen erinnerte sich an die ganzen jungen M├Ądels, die ihm so bereitwillig ihr Herz gaben, f├╝r kurz oder lang. Doch davon blieb nichts ├╝brig, jetzt war er nur noch ein alter Mann mit d├╝rren Beinen. Sein Grinsen verschwand.

Nein! Es war noch etwas vom alten Geist in ihm! Es musste so sein! Gerade jetzt! James zog sich das Hemd aus, legte es ordentlich neben seiner Ausgeh-Hose und seiner Lieblingskrawatte (die mit gelben Punkten) hin. Er traute sich dabei aber nicht, einen zweiten Blick in den Spiegel zu werfen. Stattdessen warf der Colonel sich auf den Boden und begann Liegest├╝tze zu machen. Eins... Zwei... Drei...Vier... Doch er kam nicht weit - bei 35 Liegest├╝tzen sank er kraftlos zu Boden und blieb dort ├╝ber eine Minute keuchend liegen. Fr├╝her h├Ątte er das doppelte gemacht - ohne mit der Wimper zu zucken. Jetzt bebte sein ganzer K├Ârper. Er richtete sich mit M├╝he wieder auf, seine Arme waren taub und schmerzhaft zugleich. Durch eine kurze Sekunde Unaufmerksamkeit sah er es. Sein Ebenbild an der Wand vor ihm. Er erschrak: wie konnte er so d├╝nn, so schwach wirken? Seine Oberarme schienen wie halbiert im Vergleich zu seinem jungen Ich. Er hatte n├Ąmlich den direkten Vergleich, auf dem Nachttisch daneben stand ein Foto aus seinen jungen Jahren. Seine Brust war nun flach und eingefallen, sein Bauch aufgebl├Ąht, die Rippen ragten hervor. Sogar seine Kriegsnarbe, auf die er fr├╝her so stolz war, schien atrophiert zu sein und hing an seiner schlaffen Haut wie ein Fremdk├Ârper.

Er wendete sich mit fast schmerzverzerrtem Gesicht ab und setzte sich. Wo war die Flasche? Wieder ein tiefer Schluck. Er sah keinen Ausweg. Er hatte alles verloren, was ihm einmal wichtig war. Selbstmordgedanken kreisten in seinem Kopf. Weitere zwei Schlucke. Wie stellte er das am Besten an? Einen Strick hatte er nicht (seine Lieblingskrawatte wollte er nicht ruinieren), ein Messer war nicht in Sicht (in die K├╝che konnte er sich nicht hineinwagen ÔÇô dort warteten SIE) und wenn er aus dem Fenster gesprungen w├Ąre, h├Ątte er sich h├Âchstens den Kn├Âchel verstaucht - seine Frau wollte aus der Stadt in einen kleinen Vorort ziehen. "Das Einfamilienhaus ist besser f├╝r die Kinder"', ├Ąffte er sie nach. Seine Kinder, seine beiden Jungs! Er vermisste sie. Wie lange hatte er sie schon nicht gesehen? Viel zu lange! Er hatte keine Ahnung was sie gerade trieben. Bestimmt nichts Gutes, denn beide kamen ganz nach dem Papa. Sie waren im gleichen Alter wie er zu seiner Anfangszeit in der Army, zwei hochgewachsene, gut aussehende Burschen. Wahrscheinlich waren sie irgendwo in New York, auf einer schicken Party, umgeben von schw├Ąrmenden, gut aussehenden Frauen. "Frauen lieben Soldaten, das gilt heute immer noch!", dachte James. Er sah es schon: mitten auf der Party, in bester Laune, w├╝rde seine Jungs die Todesnachricht ihres Vaters erreichen. In suizidaler Absicht sei er vom Dach seines Hauses hinuntergesprungen, w├╝rde man ihnen erz├Ąhlen. Seine nervige Nachbarin, die sich ├╝berall auch einmischen musste, hatte alles beobachtet. Zwar ging er mit verstauchtem Fu├č, Prellmarken und einigen Sch├╝rfwunden davon (verdammtes Einfamilienhaus!), doch durch eine Wundinfektion mit folgender Sepsis fand er in kurzer Zeit ein j├Ąmmerliches Ende seines Lebens.

Das durfte er nicht zulassen! Seine Kinder mussten ihn in guter Erinnerung behalten! Er war immerhin ihr Vorbild. Was auch immer da unten auf ihn wartete, er musste sich dem Geist der Vergangenheit stellen wie ein Mann! Ein zwar alter, aber w├╝rdevoller Mann - ein ehrenhafter Vertreter seiner Standes und seiner Nation! Er w├╝rde den R├╝ckzug nicht antreten - noch war es nicht aus mit ihm, auch wenn alle das glaubten! Energisch streifte er sich das Hemd ├╝ber - "so, das verdeckt schon mal den abscheulichen Oberk├Ârper!". Dann seine Hose, "Das sieht doch gar nicht so schlecht aus!" Und zum Schluss das Sahneh├Ąubchen - seine Krawatte. Er schaute sich nochmals an, spannte die alten Muskeln an. Das gab ihm Selbstbewusstsein. Er musste sich zwar dem Schicksal beugen, doch dabei w├╝rde er wenigstens gut aussehen!

Doch gerade in dem Moment h├Ârte er Klopfen! Sein Herz sank. Er schaute ├Ąngstlich zur T├╝r. Der Moment, vor dem der Colonel sich f├╝rchtete, war gekommen.

"James! Was machst du denn so lange hier oben?", sagte seine Frau durch die T├╝r. "Kommst du jetzt mal runter? Meine Eltern sind von so weit hergefahren, sie haben Hunger!"

James blickte ein letztes Mal zum Spiegel, nickte kr├Ąftig zu sich selbst, riss die T├╝r auf und st├╝rmte die Treppe herunter. Seine Frau blickte ihm verdutzt hinterher.

Version vom 28. 04. 2014 20:45
Version vom 08. 05. 2014 19:04
Version vom 11. 05. 2014 22:18
Version vom 12. 05. 2014 00:05

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