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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Besuch
Eingestellt am 08. 07. 2002 10:28


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Ann-Kathrin Deininger
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Der Besuch

Die Uniform war tadellos. Das war mir als erstes aufgefallen. Das Gesicht des Mannes war wie seine Uniform. Sauber, streng, scharf geschnitten, ausdruckslos. Die anderen trugen Tarnanz├╝ge. Sie waren voll feinem, wei├čen Kalkstaub. Es waren junge Soldaten. Ich sa├č auf meinem Stuhl in meinem Haus. Meine Frau blickte in einen Gewehrlauf. L├Ąchelnd winkte der Soldat mit dem Gewehr. Zwei hielten mich fest.
Die Stimme war sanft. Fast freundlich. „Sie wollen doch ordentlich aussehen, wenn sie kommen?“ Ich wusste, dass es keine Frage war, als ich das Rasiermesser sah. Zwei hielten mich fest. Der dritte l├Ąchelte und setzte das Messer an. Ich dachte daran, wie sanft meine Frau rasierte. L├Ąchelnd winkte der Soldat mit dem Gewehr.
Die Augen waren scharf. Gef├Ąhrlich scharf. Ich starrte nur auf den Soldat mit dem Gewehr. „Vergessen Sie Ihren Sohn. Sie sind ein Freund der Regierung.“ Der Mann blickte aus dem Fenster. Er stand mit dem R├╝cken zu mir. Das Messer war verschwunden. Zwei hielten mich fest. W├Ąrme lief ├╝ber meinen Hals. „Nicht wahr?“ Eine Faust traf mein Gesicht. „Sie sind doch ein Freund der Regierung.“ Ich schlug die Augen nieder. Meine Frau starrte gebannt auf die Gewehrm├╝ndung.
Die Worte waren einfach. „Auch f├╝r V├Âlker gibt es ein Alter, in dem sie m├╝ndig werden: Dieses hat dieses Alter noch nicht erreicht.“ Er stand noch immer am Fenster. „Also sind Sie ein Freund der Regierung, Herr Bonzo. Das ist die Antwort auf alle Fragen.“ Zwei zerrten mich vom Stuhl hoch. „Alle sollen erfahren, wie gut Sie ├╝ber diese Regierung denken.“ Irgendetwas fuhr mir scharf, schnell und schneidend in den R├╝cken. Ich schrie.
Seinen Blick werde ich nicht vergessen. „Darf ich Ihnen etwas zeigen?“ Zwei zerrten mich zum Fenster. Drau├čen standen Soldaten. Zwei hielten einen Mann, der gefesselt zwischen ihnen hing. Blutige Spuren auf seinem Kopf. Ein brutales Rasiermesser. „Dummer Junge.“ Der Mann in der Uniform klopfte ans Fenster. „Dumm, faul, taugt zu nichts. Vergessen Sie nie, Herr Bonzo, Sie haben keinen Sohn.“ Ein Schlag traf mich. Ich st├╝rzte und schlug auf eine Kante. Schmerz raste durch meinen Kiefer.
Der Mann war kalt. „Sie sind ein Freund der Regierung. Sie wollen doch ordentlich aussehen, wenn sie kommen? Sie kleiden sich tadellos.“ Das war sein einziger Befehl. Danach ging er. Ein Soldat dr├╝ckte meiner Frau ein B├╝ndel in den Arm. Meine Finger tasteten ├╝ber den Boden. Da war etwas kleines, hartes, das noch ein wenig feucht war. Der Soldat mit dem Gewehr l├Ąchelte und winkte.
In meiner Hand lag ein abgesplitterter Zahn.

Eine Woche sp├Ąter bekamen wir Besuch. Es waren Menschen aus anderen L├Ąndern. Sie sprachen mit uns und fotografierten. Ich war tadellos gekleidet. Ich erz├Ąhlte ihnen, dass ich keinen Sohn habe und dass ich ein Freund der Regierung bin.
Als niemand es sah, schenkte ich einem von ihnen den Zahn.

__________________
Ein Raum ohne B├╝cher ist wie ein K├Ârper ohne Seele.

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axel
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Registriert: Apr 2001

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Hallo Ann-Kathrin.
Ich bin echt beeindruckt.
Du hast mit relativ wenigen S├Ątzen trotzdem sehr viel erz├Ąhlt. Ich hatte die Szenerie sehr lebendig vor Augen, obwohl du ├╝ber eine mir (zum Gl├╝ck) sehr fremde Situation geschrieben hast.
Sch├Âne Gr├╝├če,
axel
__________________
Bis hierhin vielen Dank!
(Friedrich K├╝ppersbusch)

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