Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92228
Momentan online:
396 Gäste und 18 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Besuch
Eingestellt am 01. 12. 2002 21:59


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
luhkb
BlĂŒmchendichter
Registriert: Nov 2002

Werke: 1
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Der Besuch

Ein trĂŒber, regnerischer Herbsttag blinzelte Joachim an, als er das Rollo hochzog. Die letzten HerbststĂŒrme hatten fast alle BlĂ€tter von den BĂ€umen gefegt und auch die große Eiche nahe seinem Fenster war nun fast kahl. Über dem Fluss hing ein leichter FrĂŒhnebel wie aus einem SchauermĂ€rchen, aber es kĂŒmmerte ihn eigentlich nicht.

Joachim, oder Jojo, wie seine Freunde ihn nannten, hatte das Wochenende wieder in trĂŒber Stimmung verbracht. Nicht einmal mehr ĂŒber die Phasen zwischen den Arbeitstagen konnte er sich freuen, alles erschien so gleichgĂŒltig. Jojo fĂŒhlte sich wie das gleichnamige SpielgerĂ€t. Irgendwer hielt ihn an einem Faden fest und hin und wieder schlug er dabei heftig auf dem Boden auf. Das Wochenende war schon schlimm genug gewesen, aber nun sollte er heute wieder zur Arbeit gehen und acht Stunden lang die gleiche, seit Jahren schon nervende TĂ€tigkeit verrichten. Ihm grauste es vor dem BĂŒro, es erschreckte ihn schon an die Kollegen zu denken, die Montags eigentlich nur immer ihre Wochenendbettgeschichten im Kopf hatten. Er war allein, wie sollte er da mitreden? Es graute ihm auch vor den Launen des Chefs, der ihn seit lĂ€ngerem auf dem Kieker hatte, nachdem Joachim ihn einmal auf einen Fehler in der Lohnabrechnung aufmerksam gemacht hatte. Es war nicht um viel Geld gegangen, aber er hatte es doch moniert und seitdem war er einfach unten durch und konnte nichts mehr recht machen. Den Kollegen war es nur recht; solange der Chef sich auf ihn eingeschossen hatte, ließ er sie in Ruhe. Joachim arbeitete hart, hĂ€rter als die anderen, bemĂŒhte sich immer alles perfekt zu machen, aber gerade in diesem verzweifelten BemĂŒhen nur ja keine Fehler zu machen, verstrickte er sich zunehmend oft. Heute war nun also wieder Montag und eine ganze lange Arbeitswoche lag vor ihm, und dennoch, was sollte er sonst tun? Er dachte an die vielen Kollegen, die einfach mal ihre Montagsgrippe nahmen oder sich direkt fĂŒr eine ganze Woche den gelben Urlaubsschein holten. Warum konnte er das nicht auch einfach mal machen? Er war viel zu gewissenhaft, aber das machte es auch nicht leichter fĂŒr ihn.

Seine letzte Freundin hatte ihn vor einiger Zeit verlassen, weil er nichts mehr mit ihr unternehmen wollte. Er traute sich einfach nicht mehr in grĂ¶ĂŸere Menschenmengen und Jubel, Trubel Heiterkeit stießen ihn nur noch ab. Joachim las lieber ein gutes Buch, versetzte sich so in ferne Welten, reiste zwischen den Sternen und trĂ€umte, sein Leben wĂ€re ein ganz anderes. Aber die RealitĂ€t holte ihn immer wieder ein und auch jetzt versank er schon wieder in seiner Traumwelt anstatt sich fĂŒr die Arbeit fertig zu machen. Er ging ins Bad und aus dem Spiegel starrte ihm ein altes Gesicht entgegen. MĂŒde und ausgelaugt, die Augen tief in den Höhlen. „Nein“, das konnte nicht er sein, fuhr es ihm durch den Kopf. Ihm wurde ĂŒbel und er musste sich am Waschbecken abstĂŒtzen. Als er sich einigermaßen erholt hatte, wankte er wie ferngesteuert zum Telefon, rief seine Firma an und sagte, dass er heute leider nicht kommen könne. Die SekretĂ€rin seines Chefs wĂŒnschte ihm gute Besserung und erleichtert sank Jojo in seinem Sessel in sich zusammen. Heute wĂŒrde er niemanden sehen mĂŒssen, er konnte einfach mal ausspannen. Aber hatte er das am Wochenende geschafft? Durch den Feiertag war es ein langes Wochenende gewesen und doch hatte er sich nicht von der letzten Woche erholt.

Alles erschien ihm so sinnlos und nicht zum ersten mal spielte er verschiedene Szenarien durch, wie er seinem Leben ein Ende setzen könnte. Langsam schlurfte er ins Bad und schaute in seinen Medizinschrank. Die Sammlung war schon beeindruckend, aber wĂŒrde das genĂŒgen? Von seinem ehemaligen Arzt hatte er auch diverse Pillen gegen seine depressiven Störungen verschrieben bekommen, von jeder Sorte war noch etwas da, denn letztlich hatten alle diese Mittel ihm nicht geholfen aus seinem Tief herauszukommen. Irgendwann hatte Jojo es einfach aufgegeben Tabletten zu schlucken und zum Arzt zu gehen und es war ihm dadurch auch nicht besser oder schlechter ergangen. Sollte er einfach mal alles nehmen, was da so vor ihm lag? Aber wenn es nun nicht genug war? Nein, das war keine Lösung! In der Ferne hörte er das Bimmeln der Bahnanlage, ein Zug! Man könnte sich doch einfach auf die Gleise stellen und auf den Einschlag warten. War es wirklich so einfach? Er konnte es nicht, denn dadurch wĂŒrde der LokfĂŒhrer ja eine traumatische Erfahrung machen und selbst im Tod wollte Jojo nicht am Leid eines anderen Schuld sein. „Ich will doch einfach nur tot sein“ schrie etwas in ihm.

Jojo versank in sein inzwischen schon ausuferndes GrĂŒbeln, als es plötzlich an der TĂŒr klingelte. „Na, wer mag das wohl sein?“, fragte er sich, erhob sich dann aber doch und ging zur WohnungstĂŒr. „Es wird wohl der Postbote sein, der ein Paket fĂŒr die Nachbarn abgeben will“, fuhr es ihm durch den Kopf, als er die HaustĂŒr erreichte. Joachim öffnete, aber die Gestalt vor seiner TĂŒr war auf keinen Fall ein BrieftrĂ€ger.

„Einen schönen guten Morgen“, sagte der Fremde, „ich hörte, sie wollten mich sprechen?“ Jojo schaute irritiert. Der Fremde trug einen schwarzen Umhang und hielt einen seltsam geformten Stab in den HĂ€nden, ein Hirtenstab? Joachim konnte es nicht erkennen, seine Augen waren vom Weinen noch getrĂŒbt. Ja, er hatte wirklich geweint, stellte er plötzlich fest; zum ersten Mal seit Monaten waren die TrĂ€nen geflossen und jetzt stand er im Schlafanzug und mit verheulten Augen hier in der HaustĂŒr und irgendein Fremder wollte mit ihm sprechen? „Ich habe Sie rufen gehört und bin sofort gekommen. Darf ich hereinkommen?“ Eigentlich wĂ€re es Joachim lieber gewesen, der Fremde wĂ€re wieder gegangen, aber eigentlich war es doch egal.

Vielleicht war es gar nicht schlecht, mal mit jemand völlig fremden reden zu können. „Kommen Sie herein!“, hörte er sich selbst zu seiner Überraschung sagen und er trat einen Schritt beiseite.
Der Fremde nickte dankend und mit schweren Schritten stapfte er durch den Flur in Richtung Wohnzimmer, als kenne er sich bestens aus. Ohne lange zu fragen nahm er auf der Couch platz, behielt jedoch seinen Umhang an und auch von seinem Stab wollte er sich anscheinend nicht trennen. Irgendwie kam er Jojo bekannt vor, aber an wen erinnerte ihn der Mann? „HĂ€tten Sie vielleicht etwas warmes zu trinken fĂŒr mich? Es ist kalt draußen und ich habe eine weite Reise hinter mir!“ Was wollte dieser Gast von ihm? „Ich mache schnell einen Kaffee“, sagte Joachim und schlurfte in die KĂŒche. Wenige Minuten spĂ€ter kehrte er ins Wohnzimmer zurĂŒck, der Fremde saß immer noch reglos da. Jojo betrachtete ihn nun genauer. Er sah alt aus, das Gesicht vom Wetter gegerbt, die HĂ€nde knochig aber stark. Er schien ziemlich dĂŒrr zu sein, denn sein Umhang schlotterte nur so um ihn herum. „Den Stab braucht er sicherlich um sich abzustĂŒtzen“, dachte Joachim und der Alte tat ihm plötzlich leid. Bei Wind und Wetter schien er draußen zu sein, aber warum hatte der Fremde gesagt, er hĂ€tte ihn gerufen bzw. er wolle mit ihm sprechen?

„Ihnen geht es nicht gut, oder?“, fragte der Fremde und plötzlich brach es aus Joachim heraus. Er begann zu erzĂ€hlen und der Fremde hörte ihm schweigend zu, nippte nur hin und wieder an seinem Kaffee und brummte leise vor sich hin. Als er geendet hatte, klopfte der Alte einmal heftig mit seinem Stab auf den Boden, Joachim erschreckte, schaute den Fremden verwirrt an und ĂŒberlegte, was nun wohl kommen wĂŒrde. Mit leiser, einfĂŒhlsamer Stimme begann der Alte nun seinerseits zu klagen. „Nun bin ich von weit her gekommen, nur um Ihnen zuzuhören und zu helfen, aber in Wahrheit haben Sie gar keine richtigen Probleme und auch das Sterben liegt Ihnen gar nicht im Sinn. Ihr Menschen bildet euch so viele Krankheiten und Probleme einfach nur ein und dann soll unsereiner kommen und euch helfen!“ Die Stimme des Alten wurde lauter als er sagte: „Joachim, du bist noch lange nicht soweit unten! Du bist noch lange nicht bereit!“ „Bereit wofĂŒr?“, wagte sich Joachim zu fragen. „Schweig! Und höre mir zu!“
Dieser Besuch wurde ihm langsam unheimlich. Wer war er und was wollte er eigentlich von ihm. Jojo wĂŒnschte sich, die TĂŒre nicht geöffnet zu haben. Was, wenn das ein VerrĂŒckter war? Aber gewalttĂ€tig sah der Fremde eigentlich nicht aus, aber irgendwie doch unheimlich. „Warum hat er eigentlich im Haus die Kapuze immer noch auf?“ fuhr es ihm durch den Kopf. „Und dann dieser Stab?“
Wie aus weiter Ferne hörte Joachim, dass der Fremde weiterhin auf ihn einsprach. „... wirst auch du erkennen, dass es Zeiten im Leben gibt, die man ĂŒberstehen muss. Es ist nicht immer alles rosig, aber so schlimm, wie du es siehst, ist es noch lange nicht. Du bist nicht bereit, Joachim, und deshalb gehe ich nun wieder!“
Der Fremde zog sich an seinem Stab hoch, ordnete seinen Umhang und schenkte ihm ein fast zahnloses LĂ€cheln. „Bedenke, was dir noch alles entgehen könnte, wenn du dein junges Leben einfach fort wirfst, nimm dir eine Auszeit, entspanne dich und ĂŒberlege grĂŒndlich, was wirklich in deinem Leben schief lĂ€uft. Du wirst es schaffen, denn du hast noch soviel Energie und ich weiß, es liegen noch viele Jahre vor dir.“
Inzwischen hatte der Fremde die HaustĂŒr erreicht, drehte sich noch einmal um und reichte Jojo die Hand. „Wir sehen uns wieder!“, hörte er den Fremden sagen, „aber bis dahin wirst du noch viel Positives erleben. Leb wohl und rufe mich nie wieder aus einer Laune heraus!“

Der Fremde ging und Joachim starrte ihm nach. Das war kein Hirtenstab in seiner Hand! Jetzt, wo seine Augen langsam wieder klar wurden, konnte er es erkennen. Es war eine Sense.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Arno1808
Guest
Registriert: Not Yet

Der Besuch

Hallo luhkb,

erst einmal herzlich willkommen bei der Lupe und danke fĂŒr Deinen ersten Text hier.

Deine Geschichte liest sich nett, aber mir persönlich fehlen etwas die Emotionen. Gerade bei diesem Thema hĂ€tte ich mir etwas mehr Dramatik gewĂŒnscht. Ich lese zwar, dass es Jojo nicht gut geht, aber ich kann es nicht richtig nachempfinden.
Deine SĂ€tze sagen mir, dass der Tod ihm eine Lehre erteilen möchte, aber ich fĂŒhle nichts bei seinen Worten.
Vielleicht kannst Du versuchen, dich noch mehr in die Situation hineinzuversetzen, es noch mehr selbst miterleben, um so der Geschichte 'aus dem Bauch heraus' noch mehr 'Leben' einzuhauchen.

Liebe GrĂŒĂŸe

Arno

Bearbeiten/Löschen    


luhkb
BlĂŒmchendichter
Registriert: Nov 2002

Werke: 1
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Danke fĂŒr deinen Beitrag

Hallo Arno,

vielen Dank erstmal fĂŒr deinen kritischen Beitrag.

Vielleicht hĂ€tte ich die Emotionslosigkeit, welche Jojo auszeichnet nicht auch der Geschichte antun mĂŒssen, allerdings ist gerade die Emotionslosigkeit eine der wichtigsten Anzeichen der Depression und eine der schlimmsten Erfahrungen, die man machen kann.

Ich denke, um diese Geschichte nachvollziehen und richtig miterleben zu können, muss man selber einmal soweit unten gewesen sein (was ich persönlich niemandem wĂŒnsche)
Deshalb werde ich mich auch nicht noch mehr in die Situation hineinversetzen, ich kenne sie zur GenĂŒge und muss deshalb auch nicht "aus dem Bauch heraus" etwas beschreiben ;-)

Viele GrĂŒĂŸe
Luhkb

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!