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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Betriebsausflug
Eingestellt am 29. 07. 2016 20:50


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Arno Abendschön
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Jeden Tag und beinahe jede Stunde hatte die Stiegler sie auf den Betriebsausflug einzustimmen versucht. Als ob Gefahr bestanden hĂ€tte, dass sie wegblieben. Daran war natĂŒrlich nicht zu denken gewesen.

„Und es wird getanzt werden, ihr jungen Herren. Wunderbar wird das werden 
 Freut euch doch!“

Sie machten beide ein saures Gesicht. Was das Tanzen anging, sagte Ulf sogar: „Bin daran desinteressiert“.

Frau Stiegler fehlte dann bei der Abfahrt der Busse. Sie hatte gar nicht vorgehabt mitzukommen, erfuhren sie von Frau Schiller. Bens Platz war natĂŒrlich neben Ulf. Herr Adelmann schob sich schwer atmend durch den Mittelgang, um alle zu begrĂŒĂŸen.

Unter Mundharmonikaspiel ging es durch weite Fabrikviertel hinaus aus der Stadt. Die Ă€lteren BĂŒrodamen sangen dazu Volkslieder aus ihrer Schulzeit. Ihre ungeĂŒbten Altstimmen hörten sich wehmĂŒtig an. Die Ă€lteren Kollegen begannen sich Herrenwitze zu erzĂ€hlen. Sie dĂ€mpften ihre Stimmen nicht, nur bei den Pointen kaschierten sie die anstĂ¶ĂŸigen Stellen, indem sie kurz sehr laut auflachten. Dazu machte Ulf zu Bens großer Freude wiederholt ein angewidertes Gesicht.

„Ich hab gerade beschlossen, heute den Kanal volllaufen zu lassen“, sagte Ulf. „Aber du - sei vorsichtig.“

„Bin ich doch immer.“

Da es im Bus nichts zu trinken gab, fingen sie ein ernsthaftes GesprĂ€ch an. Sie mussten auch einmal ĂŒber Politik und ihre Weltanschauung reden. Wie schön, dass sie beide neuerdings liberal dachten. Diese Sympathien fĂŒr den Sozialismus waren doch schon etwas ĂŒberholt. Sie wĂŒrden sich also nicht ĂŒber Politik streiten. Ben erklĂ€rte Ulf, was ein Agnostiker ist, und Ulf sagte, dass sei immer schon auch seine Meinung gewesen.

Der Bus hielt in einer kleinen Stadt. Alle stiegen fĂŒr eine halbe Stunde aus, um sich Bewegung zu verschaffen. Die jungen MĂ€nner stĂŒrmten die FußgĂ€ngerzone hinunter. Einige wussten, dass es unten am Fluss eine Trinkhalle gab. Also anstehen, Bier kaufen und schnell austrinken, bevor es weitergeht.

Ben hatte nach seiner Gewohnheit nur wenig gefrĂŒhstĂŒckt und jetzt wie die anderen eine Halbe getrunken. Auf der Weiterfahrt fĂŒhlte er sich leicht angesĂ€uselt. Er schnitt im GesprĂ€ch mit Ulf weitere ernste Themen an: die Weltgeschichte, das Universum. Und dann die Sache mit der Rotverschiebung, war das nicht ungeheuerlich? Alles entfernte sich mit stĂ€ndig zunehmender Geschwindigkeit voneinander. Ulf sah ihn ruhig und zufrieden an. Der Krakeel rundherum störte sie jetzt viel weniger. Kommt ein Viehjud in die Stadt, fing einer schrĂ€g hinter ihnen an, und die MĂ€nner ĂŒber vierzig lachten schon lauthals. Die Mundharmonika versuchte es mit Auf der schwĂ€bschen Eisenbahne, und einige von den reiferen Damen fielen unsicher ein.

Sie kamen etwas verspĂ€tet zu ihrem Mittagessen in einer Miniaturschwarzwaldlandschaft an. Das Programm fĂŒr diesen Tag war, wie sich allmĂ€hlich zeigte, mit Attraktionen ĂŒberfrachtet. Der Abstecher in die andere genauso reizvolle Gegend wurde nach dem Kaffeetrinken kurzerhand gestrichen.

Die Busse nahmen den RĂŒckweg ĂŒber die Autobahn und luden sie alle am Rand der Großstadt wieder aus. Die FestsĂ€le dicht bei der Straßenbahnendstation erwarteten sie schon, grell erleuchtet und etwas sparsam ausgeschmĂŒckt. Nur einer von ihnen war fĂŒr sie reserviert, am Tag nach Himmelfahrt wollten auch andere feiern.

Ulf sorgte dafĂŒr, dass sie mitten unter den jungen Leuten saßen. Auch Frau Schiller fand Platz an diesem Tisch der Jugend. Ben sah sich erst um und kam dann bald mit Jungen und MĂ€dchen ins GesprĂ€ch, an denen er bisher im Amt nur vorĂŒbergegangen war. Jungen und MĂ€dchen? Ja, das waren sie jetzt viel eher fĂŒr ihn als junge MĂ€nner und Frauen.

„Anders herum!“ rief jemand und meinte damit bloß, er solle seine erste Zigarette umdrehen und statt am brennenden Ende lieber am MundstĂŒck ziehen. TatsĂ€chlich hatte er sich schon ĂŒber den Geschmack nach Asche und Kohle gewundert. Sie lachten, es klang gutmĂŒtig, sie lachten ihn nicht aus. SpĂ€ter rauchte er noch eine Zigarette.

Es gab da einen schmalen Rotblonden, so still und fein, dass er ihn immer wieder ansehen musste. Das GesprĂ€ch mit ihm beschrĂ€nkte sich darauf, dass sie sich ihre Vornamen nannten. Seiner lautete Olaf. Neben ihm saß ein naiver Frechdachs, er hieß Alex und wollte unbedingt in der kommenden Woche mit Ben mittags essen gehen. Zutraulich wie ein junger Hund - am Ende wird er noch den Kopf an Bens Knie reiben.

Die Lange aus der Schalterhalle, wie sie von den jungen Leuten des Amtes genannt wurde, ĂŒberragte alle um ein bis zwei Köpfe, nur Ulf nicht, mit dem sie an diesem Abend noch kaum ein Wort sprach. Sie hĂ€tte auch als die HĂŒbsche bezeichnet werden können, sie war in der Tat die reizvollste unter den jungen Frauen. Sie hatte etwas von einem großen, hĂŒbschen, schlanken Jungen und war zur gleichen Zeit bereits perfekte junge Dame. Sie hatte ja im Amt Kontakt mit dem Publikum und wusste, wie man gut auftritt. Ben unterhielt sich gern mit ihr, ohne nachher noch zu wissen worĂŒber eigentlich.

Das Tanzen blieb ihnen nicht ganz erspart. Ben und Ulf wurden jeder einmal von etwas Ă€lteren BĂŒrokolleginnen aufgefordert. Beim Wiener Walzer bewegten sie sich auf dem schmalen Grat zwischen schlecht und gar nicht tanzen können. Sie hatten sich nicht verweigert, das musste man ihnen zugute halten.

Ben sah, wie Frau Schiller zu einem weiter entfernten Tisch hinĂŒberwinkte. Dort saß Herr Adelmann und hielt seine kleinen VortrĂ€ge, wie sonst auch. Frau Schiller sagte und jeder am Tisch der Jugend konnte es hören: „Der Mann ist krank, sehr krank.“

Viel wichtiger als das Tanzen war das Trinken. Es geschah nebenbei und wie von selbst, so wie man beim Reden eben auch atmet. Ohne Vorwarnung wurde es Ben auf einmal speiĂŒbel. Er rannte zu den Toiletten. Nur noch dort drinnen ankommen, bevor es losgeht. Ulf kam schnell hinterher, er war schon in seiner NĂ€he. Ulf hielt draußen Wache, wĂ€hrend Ben in der Kabine wĂŒrgte und kotzte.

Sie kehrten zu ihrem Tisch zurĂŒck. Die Unterhaltung war noch in vollem Gang. Ben fĂŒhlte sich erleichtert, er trank allerdings von da an nichts mehr. Eine halbe Stunde spĂ€ter meldete sich die Übelkeit plötzlich zurĂŒck. Die vorherige Szene wiederholte sich, und Ben ĂŒbergab sich mit noch mehr Getöse, wie in einem Krampf. Er dauerte lĂ€nger, mit Eruptionen, denen tĂ€uschende Stille oder leises Stöhnen folgte, bevor es wieder losging.

Ulf hörte alles vor der TĂŒr mit an und rief ab und zu in die Toilette hinein: „Ben, hörst du mich? Geht es noch? Wird es schon besser?“ Seine Stimme klang einfĂŒhlsam und tröstlich.

Ben wankte aus der Kabine, erschöpft zitternd und doch schon getröstet. Ulf stĂŒtzte ihn beim Gehen. Als sie bei den anderen ankamen, fanden einige, es sei jetzt die richtige Zeit heimzufahren. Alle standen auf und gingen langsam zur Bahn. Ben und Ulf kamen als Letzte dort an und saßen ohne die anderen in einem Wagen fĂŒr sich. Auf der langen Strecke ins Zentrum ging es Ben wieder zunehmend schlechter. Um nicht auch in der Bahn kotzen zu mĂŒssen, verhielt er sich meist still und saß leicht gekrĂŒmmt da. Einmal weinte er sogar, vor Übelkeit und vor Wut und weil es auf seine Weise doch auch schön war.

„Lass doch, das geht wieder vorbei“, sagte Ulf, im gleichen Ton wie vorhin.

„Herrgott, ich lebe so gern 
“

„Recht so, das tun doch alle.“

„Aber ich kann es nicht richtig.“

„Unsinn, red am besten gar nichts.“

In der Stadtmitte setzte ihn Ulf in die andere Bahn und kam selbst mit hinauf. Ben fand immer mehr Geschmack an der Situation. Er sagte wiederholt: „Du bist ein verdammt feiner Kerl, Ulf.“

Die Villa stand vollkommen dunkel da oben in ihrem Garten. Alle anderen Bewohner waren verreist. Ulf sah hinauf und sagte: „Kommst du jetzt auch allein zurecht? Wenn ich die letzte Vierzehn erwischen will, muss ich gleich wieder hinunter.“ Er wollte zur Haltestelle zurĂŒck.

„Ja, wird schon gehen 
“ Ben stand auf der stark abschĂŒssigen Straße unter ihm. Er mĂŒsste noch irgendetwas aus dieser Lage machen können. So versuchte er, Ulfs Wange zu streicheln, und erreichte mit der Hand doch nur seine Halspartie. Ulf sah lĂ€chelnd zu ihm herunter. Es war auch ein verlegenes LĂ€cheln, gewiss. Aber das war es nicht allein, was lag sonst noch darin: immer noch Sympathie oder auch schon Trauer?

Ben lag zwei Tage allein in der Villa und erbrach sich alle ein bis zwei Stunden. Am Schluss kam nur noch Galle.

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Hallo Arno,

ich wĂŒrde die AnnĂ€herung der beiden MĂ€nner in den Vordergrund rĂŒcken und einige andere ĂŒberflĂŒssige Passagen streichen.

Den Schluss fand ich verwirrend. Ist Ben ernsthaft krank oder ist das Erbrechen von Galle nur ein Bild fĂŒr Selbstekel oder Ekel an der Welt oder Ausdruck von Trauer?

Positiv finde ich die Entwicklung von Deinem eher sachlichen Stil hin zu mehr GefĂŒhl.

VG,
DS
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Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermĂŒdendem Lesen. (Virgina Woolf)

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Liebe Frau Dr. Schneider, gern nehme ich Ihre Anregungen auf und wende sie ein wenig hin und her, um sie zu untersuchen. Also:

1. "AnnÀherung der beiden MÀnner"? Ist es nicht eher die Geschichte einer misslingenden AnnÀherung? Siehe vorletzten Absatz.

2. FĂŒrs Streichen bin ich immer zu haben. Einen Großteil meiner Zeit hier verbringe ich mit Eliminieren und Verknappen. Hier habe ich nur noch keinen Ansatz gefunden. Evtl. denkst du an die Zeilen, die das ĂŒbrige Personal betreffen. Aber das Milieu sollte dadurch nebenbei auch skizziert werden.

3. Das anhaltende Vomieren mit Erbrechen von Galle lĂ€sst sich so erklĂ€ren: kaum gefrĂŒhstĂŒckt, dann zu viel getrunken, erstmals geraucht und dazu auch noch nervös ĂŒberreizt. Die Galle als buchstĂ€blich letztes Wort kann natĂŒrlich als kleines Bild aufgefasst werden, so wie von dir angedeutet.

4. FĂŒhle mich immer bestĂ€rkt, wenn man positive Entwicklung feststellt, wobei hier unklar ist, ob deine Feststellung den Verlauf im Text oder etwas darĂŒber hinaus meint.

Freundlichen Nachmittagsgruß
Arno Abendschön

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DocSchneider
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Hallo Arno, nachdem ich Deinen Text nochmal mit "Verstand" gelesen habe, kann ich Dir sagen:

1. Du hast recht: Es wird keine Romanze geben. Traurig, aber wahr.

2.


quote:
Sie kamen etwas verspĂ€tet zu ihrem Mittagessen in einer Miniaturschwarzwaldlandschaft an. Das Programm fĂŒr diesen Tag war, wie sich allmĂ€hlich zeigte, mit Attraktionen ĂŒberfrachtet. Der Abstecher in die andere genauso reizvolle Gegend wurde nach dem Kaffeetrinken kurzerhand gestrichen.

Die Busse nahmen den RĂŒckweg ĂŒber die Autobahn und luden sie alle am Rand der Großstadt wieder aus. Die FestsĂ€le dicht bei der Straßenbahnendstation erwarteten sie schon, grell erleuchtet und etwas sparsam ausgeschmĂŒckt. Nur einer von ihnen war fĂŒr sie reserviert, am Tag nach Himmelfahrt wollten auch andere feiern.

Ulf sorgte dafĂŒr, dass sie mitten unter den jungen Leuten saßen. Auch Frau Schiller fand Platz an diesem Tisch der Jugend. Ben sah sich erst um und kam dann bald mit Jungen und MĂ€dchen ins GesprĂ€ch, an denen er bisher im Amt nur vorĂŒbergegangen war. Jungen und MĂ€dchen? Ja, das waren sie jetzt viel eher fĂŒr ihn als junge MĂ€nner und Frauen.

Hier könntest Du locker ein paar Sachen streichen, die fĂŒr die spĂ€tere Sympathie nicht entscheidend sind.


3. Alles verstanden. Ich fasse es am ehesten als Bild auf.

4. Ich meine den Text. Er wirkt lebhafter, hat auch wörtliche Rede und deutet GefĂŒhle zwar nur an, aber doch sehr gut vermittelt.

LG
DS

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