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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Beweis
Eingestellt am 10. 01. 2016 16:29


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TaugeniX
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Der Beweis

Mit Staunen, mit Entsetzen musste Ida feststellen, dass der grausame Brauch kein männlicher Zwang war, dem es die Frauen zu entziehen galt. Vielmehr waren es die Frauen selbst, die ihn behüteten, die sich verbissen daran zu klammern schienen.

Die alte Beschneiderin zeigte Ida eine Fangschrecke, die ihr Männchen nach der Begattung fraß, und deutete in hohen Tönen, obskures Wissen vermittelnd, dies sei die todbringende Natur des Weibes. Dieser angeborenen Zerstörungskraft entschlage sich ein Mädchen durch das zähmende Ritual. Ein Mann, der den unbeschnittenen, mit Giftzähnen ausgestatteten Frauenschoß berührte, würde seine Seele an die Dämonen der Unterwelt verlieren. „Im Grunde sind sie uns also ausgeliefert“, meinte die Alte, „denn die Männer würden ihrer Leidenschaft immer nachgeben, auch um den Preis ihrer Seele. Wir jedoch wollen dieses Opfer nicht, sondern bringen unser eigenes, indem wir bluten und so die böse Natur in Bande schlagen.“

„Siehe doch einmal über Deinen Tellerrand!“ verzweifelte Ida. „Millionen Männer und Frauen in meiner Heimat und in der ganzen Welt leben ohne Beschneidung. Sie heiraten, lieben sich und kriegen Kinder. Kein Mann ist noch daran gestorben.“ „Tja“, überlegte die Alte, „es ist wohl eine andere Welt außerhalb unseres kleinen Tellers hier. Eure Männer sterben auch nicht an Alkohol und Grippe, die ihr hierher gebracht habt. Uns bringen aber diese Dinge um. Das weißt Du selbst.“

An diesem Vorwurf zerbröckelte Idas Argumentation. Wie soll man auch mit Menschen diskutieren, deren kleine Welt eine grundlegend „andere Welt“ ist? Sie gab nach und begnügte sich damit, der abscheulichen Prozedur so viel medizinische Hilfe angedeihen zu lassen wie es der Ritus zuließ. Sie konnte den Gebrauch von Desinfektion und Antibiotika durchsetzen. Gegen größeren Widersand stieß die Anwendung der Schmerzmittel: die Beschneiderin zweifelte, ob das Böse auch zuverlässig entkräftet sei, so die Reinigung ohne Geschrei und Tränen und ohne erlösende Ohnmacht von sich ginge.

Da erfand Ida eine legenda sacra: Die Mohnblüte sei die einzige paradiesische Pflanze, die von der Urmutter Eva ins irdische Exil mitgenommen werden durfte und so sei Opium ein jeder Frau zustehender Trost in ihren weiblichen Schmerzen, sei es bei der Beschneidung oder der Geburt. Tatsächlich ließ sich die Alte vom epischen Klang dieser Geschichte berühren.

Je mehr Ida in ihrem Kampf erreichte, umso mehr wurden ihre Gewissensnöte. Zwar wirkte sie mildernd und oft lebensrettend mit, doch es war eine Mitwirkung und sie fühlte sich der Beihilfe schuldig. Die Wendung kam in Gestalt eines jungen Kriegers aus dem Dorf. Er verliebte sich stürmisch in die Fremde und warf ihr glühende Blicke zu. Natürlich wusste er um die ungezähmte Natur der weißen Frauen und traute sich nicht, ihre Nähe zu suchen. „Wenn er bloß seine Angst überwinden könnte“, träumte Ida, „wenn ihn seine Leidenschaft doch über diesen scheußlichen Aberglauben tragen würde!“ Unsere Liebe wäre ein lebender Beweis und ein Sieg über den Brauch. Sie setzte alle ihre weiblichen Künste ein, sie flirtete auf eine raffinierte unwiderstehliche Art, die dem ohnehin willigen Opfer gar keine Chance ließ…

So kam es zu einem geheimen Treffen der Beiden. „Wenn Deine Liebe nur den Tod meines Leibes bringen würde“, sagte er, „wie leicht würde ich mich dazu entschließen! Doch Du bringst mir den Tod meiner Seele, eine ewige Wanderung im Reich der Schatten. Einen schrecklichen Preis verlangst Du!“

„Ich verlange nur einen Augenblick Mut! Und dafür wirst Du mehr haben als Umarmung einer Frau. Ich verspreche Dir bei allem, was mir heilig ist, dass Du unversehrt bleibst und als Sieger über sinnlose…“

„Warum muss ich mir so lange Reden anhören“, unterbrach er, das Gesicht des Mannes verfinsterte sich, eine tiefe Zornfalte legte sich zwischen seine Augenbrauen, „bevor ich meine Seel` verwerfe?“

Er stieß Ida gegen die Brust, sodass sie umfiel, kniete sich auf ihrem Leib, riss ihre Kleider auf und nahm sie so hart, dass sie es gerade noch schaffte, seiner Gewalt vorauseilend willig zu sein. Dann schlief er erschöpft und selig ein und sie blieb bei ihm, seinen Kopf auf dem Schoss haltend. Sie wartete geduldig und in Vorfreude auf sein Aufwachen. Ein neues, glückliches Zeitalter sollte im Dorf ausbrechen, wenn sie zu zweit, eng umschlungen zurückkehren.

Er machte die Augen auf und der glückliche Traum brach zusammen. Leere und Befremdung, unendliche Gleichgültigkeit waren in seinem Blick. Sie wusste sofort, dass die Dämonen seines Aberglaubens da gewesen sind. Sie schrie auf und weinte. Sie packte ihn, zog ihn am Arm, redete auf ihn ein. Klein und gehorsam folgte er ihr ins Dorf, dann in die Kreisstadt. Sie tat und rannte, sie zahlte Schmiergeld, wo es nötig war, ließ ihm einen Pass ausstellen, heiratete ihn – teilnahmslos da stehenden – vor dem Schweizer Konsulatsbeamten und flog ihn wie ein Stück Gepäck in ihre Heimat.

Dort begann eine mühsame Wanderung durch die Irrgärten der modernen Arztkunde. Er wurde im Institut für Tropenmedizin in Luzern untersucht: ohne Befund. Dann suchte man nach Stoffwechselstörungen, Tumormarkern, Rheumamarkern, EEG-Veränderungen… Man stellte Verdachtsdiagnosen und verwarf sie alle eine nach der anderen. Er war ein duldsamer, tapferer Kranker, der niemals Missmut äußerte; ließ alles über sich ergehen. Nahm an Gewicht ab, seine Haut wurde fahl und graulich, öfter bekam er Bluterbrechen, zu dem niemals eine Blutungsquelle gefunden werden konnte. Qualvolle Atemnöte plagten ihn und er harrte Nächte lang im Sitzen aus, da ihm im Liegen die Luft ausging. Er aß sehr wenig und konnte noch weniger im Magen behalten. Seine Glieder waren ausgemergelt und steif, diffuse schwer lokalisierbare Schmerzen raubten seinen Schlaf. Unermüdlich zerrte ihn Ida von einer ärztlichen Autorität zur nächsten…

„Gnädige Frau, ich will Ihnen und diesem armen Menschen bloß die unnötige Qual ersparen! Wir können nichts für ihn tun. Der Glaube, wenn er nur so groß ist wie ein Senfkorn, vermag Berge zu versetzen. Der Glaube dieses Mannes ist aber selbst schon so groß wie ein Berg. Was sollen wir da noch mit unserer Medizin ausrichten? Sie müssen es akzeptieren, gnädige Frau. Sein Leben wurde ihm in jener Nacht genommen. Es ist bereits geschehen. Lassen Sie den Menschen wenigstens ohne unnötiges Leid sterben. Fahren Sie mit ihm heim!“ Verzweifelt, doch ohne Widerwort, als hätte sie auf diese „Diagnose“ die ganze Zeit gewartet, ging sie davon.

Sie stellte ihm eine Liege auf der sonnigen Terrasse und brachte ihm nur noch kĂĽhles Wasser und ein wenig Yams. In Ruhe, ohne Druck genesen zu mĂĽssen, litt er viel weniger. Er schlief viel, schien kaum noch Schmerzen zu haben und verstarb bald an einem ruhigen warmen Abend.

Nach dem Begräbnis machte sich Ida auf den Weg in sein Heimatdorf. Die Weiber des Dorfes traten ihr entgegen. Auch seine Mutter war da. Wie eine schwarze schwere Wolke standen sie. Ida war bereit ihre Schuld zu bekennen und ihren Zorn über sich ergehen zu lassen, doch die Gewitterwolke entlud sich nicht. Sie schwiegen. Die alte Beschneiderin löste sich von der Menge und ging fort. Ida folgte ihr bis in ihre Lehmhütte am Rande des Dorfes. Erst dort sah sie Ida ins Gesicht. „Hattest Du nun Deinen Beweis?“ Fragte sie.

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Was uns obliegt, ist nicht die Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche, sondern lediglich die Pflicht. Th. Fontane

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Hallo TaugeniX!

Du greifst ein Thema auf, das mich auch seit langem umtreibt: das schreckliche, barbarische Ritual der weiblichen Beschneidung, welches für Millionen Frauen und Mädchen unendliches Leid bedeutet. Dieser furchtbare Aberglaube, der hier wie so oft in der menschlichen Geschichte, allein auf Kosten der Frauen geht! (Hierzu : Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht)

Du lässt in deinem (wie immer stark geschriebenen Text) den Aberglauben siegen, aber ich kann und will die Hoffnung nicht aufgeben, dass zuletzt doch die Aufklärung und die Vernunft über diese unmenschliche Ritual siegen wird.

Interessant übrigens, dass die männliche Beschneidung (im jüdischen Glauben zum Beispiel) nicht im mindesten zu vergleichen ist mit der Verstümmelung der weiblichen Genitalien.

GruĂź, Hyazinthe
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@ Hyazinthe, die letzte in Deutschland geschriebene Dissertation zum Thema "Weibliche Beschneidung zur Therapie der Selbstbefriedigung" wurde an der Universität Bonn 1923 (!) geschrieben. Bezeichnenderweise von einer Frau.

Maria Pütz "Über die Aussichten einer operativen Therapie in gewissen Fällen von Masturbation jugendlicher weiblicher Individuen"

„In drei mir speziell von Herrn Professor Dr. Cramer gütigst überlassenen Fällen trat nach Entfernung der Clitoris und einer teilweisen oder vollständigen Exzision der kleinen Labien vollständige Heilung ein. Masturbation wurde nicht mehr geübt, und selbst nach einer Beobachtungszeit von mehreren Monaten blieb der Zustand unverändert gut. Trotz dieser erfreulichen Resultate der Clitoridektomie bei Masturbation gibt es nun sehr viele Fälle, bei denen das Uebel durch irgend welche operative Eingriffe nicht zu beeinflussen ist […]“

„Ein zweiter Einwurf der Gegner ist der, dass durch Herabsetzung der Libido auch die Konzeptionsmöglichkeit aufgehoben werde. Auch dieser Einwand ist unberechtigt; denn es steht fest, dass frigide Frauen, die den Coitus nur als Last empfinden und sich keiner sexuellen Befriedigung erfreuen, dennoch konzipieren und gesunde Kinder gebären.“


Das sind Ausführungen einer jungen Ärztin, die schon sehr fortgeschrittene medizinische Kenntnisse hatte. Da hat schon Siegmund Freud seine "Traumdeutung" und "Jenseits des Lustprinzips" veröffentlicht; Paul Ehrlich setzte bereits das erste klinisch wirksame Antibiotikum ein; die Chirurgie bediente sich der 50 Jahren der Beatmungsnarkose und inzwischen auch der Epiduralanästhesie... Aber die Beschneidung war immer noch ein anerkanntes therapeutisches Mittel.

Wir sind uns gar nicht (gerne) bewuĂźt, wie "jung" unsere milden Sitten hier sind.


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Taugenix,

Ja, wir können uns glücklich schätzen, dass wir uns, was die Emanzipation der Frau betrifft, hier in Europa auf einer "Insel der Seligen" befinden. Auch wenn dieser Fortschritt erst sehr jung ist. Wenn man sich anschaut, wie z.B. im arabischen Raum, in Indien und besonders in Afrika die Frauen behandelt werden, kann man als Frau nur verzweifeln.
Ein wenig Hoffnung gibt es mir, in welch verhältnismäßig kurzer Zeit in der westlichen Welt ein Umdenken stattgefunden hat. (Du zitierst ja die Dissertation von 1923)
Schon erstaunlich, dass in aller Welt die neuesten technischen Errungenschaften (ganz zu schweigen von den Waffen) anzutreffen sind,während gleichzeitig die archaischten Bräuche weiterleben.

Aber darĂĽber zu diskutieren, ist hier wohl nicht der richtige Ort.

Du siehst, deine Kurzgeschichte gibt reichlich Stoff zum Nachdenken.

Liebe GrĂĽĂźe,
Hyazinthe
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