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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Brief
Eingestellt am 01. 09. 2014 16:11


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Maribu
???
Registriert: Jun 2012

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Der Brief

Sie stand vor dem Balkongitter, die Arme aufgest├╝tzt und schaute freudlos und gedankenverloren hinunter.
Die Kleinkinder spielten, wie immer bei trockenem Wetter, in der Sandkiste. Frau Dreesen sa├č davor auf der Bank und stillte ihr Baby. Zwei gr├Â├čere M├Ądchen schaukelten juchend nebeneinander. Eine wollte die andere an H├Âhe ├╝bertreffen.
Einige Jungen spielten Fu├čball. Die vier Birken auf der kleinen Wiese waren die Pfosten. Das laute Torgeschrei und Abklatschen, l├Ąssig wie die Profis, nahm sie teilnahmslos hin.
Der heute morgen vom Hausmeister abgegebene Brief hatte sie beim Fr├╝hst├╝ck getroffen wie ein Faustschlag in die Magengrube. Ihr Toastbrot wurde kalt und hart wie Zwieback; sie bekam keinen Bissen hinunter.
Wie viele Kinder hatte sie hier schon aufwachsen gesehen?
Die meisten kannte sie mit Namen. Auch die Jungs, die jetzt Fu├čball spielten. Vor acht oder zehn Jahren sa├čen sie unter ihr in der Sandkiste. An ihre Kinder musste sie auch denken, wie ihre Tochter Marianne unerm├╝dlich Sandkuchen formte, und ihr Sohn Gerhard ihn gen├╝sslich mit Fu├čtritten zerst├Ârte.
Manchmal hatte sie mit Nachbarinnen Ärger bekommen, weil er ihren Kindern das Spielzeug weggenommen hatte.
Sie war mit Gretel Schulz, die Anfang des Jahres gestorben war, die einzige Erstmieterin des im Jahre 1954 erbauten Wohnblocks und hatte gedacht, so lange wie m├Âglich in dieser Wohnung zu bleiben. Wenn sie Schwierigkeiten bek├Ąme, die Treppe bis zum dritten Stock hochzugehen, w├╝rde sich schon ein gutes Heim finden lassen.
Sie ging zur├╝ck ins Wohnzimmer, griff zum Telefon und dr├╝ckte die Verbindungstaste zum Sohn.
Ihre Schwiegertochter meldete sich. "Du hast Gl├╝ck, dass Gerhard noch da ist. Er muss gleich zur Schicht. Warte einen Moment, er ist gerade im Bad"
Ihr Sohn war bei VW in Wolfsburg besch├Ąftigt.
Sie las ihm das Schreiben vor. "Da kann ich jetzt nicht viel zu sagen. In zehn Minuten muss ich aus dem Haus. Sag mir noch mal den Paragrafen, auf den sie sich beziehen. Ich muss das aufschreiben und nachschlagen."
"573 Absatz 2 Nr.3 BGB", antwortete sie.
"Notiert! Unabh├Ąngig davon solltest du das Kaufangebot annehmen! Dann hast du einen Sachwert. Das Geld weiterhin bei den niedrigen Zinsen auf der Bank zu halten, w├Ąre unklug! - Heute ist Mittwoch, und Marianne kommt nachmittags zu dir. Sprich das mit ihr durch. Ich melde mich sp├Ątestens am Wochenende."
"Ja, das gen├╝gt! - Kannst du mir noch eins von den Kindern ans Telefon geben?"
"Tut mir leid, einer ist noch in der Schule, der andere spielt drau├čen. Tsch├╝ss!"
Das Gespr├Ąch hatte sie nun noch mehr durcheinander gebracht. Was hatte ihr Sohn f├╝r eine Vorstellung? Wie k├Ânnte sie f├╝r ihr Guthaben auf dem Sparbuch eine Wohnung kaufen? Abgesehen davon, dass Rentner ├╝ber siebzig keinen Kredit von den Banken bekommen, wie alt m├╝sste sie werden, um die Wohnung abbezahlt zu bekommen?
Die Zeit bis zum Besuch der Tochter nutzte sie zum Einkaufen.
W├Ąhrend sie sich um den Kaffee k├╝mmerte, konnte Marianne sich schon mal mit dem Brief besch├Ąftigen. "Die spinnen wohl!" h├Ârte sie ihr Schimpfen bis in die K├╝che. "Von wegen sechs Monate!" Und einen Augenblick sp├Ąter, bevor sie mit dem Tablett ins Wohnzimmer kam: "Das werden wir nachpr├╝fen, ihr verfluchten Immobilien-Haie!"
Trotz ihrer Niedergeschlagenheit musste sie schmunzeln, dass ihre Tochter sich so emp├Âren konnte.
Marianne wartete, bis ihre Mutter den Kaffee eingeschenkt hatte. "Ich glaube, dass sie dir durch das sechzigj├Ąhrige Mietverh├Ąltnis eine K├╝ndigungsfrist von achtzehn Monaten einr├Ąumen m├╝ssen. - Also kein Grund, jetzt schon unruhig zu werden!"
"Soll ich mich dar├╝ber freuen? Wenn die anderen Familien nach sechs Monaten ausziehen m├╝ssen, werde ich nicht ein Jahr allein in diesem Geisterhaus leben wollen!"
"Die Gesellschaft muss sowieso erst mal nachweisen, dass sie dieses Geb├Ąude wegen wirtschaftlicher Unzumutbarkeit abrei├čen und duch einen Neubau ersetzen d├╝rfen!"
"Den Paragraf hat Gerhard sich aufgeschrieben. Er will das auch nachpr├╝fen."
"Ja, vielleicht lohnt sich eine Sanierung!"
"Und wie ist das mit Denkmalschutz?"
Marianne lachte. "Das kannst du vergessen! In den 50-ziger Jahren haben sie noch Asbest verarbeitet!"
Sie reichte ihrer Tochter eine Dose mit Keksen. "Und was h├Ąlts du von dem Kaufangebot?"
Marianne nahm sich eine Schokorolle und erwiderte kauend: "Das ist Schwachsinn! Wie kann man einer Zweiundachtzigj├Ąhrigen eine Wohnung verkaufen wollen?!"
"Aber sie w├╝rden mir doch vor├╝bergehend bis zum Neubau eine moderne Wohnung in der N├Ąhe zum selben Mietpreis ├╝berlassen!"
"Ja, das ist der K├Âder, den sie ausgelegt haben! Das sind doch abgebr├╝hte Gesch├Ąftsleute! Der angebliche Vorzugspreis von 280.000 Euro ist der Normalpreis, und der sp├Ątere von 320.000 ist ein "Mondpreis", den niemand bezahlen w├╝rde. Das ist doch f├╝r dich unerschwinglich! Oder hat Vater dir ein Verm├Âgen hinterlassen?"
Ihre Mutter nippte nur am Kaffee und sagte: "Dein Bruder meinte vorhin am Telefon, dass ich auf jeden Fall kaufen sollte."
"Was hat der f├╝r eine Vorstellung?"
"Das habe ich mich auch gefragt."
"Ich werde heute abend mit ihm telefonieren und ihm die Augen ├Âffnen!"
Sie wechselten das Thema und sahen sich noch "ihre" Kultserie
im Vorabendprogramm an, bevor ihre Tochter sich verabschiedete.
"Ich nehme die K├╝ndigung mit und zeige sie morgen meinem Chef.
Mach dir bitte keine Sorgen!"
Sie war jetzt beruhigt. Mariannes Chef ist Rechtsanwalt, der wird das schon abwenden!

Sie war gerade eingeschlafen, als sie durch L├Ąrm aufschreckte, der durch die Klappe des Wohnzimmerfensters eindrang. Sie zog ihren Bademantel ├╝ber und ging auf den Balkon. F├╝nf oder sechs Jugendliche sa├čen gr├Âlend auf der Banklehne, jeder hatte eine Bierflasche in der Hand. Sie rauchten. Einer schnippte die Kippe in den Sand. Ein anderer lag in der Sandkiste auf dem Bauch und machte Schwimmbewegungen. "Ich bin Deutschlands bester Trockenschwimmer!", prahlte er. Die anderen johlten und lie├čen eine Schnapsflasche kreisen.
Das war das erste Mal, dass sich Jugendliche diesen Treffpunkt ausgesucht hatten und bestimmt kein Zufall!, dachte sie.
Marianne nannte die neuen Vermieter nicht ohne Grund
'Immobilien-Haie'! Die hatten daf├╝r bezahlt! Jeden Abend werden die Krakeeler wiederkommen, um die Mieter zu nerven und zum widerstandslosen Auszug zu bewegen!
Inzwischen standen auch Nachbarn auf den Balkons und fingen an zu schimpfen. Herr Dreesen vom Nebenhaus rief hinunter: "K├Ânnt ihr nicht woanders saufen und rumschreien? Ihr habt schon unser Baby wachgemacht. Sonst komme ich runter und mach euch Beine!"
"Bleib lieber oben, du Wichser!", kam die Antwort. "Oder soll dein Baby ein Kr├╝ppel als Vater haben?"
Das darf doch nicht wahr sein!, dachte sie und lehnte sich ├╝ber das Gel├Ąnder. So laut wie sie konnte rief sie:
"Wenn ihr nicht sofort verschwindet, rufe ich die Polizei!"
"Halt die Fresse, du alte Hexe!"
Diese Stimme kannte sie. Eine Unversch├Ąmtheit von dem ehemaligen Hosenschei├čer, der sie oft um S├╝├čigkeiten angebettelt hatte! "Kevin, womit habe ich das verdient?" Ihre Stimme war leiser und man h├Ârte ihre Entt├Ąuschung heraus. Trotzdem kam sie unten an; es sprang jemand von der Lehne und duckte sich dahinter.
Sie beugte sich weiter nach vorne und schrie: "Ja, sch├Ąm dich, Kevin!"
Pl├Âtzlich verlor sie das Gleichgewicht, versuchte noch, sich am Gel├Ąnder festzuklammern, bem├╝ht, die F├╝├če wieder auf den Boden zu bekommen.
Neben dem "Schwimmer" in der Sandkiste schlug sie auf und blieb regungslos liegen. Der Junge wurde schlagartig n├╝chtern, sch├╝ttelte ihren Arm ab, der auf seinen Beinen
liegen geblieben war, sprang hoch und ergriff panikartig mit seinen still gewordenen Freunden die Flucht.
Sechs Monate sp├Ąter wurde der Block abgerissen.












Version vom 01. 09. 2014 16:11
Version vom 09. 09. 2014 18:55
Version vom 09. 09. 2014 19:00
Version vom 09. 09. 2014 19:05

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USch
Guest
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Hallo Maribu,
eine sicher aktuelle Problematik, wo immer mehr Sozialwohnungen von staatlichen Institutionen an private Immobiliengesellschaften (Deutsche Annington ist die gr├Â├čte und wohl skrupelloseste), die nat├╝rlich Kohle machen wollen, verkauft wurden.
Ein paar kleine formale Fehler haben sich eingeschlichen:

quote:
Zwei gr├Â├čere M├Ądchen schaukelten juchend nebeneinander, eine die andere an H├Âhe ├╝bertreffen wollend.
Den zweiten Teil des Satzes finde ich sehr sperrig.
Vorschlag:
Zwei gr├Â├čere M├Ądchen schaukelten juchend nebeneinander. Eine wollte die andere an H├Âhe ├╝bertreffen.

quote:
Marianne nahm sich eine Schokorolle und erwiderte kauend: Doppelpunkt "Das ist Schwachsinn". Punkt Wie kann man einer Zweiundachtzigj├Ąhrigen eine Wohnung verkaufen wollen?!"

quote:
"Ich bin Deutschlands bester Trockenschwimmer!", Komma prahlte er.

quote:
"Bleib lieber oben, du Wichser!", Komma kam die Antwort.

quote:
Das darf doch nicht wahr sein!, Komma dachte sie und lehnte sich ├╝ber das Gel├Ąnder. "kein Anf├╝hrungszeichen So laut wie sie konnte rief sie:

quote:
Der Junge wurde schlagartig n├╝chtern, sch├╝ttelte ihren Arm ab, der auf seinen Beinen kein Absatz
liegen geblieben war, sprang hoch und ergriff panikartig mit seinen still gewordenen Freunden die Flucht.

Deine w├Ârtlichen Reden verschwinden leicht im Text. ├ťblich ist es, Abs├Ątze zu machen, wenn die Rede zu Ende ist. Das hebt besser vom Flie├čtext ab. Wenn die Rede beginnt, setzt man ├╝blicherweise die Anf├╝hrungszeichen unten.Schau mal in aktuelle Romane.
Vielleicht k├Ânntest du den Text auch noch etwas straffen. So kommt er f├╝r mich eher wie eine Erz├Ąhlung daher.
LG USch

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Maribu
???
Registriert: Jun 2012

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Der Brief

Hallo USCH,

danke dir f├╝r das aufmerksame Lesen und die M├╝he der
├ťbermittlung!
Vieles habe ich korrigiert und fast alles von deinen Vorschl├Ągen angenommen.
Die direkte Rede sieht man an den Anf├╝hrungszeichen. (Leider
irritiert das hier am Beginn mit dem Anf├╝hrungstrichen "oben")
Ich bekomme das leider nicht ge├Ąndert.
Das ist mir beim Eingeben gar nicht aufgefallen. Wahrscheinlich
spinnt meine alte Kiste. Ich werde sie nachher mal durchsch├╝tteln oder gegen die Wand klatschen!
Ebenso der Absatz zum Schluss war und ist nicht gewollt. In der Vorschau sieht es ganz normal aus; ich wei├č nicht, wie ich das ├Ąndern kann. - Vielleicht liegt es im System. Es ├Ąrgert mich auch!
Bis zum n├Ąchsten Mal
Lieben Gru├č
Maribu

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