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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Brief
Eingestellt am 05. 07. 2008 17:25


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teccla
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2008

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Es war in den bunten Siebzigern. Ihr Mann leistete seinen Dienst in der Armee der DDR. Sie waren frisch vermählt. Das Baby schon unterwegs.
Seit 18 Wochen war sie ohne Nachricht von ihm. Sie wusste nur, er soll irgendwo in der Ukraine mit seiner Einheit sein...
Jeden Tag wartete sie ungeduldig auf den Postboten. Jeden Tag schaute sie vergeblich in den leeren Briefkasten.
Und nun lag dieser Brief vor ihr.
Der Absender war seine Kaserne in der Nähe von Potsdam. Sie traute sich nicht den Brief zu öffnen.
Auf den K√ľchentisch fielen ein paar matte Strahlen der Wintersonne.
Die K√ľchenuhr tickte davon unber√ľhrt. Das Radio der Nachbarn war nur ged√§mpft zu h√∂ren.
Sie konnte sich einfach nicht √ľberwinden, den Brief zu √∂ffnen.
Wie lange sa√ü sie nun schon in der kleinen K√ľche und starrte den Brief an?

Ein starker Kaffee, das wird gut sein. Wer wei√ü, was die mir mitteilen wollen...er hatte einen Unfall...oder es tut uns leid Ihnen mitteilen zu m√ľssen...nein, ein Kaffee tut jetzt gut.

Das Baby im Leib regt sich. Sie hält sich den Bauch.
Nein, mein Kleiner, dein Papa wird wieder kommen, ganz gewiss.

Da klingelt das Telefon. Sie schreckt auf.
Die Schwiegermutti.
"Ja, ich habe ein Lebenszeichen … das heißt, ich weiß nicht, ob es eins ist. Wieso? Es ist ein Brief gekommen, ein amtliches Schreiben. So sieht es aus. Ja von seiner Kaserne. Bezirksamt Potsdam...Ja okay, ich mache dir einen Kaffee mit, dann warte ich auf dich."

Ruhe kehrt wieder ein. Die Nachbarn haben das Radio abgestellt.
Ab und zu brummt ein Auto vorbei. Sie hört das Rauschen des Schnees unter den Rädern.
Die K√ľchenuhr tickt geduldig. Der Kaffee r√∂hrt durch die Maschine.

Ich werde sie mal wieder entkalken m√ľssen.
Dieser Brief hat nicht mal ¬īne Briefmarke.
Wie verschicken die so was?

Sie streicht sich √ľber den Bauch. Der weiche Stoff vom Umstandskleid schmeichelt ihrer Haut. Der Kleine hat sich beruhigt.
W√ľrde doch nicht ihr Herz so laut klopfen, sobald sie diesen bedrohlichen Brief ber√ľhrt.

Ein Brief, was kann das schon sein..

So lange schon wartet sie auf seine Nachricht.
Nun liegt sie da.
Sie sp√ľrt den Bannkreis, der sie abst√∂√üt und jeden Versuch der Neugier und Sehnsucht nach zu geben, abwehrt.
Die Finger zittern, wenn sie danach greift.

Mein Gott, es ist kein Krieg.
Was hatte er erzählt … sie haben bei Übungen echte Granaten, richtige Waffen. Ja es gibt auch Unfälle... das hatte er erzählt.
Es soll immer ein LKW mit Särgen mitfahren, wenn sie zu einer Übung aufbrechen.

Und nun liegt dieser unselige Brief vor ihr.

Der Kaffee ist fertig, wo nur Luise bleibt, sie wollte doch sofort kommen.
Als sie sich kennen lernten, da war Luise ihr gleich sympathisch. Schon nach einer verliebten Woche hatte er um ihre Hand angehalten und sie seiner Mutter vorgestellt.

Luise ist eine Schmusemama, die man dr√ľcken und knuddeln kann. Diese Oma wird mein Kleiner lieben.

Als sie die zarte Porzellantasse aus dem Schrank nimmt, entgleitet ihr die Untertasse und zerspringt auf dem Boden in tausend Teile.
Auch das noch.

Die T√ľrglocke singt ihr "Willkommen".
"Komm bitte rein, Luise. Entschuldige, ich war ungeschickt. Ich fege nur eben die Scherben zusammen... Ich bin aufgeregt? Ja, das bin ich. Bitte sage mir, dass dieser furchtbare Brief nichts Schlimmes bedeutet...Wei√üt du, ich hatte so einen merkw√ľrdigen Traum letzte Nacht...‚Äú
‚ÄěAuf unserer Hochzeit war ein Leutnant zu Gast. Er hatte zu sp√§ter Stunde ziemlich getrunken. Erinnerst du dich? Warum ich das erz√§hle, Luise? Ich will dir erkl√§ren, warum ich so zittere, einen ganz normalen idiotischen Brief zu √∂ffnen."
"Ja, der Blonde, der mit Dagmar flirtete. Der sagte, bei diesen √úbungen rechnet man mit f√ľnf Prozent Verlust an Mannmaterial.... Stell dir mal vor ¬īMannmaterial¬ī. Das sagte er. Und deshalb planen sie so viele S√§rge ein. Das ist einkalkuliert."
"Nein, ich bin nicht √ľbergeschnappt."
"Gut, bitte, öffne du den Brief."
"Kann auch sein, er hat Mist gebaut und sitzt in Haft. Du kennst ja deinen Sohn."
Luise, die rundliche Frau fährt sich durch das ergraute Wirrhaar, streicht die Handflächen am Rock ab und nimmt den Umschlag, liest den Absender und zuckt die Schultern.

Sie schenkt Luise Kaffee ein und stellt die Tasse vorsichtig auf den Tisch. Den Blick immer wieder zu Luise und auf den Brief gerichtet, als w√ľrde sie keine Sekunde verpassen wollen.
Luise schaut sie an.
Was jetzt?
"Nein, ich möchte nicht selbst lesen, ich setze mich hier hin und du liest mir vor."
Luise wartet einige Sekunden, bis sie auf dem wei√üen K√ľchenstuhl eine gelassene Haltung pr√§sentiert. Sie h√§lt ihren Bauch, als k√∂nnte er abfallen, wenn sie nicht aufpasst.

"Meine liebe Maus. Ich hoffe dir und dem Kleinen geht es gut. Heute ist unser erster Hochzeitstag und ich denke schon den ganzen Tag an dich. Wir sind wieder in der Kaserne. Ich schiebe Dienst und hatte nur diesen Briefumschlag. Vielleicht merkt es keiner und ich spare die Briefmarken. Ich w√ľnsche mir noch viele, viele Jahrestage mit dir. Der Urlaub wird noch eine Zeit..."

Luise schaut auf ihre Schwiegertochter, die schluchzend am Tisch in sich zusammenf√§llt und gl√ľcklich ins Taschentuch schnaubt.
"Danke Luise" heult sie lächelnd "du hattest Recht, es war kindisch von mir."
__________________
Zahme Vögel singen von Freiheit, wilde fliegen...
(Jamaikanisches Sprichwort)

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Retep
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Registriert: Jun 2008

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Hallo teccla,
habe deine Geschichte gerne gelesen.
Kurze Einleitung mit notwendigen Hintergrundinformationen,besonderer Schauplatz, bestimmte Zeit.
Positiv fand ich den Zeitenwechsel in der Geschichte.
An einigen Stellen wird gezeigt, nicht erzählt.
Das Bewusstsein der Protagonistin wird nachvollziehbar widergespiegelt, der Leser kann Emotionen mitf√ľhlen.
Eine schwangere Frau erh√§lt eine Nachricht, bef√ľrchtet Schlimmes.
Ich war gespannt auf den Inhalt des Briefes.
Durch Einsch√ľbe h√§lst du einen Spannungsbogen bis zum Schluss.

Bei einer eventuellen Bearbeitung könntest du vielleicht noch mehr die Sinne ansprechen (5),
unnötige Adjektive vermeiden, den Schluss knapper gestalten.
(Die letzten drei Linien halte ich f√ľr unn√∂tig.
Persönliche Meinung!)

Gruß Retep


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