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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Briefkasten
Eingestellt am 30. 05. 2002 18:21


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Marla
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2002

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Der Briefkasten

Ich stehe vor dem Briefkasten. Starre auf sein unpassend fr├Âhliches Gelb, bis es mir vor den Augen verschwimmt. Meine H├Ąnde schwei├čna├č und eiskalt. Hoffentlich hinterlassen sie keine feuchten Fingerabdr├╝cke auf dem Umschlag. Was f├╝r eine Schei├čidee!
Ich sollte mich einfach umdrehen und nach Hause gehen, immer geradeaus die Stra├če hinunter, 3. Haus links, gleich rechts der Papierm├╝ll. Klappe auf und...
Ich stehe vor dem Briefkasten. Starre auf den braunen, zerknitterten Umschlag in meiner Hand und kann mich nicht bewegen. „Na komm schon, schlie├člich hast du nichts zu verlieren!“ lockt eine sanfte Stimme in meinem Kopf. Die Hand mit dem Umschlag hebt sich z├Âgernd Richtung Briefschlitz. „Doch, alles, zum Beispiel deinen Stolz!“ kreischt es von der anderen Seite. „Was, wenn es niemand liest? Wenn es unbesehen im Papierkorb landet? Was, wenn es jemand liest? Und es dann im Papierkorb landet? Haha, was glaubst du wer du bist? Eine Tr├Ąumerin bist du, ein hoffnungsloser Fall, ich hab┬┤s ja immer schon gesagt!!“ Erschrocken h├Ąlt meine Hand auf halbem Weg inne. Ich will nach Hause. Meine F├╝├če aber scheinen festgewachsen zu sein.
Ich stehe vor dem Briefkasten. Ein Schwei├čtropfen rinnt ├╝ber mein Kinn und landet zielsicher auf dem Umschlag. Ein Traum ist ein Traum ist ein Traum. In dem meinen sitze ich, auf der Nasenspitze eine h├Âchst intellektuelle Nickelbrille, die Haare kunstvoll zerzaust an einem wundersch├Ânen alten Schreibtisch aus Nu├čbaumholz. Meine rechte Hand gleitet unaufh├Ârlich ├╝ber das bl├╝tenwei├če Papier. Das Fenster steht offen, von drau├čen h├Ârt man nur das Singen der Amseln in den Baumwipfeln und die letzten warmen Sonnenstrahlen des Tages malen Kringel auf den Tisch. Federleicht geht mir das Schreiben von der Hand. Keine Spur von Schreibblockaden oder mangelnden Einf├Ąllen. So etwas gibt es hier nicht. Dann klingelt das Telefon. Es ist alt und schwarz, und passt ganz wunderbar zum Holz meines Schreibtisches. Am Ende der Leitung ist meine ├╝beraus reizende Verlegerin, die mir mit freundlicher Stimme mitteilt, da├č ich mir f├╝r die n├Ąchsten zwei Jahre keinen Sorgen mehr um mein Bankkonto machen mu├č, obwohl ich mir doch erst dieses entz├╝ckende alte Bauernhaus gekauft habe...
Ich stehe vor dem Briefkasten. Mir ist hei├č. Und kalt. Und bange. Eigentlich will ich gar keinen Schreibtisch aus Nu├čbaumholz. Der vom Baumarkt tut`s n├Ąmlich auch. Und ich brauche auch kein Landleben in Weichsp├╝loptik. Nein. Bin mit der Realit├Ąt durchaus zufrieden. Mama, Papa, Kind. Studium, WG, Chaos – sehr viel Leben! Ab und zu mal bleibt ein bi├čchen Zeit zum Schreiben. Nachts, wenn endlich Ruhe eingekehrt ist, und die Zeit viel langsamer zu verstreichen scheint als in der Hektik des Tages. Blaue Stunde. Zeit f├╝r kleine Ideen, kleine Geschichten...
Ich stehe vor dem Briefkasten. Und bevor es sich noch irgend ein Teil meines K├Ârpers anders ├╝berlegen kann, schnellt die Hand mit dem braunen Umschlag nach vorn - und er ist in dem gelben Unget├╝m verschwunden. Unwiederbringlich. Da kriege ich ihn nicht wieder heraus. Ob ich auf den Postmann warten soll?
Ich wende mich ab. Gehe die Stra├če hinunter. Werde immer schneller und schneller, bis ich renne. F├╝hle mich mit einem Mal so leicht. Fast so, als br├Ąuchte ich nur die Arme auszubreiten, um davon zu fliegen. Ein gutes Gef├╝hl. Jetzt kann ich nur noch warten. Auf eine klitzekleine Antwort, auf irgendein Zeichen. Mehr ist nicht zu tun. Au├čer vielleicht- ein Traum ist ein Traum ist ein Traum...

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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!!!

Erstaunlich, da├č diese kleine Perle hier seit dem 30.5. herumliegt, ohne da├č sie jemand auffischt...
Nun, hier komt jedenfalls das "klitzkleine Zeichen", auf das Du wartest: Ich bin begeistert! Eine ganz banale Situation, ein Alltagsvorgang, wunderbar poetisch ausgelotet, kein Wort zuviel, keines zuwenig! Gratuliere!
Mir gef├Ąllt die leitmotivische Wiederholung "Ich stehe vor dem Briefkasten", die immer wieder von der Phantasie in die Realit├Ąt zur├╝ckf├╝hrt. Und die leicht ironisch angehauchte Schilderung des "kreativen Bauernhauses" mitsamt intellektueller Brille ist auch sehr treffend. Vielleicht nur ein bi├čchen weit getrieben, da├č die Dichterin sich selbst handschriftlich dichtend vorstellt - gibt's das noch? Und wenn ja, ist es ein Idealbild?
Fein! Ich w├╝nsche Dir, da├č am anderen Ende der Postroute einer sitzt, der den Umschlag zu sch├Ątzen wei├č!
lG, Zefira

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Marla
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2002

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Hallo Zafira,
habe mich sehr ├╝ber Deine Antwort gefreut! Und was die "handschriftliche Dichterin" angeht, tja, da bin ich tats├Ąchlich so altmodisch, da├č ich zuerst alles von Hand schreiben mu├č. Hat aber weniger mit einem Idealbild als vielmehr mit meiner unendlichen Langsamkeit, was das Schreiben auf einer Tastatur angeht, zu tun. Liebe Gr├╝├če, Marla

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