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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Buchhalter und sein Bleistift
Eingestellt am 06. 03. 2015 19:11


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Claudia Rainbow
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Jan 2015

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Es war einmal ein Bleistift, der lag in der Schreibtischschublade eines Buchhalters. Es war eine andere Zeit als heute. Es gab weder Computer, noch Rechenmaschinen und der Bleistift hatte, in der rechten Hand des Buchhalters liegend, wochentags eine Menge zu tun. Da schrieb er n├Ąmlich Zahlenreihe um Zahlenreihe in ein grosses, dickes Buch. In regelm├Ąssigen Abst├Ąnden durfte er auch einen dicken Strich ziehen. Das war dann, wenn der Buchhalter addierte oder subtrahierte.

Der Buchhalter war ein gewissenhafter und fleissiger Mann und so war es selten n├Âtig, dass des Bleistifts Arbeit ausradiert werden musste. An den Wochenenden durfte der Bleistift ruhen. Und auch der Buchhalter erholte sich. Der Bleistift langweilte sich in der dunklen Schublade. Der Buchhalter langweilte sich in seiner kleinen Wohnung.

Der Bleistift hatte Gesellschaft von einem roten Farbstift, einem kleinen, spitzen Messer und einem gr├Ąulich verf├Ąrbten Gummi. Der Buchhalter hatte Gesellschaft von einer grau-weissen Taube, einer dicken, haarigen Spinne und einer aufdringlichen Nachbarin.

Der rote Farbstift hielt sich f├╝r etwas Besonderes, weil er halt eben rot schreiben konnte und viel gr├Âsser war als der Bleistift selbst. Das Messer verbrachte die meiste Zeit in sich geklappt und der Gummi, ja der war halt eben einfach ein Gummi. So einer wie ihn jeder von uns kennt.

Die grau-weisse Taube erschien Wochentags erst wenn es allm├Ąhlich dunkel wurde, doch an den Wochenenden wartete sie schon fr├╝hmorgens auf die Brotkr├╝mmel, die ihr vom Buchhalter jeweils zugeworfen wurden. Die dicke, haarige Spinne fristete in einer Ecke der Wohnzimmerdecke ihr Dasein und freute sich ├╝ber jedes fliegende Insekt, das in ihrem Netz kleben blieb. Die aufdringliche Nachbarin, ja die war halt eben einfach eine aufdringliche Nachbarin. So eine wie sie jeder von uns kennt.

Wenn es Sonntagnachmittag wurde, freute sich der Buchhalter bereits auf die neue Arbeitswoche und auch dem Bleistift ging es so. Alles lief seinen gewohnten Gang. Fast alles. In letzter Zeit ertappte sich der Buchhalter immer mal wieder dabei, dass er Dinge dachte, die er all die Jahre zuvor nie gedacht hatte. So, als w├╝rde ein anderer sein Denken ├╝bernehmen.

Er stellte sich vor, wie er die aufdringliche Nachbarin anschrie, ihr die Türe vor der Nase zuschlug. Dabei übersah er, dass die Nachbarin gar nicht wissen konnte, dass ihre Besuche bei ihm nicht erwünscht waren, da er sich ja stets freundlich und korrekt zeigte und seinen Ärger nicht sichtbar machte.

Dem Bleistift ging es in seiner Schublade nicht viel anders. Zwar verhielten sich seine Mitbewohner ruhig, klopften schon gar nicht von Aussen an die Schublade, doch auch er ertappte sich dabei, wie er dunklen Gedanken nachhing. Regelm├Ąssig wurde er vom Buchhalter mit dem kleinen, spitzen Messer gespitzt. Das mochte er nicht so besonders, es ging ihm an die Substanz und je kleiner er wurde, desto argw├Âhnischer be├Ąugte er das kleine, spitze Messer. Wollte es gar seinen Platz einnehmen? Seine Emp├Ârung wuchs immer mehr. Dabei ├╝bersah er, dass Messer gar nicht schreiben k├Ânnen.

Der Bleistift h├Ârte das vertraute Ger├Ąusch des Schl├╝ssels im Schloss, vernahm die schlurfenden Schritte des Buchhalters und wartete auf die Hand, die ihn emporheben w├╝rde. Doch an seiner Statt, war es das kleine, spitze Messer, das vom Buchhalter ergriffen wurde und ehe er sich versah, war es wiederum stockdunkel um ihn herum. Was wurde er da w├╝tend. Nun hatte es das Messer geschafft, es durfte Zahlenreihe f├╝r Zahlenreihe in das grosse, dicke Buch schreiben.

Der Buchhalter jedoch machte keine Anstalten das dicke, grosse Buch zu ├Âffnen. Er legte das Messer in seine Hosentasche, umschloss es fest mit der Hand und ging nach Hause, um auf den neuerlichen Besuch der aufdringlichen Nachbarin zu warten.

Ein paar Tage sp├Ąter wehte ein frischer Wind durch das B├╝ro des Buchhalters. Der Bleistift freute sich auf seinen neuerlichen Einsatz. Doch das Gesicht, das sich ├╝ber die Schublade beugte, war nicht dasjenige des Buchhalters, sondern ein v├Âllig fremdes. Und auch die Hand, die nach ihm griff, kannte er nicht. "Altes Ding", sagte die junge Stimme ver├Ąchtlich und warf ihn in den Abfalleimer.

Und dann setzte sich der junge Buchhalter hin und las die Schlagzeile der Zeitung: "Buchhalter dreht durch... ... ..."

Version vom 06. 03. 2015 19:11

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