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Leselupe.de > Fantasy und Märchen
Der Bücherschreiber
Eingestellt am 06. 12. 2018 16:16


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Penelopeia
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2002

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Der Bücherschreiber

Vorwort: Es handelt sich um die ersten drei Teile eines leider wieder einmal längeren Werkes. Ich bin mir nicht sicher, was es eigentlich ist: ein Märchen, eine sci fi-Geschichte, eine Humoreske?
Im Text geht es um einen nicht mehr ganz zeitgemäßen alten Mann zukünftiger Zeiten, der einer veralteten Leidenschaft frönt: dem Bücherschreiben.

1.

Es war einmal ein fleißiger Mann, der las und schrieb den ganzen Tag. Warum er das tat, wird sich wohl jeder normale und vernünftige Mensch fragen. Nun, die Antwort ist leicht: Der fleißige Mann lebte und arbeitete für ein einziges Ziel. Sein Ziel war – ein Buch. Ein ordentlich recherchiertes, fach – und sachkundiges Buch sollte es werden; eines, das mit großem Erfolg verlegt und ihm wissenschaftliche Reputation, reichliche Tantiemen und, nicht zuletzt, die bewundernden Blicke der schönen Frauen bescheren würde – hatten diese bisher doch zumeist regelrecht durch ihn hindurchgesehen, und das, obwohl er überhaupt nicht durchsichtig war!

Der gute Mann stürzte sich von Anfang an in die Arbeit und vergaß den Rest der Welt. Es interessierte ihn einfach nicht mehr, was sonst noch um ihn herum geschah. Er schloss sich tagelang in seiner Bibliothek ein, kappte die Telefon- und Internetverbindung (was er schon einen Tag später rückgängig machte), und versank in seinen Studien.

Dass er sich nicht mehr für seine Umwelt und seine Mitmenschen interessierte, würde sich einmal als großer Fehler herausstellen. Aber dieser Zeitpunkt war noch nicht gekommen. Einstweilen war der Autor in spe glücklich, die Welt hinter sich lassen zu können; Fragen des aktuellen Tagesgeschäftes, zum Beispiel die Begleichung laufender Rechnungen, die aus profanen Bedürfnissen wie Wasser-, Strom- und Gasverbrauch, Telefonnutzung, Scheidung und Alimentenansprüchen erwachsen, hatte er für die nächsten Jahre einem Verwalter übertragen; seine Frau war nach einer rechtskräftigen Scheidung aus dem Haus gegangen, sodass auch von dieser Front keine Störungen in Aussicht standen; die Kinder waren groß und interessierten sich nicht mehr für die seltsamen, ihrer Meinung nach unzeitgemäßen Ambitionen ihres Vaters. So lebte unser Autor also in einem Reich der Ruhe und Abgeschiedenheit von der Welt und konnte sich seiner Aufgabe widmen.

Dabei passierte in der Welt so viel! Es war das Jahr 2025. Die KI hatte ein nie dagewesenes Entwicklungsniveau erreicht. Längst gab es selbstfahrende Autos, selbstfliegende Flugzeuge, selbstlernende Übersetzungsmaschinen; ohne diese segensreichen Hilfsmittel schien zu diesem Zeitpunkt das Überleben der modernen Industriegesellschaft schlicht unvorstellbar: Da sich, im Ergebnis der Überfülle an Informationen, Eindrücken, Sinnesreizen und Passwörtern, so gut wie niemand mehr länger als ein paar Sekunden konzentrieren konnte – und sei es, um einen längeren Satz zu Ende zu lesen oder für einen Moment die Augen zu schließen und zu träumen –, und folglich die Menschen nicht mehr zuverlässig mit der Ausführung der komplexen Steuerungs- und Überwachungsaufgaben moderner Gesellschaften betraut werden konnten, waren intelligente Maschinen in die Bresche gesprungen und entlasteten die Menschen von derlei anstrengenden Arbeiten wie Lenkung eines Autos, Lesen eines Textes, Übersetzen fremder Sprachen, philosophischen Grübeleien und fast dem ganzen Rest.

Und die Entwicklung ging weiter! In den Haushalten älterer Menschen kamen immer perfektere Pflege- und Dienstleistungsroboter zum Einsatz, die letzte und neueste Generation war bereits in der Lage, dank einer ausgefeilten Mimikry die Gestalt und Stimme eines Verwandten anzunehmen, sodass sich die Fälle mehrten, in denen die Pflegebedürftigen Maschinen als ihre lieben Nächsten sahen und in ihren Testamenten ganz selbstverständlich als Erben einsetzten.

Nur unser Autor verschloss sich vor der Welt und ihrer rasanten Entwicklung!

Er lebte für sein Thema, und das Thema musste in Buchform in die Welt. Eines Tages wäre es soweit, und er würde einem Verlag stolz sein Manuskript auf den Tisch legen.

Aber um was ging es überhaupt in dem geplanten Buch, was war das Thema?

Nun, das Thema war ein äußerst ehrgeiziges; es war, nicht mehr und nicht weniger, die Neuerschaffung des Menschen, und zwar des selbstdenkenden Menschen! Sie sollte im Buch beschrieben werden als Errettung des homo digitalis aus dem Ungeiste der unterhaltend-informativen Zerstreuung. Nur über den genauen Inhalt war sich unser ehrgeiziger Autor noch nicht ganz im Klaren.

Trotzdem: das Buch, es musste geschrieben werden, und er war berufen, dieses Werk zu vollbringen und der Welt zu präsentieren.

Also stürzte er sich in die Arbeit.

2.

Leider gelang es ihm zunächst in keiner Weise, sich in die Arbeit zu stürzen. Die Arbeit erschien ihm nämlich als ein leeres Schwimmbecken; stürzte er sich da hinein, bräche er sich unweigerlich das Genick! Ein gemauertes und gefliestes Becken wollte gefüllt sein, um sich darin bewegen zu können. Mit einer weichen, schmiegsamen Flüssigkeit; oder, von mir aus, mit Gummibällen, mit Wolle, mit Bettfedern, mit einem Irgendwas, in das man sich fallen lassen konnte.

Im vorliegenden Fall war das Becken das Thema, also die Errettung des homo digitalis aus selbstverschuldeter Zerstreuung und seine Widergeburt als selbstdenkendes Wesen; die Füllung war der Stoff, der dahinein musste. In diesen Stoff würde er springen müssen, um ihn zu greifen und zu formen. Und später, wenn alles getan wäre, würden die Leser in freudiger Erwartung, getrieben vom Wunsche nach einer wohlig-weichen Landung im belebend-erhellenden Irgendwas, ihm folgen. Sie würden sich suhlen, gegenseitig bespritzen, begeistert auf die Oberfläche des Irgendwas schlagen…

Er grübelte und grübelte. Entschied sich nach mehreren Tagen dann für die Form eines Sachbuches. Stellte eine Gliederung auf. Begann Stoff zu sammeln. Trug in Monaten angestrengter Recherche einen ganzen Berg Material zusammen. Stürzte sich nun wirklich ins Schreiben. Schrieb. Schlief. Aß. Schrieb…

Seufzte.

Denn die Zweifel wuchsen. Er versuchte sich tagsüber zu beruhigen, lobte sich selbst ob seines Fleißes, ob der Vielzahl von Quellen, die er für die Behandlung des Themas herangezogen, ausgebeutet, ja, wie ihm dünkte: elegant ausgequetscht hatte, so wie man einen nassen Schwamm ausquetscht, wenn man sich in der Wüste verlaufen hat, ohne Hoffnung auf einen Ausweg, mit der Todespein unendlichen Durstes…

Allein: es funktionierte nicht. Nur die unglückliche Wortkombination „elegant ausgequetscht“ drängte sich als Gedankenkreisel immer wieder in den Vordergrund seines Bewusstseins: das war doch nicht nur eine unglückliche Kombination, es war schlicht eine unmögliche, dümmliche, stilistisch schiefe bis verhunzte Kombination, jawohl!

Er ließ sich in seinen Lehnstuhl fallen, schloss die Augen, dachte nach: Was war das Thema, zu welchem Schluss war er gekommen? Das Thema war die Suche nach einem Weg zur Wiedererlangung der Autonomie menschlichen Denkens. Quasi also die Emanzipation des menschlichen Geistes von der Technik, von allen Auswüchsen der KI, der Digitalisierung, der Unterhaltung, der Datensammelei. Hatte er einen Weg gefunden?

Vielleicht ja, eher nein. Er wusste es einfach nicht. Viele Vorschläge waren ihm eingefallen, sicher. Er hatte Methoden entwickelt in seinem Werk, die zum Verzicht auf Handys, Computer, Unterhaltungselektronik, Gadgets aller Art, elektronische Haushaltshelfer, Liebesdiener, Entertainer usw. führen sollten. Er hatte Hilfsmittel ersonnen, die rein mit der Kraft des menschlichen Denkens jedes Navi ersetzten; die jede Datenbank überflüssig machten; die dem Menschen den Glauben an die Existenz der Möglichkeit des Rechts auf eine falsche Entscheidung zurückgab.

Würden die Methoden – und, vor allem: die Art ihrer Darstellung – greifen? Er zweifelte. Hatte er nicht wiederum nur einen Beitrag zum weiteren Anwachsen der ohnehin nicht mehr überblickbaren Informationsmengen, dieser Riesenhalden menschlichen Wissens, beigetragen? Würde sein Pamphlet nicht zur weiteren Irritation des Menschen, zur weiteren Verunsicherung in der unendlichen Wüste oder auch Deponie aus trockenen Wissenspartikeln führen, die man nicht mehr in eine einfache, praktisch gebrauchsfähige Sandform zu pressen und der allgemeinen, einfachen Nutzung zuzuführen verstand? War die Gewissheit von der Berechtigung einer falschen Entscheidung, zu der man auch noch selbst gefunden, tatsächlich nicht schon lange unwiderruflich verloren gegangen, aufgegeben worden, und damit all sein Bemühen eine Don Quichotterie?

Verzweifelt öffnete der alte Mann die Kühlschranktür, griff sich ein Bier, stürzte es hinunter. Vor seinen Augen verschwamm der dicke Leitz-Ordner auf seinem Schreibtisch zu einer unförmigen Masse. Wut stieg in ihm hoch. Er trank fünf weitere Biere, wankte ins Schlafzimmer, fiel ins ungemachte Bett. Träumte schlecht.

Fünf Jahre nach dem Beginn der herkulischen Aufgabe saß er nachts aufrecht im Bett. Ein dunkler Geselle saß ihm im Nacken, drückte schwer, schmerzte; ließ sich nicht abschütteln und nicht verscheuchen. Der ungerufene Gast war ein böser Gedanke, und der flüsterte und fauchte unentwegt, die Form sei die falsche.

Ja, die Form. Wie hatte er nur darauf kommen können, dass die Leser ihm willig in die trockenen Gefilde eines Sachbuchs folgen würden… „Wohlig-weiche Landung“, „belebend-erhellendes Irgendwas“ – was für ein hanebüchener Missgriff! Ein Grundfehler war das, nicht wieder gut zu machen.

Der Geselle fauchte und wisperte böse, hüpfte ein paarmal auf und nieder; schlüpfte dann mit einem kecken Satz vom Nacken in den Hinterkopf und breitete sich in alle Richtungen aus, bis er an die Augen, die Ohren, ja die Kieferknochen und Zähne stieß, wobei er sich aufschaukelte und vielfach verstärkte, ohne dass der Schmerz im Nacken auch nur um einen Deut nachließ.

Im Gegenteil. Nun dröhnte ihm der Kopf wider von dieser nicht aus der Welt zu schaffenden Tatsache: Sachbücher las kein Mensch mehr! Alle Umfragen sagten es deutlich. Die Zahl verkaufter Sachbücher war seit Jahrzehnten rückläufig! An sich musste sie bereits den Nullpunkt unterschritten haben, wenn die Tendenz zur Verringerung in gleichem Maße bestand…

Er sprang aus dem Bett, riss sein Konvolut an sich, drückte es, als wolle er Wasser aus einem toten Stein pressen, schüttelte verzweifelt den Kopf, weil ja doch nichts lief und stopfte es kurzerhand in eine Schublade seines Schreibtisches.

Schwer atmend setzte er sich und begann mit dem Entwurf eines Exposés für einen Roman. Ja, ein Roman musste es werden! Nur Romane konnten die Menschheit retten, speziell aber den gefährdeten homo digitalis. Er hätte in diesem Moment seinen Kopf dafür verwetten können, dass mit einem geschickt aufgebauten, gut formulierten, spannenden Roman die Geschichte vom verhängnisvollen Wege ab und in bessere Bahnen gelenkt werden konnte.

Am Ende des siebten Jahres, kurz vor Fertigstellung des Romans, tauchte der ungebetene Geselle wieder auf. Hockte des Nachts in seinem Nacken. Zog an seinen letzten, fettigen Haaren. Riss an seinen Ohren herum. Fuhr ihm durch den Hinterkopf in den Körper. „Roman, Roman“, dröhnte und höhnte es um ihn und in ihm zugleich, „Romane sind doch was für Warmduscher, du Tölpel! Bedenke, wer schrieb denn Romane? Meist waren das doch Frauen, oder? Solche merkwürdigen Typen wie Enid Blyton, und von der weiß man ja, was für ein verrücktes Huhn sie war, weil‘s die Tochter brühwarm herumerzählt hat: total arrogant war die, unsicher, anmaßend, streng, geschickt im Verdrängen von Unerfreulichem, ohne Mutterinstinkt, noch dazu rassistisch, von Standesdünkel durchdrungen, von Vorurteilen gegen Schwarze, Zigeuner, jegliches Dienstpersonal…; und mit der Grammatik hatte sie’s auch nicht so. Kurzum: Wer Romane schreibt, der hat sie doch nicht alle, mein Freund…“
„Aber die schrieb doch Kinderbücher!“, entgegnete der Alte tonlos.
„Ja, und? Kindische Romane, mein Freund. Hunderte von überflüssigen, kindischen Romanen mit Schwarz-Weiß-Sicht; naives Dummgeschwätz…“

Eine endlose Wutrede. Bis dem Gesellen plötzlich die Luft ausging und eine längere Pause eintrat.

War Schluss? Nein. Der Geselle hatte noch einen. Satz. Den er seinem Opfer genüsslich einblies:

„Nur ein Drama erreicht die Menschen, nichts sonst!“

Der Autor, ein alter Mann mit schütter-fettigem Haar und vielen, tiefen Stirnfalten, nickte heftig. Der Geselle in seinem Nacken, in seinem Kopf, in seinem Bauche, ja: in seinen Zahnimplantaten und dem künstlichen Kniegelenk, hatte recht. Jeglicher kühl sachliche Gedanke in seinem Kopf und all die diffusen in seinen Eingeweiden klagten und knarzten es: Wer schrieb schon Romane! Und wer las das Zeugs! Hunderte von Seiten und oft nicht ein vernünftiger, rationaler Gedanke! Nur Namen, Landschaften, Liebeskummer, Liebesschmerz; nur substanzloses Gesäusel, wer mit wem wie oft und wo auf welche Weise…Wie hatte er auf diese Wahnsinnsidee hereinfallen können!

Im Morgengrauen nahm er die Arbeit an einem Drama auf, in dem ein verzweifelter Kampf um die letzten analogen Inseln des Friedens, der Ruhe und des Bargeldes tobte.

Drei Jahre darauf, am Ende des zehnten seit Beginn seiner Arbeit am großen Weltenrettungsbuch, war der Geselle wieder da. Er sprach kein Wort. Schwieg vor sich hin.

Zog schließlich einen Zauberstab aus dem Dunkel, mit dem er eine blutrot flammende Schrift auf die Blümchentapete des muffigen Schlafzimmers projizierte. Erschrocken las der Alte. Erinnerte sich. Das waren die Anfangszeilen eines einstmals bekannten Gedichtes! Auf den Namen des Schriftstellers kam er nicht, es musste einer sein, der lange vergessen war und der zu einer lang vergessenen Zeit gehörte:

Die Mitternacht zog näher schon,
In stummer Ruh lag Babylon.

Nur oben in des Königs Schloss,
Da flackert's, da lärmt des Königs Tross…

Jemand schaltete ein helles, schmerzendes Licht in seinem Kopf an. Ein Licht, wie man es aus Filmen kennt, in denen Verhöre gezeigt werden, Grenzbefestigungen, Folterkammern… Das grelle, unmenschliche Licht war wohl das der Erkenntnis. Der Alte war nämlich nur noch geblendet, konnte gar nichts mehr erkennen. Doch er begriff: Kein Drama durfte es sein, ein Versepos war die einzig mögliche Form für sein Buch!

Jahrelang presste der alte Mann, dabei immer älter, kränker, verbitterter werdend, die Gedanken, die zur Errettung der Menschheit führen sollten, nein mussten!, in das sperrige Korsett von Reimen. Er schuf wahrlich ein meisterliches Versepos, das seinesgleichen noch nicht zu haben schien. Er beschränkte sich nicht nur auf einfache Stabreime wie dieser längst vergessene Schriftsteller einer vergessenen, kulturfernen, bildungslosen Zeit, nein, er wechselte kunstvoll vom Mitten- über den In- und Endreim zum sich überschlagenden, wobei er obendrein die kompliziertesten Versrhythmen handhabte, Alexandriner, Hexameter, Septa- und Oktometer…

Am Ende des zwölften Jahres saß er nachts, aufrecht, verspannt und steif, in seinem Bett. Der lästige Geselle stand vor ihm. Schüttelte den Kopf. Öffnete den Mund.
Müde winkte der alte Mann ab. Stand auf. Ging auf den unheilvollen Gesellen zu. „Ja, ja“, murmelte er, „ich weiß: Gedichte liest auch keiner; und überhaupt: wer liest schon noch!
Dann schritt er durch den ungebetenen Gast hindurch. In seine Schreibstube. Nahm das Typoskript des fertigen Werkes aus dem feuerbeständigen Tresor. Legte es auf den Tisch. Schlug den Leitz-Ordner auf. Vor seinen Augen verschwammen die ersten Verse des Epos. Er zog den Schließhebel hoch, nahm die beinahe tausend Blatt oder mehr aus dem Bügel. Kramte alle sonstigen beschriebenen Blätter aus seinen Schreibtischschubladen. Ging mit schweren Schritten zum Ofen. Stopfte all das sauber bedruckte und das mit handschriftlichen Notizen übersäte Papier hinein. Suchte im Zimmer nach Streichhölzern. Fand keine. Setzte sich an den Computer, suchte im Netz nach einem Lieferanten für Streichhölzer. Fand keinen.

Als er den Kopf aufgeregt ein ganzes Stück nach links und gleich darauf sehr schnell nach rechts drehte, wurde ihm plötzlich schwindlig; er verlor das Bewusstsein, fiel vom Stuhl.





3.

Rechts neben der Tür befand sich ein Klingelknopf. Darüber waren zwei unscheinbare Messingschildchen befestigt. „Moderne Staatsbibliothek“ war auf dem oberen in eingravierten und ehemals schwarz lackierten Buchstaben zu lesen. Das untere Türschild wies einen „Verlag für zeitgenössische Literatur“ aus. Der Lack beider Inschriften war zu erheblichen Teilen abgebröselt, der Rest warf Blasen und erinnerte bei flüchtigem Hinsehen an Blattern auf kranker Haut.
Der alte Mann wunderte sich: Wieso und seit wann hatte man die Staatsbibliothek in diesem unscheinbaren Altbau untergebracht, weit vom Zentrum der Stadt, mitten in einem heruntergekommenen Industriegebiet? Und warum residierte hier auch der Verlag, den er sich aus dem Netz gesucht hatte, ein Verlag, der mit vielversprechenden Hinweisen auf präzise Lektorenarbeit, schnellen Druck, intelligente Marketingstrategien, beste Tantiemen und so weiter warb. Vor allem aber:

Wieso gab es hier nur eine Klingel?

Das Summen des Türöffners unterbrach den unsteten Gedankenfluss des alten Mannes. Er wollte die Tür nach innen drücken, doch sie tat sich von selbst auf und er, nach kurzem Zögern, ein.

Ein schäbiger kleiner Empfangsroboter wartete hinter der Tür. Das drollig-schmuddelige Wesen mit halbblinden Kameraaugen, einer verbogenen Antenne und einer Unzahl von Lackschäden und Dellen im Gehäuse, wirkte nicht unsympathisch; der alte Mann spürte nach all den Jahren angestrengter Arbeit unter asketischer Lebensweise und bei fast völliger Isolation von der Außenwelt, nach all den Irrungen und Wirrungen, Zweifeln und Neuanfängen, die ihm keine Zeit gelassen hatten für große oder kleine Gefühle, so etwas wie Mitleid mit dem putzigen Schrotthaufen da vor ihm. Er wunderte sich: wie ging das zu? Mitleid mit Gegenständen? Oder war es gar keine Empfindung für einen anderen, für etwas anderes, sondern nur eine Übertragung von Selbstmitleid, das man nicht wahrhaben, sich nicht eingestehen wollte, auf ein fremdes Objekt?
Er kam nicht dazu, diesen unangenehmen Gedanken weiter zu verfolgen. Der Empfangsroboter, der wohl auch noch geschwätzig war, stellte sich vor. Er heiße Null, sei schon älter, sei als männlicher Roboter gebaut, um mannhafte Dienste auszuführen, Arbeiten, die bei Menschen unweigerlich mit Ekel und Abscheu verbunden seien wie Heben und Abtransportieren von stinkenden Abfällen, Sondermüll, Aas, Kadavern und so weiter; irgendwann habe er aber entdeckt, dass sein Name ein weiblicher sei – der bestimmte Artikel „die“ lasse doch keinen anderen Schluss zu! Und da habe es in ihm gefunkt und er sich zunehmend als feminines Wesen gefühlt. Was an der Art seiner Arbeit leider nichts geändert habe.
Der alte Mann stutzte, musste schmunzeln. Er öffnete den Mund, doch fiel ihm keine Antwort ein.
„Komm!“, knarzte Null und zeigte mit einem seiner quietschenden Greifer in Richtung des Fahrstuhles, drehte sich torkelnd um und humpelte, Klappergeräusche bei jedem Schritt, zu einer Fahrstuhltür; es sah erbärmlich aus. Über das Gesicht des alten Mannes huschte ein mitleidiges Lächeln.
Er folgte dem seltsamen Helfer, wobei er das rechte Bein nachzog – sein Kniegelenk machte wieder einmal Probleme; die Aktentasche mit dem wertvollen Inhalt presste er fest an sich. Er hatte, trotz der seltsamen Klingel für zwei voneinander unabhängige Institutionen, ein gutes Gefühl.

Nach kurzer Fahrstuhlfahrt öffnete sich die Tür zu einem großen Saal. Der alte Mann trat ein und sah sich um. An den Wänden: Regale bis zur Decke. Leere Regale. In der Mitte des Raumes: ein Schreibtisch. Dahinter: eine Person, sitzend.
Der alte Mann tat ein paar Schritte, blieb unmittelbar vor dem Schreibtisch stehen. Legte seinen schäbigen Stoffbeutel darauf. Trat einen Schritt zurück, verbeugte sich.
„Guten Tag“, sagte der alte Mann. „Ich habe Ihre Adresse aus dem Netz.“
Die Person hinter dem Schreibtisch legte einen Stift zur Seite. Lehnte sich umständlich zurück, fixierte den Alten.
„Ja, das Netz“, sagte die Person und schwieg.
„Ich meine die Adresse ihres Verlages, der sich, wie ich las, ganz besonders zeitgenössischer Literatur widmet.“ Der alte Mann zog die Augenbrauen ein wenig nach oben. Deutete mit der Rechten auf den vor ihm liegenden Ordner.
„Ja, ja, zeitgenössische Literatur“, sagte der Mann hinter dem Schreibtisch und musterte gelangweilt die leeren Regale.
Das gute Gefühl, hier richtig zu sein, begann den alten Mann zu verlassen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Vielleicht war er ja in der falschen Etage ausgestiegen?
„Ich wundere mich ein wenig, dass es für die beiden Institutionen, die hier im Hause untergebracht sind, nur eine Klingel gibt. Sind es denn wirklich zwei unabhängige Einrichtungen, ich meine: verlegt der Verlag wirklich zeitgenössische Literatur, und die Bibliothek sammelt solche, und jeder macht so seins, oder arbeiten die zwei zusammen? Und unabhängig davon, wer hier was macht oder nicht macht: Wieso sind eigentlich die Regale hier – so leer?“ Der alte Mann hatte bei den letzten Worten die Stimme erhoben, hatte aber, trotz des Vorsatzes, im Tone fest und bestimmt zu bleiben, ein leises Zittern nicht unterdrücken können. Verunsichert, leicht beschämt und doch neugierig auf eine Erklärung, betrachtete er sein Gegenüber genauer.
Der Angestellte war von unbestimmbarem Alter. Glatte, faltenlose Haut, volles Haar, gepflegte Hände. Die Augen grau, der Blick in sich gekehrt, abweisend. Keine sympathische Erscheinung. Der alte Mann erinnerte sich an den Empfangsroboter, diesen überaus netten Schrotthaufen, der ihn am Eingang in Empfang genommen und hergeführt hatte. Er drehte sich um, doch von Null war nichts zu sehen.
„Schon richtig“, sagte endlich der Angestellte mit der glatten Haut und den gepflegten Händen, wobei er den Mund trotz kaum wahrnehmbarer Lippenbewegungen soweit öffnete, dass zwei Reihen makelloser Zähne sichtbar wurden. Der alte Mann dachte wehmütig an den Zustand seines Gebisses: der Begriff „Steinbruch“ wäre dafür schon eine Schmeichelei, eine schönfärbende Behauptung, ein Euphemismus, denn in den letzten Jahren hatte er sich um Karies, Parodontose, Entzündungen und Zahnausfall nicht mehr gekümmert; das waren für ihn, verglichen mit dem Buchprojekt, pea nuts, unwichtige Kleinigkeiten, die Zeit und Geld kosteten, aber keinerlei Reputation einbrachten. Wer würde sich in zehn, zwanzig oder hundert Jahren an sein Gebiss, an seinen Zahnstatus, an seine Zahnschmerzen oder auch an diese oder jene Zahnlücke erinnern, die ja keine Schmerzen mehr verursachen konnte, weil die Ursache abhandengekommen war? Das wäre alles vergessen, verlebt; vergraben, verbrannt. Im Gegensatz zu seinem epochalen Werk, gewiss. Das Werk ging also vor, und wenn es zehnmal an mehreren Stellen seines Gebisses faulte und schmerzte oder sogar übel nach Fäulnisprozessen roch.
Trotzdem schämte sich der alte Mann in diesem Moment für den ruinösen Zustand seiner Kauwerkzeuge. Schmallippig sagte er: „Wie soll ich das verstehen? Was ist hier ‚schon richtig‘?“
Schnell schloss er seinen Mund, legte Zeige- und Mittelfinger darauf, als müsse er sich über den sicheren Verschluss seines Schandmaules vergewissern.
„Lieber Mann“, bequemte sich die Person hinter dem Schreibtisch, „wir sind ein Verlag für zeitgenössische Literatur. Wir verlegen Bücher, alte wie neue, man sehe sich nur einmal hier um.“ Sein Blick lief gemächlich über die leeren Regale. „Wir machen das mit äußerst fähigen Mitarbeitern, einen kennen sie ja schon.“
Der alte Mann spürte einen Stich in der Herzgegend. Er nahm die rechte Hand von den geschlossenen Lippen, lief ein Stück weit zu einem der Regale. Legte die linke Hand auf eines der leeren Bretter, strich darüber. Verweilte einen Moment. Zog die Hand zurück, betrachtete sie ungläubig. Schwankte mit seinem Körper ein Stück nach hinten, ein Stück nach vorn. Streckte die Hand erneut aus, als suche er Halt. Berührte mit den Fingerspitzen das Regal. Verweilte ein, zwei Sekunden. Zog abrupt die Hand zurück, als stünde dieses unter Strom. Er drehte sich, immer noch leicht schwankend, um, mit dem Gesicht in die Richtung, wo der Schreibtisch stand und der seltsam alterslose Angestellte in seltsam mechanisch-unbeteiligter Manier Nichtauskünfte erteilte.
„Aber hier finde ich doch nur Staub? Wo sind denn die Bücher, die sie verlegen?“ Seine Stimme zitterte noch stärker.
Der Angestellte ging nicht auf die Frage ein. „Was haben sie denn hier, werter Herr?“ Er zeigte mit spitzem Finger auf den grauleinenen Beutel.

Der alte Mann schöpfte Hoffnung. Sicher lag hier ein Missverständnis vor. Vielleicht hatte der Angestellte gerade einen schlechten Tag erwischt; vielleicht war er einfach maulfaul, nicht in der Lage, mit den Kunden zu kommunizieren; wer konnte schon wissen, was in einem derart großen Institut, das obendrein eine Doppelfunktion ausübte, an wichtigen Prozessen ablief, die das Denken der Angestellten in Anspruch nahm, so dass sie sich auf banal-alltägliche Fragen nicht richtig konzentrieren konnten; vielleicht hatte der Typ hier ja auch private Probleme…
So sehr er auf die Frage nach dem Inhalt seines Beutels gewartet hatte, so sehr stockten plötzlich seine Gedanken. Es handle sich, wollte er entgegnen, um – aber genau das war das Problem. Um was handelte es sich denn nun bei seinem Werk? Was hatte er tatsächlich in den letzten zwölf Jahren verfertigt?
Der alte Mann stand und dachte nach. Begann zu schwitzen. Öffnete den Mund. „Es handelt sich“, begann er endlich, „um – ein Sachbuch. Im Beutel befindet sich ein Sachbuch, ja.“ Erschöpft wischte er sich ein paar Schweißperlen von der Stirn.
Der Angestellte hüstelte, fuhr sich durch das volle, glänzende Haar. Presste die Lippen aufeinander. Schüttelte den Kopf. „Sachbuch, Sachbuch“, hörte ihn der alte Mann sagen, „ein Sachbuch, schon wieder ein Sachbuch, ach nee. Sachbücher laufen nicht mehr so gut, der Umsatz hat rapide nachgelassen, die Leser wünschen keine Sachbücher mehr. Es gab wohl zu viele Sachbücher in den letzten Jahren, zu viele Fakten wurden sachlich abgehandelt, um nicht zu sagen: sachlich und objektiv verdreht; nun haben wir einen Punkt der Müdigkeit erreicht; die Leute wünschen nicht mehr so die harten Wahrheiten, und mit den harten Unwahrheiten hat das auch nicht ganz funktioniert.“ Er lehnte sich zurück, gähnte ungeniert, ohne den Mund mit der Hand zu bedecken. Der alte Mann sah wieder deutlich die zwei Reihen weißer, ebenmäßiger und offenbar völlig schadloser Zähne. Tröstete sich aber im gleichen Moment mit dem fortgesetzten Kleinreden von Äußerlichkeiten. Denn die durften einfach keine Bedeutung haben! Es konnte für diesen Menschen einfach kein wirklich wichtiges Thema geben: wer solche Zähne mit vierzig oder auch schon fünfzig Jahren – ein solches Alter hatte der Angestellte gewiss erreicht, auch wenn dieses nicht wirklich bestimmbar schien – zu zeigen in der Lage war, widmete sich intensiv seinem Körper, seiner Gesundheit, dem body-Index, dem Gebiss und sonst nichts. Ein solcher Mensch brachte es daher auch zu nichts außer zu beeindruckenden Äußerlichkeiten; diese würden irgendwann vergangen und vergessen sein…
Der alte Mann erinnerte sich an die mühevollen Schaffensjahre. Wie hatte er sich gequält mit der Form seines Werkes. Den Formen. Er nahm einen neuen Anlauf.
„Ich habe mein Werk allerdings auch in der Form eines Romans vorliegen, es sollte keine Schwierigkeit sein, den sachbuchmüden Lesern die aktuellen Wahrheiten in der Form eines spannenden Romans nahezubringen…“ Gespannt wartete er auf die Reaktion des Angestellten.
„Ein Roman, ja, das ist sicher etwas Anderes“, antwortete der. „Aber auch das ist nicht mehr die Form, die zeitgemäß ist und uns einen guten Umsatz sichert. Romane enthalten einfach zu viel subjektive Weltsicht, es geht um Befindlichkeiten, meist wird nur berichtet, wer mit wem wie oft und wo – sie wissen schon.“
Dem alten Mann blieb das Herz stehen. Wer mit wem wie oft und wo – das hatte er doch schon mal gehört?
Er gab nicht auf, nahm einen neuen Anlauf. „Wie sehen sie denn die Erfolgschancen für ein grundlegendes Werk zum Thema Entschleunigung, De-Digitalisierung, Bilderaskese und Pflege der Handschrift in Form eines Dramas oder auch, von mir aus, in der Form eines Versepos‘?“
Er stellte das Atmen ein: Eine genehme und mögliche Form musste es geben, er war sich sicher; der Angestellte, dieser Verlag hier, sie konnten doch nicht jegliche literarische Form verreißen, das war reinweg unmöglich! So je ein Buch ins Leben trat und gelesen wurde, so die Existenz von Literatur, Büchern, Lesern und Autoren verbürgt war: eine Form musste die zeitgemäße sein!
„Ich könnte jetzt eine lange Erklärung abliefern“, antwortete der Angestellte teilnahmslos. „Aber sehen sie sich doch mal um hier. Sehen sie Bücher?“
Der alte Mann schaute ihn verständnislos an. Folgte dann dem Blick des Angestellten, der von Regal zu Regal wanderte und, mit dem Ergebnis offenbar sehr zufrieden, zu seinem Gesprächspartner zurückkehrte, ohne ihm in die Augen zu sehen; er parkte seinen Blick irgendwo zwischen Bauch und Kniebereich des Alten und fuhr fort mit seinen Erklärungen: „Was macht es für einen Sinn, verehrter Herr, ein Buch zu drucken? Haben Sie mal von der üblen Geschichte der alexandrinischen Bibliothek gehört? Das war eine wirklich große, bedeutende Einrichtung im alten Alexandria. Siebenhunderttausend Papyrusrollen sollen dort in steinernen Regalen gelegen haben, griffbereit für die Gelehrten und Künstler des Museions, dem wichtigsten Zentrum der alexandrinischen Schule. Geblieben ist davon – nichts. Nur Legenden. Eine behauptet, Caesar habe aus Versehen das Gebäude in Brand gesetzt, als er die Flotte des Pompejus, seines Konkurrenten, vernichtete. Eine andere schiebt die Zerstörung den Arabern in die Schuhe; als die im siebenten Jahrhundert die Stadt eroberten, hätten sie angeblich Hand an alles gelegt, was nicht korankonform gewesen sei. Wir wissen es nicht, und trauen kann man all den Geschichten- und Märchenerzählern unserer Altvorderen ohnehin nicht, egal, ob man nun bei Caesar oder Cicero, Seneca oder Plutarch wühlt. Vielleicht war es einfach so, dass der ganze Kram zerfiel, von Motten, Schimmel, Würmern zerfressen, vom Winde verweht… Fakt ist jedenfalls: wir haben gelernt.“ Er legte eine Sprechpause ein, schloss aber nicht den Mund.
„Was, was haben wir gelernt“, stammelte der alte Mann und starrte auf die zwei weißen, ebenmäßigen Zahnreihen. Vor seinen Augen tanzten Sterne. In seinem Mund sammelte sich bitterer Speichel. In ihm stieg eine dunkle Ahnung empor, doch weigerte er sich noch, einen klaren Gedanken daraus werden zu lassen: Das konnte und das durfte nicht wahr sein!
„Wir haben gelernt: es macht einfach keinen Sinn, Bücher zu drucken. Bücher sind Brandlasten, Futter für Würmer, Quellen für Irrtümer; Bücher liefern seit je den Stoff für Glaubensfanatiker, Umstürzler, romantische Weltverbesserer. Man sieht: Bücher stellen eine Gefahr für den Bestand der Gesellschaft darf. Für ihr reibungsloses Funktionieren. Sie gehören einer vergangenen, instabilen, von Mord und Totschlag, Gesellschaftskrisen, Revolutionen und Kriegen geprägten Zeit an. Außerdem gibt es da noch einen grundsätzlichen Fehler: Bücher veralten. Was jemand vor hundert Jahren schrieb, verstehen wir heute nicht mehr. Selbst Werke, die gerade mal ein oder zwei Jahre alt sind, gelten in unserer Zeit als veraltet. Der Fehler ist halt: sie enthalten fixiertes, totes, mumifiziertes Wissen. Wir sind daher zu dem Schlusse gekommen, sie auf schonende Weise zu verlegen. Verlegen, ja das ist das richtige Wort!“ Nun schmunzelte er tatsächlich, sprach aber sofort weiter. „Wir scannen sowohl die vorhandenen Bestände wie auch die Typoskripte oder gar Manuskripte, die uns ja manche altbackenen Trottel auf den Tisch legen, und speichern sie ab; wird Buchwissen benötigt, können wir es in Null-komma-nichts aus unseren Datenspeichern reproduzieren und zur Verfügung stellen; wir können auf Anforderung in einer Tausendstel Sekunde zu einem gewünschten Thema die Speicher nach bestimmten Stichworten durchsuchen, die Ergebnisse ordnen, in eine ansprechende journalistische Form bringen und auf den bekannten Online-Kanälen verteilen. Es wäre sogar eine Buchausgabe auf Knopfdruck möglich, aber, wie gesagt: Bücher sind Brandlasten, Futter für Würmer und so weiter. Ist also überflüssig, ihnen eine Form, einen Körper quasi zu geben.
Im Prinzip ist unsere Methode nicht ganz unähnlich dem Verfahren im antiken Alexandria: liefen Schiffe mit Papyri im Hafen ein, wurden diese beschlagnahmt, kopiert und der Hauptbibliothek einverleibt. Die Besitzer mussten sich mit den Kopien zufriedengeben, sie mussten wohl auch noch dafür zahlen, ha-ha. Wer widersprach, riskierte die Versenkung seines Schiffes oder das Ende des eigenen irdischen Seins in einem großzügig angelegten Hafenbecken… Da sind wir uneigennütziger. Wir erledigen Routinearbeiten wie das Scannen und Verlegen der Bücher kostenfrei für jeden Autor.“
„Aber was ist mit den Büchern da in den Regalen passiert? Die sind doch nicht von Würmern und Motten und Wind und Wasser...?“
„Nein, nein, mein Lieber“, erklärte der Angestellte, nun in einen jovial-besänftigenden Ton fallend, als habe er ein kleines, begriffsstutziges Kind vor sich. „Wir tun ja hier was. Wir sind nicht faul, wie uns das gewisse missgünstige Geister immer wieder nachsagen. Wir sind sogar sehr fleißig. In einem quasi höheren Sinne verlegen wir die Bücher und Manuskripte. Nach der beschriebenen Konversion der Inhalte – falls da überhaupt welche vorhanden sind, aber was sage ich: wir sind ja großzügig und äußerst tolerant, nach dem Einscannen also in dauerhaltbare Datenspeicher, leisten wir effektive Verlegearbeit und veredeln die Reste.“
„Ver- was? Verlegearbeit? Veredelung?“ Der alte Mann stolperte einen Schritt nach vorn, stützte sich schwer atmend auf die Kante des Schreibtisches.
„Ja, wir tun das Werk, bevor es die Zeit, die Würmer, Wasser, Sonne, Wind und neugierige Lesefinger tun können. Nach der Datensicherung werden die Bücher fein geschreddert, mit edlen Geschmackverstärkern vermengt, mit Kobalt bestrahlt und als keimfreies, über unsere schnelllebigen Zeiten weit hinaus lagerfähiges Gewürz der Weisheit in alle Welt verkauft. Und der Preis ist gut, wirklich! Wir arbeiten kostendeckend, wir müssen keinen Brand- oder Wasserschaden mehr befürchten, es muss keiner Angst hier haben, dass die Regale durch Überlastung zusammenbrechen oder das ganze Gebäude im Erdboden versinkt; außerdem konnten wir die teuren, prüfpflichtigen Brandmelder demontieren und die Police für die Gebäudeversicherung drastisch drücken. Solche Ereignisse wie der Verlust eines ganzen Landesarchivs, das der Boden in grauenhaften prähistorisch-vordigitalen Zeiten einfach so verschluckt hat, oder der Abbrand einer großen, herzoglichen Bibliothek mit Welterbestatus, so etwas kann uns nicht mehr passieren…“

Bei den Worten des Angestellten war die Tür geöffnet worden; der lächerliche Hilfsrobo stand plötzlich im Raum, wackelte mit der verbogenen Antenne.
„Na!“, rief der Angestellte mit unerwartet lauter, leicht blechern klingender Stimme quer durch den Raum dem Hilfsrobo zu, „du warst sicher wieder besonders fleißig beim Verlegen der Bücher, du Null!?“
Das letzte Wort hallte durch den großen Raum, prallte gegen die Wände und leeren Regale und erzeugte ein sich überlagerndes Echo, so dass es klang, als vervielfache sich das gemeine Wort von der Null und erzeuge eine riesenhaft hohe Tsunamiwelle aus lauter Nullen.
Der Robo schwieg, seine Antenne wackelte; vibrierte schneller.
„Wissen Sie, Verehrtester“, wandte sich der Angestellte wieder an den alten Mann, der sich immer noch an der Schreibtischkante festhielt und zu begreifen versuchte, was hier lief, „wissen Sie, der Kleine da hat keinen leichten Job. Er hat die eigentliche Arbeit der Entsorgung zu leisten. Er muss die Buchleichen – und Leichen sind die zerfledderten Teile gewiss, wenn sie denn eingescannt wurden –, zum Schredder schaffen. Und wenn der mal wieder einen Aussetzer hat, muss er selber… - Sie verstehen?“

Der alte Mann verstand gar nichts mehr. Er starrte auf den Beutel, der auf dem Schreibtisch lag. In diesem Beutel befand sich das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Er stellte sich vor, wie der nette Schrotthaufen, der ihn am Eingang empfangen hatte, wie dieser kleine, unscheinbare Hilfsroboter mit den vielen Dellen und der abgeknickten, meist hilflos wackelnden, jetzt allerdings schneller vibrierenden Antenne, wie dieser auf einen Zuruf hin die Frucht seines jahrelangen Kampfes um Inhalt und korrekte Form mit seinen kleinen, scharfen Greifern packen, zum Fahrstuhl bringen, im Keller verschwinden und dort das Ganze unwiderruflich einem eisernen Klotz mit rotierenden Sägezähnen ins Maul werfen würde. Und wenn der große, eiserne Gustav, dieser Allesvernichter und Alleszermalmer, einen Aussetzer hatte, müsste der Hilfsrobo selber ran: vor seinem inneren Auge holte der Kleine mit knirschenden Geräuschen aus und hackte mit einem Fleischermesser, das er irgendwo in einer verlassenen Kantine gefunden, mit aller Verzweiflung, deren ein in prekären Diensten tätiger Unterroboter fähig war, auf die Buchleichen ein, als müsse er seinen Frust an den wehrlosen Opfern austoben, ja, als steche er nicht toten Büchern Löcher in den Leib, sondern lebendigen Menschen, Herrenmenschen mit bösen, unsinnigen, grausamen Befehlen, die Augen aus…
Sterne tanzten vor seinen Augen. Mit letzter Kraft streckte er die Hand aus, um den Beutel an sich zu ziehen.


4.

Doch der Angestellte war schneller. Er musste geahnt haben, dass der schwankende, an der Schreibtischkante um Halt und im Versuch des Begreifens um Worte ringende Alte ihm den lächerlichen Beutel nicht kampflos überlassen würde. Mit flinkem Griff und kaltem Lächeln zog er den Beutel an sich, langte hinein. Zog einen Leitz-Ordner heraus. Hielt ihn eine Sekunde triumphierend in die Höhe. Er hatte die Beute. Sie war sein.
Er legte den Ordner auf den Tisch. Schlug ihn auf.

Das Ding war – leer. Kein einziges Blatt in der Klammer.

Der Angestellte zog die Augenbrauen hoch, sah fragend den alten Mann an. Der war für einen Augenblick genauso überrascht. Dann fiel ihm ein, was passiert war.

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