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Leselupe.de > Humor und Satire
Der Carmen-Effekt
Eingestellt am 06. 10. 2009 11:04


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Bernie Wanker
Hobbydichter
Registriert: Oct 2009

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Der Carmen-Effekt

Es war einmal eine junge Frau, die hie├č Sabine und war wunderh├╝bsch. Sie hatte langes gelocktes Haar, eine niedliche Stupsnase und eine atemberaubende Figur, sodass jeder Mann sich nach ihr umschaute, wenn sie an ihm vor├╝berging.

Trotzdem war Sabine nicht zufrieden. Sie f├╝hlte sich zu dick. Immer wenn sie sich im Spiegel besah griff sie sich an die H├╝ften und an den Bauch und klagte ├╝ber ihre imagin├Ąren R├Âllchen und angeblichen P├Âlsterchen. Wenn sie mit ihren Freundinnen ausging und ein Cafe oder eine Eisdiele besuchte, bestellte sie immer nur ein Mineralwasser und ein St├╝ck Kn├Ąckebrot. Nat├╝rlich musste das ihren Freundinnen den Spa├č verderben, die vor ihrem St├╝ckchen Bienenstich sa├čen oder sich auf ihre Portion Spaghetti-Eis freuten und l├Ąngst nicht Sabines tolle Figur aufzuweisen hatten.
Sabine sagte dann nur mit einem s├╝ffisanten L├Ącheln: \"Guten Appetit. Lasst es euch schmecken. Da werd ich ja schon vom Zuschauen dick.\"
Glaubt mir, Kinder, f├╝r Sabines Freundinnen war dann der Tag gelaufen.
Auch Sabines Freund Bernd hatte es nicht leicht. Immer wieder fragte sie ihn: \"Liebst du mich noch?\"
Und Bernd antwortete immer wieder: \"Ja, Sabine. Ich liebe dich.\"
\"Aber von selber sagst du das nie. Ich muss dich immer erst fragen\", schmollte Sabine.
\"Ja, aber du fragst mich auch so oft, dass ich gar nicht dazu komme, von selber zu sagen, dass ich dich liebe. Ich bin so verr├╝ckt nach dir, dass ich dich fressen k├Ânnte\", versicherte Bernd.
Doch das war die falsche Antwort. \"Du denkst ans Essen, wenn du mich siehst? Also h├Ąltst du mich auch f├╝r zu dick, du Schwein!\"
Damit wars dann vorbei mit dem sch├Ânen romantischen Abend mit seiner Freundin.

Eines nachts lag Sabine wach in ihrem Bett und konnte nicht einschlafen. Sie war traurig, dass sie nicht so schlank war wie die Top-Models in den Magazinen und weinte bitterlich. Erst nach Stunden war sie endlich ersch├Âpft und fiel in einen unruhigen Schlaf.
Im Traum erschien ihr eine Fee. Die Fee hie├č Carmen. Was Sabine nicht wusste: Carmen war keine gute Fee, sie war auch keine b├Âse Fee. Nein, Carmen war - nun ja - sagen wir mal: launisch.
Und sehr schnell beleidigt. So wie Frauen nun mal sind. Ansonsten hatte Carmen ein kugelrundes mit Sommersprossen bedecktes Gesicht und einen ebenso kugelrunden Bauch. Ihr ganzer Stolz waren ihr goldener Zauberstab und das goldene Kr├Ânchen auf ihrer knallroten Igelfrisur, die sie als echte Fee auswiesen.
Carmen lachte gerne viel und anhaltend und war immer guter Laune - solange man sie nicht auf ihren runden Bauch und den runden Kopf ansprach.
\"Wer bist du?\", fragte Sabine im Traum, als sie Carmen sah.
\"Ich bin deine Traum-Fee und bin gekommen, um dir einen Wunsch zu erf├╝llen. Ist das nicht toll?\" Carmen lachte herzlich ├╝ber alle ihre Backen, so dass es h├╝pfte und wackelte wie in einer G├Âtterspeise.
\"Noch toller w├Ąre es, wenn ich an den H├╝ften schlanker w├Ąre\", maulte Sabine.
\"Schlanker? Aber was redest du da, mein Kind? An deiner Figur ist doch nichts auszusetzen\", wollte Carmen Sabine aufmuntern und lachte wieder herzerfrischend.
\"Da kannst du ja wohl nicht mitreden\", brummelte Sabine mit einem schiefen Seitenblick auf die Fee.

O, Ohhh! Gro├čer Fehler.

\"Ach. Kann ich nicht?\" Carmen steckte die pummligen F├Ąustchen in ihre ├╝ppigen H├╝ften. Ihre Stimme h├Ątte Papier schneiden k├Ânnen.
\"Und warum kann ich das nicht - mein Kind?\"
\"Nun ...\" Sabine z├Âgerte. \"Der eine ist eben schlank, und der andere ...\"
\"Und der andere ...?\" Carmens Gesichtsfarbe glich sich ihren Haaren an. Noch ein wenig mehr, und Dampf w├╝rde unter ihrem Kr├Ânchen emporwirbeln.
\"Nun. Der Andere hats mit den Dr├╝sen und kann nicht d├╝nner werden.\" Sabine lie├č ihr bezauberndstes \"Doktor-Best-Zahnpflege-L├Ącheln\" aufblitzen.
\"So, so - die Dr├╝sen also.\" Die Fee w├╝rgte ihre Worte fast hervor.
\"Aber lassen wir das. Kommen wir zum Gesch├Ąftlichen.\" Carmen schien von einem Augenblick zum n├Ąchsten ihre Fassung zur├╝ckgewonnen zu haben.
\"Was hast du f├╝r einen Wunsch, mein Kind?\" Mit hochgezogenen Augenbrauen und einer leichten Arroganz stand sie da, zupfte beil├Ąufig mit einer Hand ihren Pony und wippte mit der anderen ihren Zauberstab hin und her, so dass feiner Feenstaub aufwirbelte.
\"Ich w├╝nsche mir, dass ich vom Essen d├╝nn werde.\" Sabines Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.
Die Fee verzog keine Miene, als sie Sabines Worte vernahm. Oder huschte da vielleicht der Hauch eines sp├Âttischen Grinsens ├╝ber Carmens Mundwinkel?
\"Dein Wunsch sei dir gew├Ąhrt.\" Professionell schwang sie ihren Feenstab drei mal kreisf├Ârmig ├╝ber ihrer Krone und warf dann mit elegantem Schwung den Arm nach vorne, sodass der aus der Spitze hervorspr├╝hende glitzernde Staub auf Sabines Kopf hernieder rieselte.
Sabines Mund stand vor Staunen weit offen. Sie wollte nach dem Feenstaub greifen, doch wenn sie ihn versuchte zu ber├╝hren, verschwand er mit einem fl├╝chtigen Glimmen.
\"So, das wars\", meinte Carmen.
\"Die Nacht ist noch lang und ich habe noch einen anderen Auftrag zu erledigen. Machs gut.\" Die Fee drehte sich noch ein letztes Mal zu Sabine um.
\"├ťbrigens. Noch einen allseits guten Hunger w├╝nsch ich dir.\" Dann machte es \"Plopp!\" und Carmen war verschwunden.
\"Na also! Wurde Zeit, dass die Dicke endlich verschwindet.\" Sabine g├Ąhnte herzhaft. Damit drehte sie sich um und schlief sofort ein.

Am n├Ąchsten Tag war Sabine bester Laune. Sie dachte immer wieder an die Fee, wusste aber nicht so recht, ob sie alles wirklich so erlebt hatte, oder ob es doch nur ein Traum gewesen war.
Am Abend hatte sie Bernd zum Essen eingeladen. Sie gingen zum besten Italiener in der Stadt und Sabine bestellte f├╝r sich ein regelrechtes Festmenu.
Nach einem ├╝ppigen Antipasti-Teller f├╝r Zwei w├Ąhlte sie die Scaloppini provencal und eine Portion Spaghetti arabiata. Als Beilage gab es einen Sommersalat mit Thunfisch und Oliven. Zum Nachtisch bestellte sie zwei St├╝ckchen Tiramisu.
Bernd staunte nicht schlecht. Bislang hatte seine Freundin bei solchen Gelegenheiten allenfalls ein St├╝ckchen Pute mit Rucola-Salat ohne ├ľl bestellt. Sch├Ân, dass es ihr so schmeckte, dachte Bernd und schaute mit einem s├Ąuerlichen Blick heimlich ins Portemonnaie, ob das Geld f├╝r die Rechnung reichen w├╝rde.

Als sich Sabine am n├Ąchsten Morgen auf die Waage stellte h├╝pfte ihr Herz fast vor Aufregung. Sie hatte sage und schreibe 500 Gramm abgenommen. Na, wenn das kein Grund zur Freude war.
Ein paar Tage sp├Ąter wurde sie von ihrer besten Freundin Pia wieder einmal zum Eis essen eingeladen. Pia tat das gerne, zumal ihre Gro├čz├╝gigkeit bislang immer eine preisg├╝nstige Angelegenheit war, da Sabine nur an einem W├Ąsserchen nippte. Doch diesmal kam es anders. Sabine w├Ąhlte den gr├Â├čten und teuersten Eisbecher auf der Karte, den Copacabana-Cup mit Schoko, Sahne und Eierlik├Âr. Daraufhin orderte Pia nur zwei B├Ąllchen Vanille, um den Schaden f├╝rs Budget m├Âglichst klein zu halten.
Sp├Ąter kontrollierte Sabine ihre Schlemmer-Aktion auf der Waage. Perfekt! 300 Gramm weniger.
In den n├Ąchsten Tagen und Wochen a├č Sabine nach Herzenslust alles, worauf sie Appetit hatte. Egal, was sie verschlang, ob Schnitzel, Sahnetorte oder Burger - sie nahm nicht zu. Im Gegenteil, sie verlor weiter Gewicht. So konnte es weitergehen. Doch - der Leser ahnt es schon - es ging nicht so weiter.
Eines Tages wurde Sabine krank. Sie hatte sich den Magen an einem St├╝ck schlecht gewordener Leberwurst verdorben und konnte eine Woche lang nichts essen, so ├╝bel war ihr. Alles was sie oben in sich reinschob kam noch schneller am anderen Ende wieder heraus. Ihre Mutter und ihr Freund Bernd machten sich anfangs Sorgen, da sie kaum was a├č.
\"Kindchen, du musst was essen. Sonst magerst du noch ab und kommst gar nicht mehr zu Kr├Ąften.\"
Doch die Sorge war unbegr├╝ndet. Sabine nahm nicht weiter ab. Im Gegenteil, sie nahm zu. Je weniger sie a├č, umso mehr Pfunde sammelten sich an. Nach einer Woche hatte sie zehn Kilo zugenommen. In der Woche darauf ging es Sabine deutlich besser. Die Durchf├Ąlle verschwanden, doch sie behielt ihre Abneigung f├╝rs Essen. Wie fr├╝her a├č sie nur noch wie ein Sp├Ątzchen. Sabine w├Ąhlte wieder nur einen Salat und Mineralwasser, allerdings nahm sie nun davon immer weiter zu. Nach drei Monaten wog sie schon 80 Kilo, nach einem halben Jahr ├╝berschritt sie die 100 Kilo-Grenze. Sie besuchte Dutzende von ├ärzten und Ern├Ąhrungsberatern. Die Spezialisten vermuteten eine seltene Hormonst├Ârung - die Dr├╝sen also - doch niemand konnte ihr helfen.
In Wahrheit wusste Sabine auch, dass ihr keine schulmedizinische Behandlung helfen konnte. Denn ein Heilmittel gegen den Carmen-Effekt gab es nicht.
Immer wenn sie versuchte, sich mit Gewalt Nahrung in den Rachen zu stopfen, musste sie sich gleich wieder ├╝bergeben. Das bedeutete: sie nahm weiter zu.
Eines Tages sa├č sie mit ihren inzwischen 130 Kilogramm im Cafe Zimmermann vor einem Teller mit einem gro├čen St├╝ck Schwarzw├Ąlder-Kirsch-Torte. Wie gerne h├Ątte sie die Kalorienbombe verschlungen. Doch sie konnte nicht. Es fehlte der Appetit.
Am Nebentisch sa├č eine Mutter mit ihrer neunj├Ąhrigen Tochter und die beiden beobachteten fasziniert die fette Frau.
\"Siehst du, meine Kleine\", fl├╝sterte die Mutter.
\"Das kommt davon, wenn man den Hals nie voll bekommt.\" Das M├Ądchen nickte erschrocken und schob ihre Nu├čecke entsetzt beiseite.

Ja, meine Lieben. Was lernen wir daraus? Vermutlich gar nichts. Und wenn Sabine nicht gestorben ist, dann isst sie vielleicht noch heute nichts.
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