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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Computer hat immer recht
Eingestellt am 10. 09. 2003 17:32


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casagrande
???
Registriert: Mar 2002

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Der Computer hat immer recht

Im Zuge der Wasserversorgung von Taif wurde ein Hochbeh├Ąlter mit f├╝nfzigtausend Kubikmetern Inhalt gebaut. Taif ist in den fr├╝hen F├╝nfzigerjahren bekannt geworden durch die Friedenskonferenzen, die dort im Zuge der Irakkrise abgehalten wurden. Der Ort diente der Erholung beg├╝terter Saudis, die der Gluthitze der Ebene in 1600 Metern ├╝ber dem Meer entgehen wollten.
Um die Luxushotels und Privatpal├Ąste mit Wasser zu bedienen wird dieses von der Meerentsalzungsanlage in der N├Ąhe von Makkah hochgepumpt und im erw├Ąhnten Reservoir vorgehalten.
Beim Bau dieses Beh├Ąlters passierte die folgende Geschichte, die nicht typisch f├╝r die Saudis, sondern vielmehr bezeichnend f├╝r die Einstellung der meisten Leute zu Computerausdrucken ist.
Nach dem Abschluss der Bauarbeiten am Beh├Ąlter erstellte die einheimische Baufirma die Endrechnung. Daf├╝r war notwendig, ein genaues Aufma├č der Massen vorzulegen. Ein pakistanischer Ingenieur hatte in einer dreizehnmonatigen Arbeit detailliert mit Hilfe aller nur denkbaren geometrischen Figuren diese Betonkubatur berechnet. Die Zahlenwerte f├╝llten zwei Aktenordner, insgesamt ├╝ber vierhundert Seiten.
Der von der saudischen Wasserbeh├Ârde eingesetzte deutsche Ingenieurkonsulent sollte im Zuge seines Gesamtauftrages diese Berechnung pr├╝fen und zur Zahlung freigeben. Als die Zahlen beim zust├Ąndigen Ingenieur des Konsulenten, Roland Fichtner, auf den Tisch kamen, delegierte er dies an den Sachbearbeiter weiter, der ihm erkl├Ąrte, dass eine Pr├╝fung mindestens vier bis sechs Monate dauern w├╝rde. Es war klar, dass diese Arbeit weder vom Konsulenten kalkuliert oder in seinem Angebot vorgesehen war noch, dass dieser zus├Ątzliche Aufwand von den Saudis honoriert werden w├╝rde. Sinnlos auch, dem saudischen Auftraggeber zu erkl├Ąren, dass die vorgelegte Berechnung in der Gr├Â├čenordnung glaubw├╝rdig w├Ąre, die wollten eine exakte ├ťberpr├╝fung.
Eine interne R├╝cksprache mit den Computerexperten in der Ingenieurfirma ergab die ern├╝chternde Auskunft, dass alleine die Erhebung und Eingabe der Daten eine Person zumindest vier Monate besch├Ąftigen w├╝rde, dazu k├Ąme noch die Erstellung eines entsprechenden Programms. Und dies alles nur, um dann ein Ergebnis zu erhalten, das bereits feststand. Vielleicht einige Prozente abweichend, jedenfalls nicht gravierend unterschiedlich.
Fichtner beriet sich mit einem Freund, der mathematisch versiert genug war, ihm aus dem Dilemma zu helfen. Ein umfangreicher Computerausdruck von mindestens f├╝nfhundert Seiten sollten das Ergebnis sein. Vorgaben waren, dass auf einer Anzahl von Seiten bestimmte Zahlen als Summe aufschienen, die mit den Abrechnungszahlen des Bauunternehmers korrespondierten. Sie einigten sich auf die Gau├č┬┤sche Zahlenmenge, willk├╝rliche Zahlen, die vom Computer in einem definierten Rahmen generiert werden. Innerhalb von zwei Tagen lag der Papierhaufen auf Fichtners Tisch. Mit Anschreiben und fiktiven Erkl├Ąrungen ging der Packen nach einer Anstandsfrist von drei Wochen, was eine ernsthafte Besch├Ąftigung mit der Materie vort├Ąuschte, an die Wasserbaubeh├Ârde und war damit f├╝r Fichtner erledigt.
Die ├ťberraschung kam zwei Jahre sp├Ąter, als vier junge saudische Ingenieure zum Training nach Deutschland bei dem Ingenieurkonsulenten zu Gast waren und Fichtner deren Schulung ├╝bernahm. Sie wussten Weiteres um die Computerberechnung des Beh├Ąlters.
In der zust├Ąndigen Abteilung der saudischen Wasserbaubeh├Ârde hatte man die Verantwortung f├╝r die Zahlung an die Baufirma nicht so ohne weiteres ├╝bernehmen wollen, au├čerdem war eine traditionelle Skepsis gegen├╝ber Nichtarabern normal. Darum ├╝bergaben sie den Packen Papier dem ├Ągyptischen Professor f├╝r angewande Mathematik an der Hochschule in Riyadh, mit der Aufforderung, die Berechnung umgehend und kurzfristig zu pr├╝fen.
Der Herr Professor hatte offensichtlich dieselben ├ťberlegungen angestellt, wie es Fichtner getan hatte und wollte ebenso wenig Arbeit oder Zeit in die Angelegenheit investieren. Au├čerdem sah er wohl sehr klar, dass er sich mit einer detaillierten Pr├╝fung nur ├ärger einhandeln konnte. Er best├Ątigte kurzerhand die Richtigkeit der Berechnung und unterstrich seine Glaubw├╝rdigkeit, indem er um die Genehmigung ersuchte, die Dokumentation der Berechnung seinen Studenten als eine Demonstration, was mithilfe des Computers in der Praxis technisch machbar w├Ąre. Die Genehmigung wurde erteilt, die Beh├Ârde beruhigt.
Die angereisten fr├╝heren Studenten waren nun an der Methode interessiert und Fichtner hatte ein Problem, ohne Gesichtverlust die Wahrheit zu verschleiern. Aber das gelingt zum Beispiel den Energieversorgern ebenfalls, die damit rechnen, dass jedermann, beim Anblick der sinnlosen Zahlen auf der vom Computer erstellten Rechnung, resigniert aufgibt.



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Parsifal
Guest
Registriert: Not Yet

Computerrechnungen

Hallo casagrande,

nicht nur die Energieversorger; auch die Bundesregierung str├Ąubt sich hartn├Ąckig gegen die Vereinfachung der Steuer-Gesetzgebung. Wir haben das komplizierteste Steuerrecht - das soll uns erst mal jemand nachmachen!

Parsifal

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

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hallo casagrande,

gut geschrieben.
neben den teilweise komplizierten satzstrukturen, die aber vielleicht auch als stilmittel (formmetapher f├╝r die "komplizierten" ├╝berpr├╝fungsmethoden) gedacht sind, und deshalb gut mit dem inhalt korrelieren, habe ich nur einen kritikpunkt:
die pointe ist zugegebenerma├čen auch nicht schlecht, aber wie der herr fichtner nun ohne gesichtsverlust aus dem dilemma herauskam - das w├╝rde mich nun wirklich interresieren und w├Ąre in meinen augen die echte pointe.

trotz alledem: es hat spa├č gemacht, den text zu lesen.

gr├╝├če

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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casagrande
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 19
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Hallo Rainer
Nun, so spektakul├Ąr war es nicht, wie Fichtner ohne Gesichtsverlust aus der Sache herauskam. Er erkl├Ąrte den ÔÇ×TraineesÔÇť, welche Daten einzugeben w├Ąren, um im Iterationsverfahren dann die Einzelergebnisse zu erhalten und dann w├Ąre es nur noch ein kleines Integralprogramm, das zum Endergebnis f├╝hre. Damit verloren die saudischen Ingenieure das Interesse. Diese umfangreichen Eingabe war mit Arbeit verbunden und daf├╝r waren sie nicht nach Europa gereist.
Zu simpel?
Herzlich Casagrande

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