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Leselupe.de > Humor und Satire
Der Dauerauftrag
Eingestellt am 05. 11. 2006 14:59


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Raniero
Textablader
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Der Dauerauftrag

Werner Bröcker stand vor einem besonderen Problem.
Er hatte seiner erwachsenen Tochter, die in kurzer Zeit aus der elterlichen Wohnung ausziehen und in eine Studentenwohnung in eine andere Stadt in UniversitĂ€tsnĂ€he wechseln wĂŒrde, in gutem Einvernehmen, versteht sich, versprochen, einen Dauerauftrag bei seiner Bank mit dem Zeck einzurichten, ihr einen bestimmten Geldbetrag als monatliche UnterstĂŒtzung zukommen zu lassen.
Seit einigen Tagen nun trug er schon das entsprechende Formular fĂŒr diese ‚Transaktion‘, wie er die Unternehmung nannte, bei sich, doch er konnte sich nicht dazu entschließen, diese zum Abschluss zu bringen.
Nicht, dass sie knapp bei Kasse oder von besonderem Geiz besessen waren, die Eltern von Simona, so hieß das Töchterchen, nein, dieses unterschwellige Vorsichherschieben des entscheidenden Schrittes hatte andere GrĂŒnde, und diese saßen tief, viel tiefer in Werners Innerstem, als er vermutet hĂ€tte.
Auf der einen Seite wusste er genau, dass seine Tochter selbst nur ĂŒber wenig Geld verfĂŒgte, als Studentin, und sie daher auf diese monatlichen Zahlungen, welche sie mit den Eltern vereinbart hatte, angewiesen war, und tĂ€glich wurde er mehr und mehr von Gewissensbissen gequĂ€lt, wegen seiner Unterlassung, doch was sollte er machen, er konnte einfach nicht aus seiner Haut.
Ein jedes Mal, wenn er den Vordruck der Bank zur Hand nahm und sich einen Stoß geben wollte, einen letzten Ruck, dann wurde er von einer tiefen BestĂŒrzung erfasst, die ihn stets auf’s Neue regelrecht handlungsunfĂ€hig machte und zur Tatenlosigkeit verdammte, so dass er nahezu trĂ€nenden Auges das Formular unausgefĂŒllt wieder in die Brieftasche steckte.
Wie gern hĂ€tte Werner das StĂŒck Papier in den Papierkorb geworfen und statt- dessen seiner Tochter kĂŒnftig das Geld in bar hinterbracht, zu ihrem neuen Wohnort, so wie er es ihr frĂŒher in die kleinen HĂ€nde legte, als Taschengeld, welches die Eltern ihrer Tochter im Grundschulalter das erste Mal zugestanden hatten.
Mit Wehmut erinnerte er sich an diese Zeiten, an die Folgejahre dieser ersten BargeldflĂŒsse zwischen ihm und seiner Tochter, diese monatlichen Taschengeldpauschalen, die schulleistungsunabhĂ€ngig jedes Jahr angehoben wurden, wie kleine Gehaltserhöhungen im ‚richtigen, im erwachsenen‘ Leben.
Allerdings entschied er ĂŒber die Zahlungen nicht allein und nach GutdĂŒnken, sondern war in diesem Fall reines Exekutivorgan, welches das ausfĂŒhrte, was im Vorfeld die Legislative, der er zwar auch angehörte, in der er aber wie in jeder guten Ehe nicht die ausschlaggebende MajoritĂ€t besaß, beschlossen hatte.

Obwohl Werner mit seiner Frau seit langer Zeit eine relativ harmonischen Ehe fĂŒhrte, konnte und wollte er ihr mit diesem Problem nicht kommen, mit allem anderen ja, aber hiermit nicht; sie hĂ€tte ihn nur ausgelacht.
Er sah sich schon in Gedanken vor ihr stehen, mit klopfendem Herzen und von allem Mut verlassen; sie wĂŒrde ihn nur an ihr weites Herz drĂŒcken und sagen:
„Komm mal her, du Dummerchen“ und selbst das Heft in die Hand nehmen.
Doch so tröstlich auch eine solche Perspektive fĂŒr ihn hĂ€tte sein können, und Trost konnte er nun wahrlich brauchen, in seiner misslichen Lage, genau das war es gerade, was er auf keinen Fall anstrebte, denn das hĂ€tte einen hohen Verlust an HandlungsfĂ€higkeit bedeutet und seine Funktion in der Exekutive enorm geschwĂ€cht.

HĂ€nderingend suchte Werner einen Ausweg.
Das Problem, was ihm so zusetzte, konnte er auch keinem anderen anvertrauen und wĂŒrde es auch niemals tun, nicht einmal seinem eigenen Beichtvater, wenn er denn einen gehabt hĂ€tte. Selbst gegenĂŒber seinem zweiten Ich, mit dem er bisweilen leise SelbstgesprĂ€che fĂŒhrte, trieb es ihm die Schamröte ins Gesicht, wenn einmal die Sprache darauf kam.
„Das kannst du nicht machen“, herrschte es ihn dann an, „geh, such einen anderen Ausweg!“

Werner schlief auch sehr schlecht, fast gar nicht, in diesen NĂ€chten.
Kaum hatte er ein wenig Schlaf gefunden, wurde er schon wieder geweckt, brutal und unnachgiebig, von seinem Gewissen:
„Dein armes Kind, es lebt nicht mehr lange, wenn du nicht endlich den verdammten Dauerauftrag einrichtest. Willst du es soweit kommen lassen? Mach hin und gib dir einen Ruck!“
„Ich kann nicht, Herrgottnochmal, ich kann nicht!“
Schweißgebadet wachte er auf und brauchte Stunden um Stunden, um wieder ein wenig Ruhe zu finden.
Doch wie sagt ein altes italienisches Sprichwort:
‚La notte porta un buon consiglio’.
Die Nacht ist ein guter Ratgeber.
In der Tat, nach einer Reihe von schlaflosen NĂ€chten, erschien sie ihm im Traum, die ersehnte Lösung und wurde ihm von seinem zweiten Ich zugeflĂŒstert:
„Fahre morgen frĂŒh zu deiner Bank, nimm den direkten Weg, keine Umwege.
In der Bank dann, tu es nicht selbst, lass sie es tun.“

Der letzte Satz hÀmmerte am Morgen in seinen SchlÀfen:
„Lass sie es tun!“
Nach dem FrĂŒhstĂŒck fuhr Werner nicht wie ĂŒblich, zu seiner Arbeitsstelle, sondern zuerst zu seiner Hausbank.
Dort traf er, wie erhofft, die nette Sachbearbeiterin an, mit der er fast ein jedes Mal zu tun hatte, in seinen Geldangelegenheiten; wĂŒrde sie ihm helfen, wĂŒrde sie es tun, wie es ihm sein zweites Ich so eindringlich ans Herz gelegt hatte.
Werner Bröcker reichte der freundlichen Dame das unausgefĂŒllte Formular ĂŒber die Theke.
„Entschuldigung, ich habe in der Eile meine Lesebrille daheim gelassen. WĂ€ren Sie so freundlich, es fĂŒr mich auszufĂŒllen?“
„Aber natĂŒrlich“.
Mit zitternder Stimme nannte Werner ihr die erforderlichen Daten fĂŒr den Dauerauftrag, einschließlich des Vornamens seiner Tochter; anschließend unterschrieb er mit ebensolcher Hand das Formular.
Als er die Durchschrift in HÀnden hielt, stiegen ihm TrÀnen in die Augen.
‚Einmal monatlich zu ĂŒberweisen an Frau Simona Bröcker’.

Er selbst hĂ€tte es nicht ĂŒbers Herz bringen können, seine eigene Tochter Frau zu nennen, und das auch noch schriftlich, hatte er sie doch schon von Geburt an auf HĂ€nden getragen.
FĂŒr ihn war sie nicht Frau, nicht einmal FrĂ€ulein fĂŒr ihn war und wird sie immer ‚sein Baby‘ bleiben.

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flammarion
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eine

sehr liebenswerte kleine schmunzelgeschichte. aber mach bitte in der vorletzten zeile hinter frÀulein ein komma.
lg
__________________
Old Icke

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petrasmiles
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Eine sehr anrĂŒhrende Geschichte, und so spannend geschrieben! Ich habe gar nicht bewusst die Entscheidung getroffen, Deine Geschichte zu Ende zu lesen, dass hat Deine Geschichte selbst bewirkt.

Liebe GrĂŒĂŸe
Petra
__________________
Nein, meine Punkte kriegt Ihr nicht ... ! Gegen Bevormundung durch Punktabzug fĂŒr Gutwerter!

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Raniero
Textablader
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Hallo flammarion,
hallo Petra,

ja, VÀter und Töchter, eine unendliche Geschichte.
Freut mich, dass Euch diese kleine Story gefallen hat.

Gruß Raniero

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