Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92245
Momentan online:
305 Gäste und 14 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Der Deutsche Fernsehpreis - "hirnlose Scheiße"?
Eingestellt am 26. 10. 2008 10:44


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

Werke: 72
Kommentare: 59
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Wolfgang Bessel eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Der Deutsche Fernsehpreis - "hirnlose Scheiße"?

„Lob ablehnen heißt: zweimal gelobt sein wollen.“ (La Rochefoucauld)

Als Marcel Reich-Ranicki am 12. 10. 2008 die fragliche Fernsehpreis-Ehrung ablehnte, könnte er auf eine mächtige Welle der Übereinstimmung und des Lobes spekuliert haben. Wenn es so gewesen ist, dann ist ihm das Theater überzeugend gelungen. Herzlichen Glückwunsch!

Hat dieser 88-jährige erfolgreiche, kluge Mann so eine Showeinlage nötig, um in geistlosen Veranstaltungen den populistischen Selbstdarsteller zu spielen? Ich glaube ihm die aufrichtige Empörung über dieses unwürdige Rahmenprogramm. Nach dem Auftritt von Richterin Salesch, zwei Köchen mit dummen Sprüchen, Atze Schröder in Paradeuniform u. a. Peinlichkeiten, hatte er die Nase gestrichen voll und explodierte.

Reich-Ranicki gehört wahrhaftig nicht in die Reihe dieser überflüssigen und bedauerlichen Spektakel. Er hätte das Programm allerdings kennen müssen. Dass es jedoch so schrecklich mies war, hatte er vielleicht nicht erwartet.

Reich-Ranicki ist Zyniker. Zynismus gedeiht bekanntlich auf den Trümmern enttäuschter Hoffnungen (er glaubt u. a. nicht, dass die von ihm losgetretene Diskussion eine Änderung bewirkt). Seine Haltung mag Selbstschutz bedeuten, weil ihn die Frustration über die Niveaulosigkeit solcher Blödelsendungen tief verletzt.

Ich bewundere Reich-Ranicki und Elke Heidenreich für ihre offenen Worte und die gezielten Rüffel in Richtung öffentlich-rechtliche und private Sender, dem TV-Konsumverhalten und der sinnlos verschwendeten Lebenszeit vor der Glotze mit überwiegend anspruchslosen Programmen. Ihre Kritiken waren überfällig.

Elke Heidenreich schämt sich, bei solch einem Sender (ZDF) überhaupt noch zu arbeiten und trägt gern die Konsequenzen: „Von mir aus schmeißt mich jetzt raus, ich bin des Kampfes eh müde.“ Sie bezeichnet den Fernsehpreis gar als „hirnlose Scheiße“.
Das sind mutige Worte nicht irgendeiner „Frau Else Stratmann“, nein, Elke Heidenreich ist eine der einflussreichsten deutschen intellektuellen Frauen und eine große Autorin mit sagenhaft viel Engagement.
Sie entschuldigte sich bei Reich-Ranicki für den unwürdigen Rahmen der Preisverleihung: „In jeder Hinsicht, einen so alten Mann lässt man nicht derart lange warten, und man mutet einem so intelligenten Mann nicht einen solchen stundenlangen Schwachsinn in hässlicher Kulisse zu (...)“.
Sie spricht mir aus dem Herzen. Auf solche "Ehrungen" sollten die Sender künftig verzichten.

Elke Heidenreich setzte in diesem Zusammenhang noch einen drauf:
„Wie jämmerlich die dargebotenen Produkte und Arbeiten in der Mehrzahl waren, wie jämmerlich unser Fernsehen ist, wie arm, wie verblödet, wie kulturlos, wie lächerlich“, schrieb sie auf der Internetseite der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.
Ich ziehe vor ihr den Hut.

Den Intendanten und Programmdirektoren fehlt einfach das Gespür für Qualität, nicht aber für die Quote.
Bekommen wir die vielen miesen Programme in Deutschland deswegen serviert, weil wir sie unbedingt sehen wollen? Haben wir eigentlich diese bedürfnislosen Sendungen verdient? Ist dieser gesendete Massenschund wirklich das Wunschprogramm eines großen Teils unserer Gesellschaft? Ja, offensichtlich!

Jeder Zuschauer kennt den Knopf zum Abschalten. Zappt er miese Programme weg, dann sinkt die Zuschauerquote und es verschwinden allmählich die Sendungen aus der untersten Schublade. Falsch! Leider wird das ein Wunschtraum sein.
Die Schmuddelprogramme werden nicht verschwinden! Viele, zu viele Zuschauer finden einfach nicht die „Off -Taste“ auf ihrem Piloten. Schade.

Der Eklat beim Deutschen Fernsehpreis, ob gezielt provoziert oder nicht, hat die Verantwortlichen der Sender wachgerüttelt und in der Öffentlichkeit eine breite Diskussion entfacht. Danke, Herr Reich-Ranicki!

Übrigens: Der Anstoß von Gottschalk, mit Reich-Ranicki über die Qualität der TV-Sendungen zu diskutieren, war ein toller Einfall. Der Schlagabtausch wird dem ZDF am 17. 10. um 22.30 Uhr eine ansehnliche Einschaltquote bescheren. Diesmal zu Recht.

__________________
Wolfgang M. A. Bessel
www.bessel-autor.info

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6206
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

10 Punkte für diesen Kommentar. Er ist persönlich, engagiert und straff & rund geschrieben, er umreißt verschiedene Facetten ohne sich den ohnehin nicht erfüllbaren Anspruch, umfassend zu sein, umzuhängen. Am gelungendsten finde ich, dass der Überschwang des Gefühls erstaunlich leicht verdaulich bei mir ankommt, obgleich hier und da der Fallstrick durchaus zu sehen ist.


Trotz der 10:

"Hat dieser 88-jährige erfolgreiche, kluge Mann so eine Showeinlage nötig, um in geistlosen Veranstaltungen den populistischen Selbstdarsteller zu spielen?"

Du meist sicher nicht, "hat er es nötig, dies zu tun, UM den Selbstdarsteller zu spielen" (Warum sollte er das spielen wollen – mit welchem Mittel auch immer) sondern „... , dies zu tun UND den …"
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen    


1 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Essays, Rezensionen, Kolumnen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!