Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5563
Themen:   95481
Momentan online:
474 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erotische Geschichten
Der Doppelgänger
Eingestellt am 13. 08. 2015 18:39


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Arno Abendschön
Häufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2010

Werke: 292
Kommentare: 1268
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Arno Abendschön eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Die Strecke war frei. Ein Minimum an Konzentration genügte, um vorwärts zu kommen. Er riskierte nichts und hatte den Kopf frei zum Denken. Aber während er auf der Autobahn mit dem Wagen einhundertvierzig Kilometer in der Stunde zurücklegte, geradewegs nach Süden, bewegten sich die Gedanken im Kriechgang und noch dazu im Kreis: Von Neustadt kam er nicht los.

Am Anfang war es ihm leicht gemacht worden. Ingrid und er, sie waren schnell aufeinander zugegangen. Er sah sie jetzt wieder vor sich, Ingrid im Eissalon, wie sie vom Nebentisch zu ihm herübersah. Er bestellte den teuersten Becher, einen mit exotischen Früchten; das Zubereiten dauerte eine Viertelstunde. Dann kam er mit dem Herauslösen des Fruchtfleisches nicht zurecht. Nur Schalen und Stacheln, riesige Gehäuse, aus denen er mühsam den Saft heraussog. Der Saft tropfte herab, von den Lippen herunter, und hinterließ klebrige Flecken auf Hemd und Hose. Ingrid lachte, aber ohne Spott; das gefiel ihm. Das sei ja kein Vergnügen, sagte sie, sondern Schwerarbeit, wie man das nur so servieren könne … Unterdessen hatte sie ihren Stuhl unauffällig aus dem Kreis ihrer Freunde heraus- und an seinen Tisch herangedreht. Diese kleinen Stühle und Tische, sie standen ja sehr nahe zusammen.

So einfach hatte alles begonnen, einfach und viel versprechend. Er gefiel ihr, sie reizte ihn, und er wusste, dass er mit ihr eine gute Figur abgab.

Dagegen jetzt: die GmbH und der Meisterkurs und Ingrids Schwangerschaft, ein Komplex, der verworren zusammenhängt. Er würde sich gern auf seinen Instinkt verlassen, doch der Instinkt sagt ihm nur, dass diese Dinge besser nicht derart eng miteinander verknüpft sein sollten. Gemeinsam ist allen dreien, dass sie noch nicht zustande gekommen sind und eines am anderen hängt. Aber auf welche Weise und seit wann?

Später eine Stunde Fahrt auf der Landstrasse und er kam in ein Tal, in dem er vorher nie gewesen war. Allerdings war er oft darüber hinweggefahren, auf einer hohen Autobahnbrücke, es musste weiter unten sein. Ein Seitental öffnete sich, er bog von der Bundesstrasse ab. Da lag eine Ortschaft, die sich Stadt nannte, aber kaum städtisch wirkte. Immerhin gab es große Parkplätze in der Nähe des Stadttores. Er stieg aus und ging zu Fuß weiter. Er hoffte, auf diese Weise mitten ins Städtchen zu gelangen. Stattdessen stand er plötzlich vor einem grauen Schloss, einem großen, verschnörkelten Kasten. Im Durchgang zum Innenhof befand sich die Kasse für die Schlossführungen. Es gab einigen Andrang, die nächste Führung war in acht Minuten. Er reihte sich ein und scherte dann doch aus, kurz bevor er an die Reihe kam. Im Grunde ist es mit diesen Schlössern immer dasselbe, dachte er, wenn man eines gesehen hat, kennt man sie alle.

Er ging lieber im Park spazieren. Dort jedoch waren ihm zu viele Leute. Zwar gab es bunte Rabatten anzuschauen, doch störte ihn das ständige Rauschen von der Umgehungsstrasse. Alles war streng geometrisch und zielte auf die Statue eines beleibten Herrn mit Perücke. Sie stand am Ende des Parks zwischen zwei identischen niedrigen Gebäuden, es waren halbe Ruinen. Nannte man so etwas nicht Orangerie? Er kehrte um und stand schon wieder vor dem Fürsten aus Stein, dessen Bauch sich mächtig vorwölbte, als wäre eben dieser Körperteil Mittelpunkt nicht nur des Parks, sondern gleich des ganzen Fürstentums. Sehr unvorteilhaft, fand Theo, wie hat er sich nur so darstellen lassen können, er sieht ja aus wie eine indische Tempelhure … Diesen Ausdruck hatte er in Fischbek seinem Wortschatz einverleibt. In Fischbek bei Hamburg hatte er vor Jahren dem Bund als Panzergrenadier gedient.

Er verließ den Garten und gelangte durch das Haupttor des Schlosses auf den Marktplatz. Hier feierten sie wie in alten Zeiten, singend und tanzend, bechernd und schmausend. Ein hölzernes Podium war errichtet worden. Abwechselnd traten Gesangvereine und Volkstanzgruppen auf. Holzbänke und -tische füllten den Platz zur Hälfte, und dicht gedrängt saß Jung und Alt beieinander. Sie versorgten sich mit Eß- und Trinkbarem an den Verkaufsbuden, die seitlich aufgeschlagen waren. Theo kaufte ein großes Stück Streuselkuchen und aß es im Weitergehen auf.

Eben unterbrach eine Tanzgruppe jugoslawischer Arbeiter den tranigen Reigen aus heimischen Männerchören, ostpreußischen Trachten und braven kleinen Engeln, die zum Steinerweichen Flöte spielten. Das war mit einem Mal eine ganz andere Musik! Es war lebhaft, wie er sich den Süden, ja sogar wild, wie er sich den Osten vorstellte. Hübsche, drahtige Mannsbilder umkreisten nicht weniger anziehende Serbinnen (oder Kroatinnen, das war noch die Frage), stampften um sie herum, ergriffen sie und wirbelten sie durch die Luft. Er wollte ihnen bis zum Schluss ihres Auftritts zusehen, aber er mochte sich als Einzelner nicht zu denen setzen, die paarweise oder in Gruppen gekommen waren, jetzt gemeinsam weiter aßen oder tranken und sich weiter unterhielten und nur gelegentlich zur Bühne sahen.

Am anderen Ende des Marktes stand eine verkrüppelt wirkende gotische Kirche, einzelne junge Leute auf den Steinstufen vor dem Portal. Da war auch Platz für ihn. Er ging langsam zur Kirchentreppe hinüber, ließ sich auf die oberste Stufe fallen und hatte nun das Schloss vis-à-vis, die Tänzer in gleicher Höhe und das Volk unter sich. Die Wände des Portals schützten ihn vor dem Wind, der am Nachmittag aufgekommen war, und die Sonne, die über dem Schloss stand, wärmte ihn. Die Jugoslawen traten bald ab, er verlor das Interesse an Musik und Tanz. Aber ihm war wohl an diesem Ort, er blieb sitzen, die Menge und einzelne Gestalten beobachtend und in sich selbst hineinhorchend. In bequemer Haltung, allmählich in sich zusammensinkend, begann er, seinen Empfindungen nachzuhängen.

Lange war es her, dass er so allein gewesen war und Zeit nur für sich gehabt hatte. Er kam sich seltsam vor: an den Rand eines Festes gedrängt und dabei herausgeputzt wie ein Pfingstochse. Ja, auch das Alleinsein wollte gelernt sein. Er hatte es nie trainiert und fühlte sich in dieser ungewohnten Lage jetzt doch merkwürdig wohl. Sollte er Talent zu dieser Art Existenz haben? Betrieb, Ehe und Familie füllten ihn seit Jahren völlig aus. Taten sie es wirklich? Er überlegte, wie es früher gewesen war, vor fünf Jahren, vor zehn Jahren. Er hatte nach dem Schulabbruch keine Freunde mehr gehabt. Als die Lehre begann, zogen sich die Freunde von früher von ihm zurück – oder er sich von ihnen –, und neue fand oder suchte er nicht. Er war damals wie aus der Bahn geworfen und nur darauf aus, Fuß zu fassen, schnell erwachsen zu werden, es den anderen zu zeigen. Und das war ihm gelungen! Er hatte keine Freunde gehabt und war doch nie allein gewesen – vielleicht war das gar kein Widerspruch? Man konnte auf die merkwürdigsten Gedanken kommen, wenn man am Muttertag allein durch die Gegend fuhr.





Seit ein paar Minuten überschnitten sich jetzt, ohne dass er es recht wahrnahm, Gedanken und Empfindungen einerseits und äußere Eindrücke andererseits. Wie gewöhnlich durchschaute er den Zusammenhang zunächst nicht. Das Gefühl für das Besondere der eigenen Existenz, die Erinnerung an frühe Freundschaften und die Empfindung, dass ihm seit langem etwas fehle: All das betraf nicht nur Vergangenheit und Gegenwart in Neustadt, es hing auf unklare Weise auch mit dem Anblick von Menschen zusammen, die er gerade jetzt unmittelbar vor sich sah.

Die Gruppe bestand aus vier Personen, zwei Männern und zwei Frauen – soweit war alles in Ordnung. Sie waren ungefähr in seinem Alter und mit Motorrädern unterwegs. Die drei Maschinen standen am Straßenrand, eine davon war eine Tausender Kawasaki, wie er sie selbst fuhr. Es ärgerte ihn jetzt, dass er mit dem Wagen unterwegs war. Er hätte sonst seine Maschine sicher auch an diesem Ort abgestellt und wäre leicht mit ihnen ins Gespräch gekommen.

Er fand dann heraus, dass der jüngere der beiden Männer einem Schulfreund stark ähnele. Diese Feststellung war endlich etwas, woran er sich halten konnte Das Chaos der Erinnerungen und Empfindungen ordnete sich, und je länger er den unbekannten jungen Mann musterte, umso größer kam ihm die Ähnlichkeit vor. Ob er es am Ende sogar war? Sie hatten sich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen. Aber nein, der hier war etwas zu jung, höchstens fünfundzwanzig. Außerdem trugen die Maschinen Stuttgarter Kennzeichen – und Peter war damals zu seinem Vater nach Bremen zurückgekehrt. Seitdem hatte niemand mehr irgendein Zeichen von ihm erhalten.

Sein Spitzname war Lockenpeter gewesen – aber der Afrolook war Natur. Der Doppelgänger hier trug seine brünetten Haare jetzt kurz, sie kräuselten sich allerdings stark. Peter und er, sie waren bloß ein Jahr in dieselbe Klasse gegangen. Peter, der Ältere von ihnen, war nämlich sitzen geblieben, und als er bei ihnen auftauchte, wollte Theo unbedingt neben ihm sitzen, und das erreichte er auch. So verbrachten sie in großer Nähe dieses Schuljahr, das für beide das letzte werden sollte. Sie wussten es am Anfang noch nicht, vielleicht ahnten sie es.

An Peter war vieles unvollkommen. Sportlich war er eine Niete, und er hatte weder Manieren noch Geld in der Tasche. Für die Lehrer war er ein hoffnungsloser Fall: Am Unterricht war er vollkommen uninteressiert. Dazu dann der fremdartige norddeutsche Akzent, kehlig zwar wie hier im Süden, aber dabei knapp und hart, so knapp und hart ... Alles zusammen wirkte, wie das nur in der Schule, nie im späteren Leben vorkommt, äußerst aufreizend auf alle, auf Lehrer, Kameraden und die Mädchen. An ihm war eine freche Nachlässigkeit, eine bodenlose Aufsässigkeit, die alle kitzelte und aufstachelte. Selbst die Trägsten fühlten sich, sahen und hörten sie ihn, zu mehr berufen, sie wussten nur noch nicht genau wozu. Peter schien es zu wissen, er lächelte oft recht eigenartig. Ach, und die Mädchen! Das Beste an Peter war ja, dass er gern Themen anschnitt, auf die man selbst nicht gekommen wäre. Er war geradezu darauf erpicht, Tipps zu geben und für Aufklärung zu sorgen …

Natürlich war man schon aufgeklärt. Trotzdem war er, Theo, ihm dann natürlich dankbar, und er wird ihm dafür immer dankbar sein … und amüsant war es ja auch, noch dazu in der Religionsstunde, auch typisch Peter … Also, es war so: Peter erklärte ihm damals, dass man die Weiber auch andersrum ficken könne. Er gab sich dabei keine Mühe, leise zu sprechen. Einige, die in der Nähe saßen, lachten. Theo bemerkte, dass er beneidet wurde. Durch solche Gespräche fühlte er sich vor allen anderen ausgezeichnet. Außerdem gingen die Stunden auf diese Weise angenehm und leicht dahin.

Oft hatte er später im Lauf der Jahre an dieses Gespräch gedacht. Und dann ging Peter damals ja noch einen Schritt weiter. Er sagte, allerdings bedeutend leiser, denn das war nur für ihn bestimmt: Es sei dann auch egal, ob man es mit einer Frau oder einem Mann zu tun habe. Merkwürdig, diese Erinnerung war jetzt frischer als die an den Anfang jener Aufklärungen, vielleicht weil er gerade an sie kaum einmal mehr gedacht hatte? Das traf einen jetzt ein wenig unvorbereitet. Hier war Peter einen Schritt zu weit gegangen! Er, Theo, hatte es nie mit einem Mann getrieben – abgesehen, natürlich, von ein paar kleineren Sauereien am Gymnasium, aber nicht mit Peter, und das hatte ja auch weiter gar nichts auf sich. Er, Theodor Aufwind, würde es auch in Zukunft aller Voraussicht nach mit keinem Mann treiben. Er lächelte jetzt in der Erinnerung an das Gespräch, das eigentlich gar keines gewesen war, denn er hatte damals nur zugehört, lächelnd und überrascht. Er kam sich sogar jetzt, nach so langer Zeit, noch ein wenig überrumpelt vor und lächelte doch zufrieden und selbstzufrieden vor sich hin und in sich hinein. Dieser Zustand der Selbstzufriedenheit trat bei ihm ungefähr alle acht bis zehn Tage einmal auf.

Er begann erneut, den Doppelgänger zu mustern. Die Ähnlichkeit war wirklich stark. Derselbe schmale Körper, nervös und unsportlich, ein Eindruck von Schwäche, eine Art von Schwäche, die sich selbst noch genießt … Er sprach mit dem anderen Mann in ihrer Gruppe; die beiden standen nebeneinander, Theo hatte sie im Profil vor sich. Die beiden jungen Frauen saßen etwas abseits auf einer niedrigen Steinbank, unterhielten sich ebenfalls und kehrten Theo ihre Rückseiten zu. Wer mochte zu wem gehören? Vier Personen, zwei männlichen, zwei weiblichen Geschlechts – und drei Motorräder: Hier waren mehrere Kombinationen denkbar. Er begann zu zählen und kam zu keinem Ergebnis. Mathematik war nicht seine Stärke gewesen. Zwischen den Paaren, wie sie da zusammenstanden und –saßen, gab es auch keinen Blickkontakt. Am Ende gehören sie gar nicht zusammen? Er muss vor der Kirche sitzen bleiben, bis sie aufbrechen.

Übrigens hat er sich Peters Tipp später zunutze gemacht. In Fischbek gab er keine Ruhe, bis drei Kameraden sich mit ihm zusammentaten. Zu viert versuchten sie es in St. Georg, wo der Strich billiger war als an der Reeperbahn, und sie trieben zwei Nutten auf, die es gegen Aufpreis machen ließen. Vielleicht logen die anderen ja, er zumindest kann mit vollem Recht behaupten: Bei ihm hat es geklappt, er ist auf seine Kosten gekommen.

Der junge Mann, Peter wie aus dem Gesicht geschnitten – und was für ein Gesicht: hübsch, jedoch ausdruckslos, wenn er nicht gerade grinste, was aber nur selten vorkam –, dieser andere Peter trug eine schwarze Motorradjacke mit dunkelgrünen Schulterstücken und eine schwarze Schnürlederhose, das sah aus wie ein Rollbraten. Er, Theo, hat zu Hause gerade so eine Hose im Schrank. Aber bei ihm selbst sitzt sie viel besser. Eng ist sie ja auch hier geschnitten, aber an seinem Körper sitzt nichts richtig. Zu schlaff. Theo musterte ihn schärfer, mit boshaftem Vergnügen. Ein auffallend kariertes Hemd, kann aber den Bauch nicht kaschieren. Und der, mein Lieber, ist entschieden zu dick für deine schmale Figur! Weit hast du es kommen lassen … Wenn er an damals dachte … Theo war verwirrt. Er musste sich klar machen, dass er den richtigen Peter ja gar nicht vor sich hatte. Was ging ihn der hier an.

Plötzlich kam Bewegung in die Gruppe. Die beiden Frauen standen auf, und die Männer begannen zur selben Zeit, ihre Tücher vor die Gesichter zu binden. Dabei waren zwischen den Paaren vorher weder Worte noch offene Blicke gewechselt worden. Die eine der beiden Frauen fuhr allein los, als nächster der Kumpel des Doppelgängers. Zuletzt stieg, wortlos und wie auf Kommando, die zweite junge Frau bei Peter auf. Auch sie war hübsch, mit langen blonden Locken, stark zurechtgemacht. Theo kam sie wie eine Friseuse oder Kosmetikerin vor. Sie hatte eine Wespentaille und, wörtlich in Theos Sprache, einen Riesenarsch, der in sehr engen ausgebleichten Jeans steckte. Es gab Plakate von solchen Weibern und in dieser Aufmachung und Haltung. Und es gab Männer, die von solchen Bildern erregt wurden. Einer seiner Kameraden in Fischbek hatte sich ein Plakat dieser Art auf die Innenseite der Tür seines Spinds geklebt. Theo saß äußerlich ruhig da und sah sie alle wegfahren. Die innere Ruhe, die er nach dem Essen eine Zeitlang empfunden hatte, die Selbstzufriedenheit, sie waren dahin. Erst der Doppelgänger und dann auch noch mit einem Weib wie dem da … Wenn sie sein wäre, dachte er, und dieser andere Peter dann sein – Rivale? Das war eine auf Anhieb sehr erregende Vorstellung, und es gelang ihm nicht, sich einzureden, er verabscheue ihn dann oder hasse ihn sogar. Merkwürdig, sagte er sich, es muss daran liegen, dass er so eine Art Peter ist. Die Frau sah jetzt, kurz bevor das Paar endgültig aus seinem Gesichtsfeld verschwand, genau wie auf dem Plakat in Fischbek aus. Und er, den er nie mehr sehen würde – Stuttgart war groß und ziemlich weit von Neustadt -, er fuhr seine, Theos Maschine.

Es war fünf Uhr nachmittags. Die letzte Gruppe trat ab, die Mikrophone wurden ausgeschaltet, die Technik abgebaut, und die Bühne lag dann verlassen da. Mehr und mehr wanderte das Publikum ab. Theo blieb vor der Kirche sitzen. Feste, die starke Eindrücke bei uns hinterlassen, ohne dass sich etwas mit uns ereignet hat, können einen nachher melancholisch stimmen. Theo war jetzt melancholisch. Spannung hatte in der Luft gelegen, etwas, das mit Wiedererkennen und Erwartung zu tun hatte, und die Spannung hatte sich in Nichts aufgelöst. Der Platz sah, trotz der schönen Gebäude ringsum, alltäglich und gewöhnlich aus. Morgen musste er früh an die Arbeit.

Um halb sechs stand er auf und ging zum Wagen. Die zurückströmenden Ausflügler ließen ihn nur langsam vorwärts kommen. Konzentration war nötig. Im Gegenverkehr tauchten hinter verschmutzten Windschutzscheiben blitzartig Gesichter auf und verschwanden, Gesichter, die erhitzt wirkten. Seine Aufmerksamkeit wurde ständig von innen nach außen gelenkt - wie Wasser zu Tal fließt – und an der Oberfläche festgehalten. Keine Zeit zum Nachdenken mehr. Das empfand er, ohne sich den Vorgang klarzumachen, als entlastend.

Eine halbe Stunde vor Neustadt fiel ihm ein, dass er am Vormittag keine Verabredung mit Ingrid getroffen hatte. Sollte er sie bei ihren Eltern abholen? Er fuhr ins Dorf und bog in seine Straße ein. Es war nicht nötig, den Wagen in die Garage zu fahren, er konnte über Nacht auch einmal am Straßenrand stehen. Das Haus erreichend, sah er, dass im Wohnzimmer Licht brannte. Ingrid, in einer Zeitschrift blätternd, lag im Schaukelstuhl. Offenbar hatte sie das Geräusch des Wagens gehört, sie blickte kurz auf. Dann senkte sie den Kopf sofort und las weiter. Diese Bewegung fiel etwas zu hastig aus und kam ihm gewollt vor. Er bemerkte erneut, sie bemühte sich, sorglos zu wirken, aber sie war es nicht. Im Wagen langsam an seinem Haus vorbeifahrend, sah er seine Frau jetzt erstmals wie auf dem Theater.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Wipfel
Häufig gelesener Autor
Registriert: Feb 2008

Werke: 58
Kommentare: 728
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Wipfel eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hi Arno,

stark. Ich habe mir gern die Zeit genommen, deine Erzählung zu lesen. Hohes Niveau in deiner Erzählstimme, sauber geschrieben, meinen Respekt.

Ich habe mich gefragt, ob es gewollt von dir ist, ein doppeltes frei an den Anfang zusetzen. Sicher nicht, oder?

quote:
Die Strecke war frei. Ein Minimum an Konzentration genügte, um vorwärts zu kommen. Er riskierte nichts und hatte den Kopf frei zum Denken.

Erotisch? Nein, sicher nicht. War mir aber beim Lesen dann egal.

Grüße von wipfel

Bearbeiten/Löschen    


Arno Abendschön
Häufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2010

Werke: 292
Kommentare: 1268
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Arno Abendschön eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Danke, Wipfel, für die freundliche und am Text orientierte Reaktion. Mit dem doppelten "frei" hast du mich erwischt. Ehrlich, ich weiß nicht mehr, ob es ein Versehen war oder Absicht. Beides ist möglich. Immerhin liegt zwischen den beiden "frei"-Sätzen noch ein Satz ohne das Wort. Für eine noch bessere Lösung bin ich schon zu haben, mir ist indessen so rasch nichts eingefallen.

Natürlich muss ich sagen, der Text sei eben im weiteren Sinn erotisch. Er bezieht sich auf die untergründigen erotischen Bedürfnisse und Wahrnehmungen des Protagonisten. Es gibt keine erotische Handlung, wohl wahr, doch erotische Bilder und Stimmungen, einen ins Innere des Helden verlegten Prozess.

Freundlichen Abendgruß
Arno Abendschön

Bearbeiten/Löschen    


Zurück zu:  Erotische Geschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung