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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Druck steigt
Eingestellt am 06. 07. 2013 10:33


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SiggiH
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2013

Werke: 8
Kommentare: 6
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Es ist nicht besonders viel Verkehr auf der Autobahn, weshalb ich es wage, trotz dichtem Nebel, recht zĂŒgig zu fahren. Wenn ich die Geschwindigkeit weiterhin bei 100 km/h beibehalte, werde ich in ca. drei Stunden bei ihm sein. Ich zerspringe schon fast vor Vorfreude.
Die Sichtweite betrĂ€gt vielleicht noch 50 m, aber das ist kein Problem, mein Navi wird mir ja rechtzeitig melden, wenn ich abfahren muss. Nur der Radioempfang macht mir zu schaffen - stĂ€ndig diese StörgerĂ€usche. Ich drehe genervt am Regler. Man mĂŒsste doch schon lĂ€ngst Bayern 3 rein bekommen. Endlich - ich höre Bruno Mars - aber ich bekomme einfach keinen klaren Empfang. Leider ist mein Auto nicht das jĂŒngste. Hab keinen CD-Player, nur ein Kassettendeck. Und die einzigen zwei Kassetten, die ich noch besitze sind "Bad Religion" und "Sex Pistols" beides nicht unbedingt die passende Einstimmung, wenn man unterwegs zu seinem Geliebten ist...
Noch einmal versuche ich mein GlĂŒck mit dem Sendersuchlauf - und plötzlich sehe ich aus den Augenwinkeln rotes Licht.
Verdammt das sind Bremslichter! Sofort drĂŒcke ich das Bremspedal durch und merke wie ich ins Schlittern komme. Ich höre die Stimme meines Vaters in meinem Kopf: "Auch wenn es nicht nach Glatteis ausschaut - auf BrĂŒcken muss man immer mit GlĂ€tte rechnen."
Ich hasse es, wenn mein Papa Recht hat. Ich reiße das Lenkrad nach rechts, um auf den Pannenstreifen auszuweichen, aber - oh weh, der ist bereits besetzt. Jetzt sehe ich die anderen Lichter: blinkende Warnleuchten und rotierendes Blaulicht. Oh nein, ich krache gerade voll in einen Unfall!
Weiter nach rechts!
Es kracht und quietscht! Mercedes contra Leitplanke! Wer ist stÀrker?
Die Leitplanke gibt immer mehr nach, aber letztendlich kommt mein Auto endlich zum Stehen. Meine HĂ€nde umklammern verkrampf das Lenkrad und die Fingerknöchel stehen weiß hervor. Ich versuche meine Atmung wieder in den Griff zu bekommen. Einatmen - ausatmen - ein - aus...
Beim nĂ€chsten Einatmen werde ich durch ein grelles Licht geblendet. Riesige Scheinwerfer reflektieren sich in meinem RĂŒckspiegel. Das kann doch nur ein böser Traum sein. Aber dann spĂŒre ich den Stoß. Die maltrĂ€tierte Leitplanke gibt ihren Widerstand nun komplett auf, und fĂŒr den Lkw ist es ein Leichtes, mich von der BrĂŒcke zu schubsen. Ich spĂŒre in meinen Eingeweiden wie es abwĂ€rts geht. Eine Textpassage aus einem Lied geht mir durch den Kopf:
"Auf dem Weg zum Himmel spiel'n sie einen Fahrstuhlsong,
auf dem Weg zu Hölle spielen sie was von Alice Cooper..."
Ich rechne schon damit, im Radio jetzt den kreischenden Gesang von Alice Cooper zu hören, denn dieser Sturz kann ja nur direkt in die Hölle fĂŒhren.
Dann der Aufprall - es macht Platsch!
Wasser - ein Fluss?
Ich glaube, es ist höchste Zeit, auszusteigen. Aber die TĂŒre lĂ€sst sich nicht öffnen.
Panik - ja, langsam steigert sich mein Unwohlsein in extremes Unbehagen.
Und jetzt bekomme ich auch noch nasse FĂŒĂŸe.
Nasse FĂŒĂŸe?!!!
Wasser - mein Auto fĂŒllt sich mit Wasser!
Und dann?
Dann werde ich untergehen! Ich will aber nicht ertrinken!
Die BeifahrertĂŒr! ich muss durch die BeifahrertĂŒr aussteigen. Ich zerre an meinem Sicherheitsgurt.
Okay - ganz cool! Hektik bringt mich jetzt nicht weiter! Ich drĂŒcke den Entriegelungsknopf und streife den Gurt ab. Dann rutsche ich auf den Beifahrersitz und versuche mein GlĂŒck, aber auch dort gibt es kein Entkommen fĂŒr mich.
Außerdem bemerke ich jetzt mit Entsetzen, dass das gesamte Auto von Wasser umgeben ist!
Ich bin UNTER Wasser!
Auch das Wageninnere fĂŒllt sich immer schneller mit der eiskalten FlĂŒssigkeit.
Die Fenster! Ich kann durch ein Fenster entkommen!
Hektisch drĂŒcke ich den Knopf des elektrischen Fensterhebers - und: Nichts!
Ich verfluche die moderne Elektronik meines Autos! Ich versuche es mit allen Knöpfen, aber kein Fenster öffnet sich! In meinem alten Auto hatte ich wenigstens hinten noch Fenster zum herunterkurbeln, aber hier ist alles elektronisch gesteuert. Da fÀllt mir auf: Wieso hat sich eigentlich dieser bescheuerte Airbag nicht geöffnet? Vielleicht sollte ich Mercedes verklagen?
Inzwischen steht mir das Wasser schon bis unter der Brust.
KĂ€lte hat von jedem Zentimeter meines Körpers Besitz ergriffen, und ich registriere, dass er unkontrolliert zittert. Außerdem laufen mir TrĂ€nen die Wangen hinunter - als wenn es nicht schon nass genug wĂ€re! Und tatsĂ€chlich muss ich schon einen langen Hals machen, damit sich der Kopf ĂŒber der WasseroberflĂ€che befindet.
Wie lang noch, bis das Wasser die letzte Luft zum Atmen verdrÀngt? Ein, zwei Minuten?
Vielleicht lĂ€sst sich die Scheibe einschlagen? Ich brauche einen harten Gegenstand! Der Eiskratzer? Die Parkscheibe? Mein Handy! Genau, das IPhone muss irgendwo in der Mittelkonsole liegen. Ich taste danach, aber spĂŒre nichts.
Mir bleibt wohl nichts anderes ĂŒbrig, als danach zu tauchen.
Hoffentlich werden dabei meine Kontaktlinsen nicht heraus geschwemmt.
Ein sarkastisches Lachen ertönt in meinem Hinterkopf - als ob das jetzt mein grĂ¶ĂŸtes Problem wĂ€re...
Ich atme noch einmal tief ein, halte mir die Nase zu und tauche in das Wasser unter, dessen Temperatur nur knapp ĂŒber dem Gefrierpunkt liegen kann. Ich bin keine sonderlich gute Schwimmerin, um ehrlich zu sein, mag ich nicht gern im Wasser sein, das ist einfach nicht mein Element. Als Kind wurde ich immer ausgelacht, wenn ich mir beim Tauchen die Nase zu gehalten habe, aber wenn ich das unterlasse, dringt sofort Wasser ein.
Es ist dunkel, aber endlich sehe ich mein Handy. Ich schnappe es und schnelle nach oben.
Ich stoße mit dem Kopf am Autodach an, und registriere entsetzt, dass das komplette Auto jetzt mit Wasser gefĂŒllt ist. PrĂŒfend drehe ich den Kopf zur Seite und presse den Mund ganz nach oben, aber da ist nur noch Wasser, das auch schon lĂ€ngst den Weg in meine Nase, die ich vor Schreck losgelassen habe, gefunden hat.
Jetzt breitet sich Panik in meinem Kopf aus. Meine Haare die scheinbar schwerelos um mich herum schweben nehmen mir die Sicht. Ich beginne die Orientierung zu verlieren.
Verdammt, reiß dich zusammen!
Verkrampft klammere ich mich an meinem Handy fest. Ich versuche meinen Plan in die Tat umzusetzen, taste mich weiter nach rechts bis ich die glatte OberflĂ€che des Fensters spĂŒre. Dann hĂ€mmere ich mit der Kante des stabilen Apple-Produkts darauf ein. Zumindest versuche ich es, aber meine Bewegungen sind wie in Zeitlupe. Der Widerstand des Wassers ist zu groß - und ich zu schwach. Auch bekomme ich langsam Schmerzen in der Brust, und das Denken fĂ€llt mir schwer.
Wie lange ist mein letzter Atemzug schon her?
Wie viel Zeit bleibt mir noch? Eine Minute?
Als Kind habe ich mit meiner Mutter immer ein Spiel gespielt, wenn wir auf was warten mussten. Je nachdem wie lang die zu erwartende Wartezeit war, haben wir uns ĂŒberlegt, was man in dieser Zeitspanne alles machen könnte. Es ging dann runter bis zu einer Minute. Da kamen dann VorschlĂ€ge wie:
In einer Minute kann man sich ein Nutellabrot streichen.
Eine Minute braucht man, um aufs Klo zu gehen.
Mehr fÀllt mir jetzt nicht ein. Ich frage mich sowieso, wie ich ausgerechnet jetzt darauf komme. Aber um ehrlich zu sein, beruhigt es mich ein wenig.
Der Druck in meiner Brust ist langsam unertrÀglich.
Gleich wird mein Körper, versuchen sich mit Sauerstoff zu versorgen.
Und ich werde den letzten unvermeidlichen Atemzug nicht verhindern können.
Ich schÀtze, mir bleiben noch 30 Sekunden.
Was kann man in 30 Sekunden Schönes erleben?
Ein LĂ€cheln macht sich in meinem Gesicht breit...
Ja, ein Kuss!
Ein intensiver Kuss - Ausdruck von kompromissloser Liebe und inniger Zuneigung.
Ich schließe meine Augen und erinnere mich an unseren letzten Kuss - dann atme ich tief ein...

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