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Leselupe.de > Kurzprosa
Der Duft frischer Erde
Eingestellt am 25. 02. 2005 16:32


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Arezoo
???
Registriert: Feb 2005

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Es war ein kurzer Abschied. Ein Augenblick, den ich hĂ€tte festhalten sollen. Habe ich doch immer noch den Duft frischer Erde in der Nase, wenn ich daran denke, und den kĂŒhlen Wind aus dem Hindukusch im Nacken.

Gerade einmal ein paar Stunden lÀsst man mir um das zu packen, was ich erst drei Monate zuvor im Spind meiner spartanischen Unterkunft verstaut hatte.
VerschÀrfung der Sicherheitslage. Wir werden alle ausgeflogen.
Zumindest die, die einen europÀischen Pass besitzen; und dabei ist es egal, ob die Wurzeln dort oder hier liegen.
Ein letztes Mal streife ich durch die Flure des Krankenhauses. Atme die Betriebsamkeit und sehe all die HĂ€nde.
HĂ€nde, vom Bett erhoben, in den Himmel gerichtet. Manche flehend, betend. Einige runzelig und alt, voller Schwielen.
HĂ€nde greifen HĂ€nde. Spenden Trost und WĂ€rme. Und ich vermag nicht zu sagen, ob die fehlenden Medikamente wichtiger sind als diese HĂ€nde.
Ein Mann kauert vor dem Bett seines Sohnes. Der Oberkörper gebeugt, versunken in das ewig gleiche Gebet. Allah-o-akbar.
Der Sohn ist tot. Ich weiß es. Sein Brustkorb hat die steten Auf- und Abbewegungen der Atmung lĂ€ngst aufgegeben. Die Augen sind starr an die Decke gerichtet. Ich trete nĂ€her und fahre mit der Hand ĂŒber die Lider. Das Gesicht mit dem dĂŒnnen weißen Laken zu bedecken, das bringe ich nicht fertig.
Der Mann richtet einige Worte an mich. Er spricht Paschtu. Ich versuche es mit Farsi. Das versteht er aber nicht.
Ein Land. Keine Sprache.
Respektvoll neige ich stattdessen den Kopf. Er berĂŒhrt kurz mein Kopftuch, bevor ich mich abwende.
Ich suche nach Talal und Camil, um ihnen zu sagen, dass ich wiederkomme, sobald ich kann und man mich lÀsst.
Die TĂŒr zum Besprechungsraum steht offen. Ich werfe einen Blick hinein. Henri, einer der französischen Ärzte aus dem Team, sortiert Unterlagen in seine Aktentasche. Er begrĂŒĂŸt mich mit Schwester Arezoo und fragt, ob ich schon fertig sei mit Packen. Ich nicke nur.
Vielleicht sehen wir uns bald hier wieder, sagt er und lÀchelt leicht.
Ich muss an das kleine MĂ€dchen denken, dessen Bein er amputiert hat und daran, dass ich nie das Entsetzen in seinen Augen vergessen werde, das Hadern mit dem Unabwendbaren. Zu Hause hĂ€tte er vielleicht etwas Neues gewagt. Beinerhaltend operiert. Hier aber ist kein Platz fĂŒr Innovation.
Talal, denke ich und verabschiede mich von Henri, der mit der ersten Maschine fliegt.
Ich gehe weiter auf dem Flur, vorbei an BehandlungsrÀumen, in denen ich manche Stunde verbracht hatte, vorbei an den KrankensÀlen mit bekannten und unbekannten Gesichtern.
Talal. Seine schwarzen Augen. Wie Knöpfe im Gesicht eines Schneemannes, denn fĂŒr einen Afghanen hat er sehr helle Haut. Glatt und weich. Seine großen HĂ€nde mit den feinen Fingern. Geschaffen dafĂŒr, Arterien wieder zu verknĂŒpfen und feine NĂ€hte zu legen, die keine Narben hinterlassen, außer auf meiner Seele.
Draußen vor den Fenstern ist die Dunkelheit gefallen. Es gibt hier keine DĂ€mmerung. Nur den Unterschied zwischen Tag und Nacht. Das macht mir Angst.
Camil treffe ich vor dem Operationssaal. Er wirft gerade den getragenen Kittel in die WĂ€schetruhe.
Ich habe es schon gehört, sagt er. Der AnÀsthesist hat es mir erzÀhlt.
Ich berĂŒhre seine Wange. Der Dreitagebart kratzt meine Haut und weckt Erinnerungen daran, wie es war, als er noch Turban und Vollbart tragen musste unter den Taliban.
Er zieht mich in die Ecke hinter der SchwingtĂŒr.
LĂ€chelt, fĂŒr mich.
Meine Knie werden weich, wollen nachgeben, weil mich die Erinnerung trifft. An einen Camil, der sorglos in die Welt lĂ€chelt, fĂŒr alle. Er hĂ€lt mich fest in seiner Umarmung, bis ich wieder allein stehen kann.
Ich will ihm doch sagen, dass ich zurĂŒckkehren werde. Ein GefĂŒhl kommt plötzlich, hĂ€lt mich ab: Ich werde ihn nicht wieder sehen.
Er lĂ€sst mich stehen, streift einen neuen Kittel ĂŒber und verschwindet hinter dem glĂ€sernen Bullauge der TĂŒr. Ich sehe ihm nach, bis eine weitere TĂŒr mir seinen Anblick nimmt. Will rufen, will etwas sagen. Besinne mich. Rede mir ein, ich hĂ€tte mich getĂ€uscht. Vergeblich.
Laufe weiter.
Talal. Ich finde ihn auf dem Hof. Er raucht eine selbst gedrehte Zigarette, an den Stamm der Zeder gelehnt. Er hat noch immer den Mundschutz von der letzten OP um den Hals hÀngen.
Ich komme wieder, sage ich.
Ich weiß, antwortet er und legt seinen Zeigefinger auf meine Nase, fĂ€hrt dann bis zu meinem Mund, malt die Konturen meiner Lippen nach.
Unterdessen versuche ich mir sein Gesicht einzuprĂ€gen, ins GedĂ€chtnis zu meißeln.
Ich könnte bleiben, sage ich, ein wenig atemlos von seiner BerĂŒhrung.
Nein, kannst du nicht. Sein Gesicht ist ernst, in diesem Moment auch mĂŒde und die Augen fallen in tiefe Höhlen.
Ein kalter Hauch streift meinen Nacken, und mit ihm weht der Duft frischer Erde ĂŒber den staubigen Hof von den heute ausgehobenen GrĂ€bern hinter dem Krankenhaus.
Arezoo. Er sagt meinen Namen sehr bedÀchtig.
Und als ich mich umdrehe, habe ich seine Stimme in meinem RĂŒcken.
Niemand nach Talal hat jemals meinen Namen so gesagt.

Auf dem Rollfeld des Flughafens beherrscht das Brummen der Motoren meinen Kopf. Ich kann nicht denken, nur die Vibrationen fĂŒhlen und werfe einen letzten Blick auf die Stadt.
Die flackernden Lichter am dunklen Himmel sind kein Feuerwerk, und die zarten BerĂŒhrungen auf meinem Gesicht kein Regen.
Bomben und Asche.
Ich denke an Camil und Talal mit dem Duft frischer Erde in meiner Nase.




__________________
Das Leben hat zwei Geschichten, die wirkliche und die ertrÀumte.
Schim'on Peres

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Walter Walehn
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Hallo Arezoo,

was ein Abschied...Ich hatte den Duft frischer Erde in der Nase, hatte das GefĂŒhl, dich bei deinem Abschied zu begleiten. Fesselnd geschrieben!!!

LG Walter

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Herzog
???
Registriert: Apr 2004

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Herausragend!

Ein Text, der wegen seiner Geradlinigkeit und schnörkellosen ErzÀhlweise unter die Haut geht.

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Arezoo
???
Registriert: Feb 2005

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Lieber Walter, lieber Herzog,

freut mich sehr, dass euch der Text so gefÀllt!
Vielen Dank euch beiden fĂŒr's Lesen!

Den Duft frischer Erde habe ich auch oft noch in der Nase...
MerkwĂŒrdig wie eng Erinnerungen mit GerĂŒchen zusammenhĂ€ngen.

Liebe GrĂŒĂŸe,
Arezoo

__________________
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Schim'on Peres

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San Martin
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Liebe Arezoo,

ist das alles passiert?

Der Text riecht bedrĂŒckend nach Vorahnung und Tod, nach Verlust und Bedauern. Geschrieben ist er sehr gut. Ich habe mir erlaubt, einige kleine KorrekturvorschlĂ€ge als email-Anhang zu schicken, weil es in der Leselupe zu aufwĂ€ndig gewesen wĂ€re.

Martin.
__________________
"I still can remember the way that you smiled on the fifth day of May in the drizzling rain."

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Arezoo
???
Registriert: Feb 2005

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Vielen Dank, Martin!
Das hat mich sehr gefreut, zumal ich doch mit der Kommasetzung wirklich auf Kriegsfuß stehe...

Ja, es ist passiert und nein, so aber nicht, wie ich es beschrieben habe.
Die Zeit, die zwischen dem jetzt und dem Abschied liegt, hat einiges relativiert, anderes deutlicher werden lassen.
Ich habe mir die 'kĂŒnstlerische' Freiheit genommen Erlebtes zu abstrahieren, in einen belletristischen Rahmen zu quetschen.
Die Zeder ist in Wahrheit ein Baumstumpf, an den sich gerade mal ein Zwerg lehnen könnte.
Asche hatte ich auch nicht auf meinem Gesicht.
Alle Namen der handelnden Personen sind selbstverstÀndlich verÀndert und auch manche Details, um niemandem zu schaden, keinen zu kompromitieren.
'Der Duft frischer Erde' und die anderen ErzÀhlungen sind wie das Eau de Parfum eines ToilettenwÀsserchen.
Die Essenz meiner Geschichte.

Ich werde mit etwas mehr Zeit meinen Text dank deiner Anregungen korrigieren.

Liebe GrĂŒĂŸe,
Arezoo
(im Renovierungs- und Restaurationsstreß)
__________________
Das Leben hat zwei Geschichten, die wirkliche und die ertrÀumte.
Schim'on Peres

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