Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5498
Themen:   93867
Momentan online:
159 Gäste und 5 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Science Fiction
Der Dunkle Horizont
Eingestellt am 08. 10. 2017 12:19


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Biochips
Hobbydichter
Registriert: Oct 2017

Werke: 1
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Biochips eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Die Ganymed, ein rostiges Reserve-Shuttle einer futuristischen ESA, peilt den Pluto, den eisigen Zwerg des Sonnensystems, und seinen halb so großen Mond Charon, an. Ihre Triebwerke sind feurige Schwerter, getunt, um ihr Sonnensegel dabei zu unterstĂŒtzen, Lichtpartikel fĂŒr den Super-Antrieb einzufangen.
Im Cockpit: Totenstille. Ein Bordcomputer schreibt Daten dreier Astronauten, die sechs Jahre, fĂŒnf Monate, drei Wochen und vier Tage eingefroren waren.
Tasuko Amenosa, eine sportliche Lehrerin, packt beim Erwachen der SchĂŒttelfrost. Sie nimmt die Kryo-Kammer verschwommen durch das Plexiglas ihres Sarges wahr, wie nach einer Nahtoderfahrung. Die blau blinkenden, medizinischen Lebenserhaltungssysteme wurden programmiert, ihre Körpertemperatur bei 36 Grad Celsius zu stabilisieren. Sie erinnert sich an das Einschlafen im Erdorbit, an das Vegetieren bei Minus 50 Grad Celsius ĂŒber der Mondlandschaft Europas, den Atombombenkratern eines asiatischen Wirtschaftskrieges.
Eingewickelt in eine Thermodecke, angegurtet im schwerelosen Speiseraum, wĂŒrgt sie Astronautennahrung mit StĂ€bchen hinunter, die kugelförmig vor ihrem Gesicht schwebt.
„Sagen Sie Wendall, er soll das nĂ€chste Mal aufpassen, ob chinesische Kanalratte auf dem Essen steht.“
Der Pilot Evander Cerosan wĂŒrdigt sie eines kurzen Blickes und vertilgt dann weiter seine Ration. Aaron Wendall, der Navigator, streckt seinen Kopf herein.
„Klingt nach einer Weltraumpsychose.“
„Fehlfunktion ihrer KĂŒhlaggregate. Sie war die ganze Strecke scheintot.“
Die EiswĂŒste erstreckt sich von Ost nach West, Nord nach SĂŒd, in die Unendlichkeit eines einsamen Sterns. Die von Methanschnee ĂŒberzogene Landschaft weist verstreute HĂŒgelketten auf, die sich vor dem atmosphĂ€relosen Himmel abzeichnen wie DinosaurierrĂŒcken. Zwischen Charon und der winzigen Sonne flackert ein Lichtpunkt auf.
Schwenkbare DĂŒsen senken die Ganymed zu einer Landezone herab, die der Bordcomputer rot markiert. Wendall durchsucht die Informationsbanken verzweifelt nach einer Lösung.
„Objekt im Weg?“
„Die Sahara ist lebendiger als dieser Planet.“ Evander sieht sich nach Tasuko um. Sie ist weg.
„Wo ist der Captain?“
In der Schleuse zwĂ€ngt sich Tasuko in einen blauen Raumanzug. Er passt nicht. Sie schĂ€lt sich aus der Hose, offenbart krĂ€ftige Schenkel, als Wendalls Stimme ĂŒber den Helmfunk ertönt.
„Es gibt ein Problem.“
„Ich kenne Sie bereits.“
„Die Systeme erkennen den Ort nicht.“
„Die Daten der Sonden, die von der NASA geschickt wurden...“
„Finden nur Schnee“, sagt Evander.
„Dann lass' ich mich mal von den Wampas lecken.“
„Seien Sie vorsichtig. Ihr Sauerstoff reicht eine Stunde.“
Sie probiert Wendalls Raumanzug an. Schon schnappen die HĂŒftschnallen zu, surrt die Sauerstoffversorgung.
Die Rampe zischt hinab. Die Injektoren in Tasukos Exoskelett stillen ihren rasenden Puls kaum. Die ewige Nacht weckt Erinnerungen an den Nuklearen Winter von Neu-MĂŒnchen, an den schwarzen Schnee auf dem Viktualienmarkt, an matschigen Reis und die Imitationen russischer Gewehre im sĂŒdostasiatischen Viertel.
Im Juli 1969 war es ein kleiner Schritt fĂŒr einen Menschen, im Oktober 2386 ist es ein großer Schritt fĂŒr eine Astronautin aus einer Invaliden-Grundschule in GrĂŒnwald. Ihre Mission ist die Aufdeckung einer Wasserquelle mittels der kybernetischen Greifer ihres Exoskeletts, die Entdeckung eines subterranen Flusses aus H2O-Energie, in dem sich primitive Zellen verdoppeln, verdreifachen, vervierfachen...
Die Landschaft verÀndert sich wie in einem viktorianischen Zaubertrick.
Tasuko keucht. Sauerstoff! Wie lange war sie unterwegs?
Minus 230 Grad Celsius! Sie zittert, als elektrisierten nasse Kabel ihre Blutkörperchen. Der Raumanzug hat ein Leck!
Das Shuttle ist verschwunden, der Funkkontakt abgebrochen, vom eisigen Zorn der toten Landschaft verschluckt.
Tasuko aktiviert die Sicherheitsfunktionen ihres Exoskeletts. Negativ. Sie stöhnt. Allein auf dem Pluto, der lebensfeindlichsten Umgebung am Ă€ußersten Rand des Sonnensystems.
Das Eis unter ihren FĂŒĂŸen bricht auf. Sie schreit.
So sinnlos wie ihr Hilferuf in dieser Leere, so leer hallt das GerĂ€usch von den biologischen WĂ€nden wider. Insektoide FĂŒhler schleichen zu der bewusstlosen Astronautin, prĂŒfen ihr Gehirn auf vorgeburtliche Erfahrungen.
Das Raumschiff, das sich als Teil der Landschaft tarnte, startet.
Geometrische Strukturen, mathematische Tempel einer außerirdischen Quantenmechanik, stechen in einer Flut aus fremdartigen BinĂ€rcodes hervor, die sich aus den Konsolen eines Cockpits in die Weiten des Alls ergießen.
In Tasukos Iris spiegelt sich eine Historie, ein Übergeist des universalen Jungschen Kollektiven Unterbewussten. Vernetzt mit ihren Neuronen verwandelt sie diese Prozedur in die elektronische Gottheit einer unbekannten Rasse im Zentrum der Milchstraße. Verwandelt sie in... Einzeller... Quallen... SĂ€ugetiere, die an Land kriechen, sich zu Entwicklungen schleppen, die tief in ihren Genen verwurzelt sind.
Nach Jahrmillionen blĂŒht eine High-Tech-Zivilisation, sechs Billionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Komplexe Maschinenkonstrukte ersetzen die Psyche einer krakenartigen Spezies.
Die Sterne glitzern weitere Trillionen Äonen. Die Maschinenkonstrukte bilden die Basis fĂŒr noch komplexere, kĂŒnstliche Wesen. Das Ergebnis: Epi-Evolution.
Tasuko stirbt. Ein Gedankensprung in dem alienhaften Traum tötet ihren Geist, imprÀgniert ihre Hirnhaut mit den bahnbrechenden Erkenntnissen einer Wissenschaft jenseits des menschlichen Verstandes.
Zweihundert Millionen Jahre ist ihr Körper gereist.
Am Horizont funkelt ein Planet ohne Sonne und Natur, erleuchtet von einer Megalopolis, deren gigantische, kosmische und, vor allem, menschliche Architektur bis ins All ragt...


















Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6280
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Biochips, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Schön, dass du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Maße an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den hÀufig gestellten Fragen ans Herz legen. Hier klicken


Viele GrĂŒĂŸe von jon

Redakteur in diesem Forum

Bearbeiten/Löschen    


Tula
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2016

Werke: 120
Kommentare: 1365
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Tula eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Biochips

Spannend bis zum Ende und wirklich gut geschrieben. Inhaltlich komme ich aber ins GrĂŒbeln, warum sich das fremde Raumschiff auf Pluto versteckte, dann ĂŒberlegte ich, warum die Maschinenkonstrukte die Psyche der fremden Wesen ersetzen, wie und warum sich dies im Kontext der Handlung als plausibel erweist(?).

Du wirst mir als Leser da sicher helfen.
Wie auch immer, sehr gern gelesen.

LG
Tula

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Science Fiction Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Werbung