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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Einstellungstest
Eingestellt am 22. 11. 2012 20:54


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Ciconia
Routinierter Autor
Registriert: Jul 2012

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Wenn abends kurz vor der Abfahrt in Bergen „Mine damer og herrer“ aus den Lautsprechern schallt, horchen die Passagiere auf. Die meisten verstehen zwar die norwegische Durchsage nicht, aber spĂ€testens bei der englischen Version „Good evening, ladies and gentlemen, the northbound Hurtigrute is soon ready for departure” herrscht ehrfĂŒrchtiges Schweigen auf dem Postschiff. Erstreisende verharren andĂ€chtig in einer Mischung aus Vorfreude und Ungewissheit darĂŒber, wie es ihnen in den zwölf Tagen auf der langen Seestrecke nach Kirkenes und zurĂŒck ergehen wird. „Die schönste Seereise der Welt“ beginnt nach dem fast lautlosen Ablegen mit dem langsamen Hinausgleiten des Schiffes in die norwegische Nacht.

Das erste Mal hatten mich meine Eltern mitgenommen, als Belohnung fĂŒr das sehr gute Abitur. Seitdem kam ich nicht mehr los von der eindrucksvollen norwegischen KĂŒstenlandschaft und der gemĂŒtlichen AtmosphĂ€re auf den Postschiffen. Vor allem die Fahrten im spĂ€ten Winter faszinierten mich, wenn die Tage wieder lĂ€nger wurden, noch genĂŒgend Schnee auf den Bergen lag und Aussicht auf Polarlicht bestand.

Ein Jahr nach der ersten Tour verlor ich meine Eltern bei einem tödlichen Verkehrsunfall. Ihr Tod warf mich sehr schnell aus der Bahn. Das gerade begonnene Biologiestudium erschien mir mit einem Mal sinnlos. Monatelang musste ich mich mit Angelegenheiten beschĂ€ftigen, die einen JĂŒngling von Anfang Zwanzig hoffnungslos ĂŒberforderten, und ich bedauerte zum ersten Mal, keine Geschwister zu haben. Mein Onkel unterstĂŒtzte mich in den ersten Wochen, aber nur so lange, bis ich ihm mitteilte, dass mir an dem Hotelbetrieb meines Vater nicht gelegen sei und ich das Hotel verkaufen wolle. Ich hatte meinem Vater schon frĂŒher deutlich gemacht, dass sein Sohn nicht der richtige Nachfolger sein wĂŒrde.

Ein KĂ€ufer war schnell gefunden, und plötzlich besaß ich sehr viel Geld. Was lag da nĂ€her, als zunĂ€chst ein paar schöne Reisen zu machen, Reisen, die schon mal einige Monate dauern konnten. An der Uni war ich bald exmatrikuliert, ich verspĂŒrte vorerst wenig Lust, ĂŒber mein weiteres Leben nachzudenken.

FĂŒnf Jahre verbrachte ich mehr oder weniger im Ausland, auch immer wieder auf einem Schiff. Wozu brauchte ich da ein großes Haus? Eine kleine Zweizimmerwohnung fĂŒr die Zeit zwischen den Reisen genĂŒgte mir vollkommen. Folglich versilberte ich auch mein Elternhaus.

Bald nach dem Hausverkauf lernte ich Nicole kennen, die keinerlei VerstĂ€ndnis fĂŒr mein Vagabundenleben aufbrachte. Nicole wollte eine solide Grundlage fĂŒr unsere Partnerschaft und drĂ€ngte mich, endlich einen Beruf zu ergreifen und eigenes Geld zu verdienen. Ich war mittlerweile 26 und hatte immer noch keine rechten Vorstellungen von der Zukunft. Dass ich in letzter Zeit regelmĂ€ĂŸig mit einem alten Schulfreund zum Pokern ging, verschwieg ich ihr zunĂ€chst. AnfĂ€ngliche Gewinne verpufften schnell, es folgte ein stĂ€ndiges Auf und Ab meiner Finanzen. Nach einigen quĂ€lenden Monaten teilte mir Nicole klipp und klar mit, dass sie keine Lust habe, ihr Leben mit einem Tunichtgut zu verbringen, der nichts auf die Reihe bekomme.

Von da an benahm ich mich endlich wie ein Erwachsener. Ich las Stellenanzeigen, schrieb Bewerbungen und wurde tatsĂ€chlich zu einem VorstellungsgesprĂ€ch eingeladen. Die Kurt Ankermann GmbH, Betreiberin mehrerer Hotels und eines großen Kaufhauses, suchte einen Detektiv. Mein „Praktikum“ in der Sicherheitsfirma eines Freundes, das ich zwischen meinen Reisen zur Beruhigung von Nicole absolviert hatte, sollte als Grundlage ausreichen, meinte ich. Außerdem war ich ja im Hotel meines Vaters groß geworden und kannte mich deshalb in der Hotelerie aus!

Der dicke Ankermann persönlich empfing mich in seiner DĂŒsseldorfer Zentrale. NatĂŒrlich erwartete ich peinliche Fragen ĂŒber meine bisherige berufliche Laufbahn, aber der Chef interessierte sich gar nicht dafĂŒr. Stattdessen plauderten wir locker, und ich erzĂ€hlte ganz offen meine Lebensgeschichte. Meine Eltern hatte er gekannt und geschĂ€tzt, das konnte ich schon mal positiv fĂŒr mich verbuchen. Ich schien ihm zu gefallen, und als ich auf meine Reisen und die ganz besondere Leidenschaft, die Postschiffreisen, zu sprechen kam, wippte sein massiger Körper wie elektrisiert auf dem dicken Ledersessel. „Hurtigruten? Mensch, Dratge, da hĂ€tte ich doch gleich was fĂŒr Sie, sozusagen als Probeauftrag!“ Sein Redefluss war kaum zu stoppen, als er mir unumwunden Privates anvertraute:

„Schauen Sie mal, Dratge, ist das nicht eine hĂŒbsche Frau?“, fragte er mit genĂŒsslichem LĂ€cheln und drehte dabei das Foto auf seinem riesigen Schreibtisch in meine Richtung.
‚Wirklich hĂŒbsch‘, dachte ich, obwohl ich mit Frauen ĂŒber vierzig nun wirklich nichts anfangen konnte, ‚aber was macht so eine Frau mit einem Mops wie Kurt Ankermann?‘
„Ich weiß, was Sie jetzt denken, Dratge“, polterte er, „aber glauben Sie mir, sie hat bei mir den Himmel auf Erden. Und das weiß sie auch. Na ja, vielleicht in letzter Zeit nicht mehr so genau“, seufzte er. „Um es kurz zu machen: Ich habe seit einiger Zeit den Verdacht, dass sie mich betrĂŒgt. Nicht dass ich ihr hinterher schnĂŒffele ... aber neulich habe ich zufĂ€llig ihre Handyabrechnung gesehen, die lĂ€uft ja ĂŒber die Firma“, grinste er hĂ€misch, „da waren einige Anrufe nach Norwegen dabei. Und da dachte ich gleich an einen alten Freund von ihr, der vor Jahren ausgewandert ist. NatĂŒrlich war die Rufnummer nicht nachvollziehbar, so schlau ist sie ja auch!“

Zu allem Überfluss hatte seine Frau kĂŒrzlich scheinheilig vorgeschlagen, mal wieder gemeinsam eine Postschiffreise zu unternehmen.
„Dabei wusste sie ganz genau, dass ich zu der Zeit wichtige Termine haben wĂŒrde“, schnaufte er wĂŒtend. Dann mĂŒsse sie wohl allein fahren, hatte sie bedauernd geĂ€ußert, und das Ă€rgerte ihn nun wirklich. Aber er war ja großzĂŒgig und konnte ihr keinen Wunsch abschlagen - allerdings wollte er schon genau wissen, was sie so trieb.

Ich zögerte keine Sekunde. Ankermanns Angebot war ein Geschenk des Himmels. Er zahlte die Reisekosten und einen ansehnlichen Spesenbetrag, und wenn er zufrieden mit meiner Arbeit sein wĂŒrde, hĂ€tte ich den Arbeitsvertrag in der Tasche. Der Alte mochte mich anscheinend wirklich, vielleicht hegte er so etwas wie vĂ€terliche GefĂŒhle.

So ging ich also drei Wochen spĂ€ter an einem MĂ€rz-Abend voller Vorfreude auf die Reise. Das bisschen „Arbeit“, das Ankermann erwartete, konnte nicht so anstrengend werden. Ich sollte unauffĂ€llig die gnĂ€dige Frau observieren und tĂ€glich Bericht an ihren Herrn Gemahl erstatten, alles andere wĂŒrde wie immer sein.

Gutgelaunt genehmigte ich mir abends in der Bar ein erstes Mack-Bier. Rosi Ankermann war schon beim Einchecken nicht zu ĂŒbersehen gewesen. Mit ihren auffallend langen blonden Haaren und der todschicken roten Jacke stach sie aus der Masse der ĂŒberwiegend Ă€lteren Reisenden sofort hervor. Ich sah sie in ihrer Balkonsuite verschwinden und betrachtete meine Aufgabe fĂŒr heute als erledigt.

Das leichte Schaukeln in der ersten Nacht ließ mich wie immer an Bord eines Schiffes gut schlafen. Morgens nach dem FrĂŒhstĂŒck nutzte ich den Aufenthalt im kleinen Hafen von Torvik fĂŒr einen kurzen Landgang und ein erstes Foto des Schiffes. WĂ€hrend ich mit klammen Fingern an meiner KameraausrĂŒstung nestelte, trat Rosi Ankermann auf ihren Balkon am Heck des Schiffes. Sie schien mir geradewegs in die Linse zu schauen. Offensichtlich war sie allein, jedenfalls auf dem Balkon. Das sollte als erstes Beweisfoto fĂŒr den alten Ankermann reichen.

Trotz der KĂ€lte blieb ich bis mittags auf dem Oberdeck und konnte mich nicht sattsehen an der Landschaft, an der das Schiff gemĂ€chlich vorbeizog. Das Blau des spiegelglatten Meeres und das Weiß der Bergketten bei sonnigem Himmel wirkten sofort beruhigend auf mich. „Entschleunigung“, das war das einzig richtige Wort fĂŒr diese Art des Reisens. Erst das Typhon bei der Einfahrt nach Ålesund erinnerte mich wieder daran, dass ich nicht nur zur Erholung hier war.

Die ersten Passagiere staksten ĂŒber die Gangway, und ich sah von oben eine rotbejackte Rosi auf den Ausflugsbus zusteuern. Noch schnell ein Foto, dann startete auch ich zu einem kleinen Stadtbummel. Rosi kehrte am Nachmittag wohlbehalten und allein aufs Schiff zurĂŒck, ich sandte eine kurze Nachricht an Ankermann mit den bisher von Rosi geschossenen Fotos.
„Keine besonderen Vorkommnisse“, fĂŒgte ich hinzu.
Ankermann antwortete kurz und bĂŒndig mit „Danke, weitermachen!“.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich warm eingemummelt in einem Liegestuhl auf dem Oberdeck. Der alte Ankermann hatte wahrscheinlich ĂŒberhaupt keinen Grund, seine Frau zu verdĂ€chtigen, davon war ich mittlerweise ĂŒberzeugt. Am Abend in Molde verspĂŒrte ich deshalb keine Lust, noch einmal nach der Dame zu sehen. Sie wĂŒrde ja nicht gleich am ersten Tag wieder aussteigen!

FĂŒr den nĂ€chsten Morgen stellte ich vorsichtshalber den Wecker, denn ich wollte bereit sein, wenn das Schiff in Trondheim anlegte. Zu meinem Erstaunen saß Rosi Ankermann schon beim FrĂŒhstĂŒck, als ich das Restaurant betrat. Kurz darauf verschwand sie und blieb fĂŒr den Rest des Vormittages unauffindbar. Unruhig und mittlerweile ziemlich durchgefroren stiefelte ich auf dem Oberdeck auf und ab und ĂŒberwachte die Gangway und den Kai – keine Spur von der gnĂ€digen Frau. Hatte ich etwas ĂŒbersehen? Ob ich sie unter einem Vorwand ausrufen lassen sollte? WĂ€hrend ich mir eine BegrĂŒndung ĂŒberlegte, schritt kurz vor der Abfahrt eine gutaussehende Frau mittleren Alters in einer schicken roten Jacke die Gangway hinunter – am langen Arm einen grĂ¶ĂŸeren Koffer. Beschwingt eilte sie auf einen am Kai wartenden Mann zu und fiel ihm um den Hals. Da stand ich also völlig perplex auf Deck 9 und schaute ziemlich dĂ€mlich aus der WĂ€sche. Ich schaffte gerade noch ein Beweisfoto, dann wurde die Gangway hochgezogen, das Schiffshorn verkĂŒndete die Abfahrt, und ich musste mit ansehen, wie Rosi Ankermann mit ihrem Begleiter um die Ecke verschwand. Dumm gelaufen, Robert Dratge!

Ich brauchte mehrere Zigaretten, um das weitere Vorgehen in Ruhe zu ĂŒberlegen, und kam dabei auf zwei, nein letztlich drei Varianten:

Variante 1: Ich wĂŒrde Ankermann mitteilen, dass seine Rosi mitsamt Liebhaber 
 Dann wĂ€re der Auftrag umgehend erledigt und die Reise zu Ende. Gefiel mir ĂŒberhaupt nicht.

Variante 2: Ich wĂŒrde Ankermann die Wahrheit verschweigen und meine Tour fortsetzen. Schon besser. Aber wie kĂ€me ich heil aus der Sache heraus, wenn Ankermann anderweitig von Rosis Eskapaden erfahren sollte? Meinen kĂŒnftigen Job könnte ich dann vergessen, und den brauchte ich dringend.

Nach weiteren Minuten anstrengenden Überlegens gefiel mir eine dritte Variante am besten. An der Rezeption erkundigte ich mich beilĂ€ufig nach einer gewissen Rosemarie Ankermann, die seit Trondheim nicht mehr aufgetaucht sei 
 Die hĂŒbsche kleine Rezeptionistin erlag sofort meinem Charme. Ohne Bedenken gab sie mir eine Auskunft, die mich umgehend in Hochstimmung versetzte und meine Weiterreise nicht gefĂ€hrdete. Das am Kai von Trondheim geschossene Foto löschte ich umgehend.

Ich tat in den folgenden Tagen das, was ich in meinem bisherigen Leben vorwiegend getan hatte: abwarten und den Augenblick genießen. Das Wetter blieb bestĂ€ndig, meine Laune auch, zumal Ankermann mir anscheinend Glauben schenkte, wenn er die tĂ€gliche Meldung bekam: „Keine besonderen Vorkommnisse“.

Die Zeit verflog wie auf jeder dieser Reisen viel zu schnell. Das gut gefĂŒllte Spesenkonto und die Aussicht auf zusĂ€tzliche Einnahmen aus ganz unerwarteter Quelle ließen mich leichtsinnig werden. Ich buchte einige LandausflĂŒge und kam so auch mal wieder zum Nordkap. In der Bord-Boutique kaufte ich mehrere sĂŒndhaft teure KleidungsstĂŒcke. Mir ging es so gut wie seit langem nicht mehr.

Viel zu schnell erreichten wir am siebten Tag Kirkenes, den Wendepunkt der Hurtigrute. Auch auf der sĂŒdgehenden Strecke blieb das Wetter ĂŒberwiegend sonnig. Der klare Himmel bescherte mir am nĂ€chsten Abend ein stĂ€rkeres Polarlicht, als ich es jemals erlebt hatte – ich betrachtete dies als gutes Omen fĂŒr die weitere Reise.

Als das Schiff am elften Tag morgens wieder in Trondheim einlief, wurde ich noch einmal ein wenig unruhig. Was wĂ€re, wenn die nette Rezeptionistin sich geirrt hatte oder Rosi Ankermann zwischenzeitlich endgĂŒltig durchgebrannt war?

Kurz vor der Abfahrt um 10.00 Uhr tauchte eine hĂŒbsche Frau in roter Jacke am Kai auf. Sie brauchte eine Weile, bis sie sich von ihrem Begleiter verabschiedet hatte. Danach verschwand sie umgehend in ihrer Balkonsuite, die fĂŒr die gesamte Rundfahrt gebucht war, wie mir die Rezeptionistin anvertraut hatte.

Jetzt konnte eigentlich nichts mehr passieren. Beweisfotos hatte Ankermann nach den ersten zwei Tagen gar nicht mehr haben wollen, aber sicherheitshalber nahm ich an diesem Nachmittag die einsame Rosi an der Reling noch einmal ins Visier und schickte dem Alten das Foto.
„Auftrag so gut wie erfĂŒllt!“, schrieb ich dazu.

Am Abend begoss ich die gelungene Reise an der Bar und war ĂŒberzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Bis zur Ankunft in Bergen am nĂ€chsten Tag musste sich nur noch eine gute Gelegenheit finden, um der gnĂ€digen Frau einen Vorschlag zu unterbreiten, den sie nicht ablehnen konnte.

Ich war so vertieft in die gedankliche Ausarbeitung meines Vorhabens, dass ich sie nicht kommen hörte. Die sehr angenehme warme Stimme, die mich mit „Guten Abend, Herr Dratge“ begrĂŒĂŸte, gehörte zu Rosi Ankermann.
„Ich glaube, wir sollten uns mal kurz unterhalten!“

Drei Sekunden spĂ€ter hatte ich mich wieder im Griff. Aus der NĂ€he sah Rosi Ankermann noch viel besser und jĂŒnger aus, stellte ich fest, bevor ich mit etwas brĂŒchiger Stimme antwortete: „Kennen wir uns?“
"Kommen Sie, junger Mann, keine Spielchen! Ich weiß, wer Sie sind, und dass Sie mich kennen, steht wohl außer Zweifel.“
Nun verlor ich doch kurz die Contenance. „Woher 
“, stammelte ich, aber die Dame fuhr fort:
„Ab und zu besuche ich meinen Mann im BĂŒro, da lag beim letzten Mal Ihre Bewerbungsmappe auf seinem Schreibtisch. Abgesehen davon, dass mir das Foto eines gutaussehenden jungen Mannes sofort ins Auge stach“, schmunzelte sie, „fiel mir vor allem der Aufkleber mit den Buchstaben „HR“ fĂŒr Hurtigruten auf. Da konnte ich mir doch sofort zusammenreimen, was mein lieber Ehemann plante. Er hegte schon lĂ€nger den Verdacht, dass ich ihn betrĂŒge. Als ich dann allein auf Reisen gehen wollte, wurde er endgĂŒltig misstrauisch. Was lag da nĂ€her, als einen begabten jungen Mann, der sich als Detektiv fĂŒr unser Unternehmen bewirbt, mit der Überwachung zu beauftragen, als Einstellungstest sozusagen.“

Ich brauchte erst einmal einen grĂ¶ĂŸeren Schluck. Rosi bestellte ein Glas Wein, an dem sie kurz nippte, bevor sie fortfuhr:
„Wenn Sie nun meinen, mich abzocken zu können, muss ich Sie leider enttĂ€uschen. Glauben Sie mir, mein Wort wiegt bei meinem Mann mit Sicherheit mehr als Ihres. Ich habe ihm tĂ€glich Bericht erstattet ĂŒber die Tour. Mit Hilfe der vielen Webcams in den HĂ€fen gab es keine Probleme, ĂŒber das Wetter zu reden. Das Schiff und die Orte kenne ich von unseren frĂŒheren Reisen sowieso. Mein lieber Mann ist also fest davon ĂŒberzeugt, dass ich die komplette Rundreise gemacht habe. Und dass ich allein war, haben Sie ihm ja tĂ€glich bestĂ€tigt.“

Ich sah mein erhofftes Zusatzeinkommen dahinschwinden, aber Frau Ankermann ĂŒberraschte mich noch einmal.
„Auch wenn Sie sicher nicht aus Sympathie fĂŒr mich schweigen und durchaus eigene Interessen verfolgen, biete ich Ihnen fĂŒnfhundert Euro an. Kaufen Sie sich einen schönen Anzug, den werden Sie kĂŒnftig im Beruf brauchen!“ Sie legte tatsĂ€chlich einen FĂŒnfhundert-Euro-Schein auf den Tresen, trank ihr Glas aus und verschwand, nicht ohne mir eine „Gute Nacht“ zu wĂŒnschen.

Am nĂ€chsten Ersten trat ich meinen neuen Job bei der Kurt Ankermann GmbH in DĂŒsseldorf an. Wieder begrĂŒĂŸte mich der Alte persönlich.
„Auf eine gute Zusammenarbeit, lieber Dratge, Sie haben mein volles Vertrauen!“, dröhnte er jovial. Bevor ich antworten konnte, klopfte es an der TĂŒr.
„Hallo Schatz, ich wollte nur kurz 
 ach, du hast Besuch ...“, flötete eine gutgelaunte Rosi.
„Das ist Herr Dratge, mein neuer Detektiv“, stellte Ankermann mich vor, wobei seine Glubschaugen etwas nervös flackerten, „und das ist meine Frau!“ Ein winziges spöttisches LĂ€cheln huschte ĂŒber Rosis Gesicht.
Ohne mit der Wimper zu zucken sah ich ihr fest in die Augen und erwiderte höflich:
„Guten Morgen, gnĂ€dige Frau! Ich freue mich sehr auf die Arbeit in Ihrem Unternehmen.“

Pokern konnte ich schon immer gut. Und vielleicht ergab sich ja irgendwann noch ein ganz neues Aufgabengebiet im Hause Ankermann.


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