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Leselupe.de > Kurzprosa
Der Engel
Eingestellt am 20. 02. 2000 00:00


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Frank Zimmermann
Junior Mitglied
Wird mal Schriftsteller

Registriert: Jan 1999

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Der Engel
Franz war, obwohl man auf den Gedanken h├Ątte kommen k├Ânnen, kein Voyeur! Er beobachtete Menschen nicht, weil es ihm Vergn├╝gen bereitete ihrer privaten Momente teilhaftig zu werden. Er beobachtete sie, weil er sich bestm├Âglich vorbereiten wollte, bevor er mit ihnen in Kontakt trat. Unvorbereiteter Kontakt zu fremden Menschen war f├╝r Franz nicht vorstellbar, denn dann verging er vor Sch├╝chternheit und Unbeholfenheit. Die wenigen Menschen, mit denen er in einen solchen Kontakt geraten waren, hatten ihn nachher nie wieder gesehen. Seit etwa f├╝nf Jahren qu├Ąlte Franz sich mit dieser Scheu, sie war in ihm gewachsen, wie ein b├Âses Geschw├╝r. Abgesehen davon war Franz aber ein ganz normaler Mann in den Drei├čigern. Er hatte eine solide Ausbildung, einen Bildschirmarbeitsplatz mit gutem Einkommen und demgem├Ą├č eine freundliche, gro├če Wohnung. Mit bekannten Menschen konnte Franz umgehen. Er hatte einen kleinen Kreis guter Freunde, beiden Geschlechts. Doch oft sa├č er zuhause und f├╝hlte die Einsamkeit an sich nagen. Sonntags mittags zum Beispiel, wenn die anderen mit ihren Familien am Essenstisch sa├čen oder die Singles unter seinen Bekannten frei und unbek├╝mmert durch das Wochenende brausten, wohin es sie gerade trieb. In seiner Einsamkeit hatte er sich lange Spazierg├Ąnge angew├Âhnt. Manchmal, sp├Ątabends, schlenderte er auch durch beschauliche Wohnviertel und stellte sich vor, was hinter den herabgelassenen Rollos passierte. So geriet er nach und nach in die Rolle eines stillen Beobachters, am Rande stehend, unbemerkt vom Leben. Die Vorstellung in die Kneipe an der Ecke gehen zu k├Ânnen, um am Tresen ein Bier zu trinken und etwas zu plaudern, blieb f├╝r ihn jedoch Fiktion.
Eine Wende in seinem Leben war der Tag, an dem er Eva sah. Er war auf dem R├╝ckweg von einem seiner Spazierg├Ąnge durch die sonntagnachmitt├Ągliche Einsamkeit, als er sie in einem Garten entdeckte. Ihre Rufe hatte er zuerst wahrgenommen. Fast automatisch verlangsamte er seinen Schritt. Routinem├Ą├čig suchte er Deckung hinter einer der Linden in der Allee und sp├Ąhte nach der Besitzerin dieser Stimme. In dem Garten sah er eine Bewegung, aber keine menschliche, sondern die einer getigerten Katze, die auf der verwitterten Backsteinmauer hockte, die den Garten vom Nachbargrundst├╝ck abgrenzte. Er versuchte ihrem Blick zu folgen und sah am Rand der Str├Ąucher eine Frau in einem leichten Kleid. Sie lie├č wieder ihre Stimme h├Âren: "Julchen". Ihre Stimme lief wie warmes ├ľl in Franz Ohren. Nicht was sie sagte, das war sicherlich der Name der Katze, sondern wie: Diese W├Ąrme, diese runde, weiche Melodie. Franz w├╝nschte er k├Ânne sich augenblicklich in diese Katze verwandeln, dann w├Ąre er von der Mauer auf die Wiese gehuscht und h├Ątte die nackten Beine der Frau umschmeichelt. Dann w├╝nschte er sich, er k├Ânnte einfach an die Hecke gehen und der Frau sagen, wo ihre Katze hockte. Trotz des warmen Sommertages ├╝berfuhr ihn in diesem Moment eine G├Ąnsehaut. Seine H├Ąnde zitterten. Der blo├če Gedanke daran die Frau anzusprechen, griff mit eiserner Faust in seinen Leib und verdrehte ihm die Eingeweide. Ein fast physischer Schmerz durchschnitt seinen Rumpf und auf die G├Ąnsehaut folgte ein hei├čer Schauer. Sein Gesicht gl├╝hte, sein Puls raste. Die Frau strich eine Haarstr├Ąhne aus dem Gesicht hinter das Ohr und nahm dann die Katze auf den Arm. Dann drehte sie sich um und ging, die Katze mit Worten und H├Ąnden liebkosend, auf das Haus zu, in dem sie verschwand. Franz lehnte sich mit dem R├╝cken an den Baum, rutschte mit seinem R├╝cken an der rauhen Rinde hinab und sp├╝rte die Entlastung in seinen weichen Knien, als sein Ges├Ą├č den Boden ber├╝hrte. Er umfa├čte seine angewinkelten Beine und krallte die Finger in die Jeans, um das Zittern in den Griff zu kriegen. Er weinte. Als er sich nach einer ganzen Weile wieder etwas beruhigt hatte, wischte er sich das Gesicht ab und ging, erf├╝llt von einer gewaltigen Traurigkeit, nach Hause. Das war nicht der erste Anfall dieser Art, aber so schlimm war es schon lange nicht gewesen. Sein K├Ârper hatte ihn wieder im Stich gelassen, die Sicherungen in seinem Kopf waren reihenweise mit stiebenden Funken durchgeknallt. Auch nach der kalten Dusche war er nur notd├╝rftig wieder sortiert. Er sa├č bis tief in die Nacht hinein vor dem PC-Bildschirm. Schlie├člich, als seine Augen brannten und tr├Ąnten, er seinen Nacken indessen gar nicht mehr sp├╝rte, legte er sich ins Bett. Ruhelos w├Ąlzte er sich hin und her. Aus Gewohnheit griff er sich zwischen die Beine, doch eine Errektion blieb aus. Mit dem Morgengrauen stand er auf, machte sich starken Kaffee und setzte sich auf den Balkon, um die V├Âgel zu h├Âren, die lautstark den Tag begr├╝├čten. Nach der zweiten Tasse Kaffee waren ihm zwei Dinge klar: so konnte es nicht weitergehen und er mu├čte sie kennenlernen. Er war verliebt. Deshalb hatte es ihn so heftig gesch├╝ttelt, so hei├č ├╝berlaufen. Seine Panikattacke war vermischt gewesen, mit den zuckrigen Stachelschmerzen der Liebe. Von nun an beschattete er ihr Leben: Er ging zu ihrem Haus und notierte die Adresse, nur ein Name auf dem Klingelschild: Roseneis! In der n├Ąchsten Telefonzelle der n├Ąchste Informationsschnipsel: Roseneis, Eva, Tel. 561856. Der Zettel mit dem notierten Namen und der Telefonnummer brannte in seiner Tasche, als er wieder an ihrem Haus vorbeiging. Zuhause w├Ąhlte er ihre Nummer, kaum das er die T├╝re hinter sich geschlossen hatte. In der Telefonzelle hatte er sich das nicht getraut, aber hier, in seinen eigenen vier W├Ąnden, f├╝hlte er sich sicher. "Hallo! Ich bin nicht zuhause. Ich komme aber wieder und wenn sie m├Âchten, da├č ich dann ihre Nachricht vorfinde, dann sprechen sie mir nach dem Signal doch bitte aufs Band. Tsch├╝├č!". Diese Stimme, zwar leicht verfremdet durch die digitale Wiedergabe, aber er erkannte sie sofort. Jetzt brannte er lichterloh und ihm war klar, f├╝r diese Frau w├╝rde er alles geben, was er zu geben vermochte.
Er hatte gr├╝ndlich gearbeitet, in dem Jahr, das inzwischen vergangen war. Ihr Leben war ihm ebenso vertraut wie seins. Morgens stand er in der N├Ąhe ihres Hauses, wenn sie es verlie├č und in ihren Wagen stieg. Mittags wartete er in der Eingangshalle des Museums, in dem sie arbeitete, und beobachtete jeden ihrer Schritte, wenn sie die Halle diagonal durchschritt, auf dem Weg in ihre Mittagspause. W├Ąhrend sie im Bistro war, sa├č er einige Meter von ihr entfernt auf einer Bank in der Fu├čg├Ąngerzone, scheinbar in eine Zeitung vertieft, doch in Wahrheit nur sie im Auge. ├ängstlich hielt er jedoch einen gewissen Sicherheitsabstand zu ihr ein. Auf keinen Fall durfte sie vor der Zeit auf ihn aufmerksam werden. Er wu├čte, er w├╝rde nur eine Chance haben und wenn er die verpatzte, dann war alles vergeblich, sogar sein Leben. Seine Arbeit hatte er in die Nacht verlegt. Seine Tage geh├Ârten nur ihr. Schlaf war Luxus geworden. Doch Franz war guten Mutes, denn obwohl sie ihn nicht kannte, hatte er bereits einen Platz in ihrem Herzen. Denn Eva g├Ânnte sich in Anlehnung an ihre Arbeit als Kunsthistorikerin einen Spleen: Engel. Seit Franz das wu├čte, tauchten in Evas Umgebung immer neue Engel auf und obwohl sie zu gerne gewu├čt h├Ątte, wer ihr diese immer neuen Engelgeschenke macht, geno├č sie auch die Tatsache, von einem anonymen Menschen so reichlich beschenkt und beachtet zu werden.
Schlie├člich f├╝hlte Franz sich bereit in Evas Leben zu treten und er war ganz sicher, wenn er alles richtig machen wollte, dann konnte er es nur als Engel wagen; Franz wollte vom Himmel herab in Evas Leben schweben. Er baute riesige Fl├╝gel aus echten, wei├čen Federn und eine Flugkonstruktion, eine Mischung aus Bungeeseil und Fallschirm. Dann stand Franz auf dem Hausdach. Noch zwei Sekunden, eine, Absprung. Doch Eva war nicht da. Sie sa├č schon im Bistro und als sie die Zeitung aufschlug, schlug Franz auf das Kopfsteinpflaster auf. Die zerbrochenen Fl├╝gel f├Ąrbten sich rot.
Am n├Ąchsten Tag las Eva die Schlagzeile in der Zeitung: Engel erlitt t├Âdlichen Absturz. Darunter ein Bild des zerbrochenen Mannes. Da wu├čte sie, sie w├╝rde keine Engelgeschenke mehr bekommen und sie fr├Âstelte in der Sonne und kn├Âpfte ihre Strickjacke zu.

(├ťbernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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