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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Engel und der Feuerwehrmann
Eingestellt am 12. 08. 2001 16:02


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Christoph72
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

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Der Engel und der Feuerwehrmann


Sie redeten, lachten, fluchten oder unterhielten sich einfach nur. Wer waren
diese Menschen, die ihren Tag einfach daraufhin leben, ohne einen Gedanken an ihr eigenes Dasein zu verlieren? Sie beobachtete die Menschen schon lange. Dabei saß sie am liebsten auf einem der DĂ€cher der großen KaufhĂ€user in der Stadt. Bemerken konnte sie niemand, denn Engel sind nur stille Begleiter, die neben den Menschen gehen, jedoch nie zu sehen sind. sie saß auf einem Kamin des alten Kaufhauses und beobachtete den Marktplatz. Tief in sich versunken, die Strasse beobachtend. Ihre Knie waren leicht angezogen und sie stĂŒtzte ihren Kopf auf ihre HĂ€nde, die wiederum ihr dunkles Haar berĂŒhrten. Sie beobachtete und trĂ€umte gleichzeitig. Sie versuchte sich in die Köpfe der kleinen Menschen unter ihr zu denken, aber sie konnte es nicht. Sie bemerkte immer wieder die Mimik der Leute, die lachten. Was muss das fĂŒr ein GefĂŒhl sein, lachen zu können. Meistens begleitet ein Engel die Menschen nur, wenn sie trauern oder Angst haben, aber nie, wenn sie lachen oder glĂŒcklich sind.
Sie sehnte sich danach einmal lachen zu können, das GefĂŒhl von GlĂŒck und
Zufriedenheit zu spĂŒren, aber sie kannte es nicht. Hatte sie es niemals gelernt
oder hatte sie es verlernt? Sie wusste es nicht.

Sie wollte sich ablenken, und als sie sich vornahm fortzufliegen, erschienen
plötzlich ihre großen weißen und mĂ€chtigen FlĂŒgel auf ihrem RĂŒcken. Sie
stellte sich, und mit Leichtigkeit, ohne einen Hauch Luft zu bewegen, setzten sich ihre FlĂŒgel in Bewegung, und sie ließ sich von ihnen tragen und flog ĂŒber die DĂ€cher der Stadt, ihre Gedanken immer noch um diese lachenden Menschen kreisend.

Lange flog sie ĂŒber StĂ€dte, Dörfer, Ebenen, Felder und Wiesen, bis sie plötzlich in einem kleinen Dorf Rauch und Qualm in der Luft bemerkte. Es zog sie an, und sie kam dem Ursprung nĂ€her. Sie bemerkte großes Treiben unter sich.
Ein großer Bauernhof stand in Flammen, und unter ihr war alles in Hektik
versunken. Viele Menschen rannten durcheinander. Lautes Geschrei und viele Stimmen waren zu hören. Sie bemerkte ein blaues Licht unser sich, das von Feuerwehrwagen stammte, die rings herum um diesen brennenden Hof standen.
Auch hier war ein dichtes Treiben zu vernehmen. Ein Laufen, ein Kommen und Gehen.

Sie sank nieder um dieses Treiben zu beobachten. Ihre FĂŒĂŸe berĂŒhrten das Dach eines Nachbarhauses, und ihre FlĂŒgel verschwanden, als sie festen Stand hatte. Sie beobachtete die verzweifelten Gesichter der Anwohner und EigentĂŒmer, die mit ansehen mussten, wie die Flammen ihr Haus schluckten. Dichter Rauch und grelle Flammen schlugen aus dem Dach des Hauses, mit einer Kraft und einem Hunger, welcher nicht nachzulassen schien, ehe das Haus in Schutt und Asche lag.




Die Begegnung


Ihr fiel plötzlich ein Feuerwehrmann auf, der verrußt, durchnĂ€sst und erschöpft aus dem Tor des Hofes kam. Er wirkte angespannt, und seine Mimik deutete auf große Last hin, wie sie nach einem Kampf jemandem im Gesicht steht. Er ging langsam Richtung Feuerwehrwagen. Er ließ vor dem Fahrzeug seinen Helm fallen und öffnete seine Jacke. Dann setzte er sich aufs Trittbrett und verschnaufte kurz, indem er kurz seinen Kopf in seine HĂ€nde legte.
Dann schaute er auf, seine HĂ€nde immer noch sein Gesicht haltend, und blickte ihr genau in die Augen. Er ließ seine HĂ€nde in den Schoss fallen und schaute sie tief an.

Es ist doch nicht möglich Engel zu sehen, dachte sie. "Er kann mich doch nicht sehen, kein Mensch kann das", sprach sie sich selber zu, doch der Blick in seinen Augen zeigte ihr, dass er sie erkannt hatte, das er sie sah und sie ihn, von Angesicht zu Angesicht.
Seinem Gesicht wich die Anspannung, und ein kleines LÀcheln kam zum Vorschein. Er stand auf und ging langsam in Richtung des Nachbarhauses, auf dem sie sich befand, sie weiterhin anschauend und lÀchelnd. Sie trat nÀher an den Dachrand heran, immer noch unglÀubig, dass er sie sah.
Der Feuerwehrmann blieb unterhalb des Daches stehen und blickte zu dem Engel hoch. "Hallo Engel", sprach er, "da bist du ja endlich, ich habe sehr lange auf dich gewartet. Du musst einen langen Weg hinter dir haben."
Sie erschrak, als sie seine Worte hörte, und ging plötzlich einen Schritt zurĂŒck. Sie starrte ihn kurz an, er lĂ€chelt in ihr Gesicht und sie ging ein paar Schritte weiter zurĂŒck, um geschĂŒtzt hinter einem Kamin zu stehen. "Wie kann es sein, dass du mich siehst? Kein Mensch kann Engel sehen", sprach sie.
Immer noch zeigte sich sein LĂ€cheln in seinem Gesicht, vor dem sie erschrak.
"Ich weiß", sprach der Feuerwehrmann, "ich sehe dich auch nicht, aber ich weiß, dass du da bist, und hören kann ich dich nur mit meinem Herzen", sagte er, "nur wusste ich, dass du irgendwann kommen wĂŒrdest, denn weißt du, FeuerwehrmĂ€nner sind dazu da, wenn jemand in Not ist, davon sind Engel nicht ausgenommen."

Sie duckte sich und setzte sich hinter den Kamin und schwieg. Er bemerkte ihr Vorgehen und sprach: "Verstecke dich nicht, du wirst keine Hilfe finden indem du dich zurĂŒckziehst und versteckst." Dabei schaute er in Richtung Kamin. "Weißt du, Engel, ich sehe deinen Schatten, der so groß ist, dass er selbst mit seinem Kummer die Sonne verdunkelt." Sie verharrte, hörte aber aufmerksam seinen Worten zu. Sie fing an zu zittern, sie hatte den Eindruck, als wĂŒrden seine Worte ihre ganzen Gedanken wie ein Karussell durcheinander wirbeln.

Lange hatte sie die Menschen beobachtet und begleitet, sie war Helfer in Not und in Verzweiflung. Sie hatte niemals gemerkt, wie schwach sie in Wirklichkeit war. Und nun plötzlich stand ein Feuerwehrmann vor ihr, ein Mensch, der sie erkannte, sie fĂŒhlte und zu allem Überfluss auch noch ansprach.
Wer war dieser Mann, wie konnte er es wagen einen Engel so anzusprechen, wo die Menschen doch sowieso an der Existenz der Engel zweifelten. Und doch war er da und sprach zu ihr.
Sie hatte plötzlich Angst, ein GefĂŒhl, das sie so noch nicht erlebt hatte. Viele Menschen hatte sie kennen gelernt, aber noch nie hatte ein Mensch sie erkannt, geschweige sich mit ihr unterhalten.

Sie beschloss sich zu stellen und sich ihm zuzuwenden. "Wer bist du, dass du es wagst, einen Engel so anzusprechen und so zu verÀngstigen?"
"Ich bin nur ein Feuerwehrmann, der dazu da ist, zu helfen und zu retten. Ich kann nichts anderes. Ich merke , wenn ein Wesen in Not ist, und ich weiß auch, dass es meine Pflicht ist, ihm zu helfen, auch wenn es sich wehrt, und ich merke, du wehrst dich", sprach der Feuerwehrmann.

"Aber ich verstehe nicht, wie du mich sehen kannst", sprach sie. Er entgegnete: "Menschen sehen mit ihrem Herzen, sie spĂŒren ihr GegenĂŒber, auch wenn es sich verstellt. Weißt du, die Menschen haben vergessen mit dem Herzen zu sehen, sie sehen nur noch mit den Augen und ĂŒbersehen dabei all das Leid, was um sie herum ist."

Ihre Angst wich, und Neugier erwachte in ihr. "Wer bist du, das du mich erkennst? Ich bin doch nur ein Schatten der Menschen, die diesen Planeten bevölkern", sagte sie und blickte ihm in die Augen. Sie bemerkte, dass sein Gesicht verrußt und verschwitzt war. Er musste bereits lange in diesem Einsatz gewesen sein, denn sie bemerkte auch seine Erschöpfung. Dennoch strahlte er Kraft und StĂ€rke aus.
Sie fasste allen Mut zusammen, denn sie wollte ihn eigentlich in die Schranken weisen, aber sie sagte nur zu ihm: "Willst du mich kennenlernen?"

Er antwortete ohne zu zögern: "Ja sehr gerne, komm herunter und ich werde dir die Welt zeigen, wie sie ist."
Sie schaute sich um und bemerkte immer noch all die Menschen um sie herum, aber niemand schien sie zu registrieren.
Ihre FlĂŒgel erschienen auf ihrem RĂŒcken und hoben sie leise, wieder ohne ein LĂŒftchen zu bewegen, vom Dach neben diesen Feuerwehrmann.
Er beobachtete sie und folgte mit seinem Blick ihrem Tun, obwohl er sie nicht sah. Er bemerkte, wie sie langsam neben ihm zu Boden sank. Dann stand sie da, schaute in seine Augen und er in ihre.
"Dein Schatten zeigt mir, welch große Last du mit dir trĂ€gst. Dein Gesicht ist so kalt, das zeigen mir die RĂ€nder deines Schattens. Kannst du denn nicht lachen?", fragte er sie.
Sie entgegnete ihm: "Lachen, das ist doch das, was die Menschen am meisten verwundbar macht. Wie sollte ich es da können? Ich will nicht lachen, es wĂŒrde mich nur schwĂ€chen!"
Da drehte er sich ganz zu ihr um und wurde mit einem Schlag ganz ernst. "Wie kannst du nur so etwas sagen?", sprach er mit gereizter Stimme, "das Lachen ist unser höchstes Gut, es hilft aus jeder Angst, jeder Verzweiflung und jeder Trauer heraus. Das Lachen ist das GrundsĂ€tzliche um glĂŒcklich zu sein. Ich meine damit kein Grinsen oder kein kĂŒnstliches Lachen, das Lachen muss aus deinem Inneren kommen, es muss dich ĂŒberwĂ€ltigen. Es muss weh tun im Bauch, erst dann kommt es aus deinem Herzen. Aber wie ich sehe kannst du nicht lachen. Hast du es verlernt?"
"Du machst mir Angst", sprach sie mit gedrĂŒckter Stimme, " ich weiß noch nicht einmal, ob ich nicht lachen kann oder ob ich es verlernt habe."

Seine Mimik wurde wieder heller. Er griff zu ihrer Hand, die er tatsĂ€chlich spĂŒrte, aber nicht sah.
"Komm, Engel," sprach er ihr mit vertrauensvoller Stimme zu, "komm, ich werde dir das Lachen wieder zeigen. Das Lachen steckt in jedem, nur kann man es verlernen. Ich merke, dass viel Leid und Sorge dein Lachen unter Verschluss hÀlt, komm, wir lassen es wieder gemeinsam frei."
Dann ging er mit ihr los und wandte sich ab von dem Bauernhof. Keiner bemerkte ihr tun, es schien so, als ob er nicht vermisst wĂŒrde, nicht gebraucht und auch gar nicht dazu gehörte.




Die Geburt der Engel


Die beiden gingen die Strasse hinab, die HĂ€nde haltend und sich vertrauend. Sie spĂŒrte eine eigenartige AtmosphĂ€re heraufkommen, eine Ära (Aura?), die sich wohlig anfĂŒhlte, vertraut wie das GefĂŒhl eines Kindes bei seiner Mutter.
Sie schwiegen sich lange an und folgten dem Lauf der Straße. Viele HĂ€user, GĂ€rten und auch Straßen wichen an ihnen vorbei.
Plötzlich merkte sie, wie alles um sie herum verschwamm, der Boden wich weg und sie gingen im Taumel bunter Lichtstrahlen.
Alles drehte und blinke um sie herum, und er ging weiter mit ihr. Sie schwebten.
Langsam löste sich alles wieder auf und sie stand wieder auf festem Boden. Sie blickte verwirrt um sich herum. Sie standen in einer Welt, die weich war wie Samt, nichts Hartes war zu spĂŒren oder zu sehen. Der Boden war dem eines weichen Mooses gleich, alles wirkte in einem rötlichen Ton. Sie bemerkte Blumen, ĂŒberall! Sie waren mimosengleich, weich und pelzig. Es war ein harmonischer Ort. Es war der Ort des Ursprungs der Engel.


Dieser Ort war ihr so vertraut, ihre Augen fĂŒllten sich mit TrĂ€nen. Dies war ihre Heimat, hierher kam sie.
„Wieso fĂŒhrst du mich hierhin?“, fragte sie mit bewegter Stimme.
„Dies ist der Ort deines Ursprungs, hier bist du entstanden. Um dich selber besser kennen zu lernen musst du deine Vergangenheit kennen lernen. Deine Heimat, deine Herkunft“, antwortete er.

Sie konnte sich noch zu gut daran erinnern, wie sie hier erstmals von der Welt um sich herum Notiz genommen hatte.
„Weißt Du eigentlich, wie ihr Engel entsteht?“, fragte der Feuerwehrmann.
„Nein, ich kenne unseren Ursprung nicht. Unsere Bestimmung ist uns eingegeben, und ich kann mich nur an den Moment erinnern, an dem ich auf dieser Welt erschient.“

Der Feuerwehrmann deutete ihr an sich zu setzen. Sie nahmen Platz auf dem weichen Boden dieser rötlichen Welt. Selbst der Himmel war hier rot, jedoch existierte keine Sonne. Das Leuchten, das diese Welt erhellte, schien von ĂŒberall her zu kommen. Man konnte keinen genauen Ursprung feststellen.
Die endlose Landschaft um sie herum erinnerte an Wolken. Leicht geschwungen und uneben, wie eine Wolke wirkte der Boden.

„Weißt Du, immer wenn die Menschen Angst, Trauer, Sorge oder Leid verspĂŒren, lĂ€sst dies eine Mimose hier wachsen“, sprach er.
Erst jetzt bemerkte sie, wie endlos und wie unendlich zahlreich diese Blumen ĂŒberall aus dem Boden hervor wuchsen. Wohin man schaute, bis zum Horizont, sah man ein unzĂ€hlbares Meer von Mimosen. Und sie bemerkte, dass immer wieder kleine Lichtblitze in diesem Meer von BlĂŒten aufleuchteten.
„Und fĂŒr jede TrĂ€ne, die sie dabei verlieren, wĂ€chst an einem Mimosenstiel eine gelbe BlĂŒte“, erzĂ€hlte er „und aus diesen gelben BlĂŒten entsteht ihr Engel. Sieh dorthin, da siehst du es.“

Sie blickte auf eine ganz bestimmte Mimose, die er ihr zeigte. Eine der gelben BlĂŒten zeigte plötzlich Regung. Sie zitterte leicht. Plötzlich wuchs aus ihr ein grelles kleines Licht heran, in das man kaum hineinsehen konnte, so grell war es. Dann in einem kleinen Lichtblitz verschwand die BlĂŒte und zum Vorschein kam in einem winzigen Augenblick ein neuer Engel. Erst jetzt sah sie ringsherum die vielen Engel, die laufend durch das Meer von Lichtblitzen neu entstanden.
Der Engel streckte sich, als wĂ€re er aus einem langen Schlaf erwacht, dann schaute er kurz um sich und flog mit seinen prĂ€chtigen weißen FlĂŒgeln von dannen. Nur sie konnte den Engel sehen, und das auch nur fĂŒr einen kurzen Moment, ehe er verschwand.

Seine Erhabenheit, sein Glanz und seine StĂ€rke beeindruckten sie. Sie spĂŒrte fĂŒr einen Moment stolz auf ihr Dasein. Ihr Gesicht zeigte plötzlich Ruhe, Entspanntheit und Neugier. Sie erinnerte sich an ihren Anfang, diese Unbeschwertheit, all das Neue, was sie daraufhin kennen gelernt hatte. Sie wusste noch, der erste Anblick der Sonne, als sie auf die Erde kam, es war so ein Moment von Unbeschwertheit.
Sie fĂŒhlte sich plötzlich so leicht und entspannt. Dies entlockte ihrem Gesicht ein leichtes LĂ€cheln, welches ihr im ersten Moment unbewusst blieb.
„Siehst du, Engel, dein erster Augenblick, den du erlebtest, war ein guter Augenblick. Es zwingt dich sogar zu einem LĂ€cheln. Du kannst es doch, du hattest es nur verlernt“, sagte er daraufhin voller Genugtuung.

„Weißt du, die Menschen glauben immer weniger an Engel, und dadurch gibt es immer weniger von ihnen. Sie entstehen nur, wenn man an sie glaubt, aber das haben viele Menschen verlernt. Diese Welt war frĂŒher so sehr erhellt von den Lichtblitzen der Mimosen, dass man geblendet war“, erzĂ€hlte er weiter, „auch deine Entstehung verdankst du der TrĂ€ne eines Menschen. Eure nĂ€chste Aufgabe ist es dann immer, diesen Menschen zu suchen, der diese TrĂ€ne fĂŒr euch verloren hat. Eure Aufgabe endet erst dann, wenn dieser Mensch seine Welt verlĂ€sst.“

Beide schwiegen sich an. Erneut fĂŒllten sich ihre Augen mit TrĂ€nen, denn sie wusste nur zu gut, das sie zwar schon viel geholfen hatte, aber ihren Menschen noch nicht gefunden hatte, dem sie diese TrĂ€ne verdankte.
Das wurde ihr jetzt klar.




Der Clown


Der Feuerwehrmann stand auf, deutete ihr an auch aufzustehen und sagte: „Komm Engel, das ist deine Vergangenheit, lassen wir sie hinter uns und sehen wir, wie deine Gegenwart aussieht.“
Sprachlos, aber leicht von seinen Worten ĂŒberrascht, stand sie auf und folgte ihm durch das Meer unzĂ€hliger Mimosen. Sie beobachtete jeden Lichtblitz auf ihrem Weg, bemerkte dann aber, dass alles um sie herum wieder begann zu verschwimmen und sich zu drehen. Wieder sah sie, wie unter ihnen der Boden verschwand und sie einstiegen in einen wunderbaren Lichtwirbel.

Nach einem kurzen aber zeitlosen Moment bemerkte sie wieder festen Boden unter ihren FĂŒĂŸen. Langsam verschwand der Lichtwirbel um sie herum, so wie er gekommen war.
Sie fand sich mit dem Feuerwehrmann auf dem Dach des großen Kaufhauses wieder, wo sie doch so gerne die Menschen beobachtete.
Sie sah die Menschen, die sie kannte, die jeden Tag ihren Weg in einer endlosen Routine zur Arbeit, zum Einkauf oder einfach nur zu einem Spaziergang schritten.


Der Feuerwehr nahm sie zur Seite und deutete auf einen Straßenclown, der vor dem großen BĂŒrohaus gegenĂŒber stand und die Menschen unterhielt.
Er machte seine SpĂ€ĂŸe mit den Menschen und heiterte sie auf. Die Augen der kleinen Kinder, die vor ihm standen und sein Tun beobachteten, wuchsen und wuchsen. Das Strahlen vor GlĂŒck in ihren Augen ließ sie Raum und Zeit vergessen.

Diesen Clown hatte sie vorher nie bemerkt. Wie sie ihn genau musterte, bemerkte sie, das er bereits Àlter war und nicht sehr vorteilhaft gekleidet war. Aber den Kindern war das egal. Wie sehr waren sie auch auf seine Gesten und seine Komik konzentriert, so dass sie nicht bemerkten, welcher Mensch sich dahinter versteckte.
Nach einer Weile verneigte sich der Clown und verabschiedete sich. Er bedankte sich und winkte den dann weggehenden Kindern, die sich nochmals zu ihm umdrehten und ihm ein Lachen schenkten, zu.
Als alle, die ihn gerade eben noch bewundert hatten, weg waren, nahm er seinen Hut, in den die Leute ihm etwas Geld fĂŒr seine Vorstellung gegeben hatten, und packte seine Sachen.

Er ging die Strasse hinunter zur alten EisenbahnbrĂŒcke. Dort setzte er sich auf einen alten Eisenpfosten und begann sein Gesicht abzuschminken.
Der Engel erschrak, als sie sah, was da fĂŒr ein Gesicht zum Vorschein kam. Es wirkte mĂŒde, erschöpft und sehr traurig. Kein Lachen kam mehr aus dem Gesicht, welches kurz zuvor noch durch sein Strahlen die Kinder und Erwachsenen zum Lachen gebracht hatte.
Sie bemerkte eine TrĂ€ne, die aus dem rechten Auge das Mannes quoll und sich mit den Farbresten seiner weißen Schminke vermischte. Eine leichte weiße Spur hinterlies diese TrĂ€ne, als sie die Wangen hinunter rutschte. Dann fiel sie zu Boden und versank im Dreck.

Sie dachte sich, nun hat eine Mimose eine weitere gelbe BlĂŒte gebildet. Aber wird daraus auch ein Engel entstehen? Und wenn ja, wird dieser Engel diesen armen alten Mann auch finden?
Sie wurde bei diesem Anblick sehr traurig.

Ein kleines MĂ€dchen kam des Weges entlang. Sie, die sie eben noch diesen Clown bewundert hatte, erschrak fĂŒrchterlich, denn sie erkannte ihn. Der Mann schaute sie an, als wĂ€re er in einem Versteck entdeckt worden. Das MĂ€dchen blieb kurz wie angewurzelt stehen und schaute tief in seine Augen. Da war keine Freunde mehr, kein GlĂŒck und auch kein Lachen.
Die Eltern, die kurz darauf dem MĂ€dchen folgten, sahen das und drĂ€ngten die Kleine zum Weitergehen. Sie blickte sich laufend um und sah, wie der Clown hinter ihr immer weiter zurĂŒck blieb.
Der Engel hörte noch die Kleine zu ihren Eltern sagen: „Wo ist das Lachen vom Clown geblieben?“, aber die Eltern drĂ€ngten sie nur kopfschĂŒttelnd dazu weiterzugehen.

Als sich der Mann abgeschminkt hatte, nahm er seine Sachen, verkroch sich in einen Unterschlupf unterhalb der EisenbahnbrĂŒcke und machte sich sein Nachtlager zurecht. Der Engel sah ihn noch einmal aufblicken, ehe er zusammen sank und einschlief.

Der Feuerwehrmann legte seine Hand auf die Augen des Engels, und als er sie wieder abnahm, schien es, als wÀren Stunden vergangen.
Sie erblickte die Uhr in der Straßenpassage und bemerkte, dass es viele Stunden spĂ€ter war, sehr frĂŒh am Morgen.
Reif und Eiskristalle ĂŒberzogen die DĂ€cher. Es war wieder einer dieser kalten HerbstnĂ€chte, die langsam den Einzug des Winterd signalisierten.
Kurz danach fiel ihr Blick wieder auf den Unterschlupf des Clowns. Zwei Eisenbahnarbeiter, die gerade ansetzten, Arbeiten an der BrĂŒcke vorzunehmen, entdeckten den alten Mann und wollten ihn wecken. Denn er lag in seinem Unterschlupf vor einem Verteilerkasten, zu dem sie Zugang suchten.
So sehr sie auch ihn ansprachen und ihn rĂŒttelten, er bewegte sich nicht. Er war tot. Im Dunkel der kalten Nacht eingeschlafen, fĂŒr immer.

Aber einen Anblick verstand sie nicht: Ein LĂ€cheln lag auf seinem Gesicht, als habe er im Moment des Todes das GlĂŒck gespĂŒrt.

„Siehst du, Engel, dieser arme Mann hat seinen Engel gesehen. Der Engel hat ihn gefunden und heimgebracht,“ sprach der Feuerwehrmann.
„Warum zeigst du mir so etwas Trauriges?“, fragte sie.
„Weißt du, Engel, dieser Mann hat nicht vergessen, dass es Engel gibt, aber schau dich um, alle Menschen, die du erblickst, haben den Glauben verloren. Sie leben nur um zu sterben. Dieser Mann wusste, dass seine Stunde kam, darum entwich ihm die TrĂ€ne. Diese hat an seiner Mimose in deiner Welt eine BlĂŒte erschaffen, die seinen Engel schuf und ihn rief. Der Engel hat ihn gefunden und Heim gebracht.“

Der Engel spĂŒrte Erleichterung und GlĂŒck, den sie wusste, dieser Engel hatte seine Aufgabe gefunden und seinen Dienst vollbracht. Sie lĂ€chelte.
Wusste sie doch zu gut, dass dieser Engel seine Aufgabe erfĂŒllt und seinen Menschen gefunden hatte.




Die Erlösung


„Du Engel, du musst deinen Menschen noch finden,“ sprach der Feuerwehrmann und nahm sie wieder an die Hand. Sie drehten sich um, und im gleichen Moment kam das Licht zurĂŒck, das sie bereits kannte. Alles wurde wieder bunt um sie herum und sie schwebten wieder.
Alles verschwamm, und sie merkte die Zeit an sich vorbei ziehen.

Sie bemerkte, dass das Licht um sie herum wieder nachließ. Diesmal jedoch merkte sie keinen Boden unter den FĂŒssen. Sie schwebten.


Alles um sie herum war dunkel. Sie bemerkte nur einen leichten grauen Schein um sie herum, dessen Herkunft nicht zu erkennen war.
„Wo sind wir, Feuerwehrmann?“, sprach sie. „Wir sind in deiner Zukunft“, sagte er.
Dann erschrak sie, denn sie sah den Feuerwehrmann nicht mehr, auch fĂŒhlte sie ihn nicht. Nur seine Stimme war gegenwĂ€rtig.

„So sieht deine Zukunft aus, wenn du deinen Menschen nicht findest. Siehst du die Engel um dich herum, ihre verzweifelten und verĂ€ngstigten Augen? Wenn du das nicht findest, was fĂŒr dich bestimmt ist, wirst du in der ewigen Dunkelheit enden, und die besteht lĂ€nger, als es die Erde und die Menschen tun“, sprach der Feuerwehrmann ihr zu.
Sie erschrak fĂŒrchterlich und weinte. Sie erblickte um sich herum die Schatten der Engel, die ihren Menschen nicht gefunden hatten, und es wurden von Sekunde zu Sekunde immer mehr.

„Hörst du das große Wehklagen und Leid in ihren Herzen? Sie waren nicht da, als die Menschen sie riefen um zu gehen. Nun sind die Menschen fort und werden den Ort, fĂŒr den sie nach dem Leben bestimmt sind, nicht finden. Denn ihr Engel seid die Wegweiser, die FĂŒhrer“, sprach der Feuerwehrmann, “du musst dich endlich aufmachen und deinen Menschen suchen, denn sobald du entstehst, bist du gerufen worden. Je lĂ€nger du wartest, um so nĂ€her kommst du der Dunkelheit. Die Erde und die Menschen existieren in dieser Zeit schon lange nicht mehr. All das Sein hat aufgehört zu existieren. Geh endlich deinen Weg und such deinen Menschen, Engel!“

Das waren seine letzten Worte, und im gleichen Augenblick, in dem seine Stimme in der Unendlichkeit verschwand, fand sie sich wieder auf dem Dach vor dem Bauernhof, vor dem das große Treiben wegen des Feuers immer noch anhielt.

Aber wo sie auch hin sah und hinblickte, sie fand ihren Feuerwehrmann nicht mehr. Er war nicht mehr da. Sie versank in tiefer Trauer. War er ihr doch so vertraut geworden, wie einer der ihren.
Als sie so in sich zusammengesunken war und lÀngere Zeit auf den Boden blickte, wurde sie auf laute Rufe aufmerksam, die aus der Toreinfahrt kamen, wo einst ihr Feuerwehrmann heraus auf sie zu kam.

Plötzlich tauchten aus dem vielen Qualm zwei FeuerwehrmÀnner auf, die einen bewusstlosen Kameraden aus dem Hof trugen. Vor einem der Fahrzeuge legten sie ihn ab, sie gestikuliertem einen Notarzt, er möge sofort herkommen.
Gleichzeitig befreiten sie ihm von seiner AtemschutzausrĂŒstung und öffneten seine Jacke. Sofort fingen sie mit der Reanimation an, die der herbeieilende Notarzt sofort fortsetzte.
Die FeuerwehrmĂ€nner traten mit erstarrtem Gesicht zurĂŒck, um den auch herbeieilenden SanitĂ€tern Platz zu machen.

Sie erstarrte, erblickte sie doch in dem da liegenden Mann ihren Feuerwehrmann, bewusstlos und leblos.
Im nĂ€chsten Augenblick erschien neben seinem Körper eine Gestalt, die mehr und mehr zu Formen kam. Es war der Feuerwehrmann selbst, der aus seinem Körper gestiegen war um seinen Engel zu suchen. Er registrierte das Geschehen um sich herum und kniete dann zwischen den SanitĂ€tern nieder und strich seinem leblosen Körper durchs Haar. Dann erhob er sich, drehte sich um und sah auf dem Dach gegenĂŒber den Engel sitzen. Er lĂ€chelte ihr zu.
Dann kam er auf sie zu und blieb unterhalb des Daches stehen.
Sie schwiegen sich an. Sie lachten sich an. Dann sprach er mit erleichterter Stimme: „Hallo Engel, bringst du mich heim?“
Augenblicklich sprang sie auf. Ihre prĂ€chtigen FlĂŒgel erstrahlen hinter ihr. Ihre mĂ€chtigen Bewegungen ließen sie lautlos schweben.
Sie ĂŒberkam das GefĂŒhl endlosen GlĂŒckes, und sie sprach zu ihm: „Komm, mein Feuerwehrmann, komm. Ich bring dich jetzt nach Hause. Endlich habe ich dich gefunden!“

Sie schwebte hinunter und nahm seine Hand. Sie lachten sich an und umarmten sich. Wiederum lautlos bewegten sich ihre FlĂŒgel, und sie stiegen in die Luft empor.
Lautlos und unbemerkt schwebten sie von dannen, unbemerkt in Richtung Sonne, deren warme Strahlen die Erde in ein leichtes warmes Rot hĂŒllten.



__________________
Autor:
Christoph Steffens
Wassenberg (Deutschland)

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flammarion
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geschichte gefĂ€llt mir sehr gut und kommt in meine sammlung. ganz lieb grĂŒĂŸt
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