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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Eunuch
Eingestellt am 11. 11. 2002 23:34


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echnaton
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Nov 2002

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„H├Ârt alle her, der Jahrmarkt kommt". rief der Junge ganz aufgeregt und lief keuchend auf seinen blo├čen F├╝├čen durch die Gassen des Dorfes. Ein paar Menschen steckten neugierig ihre K├Âpfe aus den Fenstern, Kinder liefen aus den Toren der niederen ├Ąrmlichen H├Ąuser und rannten dem Jungen hinterher. „Der Jahrmarkt kommt!", kreischten sie voller Freude. Ein Mann blieb mit seiner Heugabel in der Hand stehen. „Hast du ihn denn gesehen, den Jahrmarkt meine ich", fragte er den Jungen. „Er war auf der Landstra├če, dort hab ich ihn gesehen", antwortete der Junge keuchend.

Von der Ferne h├Ârte man schon den L├Ąrm des herannahenden Jahrmarktes. Die Wirtsl├Ąute bereiteten die Zimmer vor, denn ein paar von den Schaustellern und H├Ąndlern w├╝rden sicher im Wirtshaus ├╝bernachten wollen, dachten sie. Die Menschen traten aus ihren H├Ąusern hervor und s├Ąumten die Hauptstra├če des Dorfes, um den Jahrmarkt einziehen zu sehen.

Der Jahrmarkt zog ins Dorf ein. Eine Blaskapelle spielte, Gaukler f├╝hrten ihre Jonglierk├╝nste vor, bunt gekleidete Zwerge tanzten um die beladenen Wagen, ein dicker ganz in schwarz gekleideter Mann br├╝llte durch ein Sprechrohr „H├Ârt zu ihr Leute, heute zieht der Jahrmarkt ein, kommt alle, seht euch das an, das d├╝rft ihr nicht vers├Ąumen!", die H├Ąndler zogen mit ihren von Waren ├╝berbeladenen Karren hinter den Schaustellern her.

Der Jahrmarkt schlug seine Zelte ein wenig au├čerhalb des Dorfes auf. Die Menschen liefen herbei und bestaunten die Feuerschlucker, die Gaukler, die Spa├čmacher, die Zwerge, die in ihren bunten Kost├╝men akrobatische Kunstst├╝cke darboten. Einige lie├čen sich von den H├Ąndlern so manch Unn├╝tzes andrehen, andere lauschten den M├Ąrschen der Blaskapelle. Hinter einem der Marktst├Ąnde befand sich ein kleines graues Zelt, vor dem der dicke Mann in schwarz mit seinem Sprechrohr stand. „Kommt her!", rief er, „das gibt es nur bei mir zu sehen, kommt alle her". Eine kleine Ansammlung von Schaulustigen bildete sich vor dem Zelt. Ein Bauer rief seine Frau zu sich „was das wohl ist". Es kamen immer mehr Menschen zu dem Zelt. „So etwas habt ihr noch nicht gesehen, kommt her..." br├╝llte der Dicke. Als sich eine beachtliche Anzahl an Neugierigen vor dem Zelt versammelt hatte, lief er hinein und schrie „Kaspar, Kapsar, komm du Drecksack". Der Dicke trat aus dem Zelt hervor, und hinter ihm humpelte eine Gestalt in schmutzigen Lumpen. Sie n├Ąherten sich der Menge. „Seht her, das ist Kaspar!", br├╝lle er. Er gab dem Mann einen Fu├čtritt „Geh Kaspar, damit man dich auch sehen kann". Kaspar hinkte n├Ąher zu der Menge. „Habt ihr schon einmal so etwas h├Ąssliches gesehen?", rief der Dicke und lachte lauthals in die Menge. Die Zuschauer verstummten. Kaspar war einigerma├čen gro├č gewachsen, kahl, sein K├Ârper voll mit Schmutz und Schorf, der rechte Arm endete in einem fleischigen Stummel. Er stand mit blo├čen F├╝├čen im Schlamm. Er ging ein wenig herum und schleifte dabei seinen linken Fu├č hinterher und stie├č ein paar unverst├Ąndliche Laute aus. Der Dicke fasste ihn bei den Backen und presste seine kleinen klobigen Finger so fest dagegen, dass Kaspar den Mund ├Âffnen musste. Er gab ihm einen Fu├čtritt und br├╝llte „Mund auf, du Sack!". Kapsar sperrte seinen Mund weit auf. „Seht her er hat keine Zunge, die hat man ihm herausgeschnitten, dort im Straflager", kreischte der Dicke. Die Menge begann zu lachen. „Keine Zunge, haha, seht her, er hat keine Zunge".

„Er hat das Straflager ├╝berlebt, diese Kreatur, seht nur her wie h├Ąsslich er ist", h├Âhnte der Dicke und versetzte ihm noch einen Tritt. Er stie├č Kaspar noch n├Ąher zur Menge hin, sodass diejenigen, die weiter vorne standen die Narben in Kaspars Gesicht sehen konnten. „Seht die Narben, oh ist der h├Ąsslich" riefen einige. „Und jetzt, jetzt seht her, das ist so h├Ąsslich, dass ihr es kaum woanders sehen k├Ânnt", johlte der Dicke. Er schlug Kaspar ins Gesicht und befahl ihm, sich seiner Lumpen zu entledigen. „Na los doch", kreischte er, „zeig den Leuten, was sie mit dir dort gemacht haben". Kaspar sch├╝ttelte den Kopf, gab heftige Laute von sich, versuchte dem Dicken davonzuhumpeln und fiel auf den schlammigen Boden. Die Zuschauer lachten und gr├Âlten. Kaspar bekam ein paar Tritte von seinem Peiniger und stand wieder auf. Der Dicke zog ihm die vom Schlamm durchdr├Ąngte Hose herunter, die nur durch eine sch├Ąbige Kordel an seinem K├Ârper gehalten wurde. Die Schaulustigen verstummten. Kaspar bedeckte seinen Unterleib mit der Hand und dem Stummel. Der Dicke zog ihm die Hand weg und gab ihm noch einen Tritt. Kaspar stand nun vollends entbl├Â├čt vor der staunenden Menge. „Er ist ja verschnitten wie ein Ochs", br├╝llte einer. Die Zuseher begannen schallend zu lachen. Sie n├Ąherten sich ihm, streckten ihre Arme aus und versuchten seinen entstellen Unterleib zu betasten. „Ein Eunuch", gr├Âlte eine Frau. „Nun liebe Leut, so etwas habt ihr noch nicht gesehen, gebt ein paar M├╝nzen f├╝r die Darbietung", br├╝llte der Dicke zufrieden durch das Sprechrohr. „Tanz Kaspar, tanz f├╝r uns". johlte einer in der Menge. „Ja, tanz!", begannen andere zu rufen. Einer kam mit einem Gef├Ą├č hei├čer Kohlen herangeeilt. Man begann mit den Kohlen nach ihm zu werfen. Er versuchte davonzulaufen, fiel aber auf den Boden. Er humpelte zum Zelt, doch der Dicke lie├č ihn nicht hinein und stie├č ihn weg. Kaspar kauerte sich nieder und hielt beide Arme vor sein Gesicht, Tr├Ąnen rannen ihm ├╝ber die Wangen. „Was verlangst du f├╝r den Eunuchen", rief der Bauer. „Sag mir, was du f├╝r ihn verlangst". Der Dicke bahnte sich einen Weg durch die Schaulustigen und ging zu dem Bauern. „Dem Pfaffen hab ich f├╝nfhundert gegeben", sagte er. „Ich gebe dir drei Goldm├╝nzen, mehr hab ich nicht", antwortete der Bauer. „Gib mir die drei Goldm├╝nzen, damit kann ich ein Tier f├╝r die Schaudarbietungen kaufen", sagte der Dicke und grinste.

Die B├Ąuerin ging zu Kaspar und legte um ihn eine Decke, die sie mitgenommen hatte, als sie zum Hof ging, um die M├╝nzen zu holen. Die Zuschauer verfl├╝chtigten sich indessen nach und nach. Der Dicke ging zufrieden zur├╝ck in sein Zelt und lie├č die Goldm├╝nzen in seiner Hand klimpern. Der Bauer legte Kaspars Arm ├╝ber seine Schulter. „So, du bleibst jetzt bei uns", brummte er.

Sie kamen zum Geh├Âft. Im Haus wurde der Kamin angez├╝ndet. Die B├Ąuerin stand beim Herd und bereite das Abendmahl. Der Bauer kam mit einem Hemd und einer Hose. Er legte sie Kapsar an. „M├╝sste passen", grummelte er zu sich selbst. Kaspar l├Ąchelte und nickte unentwegt. Er gab ein paar leise T├Âne von sich. Als sie bei Tisch sa├čen wurde kaum gesprochen. F├╝r Kaspar hatte die B├Ąuerin das Fleisch in kleine St├╝cke geschnitten, damit er es leichter verzehren konnte. Kaspar sa├č da in seinen neuen Kleidern, schmatzte und seine Augen wurden lebhaft. „Kannst hier bleiben, h├Ârst du!", sagte der Bauer, die B├Ąuerin nickte. „Brauchst nichts zu machen", brummte der Bauer.

Die B├Ąuerin f├╝hrte Kaspar die Treppen hinauf. Oben befand sich ein wei├č gekalkter Gang und drei Holzt├╝ren. Die B├Ąuerin ├Âffnete die Erste gleich bei der Treppe. Das Zimmer war klein, die W├Ąnde wei├č gekalkt wie der Gang, es hatte einen hellen Holzfu├čboden. Ein frisch gemachtes Bett und ein gro├čer Kasten aus dunklem Holz standen darin. „Hier ist dein Zimmer", sagte die B├Ąuerin und w├╝nschte Kaspar gute Nacht.

Kaspar legte sich auf das Bett, nahm den angenehm nach Waschlauge riechenden Kopfpolster und presste ihn ganz fest zwischen seine Arme. Er hatte keine Hoffnung mehr gehabt und im Augenblick seiner gr├Â├čten Verzweiflung ward ihm ein Geschenk zuteil, das er nicht begreifen konnte. Als er pl├Âtzlich mit seinen Kommilitonen von den Soldaten geholt wurde, als sie ihn ins Straflager brachten, ohne dass er den Grund daf├╝r kannte, als er gezwungen war, mitanzusehen wie seine Kammeraden umgebracht wurden, einer nach dem anderen, als er die Folter und die Dem├╝tigungen zu ertragen hatte, als sie ihm den Arm abhackten, das Geschlecht wegschnitten, das Gesicht entstellten, ihm die Zunge herausschnitten, war keine Hoffnung in ihm. Als sie ihn aus dem Lager entlie├čen, als er von einem Pfarrer aufgenommen wurde, der ihn schlug, dem├╝tigte und sich an ihm verging, als er an den Dicken verkauft wurde, als er das Elend, die Qualen w├Ąhrend der Hatz der gr├Âlenden Mengen zu erdulden hatte, empfand er nur tiefste Verzweiflung ob eines Schicksals, aus dem es kein Entrinnen gab. Nun lag er in einem Bett, in einem Zimmer, in unbeschreiblichem Frieden und mit der Dankbarkeit eines Geretteten. Er schlief ein, die Lippen zu einem ganz sachten L├Ącheln geformt.

Am n├Ąchsten Morgen klopfte die B├Ąuerin an Kaspars T├╝r. Es r├╝hrte sich nichts. Nach einer Weile trat sie ein und sah Kaspar im Bett liegen, mit einem sanften L├Ącheln auf den Lippen. „Kaspar", sagte sie, „das Fr├╝hst├╝ck wird kalt." Kaspar r├╝hrte sich nicht. Sie r├╝ttelte ihn, doch er erwachte nicht. Sie strich ihm ├╝bers Gesicht und sp├╝rte, dass es kalt war. Kaspar war tot.



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Arno1808
Guest
Registriert: Not Yet

kaspar

Hallo echnaton,

es ist Dir gut gelungen, Stimmungen aufzubauen.
Ich habe die Geschichte beim Lesen mitgef├╝hlt, habe gemerkt, wie sich eine Mischung aus Wut und Mitleid in mir aufgebaut hat, die dann in Erleichterung ├╝berging.
Sch├Ân!

Einige Kleinigkeiten sind mir aufgefallen. So k├Ânntest Du die Geschichte vielleicht noch einmal auf Rechtschreibfehler checken und verwirrende S├Ątze wie

Die B├Ąuerin ging zu Kaspar und legte um ihn eine Decke, die sie mitgenommen hatte, als sie zum Hof ging, um die M├╝nzen zu holen

etwas vereinfachen.

Beim ersten Lesen fand ich spontan den Schlu├č etwas komisch, doch wenn man nochmals hinsieht, rundet sich das Bild von dem endlich erreichten Frieden ab.

Gef├Ąllt mir gut!

Gru├č

Arno

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echnaton
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Nov 2002

Werke: 3
Kommentare: 3
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Servus Arno,

erstmal danke f├╝rs Lesen und Kommentieren. Werd die Rechtsschreibung nochmals ├╝berpr├╝fen. Am Bildschrim f├Ąllt einem leider so manches nicht auf, selbst nach zehnmaligem kontrolleiren. Das mit den S├Ątzen ├╝berleg ich mir auch noch.

danke und liebe Gr├╝├če

Echnaton

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Lady_Unicorn
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Nov 2002

Werke: 6
Kommentare: 12
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Hej echnaton.
Ich schliesse mich Arnos Urteil an. Dein Text hat mir gefallen, sehr sogar. Du verstehst es Situationen so zu beschreiben, dass sie den Leser mitreissen. Das Ende deiner Geschichte finde ich geschickt gew├Ąhlt.
Es gr├╝sst
__________________
Lady Unicorn

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echnaton
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Nov 2002

Werke: 3
Kommentare: 3
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Hallo Lady_Unicorn

Herzlichen Dank f├╝rs Lesen und es freut mich, da├č Dir die Geschichte gefallen hat.

liebe Gr├╝├če

Echnaton

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