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Leselupe.de > Erzählungen
Der Fahrgast mit dem Koffer
Eingestellt am 17. 02. 2013 17:16


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Hagen
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Der Fahrgast mit dem Koffer

Fünf Taxen am Bahnhof. Ich hasse es, mich hinten anzustellen. Um diese Tageszeit hätte es eine gute Stunde gedauert, bis ich vorne gewesen wäre, auf der Pole-Position.
Ich startete durch und fuhr zu Andrea. Dort auf dem Parkstreifen vor ihrem Kiosk, in der es stets frisch gebrühten Kaffee gibt, ist immer Platz.
Andrea scheint nie zu schlafen, sie ist immer da, schmiert Brötchen, schneidet Giros vom Drehspieß, kocht Kaffee und gibt sich damenhaft. Am Wochenende steht sie sogar im ‘Kleinen Schwarzen‘ hinter der Theke und trägt eine Perlenkette.
Kaffee.
Heiß, stark und belebend.
Als ich wieder ins Taxi steigen wollte, trat ein Mann neben mich:
„Sind sie frei?”
„Ja. – Wo soll’s denn hingehen?”
„Dahin, wo was los ist!”
Ich lachte:
„Hier in Lehrte? Obendrein am Freitag? Ein hoffnungsloses Unterfangen!”
„Und in Hannover?”
„Da schon eher.”
„Dann fahren wir eben nach Hannover! Kann ich mein Gepäck hinten rein tun?”
„Natürlich.”
Ich ließ die Kofferraumhaube aufschnappen und legte sein Reisegepäck hinein. Nur ein Koffer, recht groß aber seltsam leicht, als beinhalte er lediglich einen Satz Unterwäsche, ein Hemd zum Wechseln und eine Zahnbürste.
Egal, ich machte mir weiter keine Gedanken, zumal er mir auf der Fahrt in die City Hannovers entzückende Details vom Freileitungsbau erzählte, von Wassertropfen, die, wenn sie sich auf den Leitungskabeln befinden, ein niederfrequentes Geräusch erzeugen. Bilden sich Tropfen an den Leitungen, werden diese durch die Frequenz des Stromes zu Schwingungen mit 100 Hz angeregt. Wenn die Wechselspannung der Leitung eine Frequenz von 50 Hz hat, wird der Tropfen mit jeder Halbwelle zu einer Frequenz von 100 Hz, also dem Doppelten, angeregt. Er ändert dabei seine Gestalt während einer Schwingungsperiode zweimal von der ursprünglichen Kugelform in eine längliche Form und wieder zurück. Dabei verursacht er die Aussendung einer Schallwelle infolge Verdrängung der ihn umgebenden Luft. Je mehr Wassertropfen an der Leitung hängen, desto lauter wird das Brummen. Die Lautstärke des Brummens ist zudem von der Größe der Wassertropfen abhängig – größere Tropfen erzeugen ein lauteres Geräusch. War irgendwie logisch das Ganze und ich lauschte mit Interesse.
Und er erzählte von der Arbeit unter Hochspannung, 765 000 Volt, „wenn du da irgendwo falsch anpackst, merkst du gar nichts mehr!“
„In der Tat“, bemerkte ich, „auf dem elektrischen Stuhl werden lediglich 2000 Volt verabreicht. Das reicht meistens für ein schnelles Dahinscheiden.“
„Da kannste mal sehen!“ sagte der Mann und erzählte weiter. Die Woche über hatte er im Bauwagen gelebt und jetzt noch keine Lust, nach Hause zu gehen, zu aufgedreht. Noch irgendwo was trinken und sehen, was so läuft. Das Wochenende ausschlafen und Montag wieder zur Baustelle.
Ich verstand ihn nur zu gut.
Am Kröpcke ging er von Bord, und er bat mich, ihn um fünf Uhr wieder abzuholen, genau von dieser Stelle.
„Geht klar!”, sagte ich.
„Ausgezeichnet. – Kann ich meinen Koffer bis dahin bei ihnen im Wagen lassen?”
„Sicher, warum nicht.”
Er gab mir das Fahrgeld und rundete mächtig auf.
„Und nicht vergessen, um fünf Uhr wieder hier!”
„Ich werde sie nicht vergessen! Viel Spaß bis dahin.”
Zurück nach Lehrte, eigentlich hatte ich vor gehabt, das Trinkgeld des Mannes mit dem Koffer in eine Pizza umzusetzen, aber die Chefin beorderte mich zu einer Adresse am Rande Lehrtes.
Frauennachttaxi.
Die Frau stand schon an der Straße. Sie hatte einen kleinen Jungen im Kinderwagen vor sich und einen Koffer neben sich stehen.
„Na endlich”, murmelte sie, als ich ausstieg, „wurde aber auch Zeit.“
Ich legte den Kinderwagen zusammen und schob ihn in den Kofferraum. Ein wenig eng, aber es ging.
„Hat hier einer seinen Koffer vergessen?” fragte die Frau.
„Nein, der Mann ist mit dem Zug gekommen, er möchte noch irgendwo was trinken, bevor ich ihn nach Hause fahre. Da will er sein Gepäck nicht mitschleppen.”
„Das ist verständlich.”
Erst jetzt bemerkte ich, dass eine Fahrkarte in den Kofferdeckel eingeklemmt war. Sie wäre herausgefallen, wenn man das Gepäckstück geöffnet hätte.
Den Koffer der Frau legte ich auf die Rückbank, ihr Kind nahm sie auf den Schoß. Sie wollte nach Hämelerwald.
Auf der Autobahn wollte sie wissen, ob ich denn einen guten Scheidungsanwalt kennen würde. Ich zuckte die Achseln und ertrug einige Geschichten von der Schwiegermutter, die sich ständig einmischte, wenn sie etwas kochte, die dem Kind demonstrativ alles erlaubte, was sie ihm verboten hatte, und die ständig rumwischte, rumräumte und rumnörgelte. Sie ertrug es nicht mehr, weil ihr Mann mittlerweile gegen sie verheiratet war. Da fand ich die Sache mit den Wassertropfen an der Überlandleitung schon interessanter.

„Sie sind doch Taxifahrer“, meinte sie als sie bezahlte und von Bord ging, „dann haben sie ja zwischen den Fahrten viel Zeit. Vielleicht kümmern sie sich mal um einen guten Anwalt für mich.“
„Vielleicht sind wir ja auch nur die Träume eines großen, schlafenden Wesens. Wenn das aufwacht, hören wir sowieso alle auf zu existieren. Dann hat sich die Sache mit dem Anwalt ohnehin erledigt.“
„Was?“
Ich klappte den Kinderwagen wieder auseinander und wünschte ihr alles Gute. Danach ließ ich die Frau einfach stehen. Für eine Frau einen Anwalt besorgen, soweit kommt das noch!
Nette Menschen fuhr ich ansonsten in dieser dunklen Vollmondnacht. So auch ‚Ronny‘.
Ronny baggerte schon eine ganze Weile an der ‘liebreizenden Jessica‘, herum, kam aber nicht so recht voran. Die liebreizende Jessica saß meistens irgendwo herum, war schön und ließ sich was bieten. Sie ging mit dem weg, der ihr am meisten zu bieten versprach.
„Was mag es wohl kosten“, fragte Ronny, „wenn ich vom Hubschrauber aus tausend rote Rosen bei ihr abwerfen lasse?“
„Wenn du schon so fragst, auf alle Fälle zu viel. Versuch’s doch mal `ne Nummer kleiner, mit hundert roten Rosen um das Bett drapiert, in einem romantischen Gasthof.“
„Hm“, meinte Ronny, als er am Sedanplatz von Bord ging, „guter Tipp! Ich werd‘ mal drüber nachdenken...“
„Mach‘ das! Ich fahr´ euch dann hin.“
„Na logisch!“
Die Nacht machte weiter, sie trieb mich vor sich her. Rechtzeitig fuhr ich zum Kröpcke und lauschte dem Nachtprogramm aus dem Radio, bis der Mann kam.
Er warf einen Blick auf sein Gepäck im Kofferraum, nickte, zog ein frisches Hemd an und setzte sich auf den Beifahrersitz. Er hatte keine Fahne, roch nicht nach Kneipe - aber bis ich ihn in Lehrte absetzte, erzählte er mir, wo er überall gewesen war und den einen oder anderen Drink genommen hatte. Mir fiel nur die Behaarung an den Händen und die langen Fingernägel auf. Aber Freileitungsbauer sind wohl so, mir war‘s egal.
Wieder am Bahnhof.
„Das letzte Stück gehe ich. Die Nachbarn brauchen ja nicht zu sehen, dass ich mit einem Taxi gekommen bin.”
Er nahm seinen Koffer heraus.
„Das hat ja gut geklappt”, sagte er, als er bezahlte, „würden sie mich nächste Woche um die gleiche Zeit an der gleichen Stelle wieder abholen?”
„Natürlich gerne.”
„Sehr gut! Und nicht vergessen!”
Ich versprach es ihm und das Leben trieb mich vor sich her.
Irgendwann, eine Woche später, ich hatte den Mann mit dem Koffer wieder zum Kröpcke gefahren, saß ich zwischen Mitternacht und Morgen mit Ingolf bei Andrea. Wir philosophierten darüber, ob der Taxifahrer an sich dem Fahrgast als solchem mehr Bedeutung verleihen sollte, indem er das Individuationsprinzip in einem zur artbestimmten Form hinzutretenden positiven Sein, der Diesheit, zu erkennen und umzusetzen genötigt ist.
Ich tat mich etwas schwer mit tiefschürfendem philosophischem Gedankengut, hatte ich doch die Salzbrenners zur Oper gefahren und später wieder abgeholt. Die Salzbrenners haben ein Abonnement. Vor dem Opernbesuch ruhen sie zwei Stunden, wünschen auf der Hinfahrt keine Musik im Taxi, keine Gespräche und eine ausgeglichene Fahrweise. Auf der Rückfahrt schwärmten sie von der Inszenierung, und sie wollten beim nächsten Mal wieder von mir gefahren werden.
Danach fuhr ich nur Besoffene. Ich hatte noch den gepflegten Fahrstil drauf, aber sie meinten, ich würde wie eine Schwuchtel fahren. Einige versuchten feinsinnigen Humor zu beweisen, indem sie mir laufend das Taxameter ausschalteten. Und dann waren da noch die unangenehmen Zeitgenossen, die nachträglich zu feilschen versuchen.
Irgendwann war ich reif für eine Currywurst und einen Becher Kaffee, die Currywurst extra scharf und der Kaffee recht schön stark.
Irgendwie kamen wir vom positiven Sein auf Vampire, das kann schon mal vorkommen wenn das Handy neben der Kaffeetasse liegt und sich jeden Moment melden kann.
„Das hilft gegen Vampire”, Ingolf zeigte mir sein silbernes Kreuz, „Vampire können keine Kreuze ab, die prallen davor zurück.”
„Ah ja”, sagte ich, „aber das ist doch schon seit Jahrhunderten so! Kann es sein, dass es jetzt Vampire gibt, die inzwischen resistent geworden sind gegen Kreuze wie die härtesten Fliegen gegen das klassische E 605?”
Ingolf zuckte die Achseln.
„Dann muss es etwas anderes sein! Vielleicht etwas aus drei Teilen? Ein Kreuz besteht ja nur aus zwei Teilen...”
Sein Handy meldete sich.
„Okay, am Waldesende 13! Ich fahre sofort dahin.“
Ingolf zuckte die Achseln, trank seinen Kaffee aus, stand auf und ging nach draußen zum Taxi. Das Taxischild auf dem Dach flammte auf, die Scheinwerfer auch, der Wagen verschwand in der Dunkelheit.
Kollege Kurt von der anderen Firma kam auch entlang, und ein Pärchen in Abendgarderobe. Sie bestellten Bockwürstchen und Sekt, Kurt ein Gyrosbrötchen.
„Rate mal, wen ich eben gefahren habe!”
Kurt wieder. Angeblich hatte er schon mal Axel Schulz gefahren und war mächtig stolz darauf.
„Hm. Angela Merkel? Dschungel-Georgina oder gar Olivia Jones? – In diesem Fall würde ich vor dir niederknien.”
„Ach Quatsch!” Er biß herzhaft in sein Girosbrötchen und nannte lautstark den Namen irgendeines mächtig reichen Typen.
„Stell dir mal vor, dann kam der Butler mit weißen Handschuhen und hat bezahlt.”
Kurt erwartete Begeisterung.
„Ja und?”, fragte ich und biß in meine Currywurst, „gibt es denn eine andere Möglichkeit? Ich habe nur solche Fahrgäste.”
Das Pärchen mit den Bockwürstchen lachte.
„Letztens war Barbara Schöneberger hier”, sagte Andrea unbewegten Gesichts, „sie wollte endlich mal was Anständiges Essen. Da hatte sie eine Pita und einen gemischten Salat.”
„Das wundert mich aber”, mischte sich der männliche Teil des Pärchens ein, „kürzlich auf der Party bei Stefanie Hertel hat sie nur Rohkost gegessen.”
„Ja ja, sie ist wieder auf Diät”, nickte die Frau.
Mein Handy meldete sich, bevor ich von dem Roman erzählen konnte, den mir dieser Timur Vermes mal wieder umgeschrieben und als seinen rausgebracht hatte.
„Fahr‘ doch mal eben zum Mephisto”, sagte meine Chefin, „aber sei vorsichtig. Rudi ist mal wieder besoffen und randaliert. Sieh‘ zu, dass du ihn da raus kriegst.”
„Das schaffe ich schon”, sagte ich leichthin.
„Danke.”
Die Chefin legte auf. Ich behielt das Handy am Ohr.
„Nicht schon wieder diese Jenny Elvers-Elbertzhagen”, sagte ich, „aber wenn sie unbedingt wieder mit mir fahren will, in Gottes Namen...!”
Sie blieben alle ganz cool in Andreas Kiosk, sogar Kurt.
Ich gab Andrea einen Zehnmarkschein, „teilen sie sich bitte den Rest mit dem Weinkellner, gnädige Frau.”
„Danke schön”, sagte Andrea, „mit dem Rotweinkellner oder mit dem Weißweinkellner?”
„Egal.“
Das Problem mit Rudi erledigte sich fast wie von selbst, er hatte lediglich zwei Stühle zerlegt und wollte noch mal schnell nach Hannover rein, richtig einen losmachen. Ich brachte ihn stattdessen nach Hause und erklärte ihm, dass das ‘Losmachen‘ in seinem momentan etwas bizarrem Zustand recht uneffektiv zu werden versprach.
Er sah es ein und wollte an einem der nächsten Tage einen neuen Versuch starten; - in etwas weniger burleskem Zustand.
Wenige Fahrten später, als der Morgen graute, fand ich Ingolfs Taxi am Waldrand - leer. Ich war gleichzeitig mit der Ambulanz eingetroffen. Das Funkgerät im Taxi rauschte und aus dem Radio tropfte seichte Musik. Mit seinem Handy hatte er noch einen Notruf abgesetzt. Er selbst lag ein Stück daneben. Er war blaß, seine Augen waren entsetzensweit aufgerissen. An seinem Hals waren vier kleine Wunden, wie Nadelstiche.
Als die Rettungssanitäter ihn auf die Bahre hoben um den offensichtlich toten Körper in den Wagen zu schieben, riß die dünne Wolkendecke am Himmel auf, und die Sonne trat hervor.
In diesem Moment geschah es: Ingolfs T-Shirt und seine Hosenbeine sanken in sich zusammen. Sein Gesicht verfärbte sich aschgrau und es zerfiel. Ein Windstoß wehte es fort; - er wehte Staub fort, Staub der das Gesicht meines Kollegen gewesen war. Zurück blieb ein kleines, silbernes Kreuz, das Kreuz, das er an einer dünnen Kette stets gut sichtbar um den Hals getragen hatte.
Ich fuhr wie in Trance und vergaß den Mann mit dem Koffer nicht. Er gab mir sogar die Hand, nachdem er eingestiegen war. Seine gepflegten Hände mit den manikürten Fingernägeln paßten nicht zu einem Mann, der die Woche über im Freileitungsbau malocht und der im Bauwagen haust. Er packte, in Lehrte angekommen, den Koffer, ging federnden Schrittes zwischen den Häusern durch und verschwand.
Wie betäubt steuerte ich die Zentrale an, machte meine Abrechnung und mein Kollege brachte mich nach Hause. Tief und traumlos schlief ich bis zur nächsten Nachtschicht, fuhr wie im Trance und erhielt kurz vor Sonnenaufgang von der Chefin einen Fahrauftrag: Am Waldesende 13!
„Du weißt, dass Ingolf diese Adresse angefahren hat! Kurz darauf war er tot; - als hätte ihn ein Vampir gebissen”, antwortete ich.
„Sag’ bloß du glaubst an Vampire?”
„Ich weiß auch nicht. Du warst ja nicht dabei, als wir Ingolf gefunden haben.”
„Ich weiß! - Aber ich habe im Moment keinen anderen Wagen frei! Hast du etwa Angst?”
„Ich doch nicht!”
Ich drehte den Zündschlüssel, anstatt darüber zu diskutieren, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, an die wir nicht glauben wollen.
In dieser Nacht trieben vereinzelte Böen die Wolken vor der schwarzen Scheibe des Mondes her. Ein feiner Nieselregen senkte sich wie ein Schleier auf die Straße vor mir und reflektierte die Lichtkegel der Scheinwerfer. Die Betrunkenen, die ich in solchen Nächten fuhr, waren aggressiver als sonst und die Frauen eine Spur zickiger als in den Nächten, in denen der Mond halb oder als schmale Sichel im Firmament sichtbar ist.
Es passierte eigentlich nichts in dieser Nacht, wenig Betrunkene, noch weniger zickige Frauen. Gleichmäßig floss der Mittelstreifen der Straße neben dem Stern auf der Kühlerhaube her, als auch ich die Adresse anfuhr, die die letzte im Leben meines Kollegen gewesen war.
Mühsam kämpfte ich die würgende Angst nieder, als ich vor dem Portal einer Villa hielt. Das schwere, eiserne Tor war geschlossen. Ich stieg aus und senkte meinen Daumen auf den Knopf der Klingel.
Ein winziger Moment verging, bis sich eine schnarrende Stimme in der Sprechanlage meldete:
„Ja bitte?”
„Ihr Taxi ist da.”
„Ja, kommen sie herein.”
Die schweren eisernen Tore schwangen knarrend auf und gaben den Weg zu der Zufahrt der Villa frei. Ich stieg wieder ein und fuhr den Kiesweg zu der Villa entlang. Der Weg war gesäumt von Tannen, die sehr dicht zusammen standen. Die Villa wirkte etwas düster und nicht so, als sei sie von fröhlichen Menschen bewohnt.
Ihre Tür öffnete sich, kaum das ich das Taxi vor der Eingangstür gestoppt hatte. Eine Frau trat heraus und näherte sich mir. Lange schwarze Haare hatte sie, ein bleiches Gesicht und einen fast schwebenden Gang. Sie trug ein langes, schwarzes Kleid, seitlich geschlitzt.
Ich stieg aus, ging um den Wagen herum und schickte mich an, ihr die Tür aufzuhalten. Sie hätte vorne an dem Wagen vorbei gehen müssen um einsteigen zu können, doch sie blieb plötzlich stehen, als sei sie gegen eine unsichtbare Wand geprallt.
„Würde es ihnen etwas ausmachen, den Wagen zu wenden und rückwärts vors Haus zu fahren?”
„Ganz wie sie wünschen.”
Mich wunderte gar nichts mehr, seit ich Taxi fuhr.
Es gab Fahrgäste, die wollten keinen Fahrer mit Ohrring, oder keinen Fahrer mit dem Sternzeichen ‘Schütze’. Mache wollten ein deutsches Fahrzeug mit deutschem Fahrer. War mir alles egal.
Ich machte mir keine Gedanken, ich fuhr wieder heraus, wendete auf der leeren Straße und setzte bis vor die Villa rückwärts zurück.
Sie mußte zwischen zwei Tannen auf mich gewartet haben, denn sie stieg ein, bevor ich den Motor abgestellt hatte.
„Wo soll es denn hingehen?”, fragte ich und setzte das Taxameter in Gang. Sie nannte mir eine Adresse in Burgdorf. Die kürzeste Fahrstrecke führte an dem Wald vorbei, an dessen Rand wir Ingolf gefunden hatten - tot und ausgeblutet.
Ich nickte und fuhr los, durch den Nieselregen und die Dunkelheit der letzten Nachtstunde.
Kurz vor dem Wald spürte ich ihre linke Hand auf meinem rechten Schenkel, ein sanfter Druck.
„Sie sind ein schöner Mann!”, sagte sie mit rauchiger Stimme.
Ich glaubte ihr nicht. Sie war nicht der Typ für ein flüchtiges Abenteuer in einem Taxi, sie nicht.
„Halten sie doch mal an!”
Wieder die rauchige Stimme.
Ich stoppte das Taxi, ungefähr an der Stelle, an der wir Ingolf gefunden hatten. Sie beugte ihren Oberkörper wortlos zu mir herüber und legte ihren linken Arm um meinen Hals.
Kalt war ihre Hand als sie sie auf meinen Hals legte, ebenso kalt ihre Lippen als sie mich küsste.
Genauso wird sie es mit Ingolf gemacht haben, sie wird die Dunkelheit genutzt haben den Kuß tiefer wandern zu lassen, bis zur Halsschlagader um dann zuzubeißen - der Kuß des Vampirs, der den Gebissenen auch zum Vampir werden lässt - der bei Tageslicht zu Staub zerfällt.
Ich riß mich los und stürzte mich aus dem Taxi. Mit geschmeidiger Bewegung folgte sie mir, nach vorne, vor den Wagen, auf dessen Haube ein Stern stand - und vor diesem prallte sie zurück!
Ein Vampir, resistent gegen Kreuze - aber vor einem Stern schreckte sie zurück!
Mit einer schnellen Bewegung brach ich den Stern ab, als sie sich wieder näherte, drückte ich ihr den Stern auf die Brust.
Ihr greller Schrei zerriss die Nacht und sie sank leblos auf den Asphalt der Straße.
Noch ungefähr eine Stunde bis sich die Sonne über den Horizont schieben und sie zu Staub zerfallen lassen würde.
Irgendwie werde ich meinem Chef den abgebrochenen Stern erklären müssen.
Ich nullte das Taxameter und fuhr zur Zentrale, in einer Stunde würde Doris kommen, um mich abzulösen.
Ich war total cool.

Ich besorgte am nächsten Tag einen neuen Stern für die Kühlerhaube, fuhr Schicht um Schicht; - und dann war er plötzlich wieder da, der Mann mit dem Koffer.
„Wieder zum Kröpcke?”
„Wieder zum Kröpcke!”
Ich legte seinen leichten Koffer wieder hinten rein und brachte ihn zum Kröpcke, während er mir abermals bezaubernde Geschichten vom Freileitungsbau erzählte.
Er gab mir wieder ein gutes Trinkgeld, ließ seinen Koffer im Wagen und verschwand in der vom Halbmond schwach erleuchteten Nacht.
Zurück nach Lehrte.
Am Bahnhof nahm ich ein junges Pärchen auf, sie wollten nach Peine. Eine schöne Fahrt, doch die beiden auf dem Rücksitz begannen sich zu streiten. Einer warf dem anderen vor, den Skilanglauftrainer kaputt gemacht zu haben.
In Peine waren sie sich wieder einig, als ich eine Frage nach der Straße stellte, die ich anfahren sollte. Sie waren einträchtig der Ansicht, dass ich mich in dieser Stadt auch auskennen müsste.
Nachdem wir es gemeinsam geschafft hatten, schritten sie eng umschlungen von dannen.
Zurück.
Die nächste Fahrt hatte ich seltsamer Weise wieder nach Peine. Diesmal geriet sich das Pärchen in Peine in die Haare, als es darum ging, mir den Weg zu ihrer Wohnung zu beschreiben. Schließlich einigten sie sich dahingehend, dass der Mann in eine Kneipe ging, und die Frau mit mir zurückfuhr, nach Sievershausen. Sie wollte ganz spontan zu ‘Anneliese’.
Mir war’s egal, ich brachte sie hin, fuhr nach Lehrte zurück und nahm Ronny an Bord. Der packte mir den Kofferraum voll roter Rosen, „habbich von Arno, der hatse im Großhandel besorgt. – Brauchste grad mal `ne Stollenschrankwand? Kann ich dir zum halben Preis besorgen!“
„Nein. – Wo fahren wir hin?“
Er wollte zu einem kleinen Gasthof in der Nähe Lehrtes. Hätte recht romantisch sein können, wenn die nicht gerade mit mächtig Lärm und Staub am Umbauen gewesen wären, aber dafür sollte das einzig bewohnbare Zimmer sehr preiswert sein.
Ronny zeigte sich etwas inflexibel, als ich ihm nahelegte, kurzfristig umzudisponieren und bat mich, Jessica doch von Zuhause abzuholen.
Die liebreizende Jessica ahnte etwas und war in höchstem Maße gespannt ob der Überraschung, die Ronny herbeizuführen beabsichtigte. Sie ging hochgradig erwartungsvoll von Bord und in den Gasthof.
Fahren und reden, fahren und schweigen, zwischendurch einige Schokoriegel, gegen vier traf ich Rainer bei Andrea.
„Du kennst doch die liebreizende Jessica“, sagte er zwischen zwei Schlucken Kaffee, „ich hab sie vorhin gefahren! Die war vielleicht sauer. Da hat doch so‘n Spinner lauter Rosen aufs Bett gestreut und sie dann drauf geschubst.“
Da mußte der gute Ronny etwas missverstanden haben, aber Andrea stellte es sich romantisch vor, auf Rosen gebettet zu lieben, bis ich kurz erwähnte, dass Rosen im Allgemeinen Dornen haben.
Rainer nahm seine Kaffeetasse und setzte sich Andrea gegenüber hin, „man könnte natürlich nur die Blütenblätter... ich meine natürlich nur mal so angedacht...“
Andrea bekam sinnliche Augen, ich trank meinen Kaffee aus und startete in Richtung Kröpcke, den Mann mit dem Koffer vom wieder abholen.
Auch diesmal erzählte er, wie er sich amüsiert hatte. Er hätte schwanken müssen, oder bewußt geradeaus gehen, wie die Betrunkenen, die behaupten, nichts getrunken zu haben. Er hatte einen Gang wie Gary Cooper in ‘Zwölf Uhr Mittags‘, als er in Lehrte zwischen den Häusern verschwand. Seinen Koffer schlenkerte er lässig in der Hand. Sicher war er im Kino gewesen und hatte mir nur erzählt, dass er was getrunken hatte.
Wieder hatte er mir ein großzügiges Trinkgeld gegeben und das Versprechen abgenommen, in der nächsten Woche zur gleichen Zeit am gleichen Ort auf ihn zu warten.
Die Woche über normalisierte ich wieder, ging an meinem freien Tag ins Kästner-Museum und abends mal wieder einen trinken. Es ereignete sich nichts Nennenswertes, nur der folgende Sonntag zeigte sich von seiner turbulenten Seite, der Boss hatte mich zur Tagschicht verdonnert und den Auftrag, den Mann mit dem Koffer abzuholen, hatte ich an einen Kollegen weitergegeben.
Ich suchte als erstes das Mephisto auf.
Dort wollte man Feierabend machen. Der letzte Gast war aber derart hinüber, dass wir ihn zu zweit ins Taxi hieven mussten. Der Wirt nannte mir die Adresse ich fuhr ihn hin, hatte aber Probleme, ihn wieder raus zu kriegen, aus dem Taxi.
Es blieb mir nichts anderes übrig, als bei seiner Frau zu klingeln, sie zu bitten, runterzukommen, ihren Mann mal eben in Empfang zu nehmen und bei der Gelegenheit das Fahrgeld mitzubringen.
Die Aktion ging auch glatt durch. Als wir den guten Mann draußen hatten, kam er wieder in Gang, wollte auf mich los und behauptete, ich hätte seine Alte angemacht.
Es dauerte eine Weile, bis wir die Sache geklärt hatten und dann meldete sich das Handy. Eine Frauenstimme, die mich in einen Vorort bat.
Zwei junge Menschen fuhr ich nach Hause, sie mochten sich auf einer Feier kennen gelernt haben und freuten sich auf der Rückbank bereits auf ein Bett.
Der Sonntag nahm mich zu sich, Nieselregen lag wie ein nasser Lappen auf der Stadt, grauer Himmel, graue Menschen, noch zwei Fahrten und das Trinkgeld reichte für ein Frühstück bei Andrea im Kiosk.
Zwei Brötchen, ein Kännchen heißen Kaffee mit dem Handy neben der Tasse, es ließ mich in Ruhe, bis ich eine Verdauungszigarette geraucht hatte.
Danach brachte ich eine alte Frau zur Kirche und einen Mann mit zwei Koffern zum Bahnhof. Der Mann klärte mich während der Fahrt über die Gefahren des Rauchens auf, gab mir anstatt eines Trinkgelds unaufgefordert gute Ratschläge was das Rauchen betraf und vergaß nicht zu erwähnen, dass das Rauchen in Taxen ohnehin verboten ist.
Anschließend drehte ich mir vor der Kirche, während ich auf die alte Frau wartete, sie wieder nach Hause zu bringen, einige Zigaretten auf Vorrat.
Langsam kam die Sonne durch.
Einige Fahrten zum und vom Frühschoppen, es begann die Zeit der Besuche. Freunde und Verwandte im Krankenhaus, Väter und Mütter im Pflegeheim. Eine junge, doch verhärmt aussehende Frau fuhr ich zur Justizvollzugsanstalt, sie duftete nach Chanel.
Etwas nachdenklich fuhr ich zum Taxenplatz. Dort ging ein Mann mit dezenter Alkoholfahne an Bord und wollte zu einer der Lehrter Tankstellen, „die müssten jetzt eigentlich fertig sein!“
Auf der Tankstelle wuchtete er eine Autobatterie in den Kofferraum und wollte nach Hause.
Sein Zuhause stellte sich als eine der Parzellen heraus, auf denen eine ehemals gepflegte Spalierrose über den Weg wuchert, die Äpfel nicht mehr gepflückt werden und dunkelbraune Farbe von der Laube blättert.
Ich half ihm, die Batterie rein zutragen. Es roch etwas dumpfig, ein altes Sofa mit Wolldecke dominierte den Raum, ein abgewetzter Ledermantel hing an einem rostigen Nagel, der in die Wand geschlagen war.
„So, denn wollen wir mal“, er schloss die Batterie an, ein 3D-Jesusbild mit Innenbeleuchtung flammte auf, „die Schweine haben mir nämlich den Strom abgestellt! Naja, hin und wieder lass‘ ich mir die Batterie aufladen, das geht auch. – Was kriegen sie jetzt?“
„Zweiunddreißigachtzig.“
Er nickte, griff in des Ledermantels Innentasche und zog ein Bündel Hunderter heraus, „ziehen sie bitte vierzig Euro ab.“
Er zog einen Schein aus dem Bündel, steckte das Wechselgeld achtlos in seine Hemdentasche, das Bündel Scheine wieder in den Mantel und ließ sich stöhnend auf dem Sofa nieder.
Wie gesagt, seit ich Taxifahrer bin, wundert mich gar nichts mehr.
Das Handy meldete sich, als ich mich auf dem unkrautüberwucherten Weg zum Taxi kämpfte. Eine dezent mürrische Männerstimme forderte ein Taxi an. Sie standen schon an der Straße, als ich eintraf.
„Nach Aligse”, knurrte der Mann, „da soll irgend son’ Fest sein.”
Er ließ sich in den Beifahrersitz fallen. Ich half seiner Frau und dem kleinen Mädchen ins Taxi, fuhr los und startete das Taxameter.
Eisige Stille.
Nicht gerade die Stimmung, zum Frühlingsfest zu fahren.
Die Zähne des Mannes neben mir mahlten, seine Frau saß mit steinernem Gesicht hinten. Das Kind schwieg bedrückt. Als wir beim Festplatz ankamen, stürzten sie sich aus dem Wagen, die Frau folgte ihnen ohne einen Blick zurück zu werfen.
Der Mann zog sein Portemonnaie und zahlte.
In der letzten Zeit hatte ich ihn hin und wieder aus der Gaststätte nach Hause gefahren, mehr oder weniger betrunken. Irgendwann hatte er mir erzählt, das seine Ehe bröckelte; - nach sieben Jahren. Der ganz normale Alltag hatte begonnen, die Liebe zu zerfressen.
Er hatte seine Frau damals auf dem Rummel kennen gelernt, an der Schießbude. Die Rose, die er ihr dereinst schoss, hatte sie heute noch.
„Weißt du”, hatte er mir zugezwinkert, „wir haben es gleich danach hinter der Schießbude getan. Dabei ist unsere Melanie entstanden...”
„Na”, sagte ich und gab ihm das Wechselgeld, „vielleicht solltest du deiner Frau mal wieder eine Rose schießen.”
Er nickte nachdenklich als er ausstieg.
Ich fuhr zu Andrea, Kaffee trinken und danach zur Justizvollzugsanstalt. Als ich die Frau wieder abholte, hatten sich die Falten um ihre Mundwinkel etwas tiefer gegraben, und sie roch nach Mann und Knast. Sie wollte ins Mephisto, sich über irgendetwas klar werden, und sie wollte einen trinken.
Fahren und reden, fahren und schweigen. Zwei Stunden später holte ich die Familie vom Frühlingsfest wieder ab.
„Papa hat gesagt, ich darf vorne sitzen!”
Melanie stieg selbstbewusst ein und schnallte sich an. Sie hatte einen Catch-up-Fleck auf der Bluse und ein Pfefferkuchenherz um den Hals, ‘Mein Mäuschen‘.
„Fahrer, nach Hause bitte”, sagte sie und lehnte sich zurück.
„Sehr wohl, junge Dame.” Ich fuhr los, „war es denn schön auf dem Frühlingsfest?”
„Ganz toll! Wir haben erst eine Currywurst gegessen, und dann hat Papa mir Geld gegeben zum Karussellfahren. Ich bin fünfmal gefahren. Dann haben sich meine Eltern verlaufen. Auf dem kleinen Platz! Weißt du, wo ich die gefunden habe?”
„Nein.”
„Hinter der Schießbude! Meine Mama hat einen Strumpf verloren.”
Ich schmunzelte und warf einen Blick in den Rückspiegel.
Sie küßten sich.
Die Frau hatte eine goldene Rose in der Hand.
Wenn man immer alles so leicht ginge. Ich wurde doch ein wenig sentimental, bis ich die Frau aus dem Mephisto wieder abholte. Sie hing um den Hals eines Mannes und war erheblich abgefüllt.
Nieselregen setzte wieder ein.
Irgendwann, nach kleinen Fahrten und kleinen Gesprächen über das schlechte Wetter, einer Fahrt mit einem Glas Goldfischen, der Feierabend war in greifbare Nähe gerückt, die Dunkelheit der Nacht hatte sich längst in den wieder beginnenden Nieselregen gemischt, fuhr ich abrechnen.
Abrechnen, ablösen, der Zündschlüssel blieb stecken.
„Guten Abend, Herr Kollege.”
„Guten Abend, Herr Kollege.“
„Hast‘ wieder geraucht im Taxi, ja? Das ist neuerdings verboten!“
„Ach, fass mich doch an den Füssen!“
Mein Kollege ließ die Sprühdose mit Raumspray kurz zischen und brachte mich nach Hause.
Ich war zu müde um zu schlafen, zu hungrig, mir etwas zu essen zu machen und zu alleine um einsam zu sein.
Ich sah mir mit Anna-Karenina, meiner Salonlöwin, einen Film an; - ‘Jenseits von Eden‘.
Dann fuhr ich wieder Nachtschicht, der Mann mit dem Koffer war wieder abzuholen und Ronny war etwas ungehalten wegen des Scheißtipps mit den Rosen, den ich ihm gegeben hatte, und ob ich denn Blumen wüßte, die wie Rosen riechen, aber keine Stacheln haben.
„Targetis“, sagte ich, als Ronny beim Sedanplatz von Bord ging. Ich startete durch, den Mann mit dem Koffer abholen.
Der Mann mit dem Koffer kam aus dem Bahnhof, obwohl wegen Gleisbauarbeiten seit einer Stunde alle Züge umgeleitet worden waren. Wieder legte er seinen Koffer hinten ins Taxi, und wieder erzählte er mir niedliche Anekdoten vom Freileitungsbau, während ich ihn zum Kröpcke fuhr.
Er gab mir wiederum ein dickes Trinkgeld und nahm mir das Versprechen ab, ihn um fünf abzuholen; - ganz bestimmt. Und ich sollte ja gut auf seinen Koffer aufpassen!
Die Nacht war ruhig, wenig Fahrten. Meistens stand ich irgendwo herum und hörte Radio.
Irgendwann gegen Mitternacht, ich hatte die Rücklehne meines Sitzes etwas zurückgedreht und lauschte einer Blues-CD, klopfte eine junge Frau ans Fenster. Sie wollte nach Celle.
Ich hielt ihr die Tür auf, und sie ließ sich in den Sitz gleiten.
„Schöne Musik haben sie”, ein Lächeln folgte, „habe ich noch nie gehört in einem Taxi.”
„Dann hören wir Blues und genießen die Fahrt”, sagte ich beim Einsteigen.
„Jaaaa!”, sagte sie, „und fahren sie bitte nicht so schnell.”
Divenhaft räkelte sie sich in den Sitz und entzündete einen Zigarillo. Beim Anfahren ließ ich das Schiebedach zurückgleiten, denn der Mond guckte zwischen den Wolken hervor, und das sollte man ausnutzen.
„Oh, wir haben Vollmond!”
Sie deutete auf die Öffnung im Dach.
„Tatsächlich.”
Die runde Scheibe des Mondes begleitete uns während wir durch die samtweiche Nacht glitten. Am Zielort blieb sie noch im Taxi sitzen bis der letzte Akkord von Memphis Slims ‘Lonesome‘ verklungen war.
„Es war eine schöne Fahrt”, sagte sie nachdem sie ausgestiegen war, „und seien sie vorsichtig: Es ist Vollmond, da sind die Wehrwölfe aktiv.”
„Danke für den Tipp. Ich werde darauf achten.”
Der Duft ihres Zigarillos verflüchtigte sich auf der Rückfahrt.
Die nächsten Fahrgäste hatten keinen Sinn für die mondlichtdurchflutete Nacht, sie wollten nur nach Hause oder dahin, ‘wo was los ist’. Einer wollte sogar wissen, wo denn in Lehrte eine Zockerrunde lief. In Lehrte! Ich bedauerte außerordentlich.
Als der Morgen heran kroch, fuhr ich wieder zum Kröpcke und wartete auf den Mann mit dem Koffer.
Er kam - aber er ging nicht so aufrecht wie vor einer Woche. Er ging, als hätte er sich gerade eben aufgerichtet, nachdem er sich einige Zeit wie ein Hund auf allen Vieren bewegt hatte.
Er machte sich sofort am Kofferraum zu schaffen und hatte ihn geöffnet kaum dass ich das Radio leise gestellt hatte und ausgestiegen war.
„Alles in Ordnung?” fragte ich.
„Ja, ja, alles in Ordnung”, er ließ seinen Koffer aufschnappen, „nur eine kleine Auseinandersetzung mit ein paar, äh, Punkern.”
Seine Stimme war heiserer als sonst.
Er richtete sich auf und zog sein Hemd über den Kopf.
Im fahlen Licht des Vollmondes waren Blutflecken daran zu sehen. Er knüllte das Hemd zusammen und warf es in seinen Koffer.
Der Mann rollte kurz die Schultern seines stark behaarten Oberkörpers, griff in den Koffer und zog ein frisches Hemd heraus. Ansonsten war das Gepäckstück leer. Ich konnte es sehen bevor er seinen pelzigen Rücken zwischen mich und den Koffer schob. Er klappte seinen Koffer zu und zog sich das frische Hemd über den Kopf. Er zog sein Hemd herunter und stopfte den Saum in den Hosenbund, „so, dann können wir wieder!”
Er knöpfte das Hemd zu.
Mir fielen seine behaarten Handrücken und langen Fingernägel auf; - ich hatte sie sauber manikürt in Erinnerung, und die Hände gepflegter.
Ich klappte die Kofferraumhaube zu, ging halb um den Wagen und hielt ihm die Tür auf. Er stieg ein, wir fuhren zurück und er erzählte wieder zauberhafte Anekdoten vom Freileitungsbau.
Ich war etwas skeptisch diesmal.
Als er bezahlte und mir wie üblich ein gutes Trinkgeld gab, waren seine Fingernägel kürzer geworden.
„Ach, ehe ich’s vergesse: Meine Arbeitszeit hat sich etwas geändert. Können sie mich in der nächsten Woche zwei Tage später abholen? Ansonsten um die gleiche Zeit!”
„Kein Problem. Also am Sonntag in einer Woche um einundzwanzig Uhr am Bahnhof. Das geht klar.”
„Sehr gut.” Er gab mir die Hand zum Abschied, eine gepflegte Hand mit manikürten Fingernägeln, „und nicht vergessen!”
Aufrechten Ganges verschwand er zwischen den Häusern.
Ich drehte das Radio wieder etwas lauter und fuhr auf den Taxenplatz. Vor mir stand nur noch die ‘Weiße Gertrud’.
Die Weiße Gertrud hatte mal bei Dr. Julius Hackethal gearbeitet, trug seit dem stets weiße Klamotten und beschuldigte jeden Kollegen, ihr die Fahrgäste wegzuschnappen. Wenn sich allerdings keine Alternative bot, fuhr kaum jemand ein zweites Mal mit ihr, es sei denn, man hört sich gerne detaillierte Beschreibungen von Krebsgeschwüren oder aktiver Sterbehilfe an.
Es dauerte auch nicht lange, bis ein junger Mann vor dem Taxi der Weißen Gertrud einen scharfen Haken schlug und bei mir einstieg.
„Nach Letter”, murmelte er. Ich startete unverzüglich, trotz der Weißen Gertruds grimmiger Geste.
Eine ruhige Fahrt durch den beginnenden Morgen. Irgendwie hatte der junge Mann bei einer Lautsprecherdurchsage der Bundesbahn ‘Lehrte‘ und ‘Letter‘ verwechselt, oder der Mann, der durchsagte, hatte genuschelt. Der junge Mann neben mir döste vor sich hin, nachdem er sich fürchterlich aufgeregt hatte und die Bundesbahn verklagen wollte.
Es war bereits hell, als das Band der Autobahn auf dem Heimweg unter mir durch floss, die Musik wurde leiser, Sechsuhrnachrichten, das übliche. Vor dem Wetterbericht noch eine Meldung: Vor wenigen Stunden ist in der Nähe des Kröpcke ein Toter gefunden worden – zerfleischt wie von einem riesigen Wolf.
Werwölfe werden bei Vollmond aktiv.
In mir keimte ein böser Verdacht auf…
Fast hätte ich vergessen, mir die Vorbestellung für den Sonntag in einer Woche zu notieren. Ich tat es während der Fahrt und blätterte noch vier Wochen weiter.
Die nächste Vollmondnacht wird an einem Sonntag stattfinden...
Ganz klar, ich hatte einen Werwolf gefahren.
Das Problem war, dass mir keiner glauben würde, keiner!
Sie würden sogar über mich lachen.
Einen Werwolf kann man mit einer silbernen Kugel erschießen, aber sowas muss angefertigt werden.
Ein Taxifahrer hat keine Zeit für sowas. Bei der geringen Gage muss er Stunden kloppen, Schicht für Schicht fahren, Tag für Tag für Tag.
Der Taxifahrer steht meistens irgendwo rum, trinkt Kaffee, liest Zeitung, erzählt dumme Witze, qualmt das Taxi voll oder überlegt, wie er den nächsten Fahrgast auf dem längsten, gerade noch zu vertretenden Umweg, an sein Ziel bringen kann.
Da ist keine Zeit, eine silberne Kugel anzufertigen!
Ich lehnte mich zurück und stieg etwas fester aufs Gas.
Sollten sich doch die Anderen um den Werwolf kümmern…

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