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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Fall
Eingestellt am 09. 08. 2004 20:26


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sohalt
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Der Fall

Aber ist das nicht ganz sch├Ân ungem├╝tlich, so nah am Abgrund?
Diese Frage h├Ârt sie ├Âfters. Fast jeder, der auf seiner Reise in ihrer H├╝tte am Rand der Schlucht eine Rast einlegt, stellt sie irgendwann. Sp├Ątestens, wenn sie zum Brunnen muss, um neues Wasser zu holen. Der Brunnen befindet sich auf der anderen Seite der Schlucht, erreichbar nur ├╝ber eine windschiefe Konstruktion aus Seilen und Brettern, eigenh├Ąndig errichtet von einem Ur-Ur-Ur-Gro├čvater, wie sie nie vers├Ąumt anzumerken. Die Bezeichnung „Seilbr├╝cke“ w├Ąre zu hoch gegriffen. Aber das behalten die Besucher lieber f├╝r sich.

Was sie sich nicht verkneifen k├Ânnen, die G├Ąste, ist aber die Frage nach der Lebensqualit├Ąt. Immerhin: diese Tiefe, ein Sturz, der sichere Tod und das alles immerzu lauernd, in n├Ąchster N├Ąhe – ob ihr nicht graut? Sie kramt dann ihre ganze Geduld hervor – ein bisschen hat sie ja auch Mitleid, den G├Ąsten selber graut n├Ąmlich sichtlich - und erkl├Ąrt: Nein, wirklich nicht, warum auch? Abgr├╝nde existieren, mit diesem Wissen kann jeder leben. Hier existiert eben einer zuf├Ąllig neben ihr. Gef├Ąhrlich soll das sein? Aber im Gegenteil! Ein Abgrund vor der Haust├╝r lehrt, die Schritte achtsam zu setzen. Viel bedrohlicher haben es die in den Ebenen, in den lieblichen H├╝geln: nie etwas anderes unter den F├╝├čen als sanfte Grasteppiche und gepflasterte Wege – wer schaut da noch, wohin er tritt?

Meistens sehen die G├Ąste das ein und sprechen dann von etwas anderem. Dieser hier bohrt weiter. „Hinunterschauen darf man aber nicht, oder?“

Sie l├Ąchelt. Das gute, alte Zeichentrickklischee: Gro├čes Tier jagt kleines Tier, merkt im Eifer nicht, dass es keinen Boden mehr unter den F├╝├čen hat und f├Ąllt erst, als es sich dessen bewusst wird. Nat├╝rlich - beim Gang ├╝ber die Br├╝cke heftest du den Blick am besten auf den Brunnen. Aber ein gelegentlicher Blick in den Abgrund, das ist schon wichtig. Warum? Weil du wissen musst, dass es tief ist, t├Âdlich. Und zwar wirklich wissen, im Bauch, nicht blo├č im Hirn. Den Bauch ├╝berzeugst du am leichtesten mit deinen eigenen Augen, den musst du auch immer wieder erinnern, er gew├Âhnt sich sonst und vergisst.
„Also doch ein bisschen Grauen?“
Wissen, dass es tief ist. Die Schritte achtsam setzen – das ist die ganze Zauberei, dazu braucht es kein Grauen. Aber das Wissen um die Tiefe! Das motiviert.
Er lehnt sich weiter vor. So ist das also. Wie interessant. Sie findet Gefallen am Thema.
Die Abgr├╝nde, f├╝hrt sie weiter aus, vertragen keine Ignoranz. Sie r├Ąchen sich, wenn sie nicht beachtet werden. Sie tun sich dann pl├Âtzlich hinter B├Âschungen auf, werden heimt├╝ckisch. Achtsamkeit! Das ist das Um und Auf mit Abgr├╝nden.

Es ist sp├Ąt geworden. Sie bleiben noch bei Tisch sitzen, schwer und m├╝de von der Mahlzeit, und schweigen. Aber noch ist nichts gegessen. Es macht ihm zu schaffen, sie sieht es.
„Und trotzdem! Ich glaub’s nicht. So direkt daneben... das geht nicht ohne Verdr├Ąngung.“
Sie zuckt mit den Schultern. Dann glaub’s nicht.
„Ein kurzer Blick vielleicht, das ja. Aber auf die Dauer – von... sagen wir: einer Stunde – den Abgrund vor Augen – und zwar auch vor dem inneren, keine Ablenkung! .... ob du das aush├Ąltst? Ich wette: nein.“

Die Wette gilt. Sie sitzt auf der Br├╝cke und l├Ąsst die Beine baumeln. Den Blick nach unten gerichtet. Jeden Felsvorsprung kennt sie wie ihre eigenen Fingern├Ągel. Kein Raubvogel st├╝rzt sich hinunter auf seine Beute. Kein Schmetterling taumelt tanzend empor. Nichts st├Ârt die Leere dieses Raumes. Jeder Moment ist wie der vorige, wie der kommende, vielleicht ist auch immer der selbe Moment, gefangen zwischen den W├Ąnden. Zeit ist hier ├╝berfl├╝ssig. Sie kommt nicht, sie vergeht nicht. Eine furchtbare Vorstellung, wenn einem so langweilig ist wie ihr gerade.

Vor den ├Ąu├čeren Augen tut sich nichts, darum konzentriert sie sich auf die inneren.

Nat├╝rlich bleibt sie dabei in der Schlucht, treu der Bedingung. Was k├Ânnte jemand hier tun au├čer sitzen und schauen? Zum Beispiel st├╝rzen. Oder springen. Fallen. Aufprallen. Sie stellt sich vor, wie ihre Knochen zertr├╝mmern. Wie die Wucht des Aufpralls ihr die Splitter durch das Fleisch rammt... - Sie greift nach dem Seil, um sich festzuhalten. All die Vorg├Ąnge im K├Ârper, die notwendig sind f├╝r diese Bewegung, das komplexe Zusammenspiel der Muskeln! - Dieser K├Ârper ist ein Wunder. Dieser K├Ârper ist sie. Dieser K├Ârper ist: ihre Knochen, ungebrochen, nicht in Tr├╝mmern, ihre Haut, unversehrt, nicht in Fetzen, darunter das Blut, nicht auf den Felsen verspritzt. Sie sp├╝rt, wie ihr Herz es durch die Adern pumpt, noch nie hat sie das so deutlich gesp├╝rt. Noch nie hat sie sich so deutlich gesp├╝rt. Nach dem Aufprall w├Ąre sie Brei – ein Bild gegen das sich ihr Magen wehrt, alles in ihr wehrt sich dagegen. Das ist es also, was sie meinen mit dem Grauen.

Jetzt wird ihr klar, wie k├╝hn sie ist. Sie nimmt die Hand wieder weg, l├Ąsst die Beine baumeln, schaut in den Abgrund. Sie ist k├╝hn und sp├╝rt sich so deutlich wie noch nie. Das Bild vom Brei – soll das alles sein was diese Schlucht an Schrecken f├╝r sie bereith├Ąlt?

Sie stellt sich vor zu fallen. Lange sitzt sie so und stellt sich vor zu fallen.

Der Aufprall ist nicht das Schlimmste. Noch schlimmer: kein Aufprall. Endloses Fallen.

Hat diese Schlucht wirklich einen Grund? Sie ist sich nicht mehr sicher und kann es nicht mehr ├╝berpr├╝fen, denn da ist nur mehr Schw├Ąrze. Es ist sehr sp├Ąt geworden. Doch diese Dunkelheit senkt sich nicht herab von einem weiten Himmel, diese Dunkelheit steigt aus der Schlucht empor. Auch die Stille um sie herum ist nicht die friedvolle Stille einer Nacht in den Bergen. Auch die Stille steigt aus der Schlucht empor. Sie hat ihre eigene Melodie. Sie singt vom endlosen Fallen. Nie hat sie gemerkt, wie sch├Ân dieses Lied ist. Und jetzt kann sie sich nicht mehr davon l├Âsen. Wie auch? Sie f├Ąllt ja noch.

Es ist mehr als ein Lied. Es ist ein Ruf. Ein Ruf, der sie erreicht.

Sein Ruf vom Rand der Schlucht zu ihr her├╝ber: Die Stunde ist vorbei. Sie sch├╝ttelt sich inwendig, springt auf und streicht grinsend den Wetteinsatz ein. Was f├╝r eine bescheuerte Wette! Nie wieder wird sie sich auf so etwas einlassen.
.
.
.
.
.
.
Es ist zu sp├Ąt. Sie hat das Lied geh├Ârt, und sie h├Ârt es wieder in ihren Tr├Ąumen.

Seit Neuestem wandelt sie im Schlaf.

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MDSpinoza
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Eine sch├Âne Parabel auf die Menschen, die vor lauter Angst das Leben verpassen. Bewu├čtsein - bewu├čt sein - selbst bewu├čt sein -> Selbstbewu├čtsein...
Wer gelernt hat auf sich selbst zu vertrauen, sich selbst zu vertrauen, der findet nicht mehr viel, vor dem er Angst haben m├╝├čte.
__________________
Lieber ein verf├╝hrter Verbraucher als ein verbrauchter Verf├╝hrer...

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endlich
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Hallo sohalt ... (interessanter Name),

Wahnsinn, du beschreibst so genial diesen Zwiespalt, den jeder kennt, der die Berge und Felsen und Schluchten liebt. Einerseits ├Âfter mal kurz hinsehen, um nicht zu vergessen, dass die Tiefe t├Âdlich ist, andererseits blo├č nicht zu lange hinsehen, damit man sich nicht aus Versehen in ihre magische Kraft verliebt.

Viele Kletterer und Bergsteiger sehen zu lange hin. Das sind die, die das Lied h├Âren und am Ende die Gefahr mehr lieben als ihr Leben - und daran sterben.

Zum Text selbst: Hier ein Link zum Theorie-Forum, wie Auslassungspunkte verwendet werden. Das ist bei dir wie Kraut und R├╝ben! :-)
Und du wechselst immer zwischen kurzen und langen Gedankenstrichen, aber ehrlich gesagt habe ich selbst keine Ahnung, wie man einen Text hier reinkopiert, ohne dass die Sonderzeichen zumindest in Teilen gefressen werden.
Vielleicht kannst du eins von deinen langen einfach kopieren und statt den kurzen einf├╝gen oder so.

Ach ja, und der letzte Satz: Seit Neuerstem ...

Viele Gr├╝├če
endlich
__________________
Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. (Albert Einstein)

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Rainer
???
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Hallo sohalt,

den Worten meiner Vorkommentatoren kann ich mich r├╝ckhaltlos anschlie├čen .

einzige Anmerkung:

Sie streicht den Wetteinsatz ein, nicht streift.


Viele Gr├╝├če

Rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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sohalt
Routinierter Autor
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Danke einstweilen f├╝r die Korrekturen. Den Anf├╝hrungszeichen widme ich mich dann sp├Ąter, wenn ich hoffentlich etwas mehr Zeit habe.

@endlich:
"verliebt in die magische Kraft der Tiefe" - das ist genau das, was ich mit dieser Geschichte transportieren wollte. Sch├Ân, dass es geklappt hat. Und sch├Ân, dass ich von einem Experten best├Ątigt bekomme, dass es auch wirklich mit realen Abgr├╝nden so funktioniert, ich hatte n├Ąmlich mehr an metaphysische gedacht.

@MD Spinoza:
du hast nat├╝rlich recht, das soll eine Parabel sein. Und:
"Wer gelernt hat auf sich selbst zu vertrauen, sich selbst zu vertrauen, der findet nicht mehr viel, vor dem er Angst haben m├╝├čte." - das stimmt nat├╝rlich auch. Aber eigentlich geht es mir hier weniger um Angst. Sie hat ja keine. Ich wei├č nicht, ob das ausreichend rauskommt (bei der Gelegenheit kurze Frage in die Runde: kommmt das raus?), aber: am Schluss wird sie der Abgrund ja doch kriegen.

@Rainer:
Danke f├╝r die Korrektur, das war wirklich ein peinlicher Fehler.


fg,
sohalt

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MDSpinoza
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Stimmt, sie hat keine. Sie hat ja auch keinen Grund dazu, weil sie gelernt hat, in ihrer Umgebung zu leben. Da├č der Abgrund sie kriegt habe ich noch meine Zweifel. Ist das nicht sch├Ân, da├č man aus ein und derselben Geschichte doch recht verschiedene Schl├╝sse ziehen kann?
__________________
Lieber ein verf├╝hrter Verbraucher als ein verbrauchter Verf├╝hrer...

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