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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Der Fall Benaissa
Eingestellt am 29. 08. 2010 21:42


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Herbert Schmelz
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Manipuliertes Geständnis einer problematischen Straftat

Nadja Benaissa ist allein verantwortlich für die HIV-Infizierung ihres kurzzeitigen Bettpartners, der auch Geschäftspartner war. So sollen wir es glauben. Im Urteil des Darmstädter Strafverfahrens wird ausgeklammert, was sich wahrscheinlich zugetragen hat: Die Popsängerin der No-Angels handhabte ihre intimen Kontakte durchaus differenziert. Bestimmten Männern, denen sie gefühlsmäßig vertraute, offenbarte sie sich. Um Stigmatisierung und Ausgrenzung einer HIV positiven Person zu entgehen, die sie ja selbst ist, gerät sie in die typische Zwangslage der Geheimniskrämerei und der unspezifischen Gefühle. Macht sie das schuldig, allein schuldig?

Der infizierte Mann, der staatliche Ankläger und das Gericht sind sich in der Unterstellung einig, dass ein billiges Vergnügen heutzutage eine gleichmäßige Verteilung von verantwortungsbewusster Risikovermeidung nicht erfordert. Auch wenn man die nachträglichen, schief gelaufenen Ausspracheversuche des Intimpartners von Nadja B. einberechnet, ist die Klage im Ansatz schon als biedermännisch unaufrichtig zu bewerten. Warum hat er sich nicht bei der Risikovermeidung verantwortlich gefühlt?

Der staatliche Zugriff erfolgte ja bekanntlich nicht mit der gebotenen Zurückhaltung. Vielmehr war er deutlich erkennbar nach einer öffentlichkeitsgeilen Strategie der Staatsanwaltschaft inszeniert, intime Details publizierend und die Verhaftung als vorsorgenden Gesundheitsschutz ausgebend. Ein Verfahren, das der Hessische Justizminister Jörg Uwe Hahn nach kritischen Kommentaren gegen das staatsanwaltliche Vorgehen als einer ‚unabhängigen Justiz’ gemäß verteidigte, also verdrehte. Denn tatsächlich zielte alles auf eine Vorverurteilung. Die ‚unabhängige Justiz’ wurde durch mindestens zwei üble Manipulationen abhängig: Pranger und medizinisches Gutachten

Diese Inszenierung mündet und gründet zugleich im Vorurteil, das für eine Verurteilung der prinzipiell immer schuldigen Infektionsquelle benötigt wurde. Der Pranger fesselt dabei die Angeschuldigte, das ‚belastende’ Gutachten schlägt zu, indem es scheinbar den wissenschaftlichen Beweis der Schuld liefert. Ja scheinbar nur, denn die wissenschaftliche Untersuchung erbrachte lediglich den gleichen Subtyp des sich ständig verändernden HIV-Virus, also nur ein Indiz, dass Nadja B. neben anderen auch als Infektionsquelle in Frage kommt. Das war aber vorher schon bekannt, von ihr direkt subjektiv zugestanden und bedauert worden - unter dem Druck der Anklage und der stigmatisierenden Vorverurteilung. Sie ist aber trotzdem nicht unbedingt die >Täterin< und erst recht nicht allein verantwortlich für die Infektion.

Wir erkennen hier das Dilemma des Indizienprozesses, in dem ein direkter Beweis der Schuld nicht erbracht werden kann. Letztlich hat nach objektiven Beurteilungskriterien die ‚Täterin’ mit der Qualifizierung ihres Schuldempfindens als 'unverzeihlich' sich selbst geschadet. Von einer souveränen, unabhängigen Justiz hätte man daher Milderung im Strafurteil erwarten dürfen. Denn weil Nadja B. kein Engel ist, kann ebenso nachempfunden werden, dass die Gesamtinszenierung dieses Verfahrens als ein konzentrierter Aggressions- und Terrorakt auf sie niederging. Im gesellschaftlichen Maßstab wirft das Signal dieses verhängnisvollen Verfahrens die verantwortungsvollen Bemühungen um eine Eindämmung der HIV-Infektion zurück.

Alles in allem ist im Unterschied zum Darmstädter Strafverfahren von der realistischen Annahme auszugehen, dass in den heutigen Formen der Promiskuität die Gleichverteilung der moralischen Verantwortung zwischen den Partnern zur Norm geworden ist. Daher ist die 2-jährige Bewährungsstrafe gegen Nadja B. wegen vollendeter gefährlicher Körperverletzung ungerecht hoch und gefährlich verhängnisvoll. Die gefährliche Wirkung des Urteils zeigt sich bereits in dem tief erschütterten Selbstbewusstsein der Angeklagten, die nach ihren deprimierenden Erfahrungen nicht mehr die Kraft aufbringen konnte, ihre eigene Schuldverstrickung realistisch und differenziert einzuschätzen. Das aktuell verständliche Distanzierungs- und Ruhebedürfnis wird ihr leider nicht die erhoffte Souveränität bringen, und, wie gesagt, wurde der Eindämmung der HIV-Infektion Schaden zugefügt.

Weil uns leidvolle Erfahrung ermahnt, das Täter-Opferverhältnis nicht zu verwischen, besteht meiner Auffassung nach die Pflicht, auf den als gerecht geltenden Fall von Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen.



__________________
Ernst H.Stiebeling,EHS

Version vom 29. 08. 2010 21:42
Version vom 07. 09. 2010 12:33
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Herbert Schmelz
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Täter- und Opferschuld

Hallo jon,

wäre mir lieb, wenn wir das Thema umformulieren in

Der Fall Benaissa

MfG herbert
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Ernst H.Stiebeling,EHS

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