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Der Fall Kachelmann (1)
Eingestellt am 21. 10. 2010 15:35


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Herbert Schmelz
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Der Fall Kachelmann (1)
- Sexualleben zwischen Wahrheit und Gerechtigkeit

Was sich zu mitternächtlicher Stunde vom 8. zum 9.Februar 2010 in ihrer Schwetzinger Wohnung ereignete, existiert in zwei öffentlich gewordenen Versionen. Ihre Version: Nach dem gemeinsamen Essen äußert sie den Verdacht, er habe eine andere. Er räumt es ein, sie erklärt die Beziehung für beendet; er sagt, er hasse Frauen, greift zu einem Messer, vergewaltigt sie im Schlafzimmer und hält sie dabei mit dem Messer in Schach. Er lässt sie auf dem Bett liegen und verlässt die Wohnung. Die Version Kachelmanns: Sie erwartet ihn, Handschellen und Reitgerte sind schon bereit gelegt, einvernehmlicher Geschlechtsverkehr, danach gemeinsames Essen, sie fragt nach „der anderen“, er räumt deren Existenz ein, sie macht Schluss mit ihm, er akzeptiert das und verlässt die Wohnung.

Nachdem er die Wohnung verlassen hat, vergehen ca. 5 Stunden, bis das Opfer bei der Kripo Anzeige erstattet. In großer Erregung hatte sie sich an ihre Eltern gewandt. K. war zum Holiday Inn Express in Mörfelden gefahren und flog noch am 9. Februar nach Kanada. Von den olympischen Spielen moderierte er für die ARD das Wetter. Als er am 20. März 2010 zurückkehrte, wurde er am Rhein Main Flughafen festgenommen und bis zum 29. Juli 132 Tage in Untersuchungshaft fest gehalten. Nicht nur die zeitlichen Abläufe beinhalten offene Fragen und Widersprüche

Die Verteidiger der heiligen Familie führten noch im Bonner Bundestag ein zynisches Stück der Machomoral auf. Vergeblich! Seit 1997 kann Strafverfolgung in Deutschland den Heiligenschein der monogamen Ehe auf Antrag hinterfragen. Erst seit 2004 gilt Vergewaltigung in dieser religiös-moralischen Institution als ‚Offizialdelikt’, ist aber keineswegs eine einfach zu beschreibende Tat. Da Frauen wie Männer bei Vergewaltigung Opfer sind, ist vor Gericht Motiv und Geschlecht zu klären, von denen sexuelle Gewalt ausgeht. Auch die Bedingungen für die Möglichkeit einvernehmlicher Sexualpraktiken sind zu prüfen.

Diese strafrechtliche Modernisierung ist ein Fortschritt. Reine bürgerliche Gemütsverfassung erblickt über alle Parteigrenzen hinweg in der Vergewaltigung schon immer eine abgrundtiefe Moralentgleisung. Das mag so sein. Und dann ist es Heuchelei, so zu tun, als sei Vergewaltigung in der Ehe kein Thema - egal, ob in der hetero-geschlechtlichen, der Schwulen- oder Lesbenform der Beziehung. Jedoch nimmt Religion hintergründig auch heute Einfluss auf den Sozialcharakter des Sexuallebens. Sie ist tatsächlich und leider noch keine Privatsache, obwohl und weil das irrtümlich noch immer geglaubt wird.

Würde nun mit Hilfe der Strafjustiz, sozusagen als unbeabsichtigte Nebenwirkung, eine Art Sakralisierung des Triebverzichts organisiert, müsste die Gesellschaft kulturell Schaden erleiden. Strafjustiz kann keine wirksame Schranke gegen Gewalt errichten, aber allmählich ‚neue’ moralische Standards begünstigen. Das kennen wir aus Erfahrung: Immer nur ‚brav’ sein und Triebregungen unterdrücken, ist ausgesprochen ungesund und eröffnet dem Individuum die Möglichkeit, sich des inneren Drucks durch sexuelle Aggression zu entledigen – beispielsweise mit sadomasochistischen Praktiken.

Aber unverheiratete und nicht verlobte Sexualpartner können nicht fremd gehen, ihre relativ lockeren Bindungen machen sie freier vom Druck der Moral und begründen nur im Ernstfall ein Vertragsverhältnis, das im deutschen Prostitutionsgesetz (2002, ein Vorläufer der ‚Arbeitsmarktreform’) zugrunde gelegt ist.

Die gescheiterte Ehe des prominenten TV-Wettermoderators, Jörg Kachelmann (52), hatte ihn offenbar in ein tabufreieres Fahrwasser sexueller Praxis geleitet. Ein gefundenes Fressen für Moralapostel der gehobenen Art: „Es bleibt von Kachelmann das elende Bild des Gewalttäters, der mit Zustimmung ich schwacher Frauen sein übersteigertes Ego auslebte.“(Hellmuth Karasek, Hamburger Abendblatt)

Im Unterschied zu dieser Alleswisserei wissen wir nicht, wie K. das Problem seiner zwei ‚unterschobenen’ Kinder gelöst hat und ob es vor dem Landgericht in Mannheim zur Sprache kommt. Er ist dort wegen schwerer Vergewaltigung angeklagt. Verhandelt wird immer dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wenn seine sexuellen Beziehungen in unterschiedlichen Kontexten zu mehreren Frauen konkret beleuchtet werden sollen. Das Gericht will sich angeblich ein Bild von den Charakteren der Kontrahenten und Ex- Freunde machen. Wo sich das Interesse auf die Wahrheit konzentriert, kommt die Glaubwürdigkeit ins Spiel, die nicht automatisch als klares Bild entsteht, sondern erarbeitet werden muss.

Im Vorfeld dieses Indizienprozesses, in dem das angezeigte Handeln Ks’ nicht unmittelbar durch Zeugen zu beweisen ist, war unter breiter Medienbeteiligung ein emotionsgeladener Kampf um Vorverurteilung und Vorfreisprechung ausgebrochen. Das Pseudonym Sabine W. (37), Rundfunkmoderatorin bei einem Privatsender, ist die Frau, die als Opfer K. schwer beschuldigt. Sie war 11 Jahre eine seiner Freundinnen und offensichtlich nicht ahnungslos, was die intensive Kommunikation mit K. und ihre versuchte Täuschung der Anklagebehörde belegen, sie habe die Kopie seiner Flugtickets samt einem Schreiben ('Sie schläft mit ihm') anonym erhalten. Sie hatte es selbst produziert - und ihre Anzeige am Morgen des 9. Februar 2010 richtete sich nicht gegen einen anonymen Vergewaltiger, sondern ihren Freund. Es stellte sich also die Frage, welches der wirkliche Grund ihrer zweifellos vorhandenen Enttäuschung dem Freunde gegenüber war? Ein rechtliches Verfahren hat dies ohne falsche moralische Zungenschläge und versteckte politische Ambitionen herauszuarbeiten. Kachelmann könnte, wenn er seine bisherige Zurückhaltung aufgeben kann, der indirekten Aufdeckung der Tatsachen dienen.

Der ‚Fall Kachelmann’ hat vorlaute intellektuelle Arroganz hervorgerufen und selbsternannte Richter mit ihren ahnungsvollen Ressentiments auftreten lassen; er hat an der sachlichen Rechtfertigung einer viermonatigen Untersuchungshaft Zweifel geweckt; er hat den Verdacht genährt, als wolle staatliche Autorität auf Teufel Komma raus Stärke beweisen und einem ‚Promi’ Mores beibringen. Das Gericht weiß, dass beide Parteien die wirklichen Vorgänge in der Schwetzinger Wohnung unvollständig schildern und verdunkeln. Formal steht Aussage gegen Aussage. Kann das Gericht im Namen der Gerechtigkeit diesen Konflikt lösen? Welches wäre gegebenenfalls der Inhalt der Konfliktlösung? Welches sind die Inhalte der (konfligierenden) Interessen, die beide Parteien gewahrt sehen wollen? Nach welchen Hypothesen arbeiten Staatsanwalt und Gericht? Muss das Verfahren von Mannheim schließlich auf der Bundesebene revidiert werden?

Sabine W. hat sich schon vor Beginn des gerichtlichen Verfahrens zur Feststellung ihrer Glaubwürdigkeit geöffnet. Ergebnis ist ein umfassendes Gutachten, das sicher eine breite Diskussion verdient hat. Auf ihrer Seite steht u.a. als ‚Gerichtsreporterin’ für BILD (!) Alice Schwarzer, die ein ‚Ungleichgewicht der Kräfte’ und ‚Schieflage’ der Kommentierung zu Ungunsten der Frau beklagt. Ihre Einschätzung des wirklichen Zusammenhangs scheint mir in einem abstrakten Sinne zutreffend: Dass der Fall K. „weit über das Tatgeschehen hinaus ein Fall ist, in dem die Gesellschaft sich über die Frage der sexuellen Gewalt innerhalb einer Beziehung auseinandersetzt“.

Gutachter spielen in Indizienprozessen in der Regel eine wichtige, vielleicht entscheidende Rolle. Darauf, wie auch auf die nicht öffentlichen Zeugenvernehmungen, wird gerade in der öffentlichen Reflexion noch zu achten sein. Kachelmann betreibt einen großen Aufwand, da für ihn nicht nur moralisch viel auf dem Spiel steht. Die Richter sehen sich wiederholt seinen Befangenheitsanträgen gegenüber, da sie nicht erkennen lassen, dass sie diese ‚schwere Vergewaltigung’ auch ‚einvernehmlichen Sex’ nennen könnten. Von außen, ohne konkrete interne Kenntnisse, ist seine Verteidigungsstrategie nicht fundiert zu beurteilen. Dies gilt,wie schon angedeutet, besonders unter der Bedingung, dass Staatsanwaltschaft und vielleicht auch das Gericht ihr eigenes Spiel in dieser gesellschaftlichen Auseinandersetzung inszenieren und umsetzen - gegen Jörg Kachelmann, auf dem gewisse Merkmale der Stigmatisierung lasten.

Um es vorsichtig auszudrücken: Das rechtsstaatlich dubiose und skandalöse Vorgehen der Anklagebehörde im Fall der Pop-Sängerin Nadja Benaissa taucht in beispielloser Plumpheit als Kungelei mit konservativen Verlagsinteressen in Mannheim wieder auf. Obwohl die Zahl der unbeantworteten Fragen zunimmt, scheint ein Umschwenken der bisher starren Front von Staatsanwalt und Gericht unwahrscheinlich

Die sozial-ökonomischen Interessen der beiden langjährigen Sexpartner stehen auf dem Spiel, weil sie den moralischen Konflikt zwischen ökonomischen Interessen und gewachsenen humanen Werten (Würde, Menschenrechte)nicht selbst lösen konnten. Und diese Unfähigkeit weist ganz im Sinne von Alice Schwarzer darauf hin, dass auch die Gesellschaft an den Kosten beteiligt werden kann und wahrscheinlich auch wird. Deshalb sollte das Interesse der Gesellschaft an diesem Fall nicht auf das Geschäft mit der Sensationslüsternheit beschränkt sein. Wo heute mit den tief greifenden wirtschaftlichen Umwälzungen deutlich auch die moralischen und kulturellen Traditionen als aufgebraucht erscheinen, verbreitet sich ein berechtigtes Gefühl der Unsicherheit und Angst, was den Inhabern der Macht schon immer Nahrung mit einem Schuss Populismus anbot.

Ob aber das Gericht, noch mitten in der Beweisaufnahme, eine kluge Entscheidung fällen kann, wird man noch erfahren. Die Berliner Regierung jedenfalls hat inzwischen ein unspektakuläres Geschäftsmodell mit den großen Steuerhinterziehern entwickelt, wonach zuviel konfliktträchtiger Stoff hinter den Kulissen erledigt werden kann. Die Materie dieses Strafprozesses ist ein solcher Stoff. Schließt sich das Mannheimer Gericht den real existierenden Selbstinszenierungen und Verantwortungsabwälzungen der Politik an, oder leitet es im letzten Moment noch eine interne Wende auf die tatsächliche Beweissituation ein? In ‚bedeutsamen’ Gerichtsverfahren passt sich das Recht vielleicht flexibel an, ohne jedoch die Anforderung eines demokratischen Diskurses erfüllen zu müssen.

__________________
Ernst H.Stiebeling,EHS

Version vom 21. 10. 2010 15:35
Version vom 06. 11. 2010 15:35
Version vom 10. 11. 2010 08:46
Version vom 10. 11. 2010 09:07
Version vom 07. 12. 2010 22:46
Version vom 12. 12. 2010 17:19
Version vom 19. 12. 2010 15:55
Version vom 26. 12. 2010 13:40

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Wo heute mit den tief greifenden wirtschaftlichen Umwälzungen deutlich auch die moralischen und kulturellen Traditionen als aufgebraucht erscheinen, verbreitet sich ein berechtigtes Gefühl der Unsicherheit und Angst.

Mal ehrlich: Diese Feststellung gilt doch seit den Weber-Aufständen, oder? Diesen letzten Absatz kannst du streichen.

Ob er oder sie lĂĽgt ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, welcher LĂĽge geglaubt werden wird.

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